Lyrik in Rußland

„Das Schlimmste, was unserer Lyrik passieren kann, ist die Marginalisierung“, sagt Alexej Aljochin, der Verleger der wichtigsten russischen Poesie-Zeitschrift Arion. „Gedichte dürfen nicht wie im Westen zum Privatvergnügen der Philologen werden.“ Aber so weit werde es nicht kommen. Natürlich läsen weniger Menschen als früher Verse. Doch die damalige Bedeutung des Dichters sei ein Ausnahmezustand gewesen. Poeten hätten Funktionen ausüben müssen, für die die Medien zuständig seien. Heute aber nehme der professionelle Lyriker seinen eigentlichen Platz in der Gesellschaft ein: als eine schöpferische intellektuelle Instanz. Nicht marginal, aber auch nicht massenfähig. Woher er seine Hoffnung schöpfe, den Leser nicht zu verlieren? „Nach der Perestrojka wurde nur experimentiert, das hat uns um die Leserschaft gebracht. Jetzt aber fangen Gedichte wieder zu sprechen an und wollen verstanden werden“, sagt Aljochin. Beispiele? Maxim Amelin und Gleb Schulpjakow. …

„Doch warum werden all diese Namen in Deutschland vollkommen ingnoriert?“, fragen mich Lyriker und Verleger, denen ich in Moskau begegne. „Wer von unseren Leuten ist denn überhaupt drüben bekannt?“ – „Genadij Ajgi, Olga Sedakowa und die Konzeptualisten“, antworte ich und stoße auf allgemeine Verblüffung: „Ja, es gibt sie alle zwar, aber sie haben seit über zwanzig Jahren nichts wesentlich Neues mehr zu sagen.“ Was kann ich darauf erwidern? Ist nicht selbst die russische Moderne hierzulande nur durch eine Hand voll Autoren vertreten? Angeblich die besten. Doch warum fehlen dann in diesem Kanon ausgerechnet die Stimmen, auf die sich so viele Lyriker heute beziehen: Innokentij Annenski, Wladislaw Chodassewitsch, Michail Kusmin, Georgij Iwanow, Eduard Bagrizkij?
/Alexander Nitzberg, Die Zeit Literaturbeilage, 40/03

Am 8. und 15. Oktober 2003 in der Lesezeit des DLF: Von Achmatowa bis Mandelstam – Russische Poesie im Originalton (Alexander Nitzberg liest seine dt. Übersetzungen)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: