Von Bertram Reinecke
Technische Anmerkung: Reineckes Aufsatz hat 50 Anmerkungen, die fast noch ein zweiter Aufsatz sind. Leider zickt wordpress bei den Sprungmarken. Ich suche nach einer Lösung (vielleicht hat jemand einen Tip?). Bitte behelfen Sie sich einstweilen mit Hoch- und Runterscrollen: es lohnt sich!
Merkwürdig: Immer wenn Stolterfoht sich poetologisch äußert, scheint in den Debatten darum alsbald ein Nebel heraufzuziehen. Der eine sieht dies, der andere das, aber über das, was da vor einem liegt, wird man sich nicht einig. Dies war bei seinen kurzen Bemerkungen im Jahrbuch der Lyrik der Fall. Dies war einige Zeit vorher auch bei seinem Beitrag für die Bella Triste so gewesen obwohl Ulf Stolterfoht sich einer klaren poetologischen Prosa bediente. Ist dies ein Indiz dafür, dass er an ein Tabu rührt? [1]
Dann könnte eine Debatte um seine Ideen sehr wichtig sein und deswegen möchte ich hier erneut Stellung zu seiner Position beziehen. [2] Um den Quereinstieg zu ermöglichen gehe ich erneut vom Text im Jahrbuch der Lyrik aus. Was dazu ansonsten von anderen und von mir geäußert wurde versuche ich [3] so weit wie möglich außen vor zu lassen.
Einen Ausgangspunkt gewinnen: Worüber wird geredet
Zunächst: Man kann die ganze Aufregung über Stolterfohts Text nicht verstehen, wenn man annähme, er habe sich einfach über seinen Gedichtgeschmack geäußert. Denn dass sich ein Dichter vielleicht für unverständlichere Gedichte mehr, für pointierte, abgesehen von ihrer Regelhaftigkeit und ihrem Anarchismus weniger interessiert, ein anderer für komische und unverständliche, ein dritter für ernste und verständliche, dass also Geschmäcker verschieden sind, bedarf keiner Diskussion. Überdies war spätestens aus seinen eigenen Gedichten erschließbar, dass Stolterfoht solche Präferenzen hat, wie er sie vorsichtig fragend und im Konjunktiv äußert.
So banal sieht der Inhalt nur aus, wenn man vorgeht wie ein Deutschlehrer, der seinen Schülern eine Aufgabe stellt oder wie ein Schüler, der eine solche Aufgabe löst. Man zieht einen Rahmen um das Problem: Was ist denn nun unstrittig Inhalt des Textes? [4] Aber da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn man den Text völlig theoretisch nur als Anlass zu seiner eigenen Zusammenfassung gebraucht, mag das der wesentliche Inhalt sein. Man kann Texte aber eben auch auf verschiedene Weise gebrauchen. Er handelt auch von der Höflichkeit Stolterfohts, vielleicht von seinen Ideologien u.s.w. Allerdings: Man muss dann einen anderen als einen standardneutralen Kontext wählen. Er handelt dann von anderen Gegenständen.
Dass sich etwas als Standard etabliert hat, ist Ergebnis der lehrenden Praktiken. Wo ein Text auf einen neuen Kontext trifft, entstehen fortwährend neue Bedeutungen. Ein Text hat damit einen unabmessbaren Inhalt. Mit Bezug aufs Gedicht wird dies oft mit Emphase behauptet[5], es ist aber eine Eigenschaft von Sprache überhaupt. Das Gedicht nimmt hier keinerlei bemerkenswerte Sonderstellung ein. Dies impliziert auch Stolterfohts Bella Triste Essay. Soll das Gedicht das Ziel haben, das „Verstehen zu verstehen“, dann ist der zwanglose Übergang von seiner Sprachform zu anderen dafür Bedingung, ansonsten könnte man ja nur das Verstehen des Gedichts besser verstehen.[6]
Wählt man einen Kontext, der nach der Praxis des Umgangs mit Gedichten fragt, dürfte man weiter kommen. Immerhin handeln nur zwei, wenn auch vielleicht gewichtige, Absätze seines Jahrbuchnachworts explizit von seinen Präferenzen, während diese und sieben weitere von den Schwierigkeiten und Freuden im Umgang mit fünf Kisten voller Gedichte künden.
Dieser Faden wird von seinen Kontrahenten dann auch ausgebaut, indem Hans Thill vom Deutschunterricht spricht, Praktiken wie Verbieten, Witze machen, Konfabulieren, Auswendiglernen, Rumreichen eingeworfen werden und Axel Kutsch seine essayistischen Umgangsformen mit einem Boxkampf vergleicht. Über ein einzelnes Gedicht sind sich Axel Kutsch und Ulf Stolterfoht hingegen nicht so uneinig, wie es die Polemik nahelegt. Meine Gedichte z.B. lesen und berücksichtigen sie als Herausgeber beide, auch über die Qualität der Texte von, sagen wir, Karl Mickel könnten sie sich einig werden. Bei Thill und Trahms hingegen könnte man sich auch auf die Suche machen, ob sie trotz des Zugeständnisses gemeinsamer Präferenzen nicht hie und da uneins mit Stolterfoht wären bei der Bewertung einzelner Gedichte, oder inwieweit die Zugeständnisse, die sie Stolterfohts Position offensichtlich machen, nicht eher argumentationstechnischer Natur sind, indem ihre Texte nach dem Muster „Ja, aber“ gebaut sind. Es bleibt auch die Frage, warum Ulf Stolterfoht hier keine Beispiele gebraucht, um seine Aussagen plastisch zu machen, wie er es beispielsweise einige Monate später dem Deutschlandfunk gegenüber getan hat.
Es gibt also etwas an dieser Diskussion, was über die Worte auf dem Papier des Jahrbuches weit hinaus reicht und mir fiel dabei auf, dass viele der gegeneinander gemachten Einwände eine unterschiedliche Auffassung bzw. Verständnisweise dessen zu Grunde liegt, was wir tun, wenn wir mit Texten umgehen.
Wie Hans Thill in seiner Antwort auf Stolterfoht[7] benutze ich hier also einen klassischen Schachzug der Interpretationskunst. Er weitet den Rahmen. Ich tue das gleiche und erweitere zunächst den Textkorpus.
Die zentrale Denkfigur?
In seinem Text für Bella Triste hatte sich Ulf Stolterfoht bereits vorher zum Thema „Verstehen“ geäußert: Es gäbe „ein Mißverständnis gegenüber dem Begriff des Verstehens: so wie es möglich sei, eine Bedienungsanleitung oder ein Kochrezept zu verstehen, müsse es, bei entsprechendem Vorwissen, möglich sein, ein Gedicht zu verstehen. Hier liegen gleich mehrere Hunde begraben. Ich bin mir nämlich überhaupt nicht so sicher, ob es tatsächlich möglich ist, einen Gebrauchstext im intendierten Sinne zu verstehen.“ Was würde es bedeuten, wenn man in diesem Satz mehr als eine paradoxale Provokation sähe? Zunächst: Um die Verständlichkeit oder Unverständlichkeit eines konkreten Gedichts geht es nur mittelbar. Was verstehen wir überhaupt, wenn wir nicht einmal eine Gebrauchsanweisung verstehen? Hier setzt Hans Thill mit seiner Hermeneutik an, indem er das, was Stolterfoht vorschwebt, implizit zur Deckung bringt mit dem Gemeinplatz der Hermeneutik „Verstehen ist immer Mißverstehen.“ So lässt sich, Thill meint das, einigermaßen mit einem Verstehensbegriff leben, den Stolterfoht, dem Thills Verständnisbegriff aus seinem Studium noch vertraut sein dürfte, hartnäckig ablehnt.
Stolterfohts Kritik am Verstehensbegriff zielt jedoch in eine ganz andere Richtung. Sie erinnert stark an diejenige Wittgensteins. Das ist kein Zufall. Stolterfoht kennt und schätzt insbesondere auch das Spätwerk „Philosophische Untersuchungen“ des Denkers und man wird dies kaum tun können, ohne sich zu dessen radikaler Umdeutung des Verstehensbegriffs zu positionieren, insofern es nicht übertrieben ist, diese als das Zentrum dieser Philosophie anzusprechen. Wittgenstein möchte unter anderem zeigen, dass es kein stärkeres Kriterium für ein glückendes Verstehen gibt und geben kann, als die Fortsetzung einer symbolischen Handlung durch weitere symbolische und nichtsymbolische Handlungen.[8] Insbesondere verwendet er eine große Sorgfalt darauf zu belegen, dass nirgends in der Sprache und auch nicht in Mathematik oder Geometrie[9]ein Gedankeninhalt oder ein Vorstellungsbild von hingeschriebenen Zeichenreihen ablösbar ist, der als Garant für geglücktes Verstehen einstehen könnte. Es können also die üblichen Bilder des Verstehens in der Philosophie, insofern sie immer auf ein Etwas hinter den Worten – Vorstellungen, Bilder, Begriffe oder Gedanken –zurückgreifen, das, was wir Verstehen nennen, nicht erklären.[10]