82. 1968 kein Jahr für Gedichte?

Der Lyriker Steffen Jacobs wurde 1968 geboren. Das war kein Jahr für Gedichte. Wer von den ästhetischen Richtern damals noch die Produktion solcher Frivolitäten gestattete, der forderte, ein Gedicht dürfe nicht wie ein Gedicht aussehen. Alles, was Europas Kultur an Versmaßen, Rhythmen, Strophen, Reimen (oder dem Verbot derselben) zusammengetragen hatte, um die poetische von der prosaischen Rede zu unterscheiden, wurde vom Tisch gefegt. Das klassische Gedicht war nur noch in zwei Nischen anzutreffen: die eine war von den humoristischen Formalisten bewohnt, die andere von den kabarettistischen Kommunisten.
Als Steffen Jacobs zwanzig war, war der Kampf um die Form des Gedichtes ausgekämpft. Die Humoristen und die Kommunisten hatten gesiegt. Sonette und Terzinen, Hexameter und spanische Trochäen waren zurückgekehrt, als hätte es Paul Celan und Erich Fried nie gegeben. / Martin Mosebach, Die Welt 21.2.04

Steffen Jacobs: Angebot freundlicher Übernahme. Zweitausendeins, Hamburg. 128 S., 16,90 EUR.

Gedichte von 1968: Ingeborg Bachmann: Enigma; Paul Celan: weißgeräusche, gebündelt; Volker von Törne: auf dem boden des grundgesetzes; Rolf-Dieter Brinkmann: Selbstbild im Supermarkt; Elke Erb: Das Flachland vor Leipzig; Ernst Jandl: Florians Eltern; Kurt Bartsch: Chausseestraße 125; Max Hölzer: Der Tag an dem mein Freund Johannes Bobrowski gestorben ist; Günter Eich: Abgelegene Gehöfte; Max Bense: Wahrnehmungen; Reinhard Lettau: Wie entsteht ein Gedicht (Der Dichter Peter Rühmkorf); Erich Jansen: Bukarester Elegie; Wulf Kirsten: Landgasthof; Günter Kunert: Berühmtes Subjekt; Reiner Kunze: Sensible Wege; Volker Braun: Regierungserlaß; Inge Müller: Gammler… dies nur mal als schneller Rundumblick. Kein Jahr für Gedichte? Auch wenn das aus jedem Proseminar und jedem Feuilleton-Rundumblick tönt, könnte man dazu übergehen, die Bücher und Zeitschriften des Jahres selber zu lesen. Ein gutes Jahr für Gedichte! Mit Brecht: Weite und Vielfalt! (Wenn Steffen Jacobs auf dies Klischee-Argument angewiesen wär, es sähe trübe aus!)
Für mich war 1968 ein Anfang in Sachen Lyrik: und was für einer! In diesem Jahr erschienen (neben den Heften bzw. Bänden von Bernd Jentzschs Poesiealbum und der Weißen Reihe von Volk und Welt) die Anthologien „Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht“; „Saison für Lyrik. Neue Gedichte von siebzehn Autoren“; „Menschheitsdämmerung“ (bei Reclam Leipzig für 2,50 M, schülerkompatibel) … Stoff genug, Labyrinth genug für ein Leben.

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