87. Rückgrat zeigen

… »Es konnte, es durfte nicht sein, daß in der Deutschen Demokratischen Republik Gedichte publik wurden,die das Volk aufwiegeln konnten«. Als Beispiel mag Reinigs auch im heutigen Deutschland wieder brauchbares Gedicht »Hört weg!« dienen, dessen erste Strophe lautet: »kein wort mehr soll von aufbau sein / kein wort mehr von arbeit und altersrente / hört weg – ihr helden – ich rede allein / für asoziale elemente.« Den Schreibtisch im Märkischen Museum habe Reinig beim Weggang jedoch »ordentlich verlassen«: Als einzigen Gruß hinterließ sie ein Röntgenbild ihrer Wirbelsäule. »Der aufrechte Gang ist ihr inzwischen verwehrt. Aber nicht, weil sie damals im Osten oder dann im Westen zuviel gebuckelt hätte, sondern weil sie an Morbus Bechterew erkrankt ist und – der Leiden nicht genug – 1971 einen Unfall hatte, der ihre schon geplagte Wirbelsäule traf«, so Kulessa. / Dirk Ruder, junge Welt 24.2.04

Christa Reinig, die 1964 die DDR verließ, hatte gute Gedichte geschrieben, wurde aber fast nicht gedruckt. Seit ihrem Wohnungswechsel hat sie auch anderes geschrieben, etwa dies:

»Wenn wir aber Menschen wären oder sein wollen, sollten Männer die Sprache der Frauen gründlich erlernen, wie die Frauen seit eh und je und von Kindheit an die Sprache der Männer erlernen müssen.«

Zitieren wir noch mal Kulessa:

»Reinig hat sich nie schrecken lassen, nicht von den Staatsorganen der DDR … nicht von den westlichen Medien, nicht von ihrer Krankheit … und auch nicht von der Frauenbewegung.

Und natürlich Reinig:

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente **)
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

**) Und bitte auch nicht Praxisgebühr!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: