Erschaute Welt statt Epiphanie

Der Literaturteil der NZZ heute (13.7.02) randvoll mit – u.a. – amerikanischer Lyrik. Hier eine Passage zu Emily Dickinson, die mehr als nur übersetzungskritisch interessant sein mag:

Peace is a fiction of our Faith –
The Bells a Winter Night
Bearing the Neighbor out of Sound
That never did alight.

Schlenker übersetzt:

Friede ist eine Erfindung unseres Glaubens –
Die Glocken sind eine Winternacht
Bekräftigen den Nachbarn mit ihrem Klang
Der niemals Licht gebracht.

Man angelt etwas hilflos nach dem, der (oder das?) da bekräftigt werden soll; um so mehr, als ein entsprechendes Verb im englischen Original gar nicht auszumachen ist. Dass «alight» als «Licht bringen» verstanden wird, nähme man einem Mittelschüler nicht übel; ein Übersetzer, der sich an Emily Dickinson wagt, müsste zumindest wissen, dass zwar «to light» tatsächlich «anzünden» heisst, «alight» jedoch «absteigen» oder «aussteigen» bedeutet. Schlenker hätte besser daran getan, den poetischen Freiheiten, die sich die Dichterin – etwa in Form syntaktischer Verknappung – nimmt, etwas genauer nachzuhorchen, als sie sich selbst so keck und voreilig zuzugestehen. In einer Interlinearversion ohne literarische Ambitionen wäre der Sinn des Gedichts wohl am ehesten etwa folgendermassen wiederzugeben:

Friede ist eine Erfindung unseres Glaubens –
Glocken in einer Winternacht
Die den Nachbarn ausser Hörweite tragen
der niemals bei uns abgestiegen ist.

Aus den Wörtern «Glocken», «Winternacht» und «absteigen» könnte die Vorstellungskraft des Lesers selbst den Schlitten, in dem der Nachbar unterwegs ist, und die Schellen am Kummet des Zugpferdes extrapolieren.

Freude hat die Rezensentin dagegen an Mirko Bonnés zweisprachiger Cummingsausgabe:

Weitere Freude bringt dann der Vergleich von Original und Übersetzung: streng in der disziplinierten Geste, der massgeschneiderten Knappheit des Sprachkleides, spielerisch, aber nie mutwillig im Umgang miteinander, präsentieren sich die beiden Fassungen wie eine Truppe von Trapezkünstlern, fliegend und bunt in der Höhe der Zirkuskuppel: ein Schauspiel, das bezaubert und den Atem verschlägt.

Not un deux trois der die Stood(apparition)

dichtet Cummings. Bonné kontert:

Nicht er he le ahn döh Bare(erscheinung)

Da ist in er he le die Sprachtrias deutsch/englisch/französisch aus dem Original herübergebracht; im ahn, döh der Klang des «un, deux» – aber warum in dieser kuriosen Umschreibung? Der Kunstgriff des Übersetzers lenkt die Aufmerksamkeit auf eine vertikale Bedeutungslinie: Das «Nicht er/ahn/Bare» sorgt immerhin für ein Mass an Gewissheit, dass auch das «Not un/der/ Stood» im Original nicht unverstanden bleibt. – Er he le -: wahrhaft erhellend darf man eine solche Übertragung nennen.

Insgesamt geht es bei der Rezensentin Angela Schader (NZZ13.7.02) um folgende Bände:

  • Emily Dickinson: Dichtungen. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Werner von Koppenfels. Dietrich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2001. 367 S., Fr. 34.40.
  • Emily Dickinson: Biene und Klee. Ausgewählt und übersetzt von Wolfgang Schlenker. Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 2001. 107 S., Fr. 27.-.
  • E. E. Cummings: 39 alphabetisch. Ausgewählt und übersetzt von Mirko Bonné. Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 2001. 90 S., Fr. 27.-.
  • Marianne Moore: Kein Schwan so schön. Ausgewählt und übersetzt von Jürgen Brôcan. Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 2001. 145 S., Fr. 29.-.
  • Elizabeth Bishop: Die Farben des Kartographen. Ausgewählt und übertragen von Margitt Lehbert. Mit einem Nachwort von Evelyn Schlag. Residenz-Verlag, Salzburg 2001. 110 S., Fr. 30.70.

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