Da war was. Rückblick auf eine Debatte (4)

L&Poe Journal #02-2022

Weiter im Text.

Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung )Kommentar Michael Gratz
Die Rede von einem „Lyrik-Boom“ trifft durchaus zu, bloß: Lyrik hat in der beschriebenen soziokulturellen Konstellation nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern ist ein fast durchgängig verfilztes Kulturkapitalisierungsräderwerk. Lyrik hat aufgehört, eine präzise Gattungsbezeichnung zu sein, sie selbst ist zum Problem geworden. In der Gleichsetzung von Lyrik mit Poesie ist im oben skizzierten Kontext das Wort Lyrik zu einem Schibboleth geworden.
Ames verficht seit längerem die Unterscheidung zwischen „Lyrik“ und „Poesie“. (Schwierig natürlich für eine Webseite, die das Wort „Lyrik“ im Namen führt.) Wie immer muss man bei Verwendung von Begriffen auf den jeweils benutzten Code achten, damit man nicht bloß um Worte streitet, die einer so und eine andere ein bisschen anders definiert oder umgekehrt. (Ich denke auch an den im vorigen Jahrhundert häufig benutzten Begriff „Anti-Poesie“. ) In diesem Abschnitt erklärt er seinen Wortgebrauch.
Wer es verwendet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er zur Kunstgentrifizierung bereitwillig beiträgt. Das ist opportun, aber – aus Sicht eines Kunstfreunds – so unappetitlich wie jene bräsige Wortmeldung, die „Lyrik“ und „Körperhygiene“ und „Benehmen“ und „perfekte Umgangs-formen“ in einen Satz drängte. Es handelt sich dabei um den bisher größten anzunehmenden klassistischen Ausrutscher.

Denis Scheck wusste sicher, was er tat (so sein claim), aber ich vertraue ihm und seinen Fließbandmeinungen nicht.
Deswegen leide ich aber noch lange nicht – wie es ein Meme der Tempelwächter suggeriert – an einer „Aufmerksamkeitsstörung“. Dieses kleinkarierte gatekeeping-mindset tröpfelt allmählich in die unteren Ränge hinab: Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien verloren? Wer selbst zu 100 % von Förderungen abhängig ist, kann kein unabhängiges Urteil fällen, sondern wird seine Entscheidungen strategisch treffen (müssen). Das ist dann keine Kunstförderung mehr, sondern institutionalisierter Tribalismus.„Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien zu suchen?“ Einer der Sätze, an denen sich die Debatte entzündete. Dem liegt natürlich die Misere der Literaturförderung zugrunde, etwa im Vergleich zu Österreich oder nordeuropäischen Ländern. Jeder, der sich damit beschäftigt, kennt genügend böse Beispiele.


Ein feste Burg ist unser Kook! Keiner hasst wirklich Gedichte, aber  d i e s e  Lyrik ist ein Elitenprojekt für Claqueure und Adepten.





Bis hierher war in Bezug auf die Lyrikszene(n) allgemeingültiges angesprochen. Jetzt wird es mit der Nennung des einen prominenten Verlagsnamens kompliziert. Für meinen Geschmack wäre die Positionierung mit einem Verlagsnamen zu pauschal ausgreifend. Die bisherigen Aussagen hatten ja auf Generelles gezielt, jetzt wird eine Autoren“gruppe“ (ist sie das wirklich? Das wäre im einzelnen zu untersuchen, allerdings weniger im Rahmen des hier verfolgten literatursoziologischen Ansatzes.)
Wer nicht in der Lage ist, vier Jahre ohne Staatskohle weiterzumachen, ist kein Dichter. Wer drei Stipendien und einen Förderpreis braucht,  b e v o r  er debüthalber aus dem Knick kommt, soll nachhaltiger handeln lernen. Das steht schon im Biosupermarkt um die Ecke an der Kasse: „Mehr als genug ist zuviel“. Klare und faire Regeln braucht das Kunstspiel, sonst ist es kein Spiel, sondern nur das arme Lieschen Leben, das es sowieso schon gibt. Ich schneide Fotos der letzten unbelehrbaren Leichenanspitzer aus, klebe sie in den Neckermannkatalog, den es auch nicht mehr gibt.
Diese gewisse Fokusverschiebung soll aber im Rückblick nicht verdecken, dass hier nicht Personen angegriffen werden, sondern Strukturen. Wer würde sich offen gegen die Aufstellung klarer Regeln aussprechen? Prekäre Strukturen, über die es nicht weniger, sondern mehr Gesprächs bedarf. Wer will entscheiden, wer hier mitreden darf?



Über den Schluss des Aufsatzes morgen.

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