86. Helmut Krausser liebt und leidet

Ironischer geht es nimmer: die „besten“ Gedichte aus 25 Jahren sind hier versammelt. Krausser schrieb sie zwischen und während der Arbeit an Romanen, Erzählungen, Tagebüchern, Hörspielen, Theaterstücken, Drehbüchern und Übersetzungen. Repräsentieren sie das, was Bestand hat? „Was bleibt? Vielleicht ein kleines Lied“ heißt es bescheiden in Kraussers Eichendorff-Persiflage, mit der er alle widerlegt, die ihm vorwerfen, derb um sich zu hauen, dass es kalauernd nur so durch die Syntax kracht. Pornografie? Triebstillleben? Verkennung des wirklich Bösen? Das lauert immer und überall im banalen Alltag, wissen Kraussers Texte. Seine Verse, die gern mit saloppen bis vulgären Worten hantieren, erschöpfen sich nicht in drastischen Pointen zum Liebesleben. Nicht nur mit der Tochter, die sich für ein neues Handy vom Vater missbrauchen lässt, thematisiert er den Menschen als Ware. Das steckt voller kritischer Gesten jenseits des profanen Witzes. Zärtlich oder traurig erzählt Krausser von den Geliebten. Unschlüssig und ratlos macht ihn mancher Verlust. Lässt das den Nonsens und die Platitüden verschmerzen? Helmut Krausser ist vor allem ein Sprachspieler, der dem Leser mit Erwartungshaltungen an „hohe Literatur“ ausgesprochen gern ein Schnippchen schlägt. / Die Welt 27.7.

Helmut Krausser: Auf weißen Wüsten. Luchterhand, München. 160 S., 8 €

85. „Dumpf-reaktionär, ressentimentgeladen und argumentfrei“

Diese Rede ist ein Musterbild dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter, urteilt FR-Kritiker Peter Michalzik über die Festrede des Erfolgsautors Daniel Kehlmann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele.

84. Hilde Domin – „verblüffend modern“

Ihre ersten Gedichte schreibt sie in die Briefe an ihren treulosen Mann. Am Anfang noch lobt er sie dafür aufs schönste: „Von jetzt an, Sternlein, die eigne Bahn.“ Aber als später ihre Gedichte auch noch gedruckt werden und sie all den Ruhm bekommt, den er zeitlebens für sich erträumte, wird seine Bewunderung dünn und grämlich. Über eines seiner Dramen hatte er einmal zu ihr gesagt, es sei „mehr wert als Dein Leben“. Dieser grandiose Selbstüberschätzer wird nun übel bestraft. Es ist ein Wunder, dass die beiden zusammenbleiben, später gemeinsam nach Heidelberg zurückkehren und dort zusammen alt werden. In einem der letzten Briefe des Bandes schreibt Hilde Domin an ihren Mann: „Im übrigen finde ich mich, nach der Selbstanalyse, doch verblüffend modern. Als sei ich eigentlich die Quadratur des Zirkels.“

Wenn Palm es nach all den Jahren nicht sieht, muss sie eben auch das ihm selber sagen. / Volker Weidermann, FAS 26.7.

Hilde Domin: „Eine Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959“. Hrsg. von Jan Bürger und Frank Druffner. Fischer 2009, 380 Seiten, 19,90 Euro

Mehr zum 100. Geburtstag der Dichterin:

FR (Interview 2006) / Neue Osnabrücker Zeitung /Tagesspiegel (Michael Braun) / DLR / Mannheimer Morgen / Neues Deutschland / taz („Hilde Domin wollte Dichter, keine jüdische Dichterin sein!“„) /

83. Garcia Lorcas Grab wird im Herbst geöffnet

Die autonome Regierung Andalusiens will einen Schlußstrich unter einen langanhaltenden Streit ziehen und die Öffnung des Grabes von Viznar erlauben. Die Familien eines Lehrers und zweier militanter Anarchisten, die 1936 zusammen mit dem spanischen Dichter erschossen wurden, wollen seit langem die Gebeine ihrer Angehörigen exhumieren. Bisher hatte sich die Familie Garcia Lorcas dem widersetzt.

Es gibt Gerüchte, nach denen sich die Gebeine des Dichters nicht mehr in dem Massengrab befinden sollen. Im Herbst soll nun für Klarheit gesorgt werden. / Isabelle BIRAMBAUX, ouest-france 26.7.

82. American Life in Poetry: Column 227

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Jane Hirshfield, a Californian and one of my favorite poets, writes beautiful image-centered poems of clarity and concision, which sometimes conclude with a sudden and surprising deepening. Here’s just one example.

Green-Striped Melons

They lie
under stars in a field.
They lie under rain in a field.
Under sun.

Some people
are like this as well—
like a painting
hidden beneath another painting.

An unexpected weight
the sign of their ripeness.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher ofPoetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Jane Hirshfield, whose most recent book of poems is „After,“ Harper Collins, 2006. Poem reprinted from „Alaska Quarterly,“ Vol. 25, nos. 3 & 4, Fall & Winter, 2008, by permission of Jane Hirshfield and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

81. Neueste deutsche Lyrik. 1990er-2000er Jahre

So heißt ein in Rußland erschienenes Buch der Moskauer Germanistin Tamara W. Kudrjawzewa. Sie hat viel in Deutschland recherchiert und auch Quellen und Autoren einbezogen, die bisher nicht einmal im Feuilleton behandelt wurden, geschweige denn in Literaturgeschichten.

In der deutschsprachigen Zusammenfassung heißt es:

Das erste Kapitel „Zur Spezifik der literarischen Situation im wiedervereinigten Deutschland“ beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb aus soziologisch-kultureller Sicht. Es behandelt die Stellung der Lyrik im gegenwärtigen deutschen Literaturprozeß und geht der Frage nach, wie die Dichtung vom Literaturbetrieb beeinflußt wird. (…)
[Unterkapitel 1.3.3 heißt: Poetische Elite: Konstituierungsbesonderheiten]
Die zwei folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Dynamik des poetischen Systems. Es werden genealogische Quellen und Besonderheiten der heute existierenden Literaturgruppierungen, Schulen und Richtungen erkundet. Berücksichtigt sind Weltanschauung der Dichter, philosophische Grundlagenm ihres Schaffens, ideologische Prioritäten, ästhetische Werte und Zielsetzungen. Dabei werden die auffallendsten und typischsten bzw. interessantesten oder ganz neue Segmente des poetischen Raumes der Analyse unterzogen und dessen Besonderheiten im heutigen Literaturdiskurs präzisiert. […] Als Ergebnis einer breiten Medien- und Alternativlyrikforschung kommen die repräsentativsten Vertreter der heutigen Literaturszene ins Blickfeld.
Das zweite Kapitel heißt „Strukturell-semantische Konstanten der lyrischen Gattung im literaturästhetischen Raum des wiedervereinigten Deutschland und das Künstlerbewußtsein in der Moderne“.
Die Unterkapitel sind folgende:

2.1 Poetisch-semantische Besonderheiten der „main-stream“-Lyrik
2.2 „Gleichheit plus Gerechtigkeit“: sozial engagierte Lyrik
2.3 „Gewissensblitze“ in der existentiellen Miterlebnispoesie
2.4 Im Wartesaal für „Transitpoeten“
2.5 Spiegel der heutigen Seele: sittlich-religiöse Poesie
2.6 Experimental-avantgardistisches Potential
2.7 Traditionelle Gattungen in der Gegenwartslyrik
2.7.1 Transformierung der Ballade
2.7.2 Elemente des japanischen Verskanons und Verklärungsästhetik auf deutsche Art
2.8 Bewegung „Social Beat“ und der „Poetry Slam“ als Aufbruch nicht wahrgenommener Energie des Undergrounds
2.9 Kinderlyrik: nicht wahrgenommenes Zeitbedürfnis

Das dritte Kapitel ist „Tradition der Modernität in der bundesrepublikanischen Gegenwartslyrik“ betitelt.

[ausgewählte Unterkapitel:]
3.3 Spielen mit der Tradition – Totalparodie der Moderne
3.4 Besonderheiten des modernen Versbaus
3.4.1 Kommensurable Einheiten und Zeilenbruchbesonderheiten

Das vierte Kapitel „Lyrikbedürfnis im heutigen Deutschland“ bestimmt den Grad der Notwendigkeit der Poesie für das heutige Deutschland und erkundet dessen Gründe. […]
Im Laufe der Arbeit wurden mehr als 600 Lyriker der Analyse unterzogen (von den grossen Rühmkorf, Kunert, Gernhardt, Pastior bis zu den Talenten der jungen Szene (Jan Wagner, stan lafleur, TOM de Toys, HEL ToussainT usw.). Mehr als 100 von Autoren und Verlegern ausgefüllte Fragebogen (mit 46 Gesichtspunkten) wurden verwertet. In solcher Dimension und Systematik wurde die neueste deutsche Lyrik bis heute weder in Deutschland noch in Russland untersucht.

[Das ist vollkommen richtig. Man darf gespannt sein: ich bins! und danke, sozusagen, Frau Honecker in Chile, daß ich bei ihr Russisch lernen durfte. Halbwegs! Ich sag so: ihre Didaktiker hatte sie nicht im Griff.]

Tamara W. Kudrjawzewa: Nowejschaja nemezkaja poesija. 1990-2000-e gg (Neueste deutsche Lyrik. 1990er – 2000er Jahre)

80. Der vergessene Klassiker

Bis in die 1970er-Jahre war Heinz Piontek ein ebenso vielgelesener wie hochgelobter Schriftsteller. Doch dann sank sein Stern genauso schnell, wie er aufgegangen war. Der mehrfach ausgezeichnete „Klassiker der Gegenwart“ starb vereinsamt und vergessen. / Bayern 2 23.7.

79. Kirschblütenpoesie

Die Form des Tanka, des aus fünf Zeilen mit insgesamt 31 Silben bestehenden japanischen Kurzgedichts (5–7–5–7–7), ist in der westlichen Welt nicht ganz so populär geworden wie jene des Haiku, die aus dem Tanka hervorgegangen ist. Im heutigen Japan ist die Tanka-Tradition, die im 7. Jahrhundert entstand, indessen überaus lebendig. Es gibt Tanka-Vereinigungen, -Wettbewerbe, Tanka-Rubriken in Tageszeitungen, Tanka-Zeitschriften und familiäre Traditionen, die ganz dem Tanka gewidmet sind. Zum Beispiel die des Meisters Sasaki Yukitsuna, der als Autor von vierzehn Tanka-Bänden jetzt im Reclam-Verlag eine vom Zürcher Sinologen Eduard Klopfenstein ins Deutsche übersetzte und kommentierte Anthologie von den Klassikern bis heute herausgegeben hat. Der Verlag hat schon 1996 mit einer Tanka- Sammlung aus den Klassikern Meriten erworben.

Die in jedem Sinn exemplarische Anthologie ist in ihrer inneren Spannweite bei aller formalen Strenge enorm. Sie stattet gewiss dem Klischee einer aus Schönheit und Melancholie komponierten Kirschblütenpoesie ihren Tribut ab. Aber wie tut sie das! Das titelgebende Tanka von Ariwara No Narihira aus dem 9. Jahrhundert lautet: «Gäbe es / keine Kirschblüten / In dieser Welt / wie heiter und gelassen / könnte das Herz im Frühling sein.» Der paradoxe Wunsch, es möchte keine Kirschblüten geben in dieser Welt, so die Interpretation Klopfensteins, hebt die auf Kosten der Seelenruhe enthusiasmierende, niemanden unberührt lassende Wirkung der Naturschönheit hervor. Zugleich verweist die Vergänglichkeit dieser Schönheit auf ihren melancholisch dunklen Grund: ohne solche Schönheit auch kein Verlust.

Die Gemahlin des Kaisers Fushimi, Eifuku Mon’in, dichtet in diesem Geist: «Kirschblüten / leuchten für eine Weile auf / in der Abendsonne / unbemerkt sinkt sie hinab / und der Glanz – erloschen.» / Ludger Lütkehaus, NZZ 21.7.

Gäbe es keine Kirschblüten . . . Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch und Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und hrsg. von Sasaki Yukitsuna, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Reclam-Verlag, Stuttgart 2009. 254 S., Fr. 22.50.

78. Peter von Matts Verdichtungskunst

Deshalb ist es besonders schwierig, die kurzen Texte der Lyrik auch kurz zu interpretieren. Es bedarf dazu einer eigenen exegetischen Verdichtungskunst. Als Beiträger zu der von Marcel Reich-Ranicki begründeten «Frankfurter Anthologie» führt Peter von Matt sie seit mehr als 25 Jahren eindrucksvoll vor. Die Not der Einschränkung – der Interpret muss mit rund 500 Wörtern auskommen – gebiert die Tugend der schlackenlosen, pointierten Sprache. Von Matt schreibt knapp, prägnant und arbeitet selbst immer wieder mit Stilmitteln der Poesie. So lässt sich eine Motivgeschichte in fünfzehn Wörtern geben: «Erotische Lockwesen tragen Namen mit L. Lola, Lili, Lulu, Lolita, Loreley. Den Anfang machte Lilith.» Oder die Charakteristik eines Gesamtwerks in zwei Sätzen: «Jedes Eichendorff-Gedicht ist ein Bannspruch. Jedes beschwört und bespricht rituell einen Schmerz, der mit dem Leben selbst gegeben ist.» Das Hintergrundwissen vermittelt von Matt in einfachen, gemeisselten Sätzen dieser Art. Selten hat wohl jemand den Anspruch des «Klassischen», fernab von aller staubseligen Preisung «ewiger Kunstschätze», so bündig formuliert: «Das Klassische ist eine Erfahrung. Sie besteht im plötzlichen Wissen: Hier ist etwas, das immer gilt.» / Manfred Koch, NZZ 14.7.

Peter von Matt: Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 220 S., Fr. 31.90.

77. Kölner Legende

Der 100. Geburtstag von Hilde Domin am 27.7. wird schon am Wochenende hier und da zum Thema (vgl. hier #68 und #73). Günter Nawe in der Kölnischen Rundschau:

Hilde Domin ist eine Kölner Legende. Vor hundert Jahren wurde die Autorin an der Riehler Straße geboren. … Ihr Traum von einer ihr angemessenen Wirklichkeit erfüllte sich in Heidelberg. Von hier aus reiste sie, organisierte sie ihre Lesungen; hier schrieb sie – Gedichte, Prosa und Briefe (sie war eine außergewöhnliche Briefstellerin). Die Stadt war ihr gut – anders als Köln, das sie erst einmal ignorierte. 21 Mal wurde sie preisgekrönt, in 22 Sprachen übersetzt. Am 22. Februar 2006 starb die Dichterin mit 96 Jahren in Heidelberg. Am kommenden Montag enthüllt Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma ein erweitertes Straßenschild im Hilde-Domin-Park, Eingang Hülchrather Straße / Neusser Straße. Außerdem findet am Abend (19 Uhr) eine Feierstunde im Historischen Rathaus statt. Hilde Domin ist auch wieder in Köln angekommen, der Stadt, der sie das Gedicht „Köln (die versunkene Stadt)“ gewidmet hat: „& Die alten Häuser / haben neue große Türen / aus Glas. / Die Toten und ich / wir schwimmen /durch die neuen Türen / in unsere alten Häuser“.

Mehr: Märkische Allgemeine / Deutsche Welle (mit Link zu einem 27′-Interview von 1996) / BadischeZeitung / Rhein-Neckar-Zeitung / Der Bund / Kölner StadtanzeigerVolksstimme / Neue NordhäuserZeitung

76. Geheimbrief

Ein Altersbuch, in mehrerer Hinsicht. Einerseits in den Themen, den Motiven. Erika Burkart, die Grande Dame der Schweizer Literatur, geht auf die neunzig zu, ist in die „späten, die kurzen, / immer kürzeren Jahre gekommen, / da Gott sich zerstreut“. Ein Firnis von Abschiedsstimmung, von Melancholie des Verlusts liegt so über den Gedichten des neuen Bandes „Geheimbrief“. Leben vollzieht sich im abgetönten Licht des Bewusstseins, dass „praktisch alles, womit du so lebst, / Morgenbäume, geliebte Menschen, / Bücher und Abendfenster, // untergeht“. Nachts um zwei (viele dieser Poeme sind Spätnacht- oder Frühmorgengedichte) erwacht sie und sieht die „krebskranke Mutter“, die „krebskranke Schwester“. Die eigene Vergänglichkeit rückt in den Blick. In der Septemberstille des Hochmoors tickt „mein / verängstigtes Herz“ gegen den hörbar gewordenen „Basso ostinato der Zeit“. Zur „schwarzen Beere / ist mein Leben geschrumpft, / ist bitter, / hält sich verborgen, hoffend, / der Dunkle Vogel / finde sie nicht“. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 25.7.

Erika Burkart: Geheimbrief. Gedichte, Ammann Verlag, Zürich 2009. 86 Seiten, 17,95 Euro

72. ERLANGER LITERATURPREIS FÜR POESIE ALS ÜBERSETZUNG

ÜBERSETZERPREIS DER KULTURSTIFTUNG ERLANGEN FÜR BARBARA KÖHLER UND ULF STOLTERFOHT

Erlangen, 24. Juli 2009
Anlässlich des 29. Erlanger Poetenfests (27. bis 30. August 2009) vergibt die Kulturstiftung Erlangen zum dritten Mal den „Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung“. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung wird in diesem Jahr gemeinsam an die Autoren und Übersetzer Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht verliehen. Die Jury des „Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung“ würdigt damit ihre Übersetzungen von Gertrude Steins „Tender Buttons – Zarte knöpft“ (Barbara Köhler, 2004) und „Winning His Way – wie man seine art gewinnt“ (Ulf Stolterfoht, 2005). Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht werden die Auszeichnung im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 29. Erlanger Poetenfests am Donnerstag, 27. August 2009, 20 Uhr, im Erlanger Markgrafentheater persönlich entgegennehmen.

„Gertrude Steins sinnoffene Poesie lässt zahlreiche Lesarten zu. Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht nehmen unterschiedliche Perspektiven auf die von ihnen übersetzten Texte ein, die sich gegenseitig ergänzen und in einem dialogischen Verhältnis zueinander stehen.
‚Tender Buttons’ (‚Zarte knöpft’) von 1914 ist einer der bekanntesten und am schwierigsten zu übersetzenden Texte von Gertrude Stein. Die kubistischen Prosaminiaturen widersetzen sich dem herkömmlichen Bedeutungspostulat. Barbara Köhler übersetzt die sinnliche Bewegung der Sprache, in der Klänge, Rhythmen und Bedeutungen frei flottieren. Indem sie das Bedeutungsspektrum der Wörter entfaltet, erweitert sie die vielfältigen Möglichkeiten der poetischen Sprache.
Gertrude Steins Erzählgedicht über Dichtung ‚Winning His Way’ (‚wie man seine art gewinnt’) von 1931 steht formal zwischen den Prosastücken ‚Tender Buttons’ und den ‚Stanzas in Meditation’. Gertrude Stein macht die Wörter zu ihrem eigenen Gegenstand. Sie schreibt Wörter über Wörter, die eine Welt aus Sprache erzeugen. Die Übersetzung von Ulf Stolterfoht ist eine Reflexion über die Verdinglichung der Sprache und die Entstehung einer rein poetischen Welt im Gedicht.“ (Aus der Begründung der Jury)

Deutschland besitzt über tausend Literaturpreise, aber auffallend wenige Übersetzerpreise. Dieses Missverhältnis hat vor allem etwas mit dem immer noch mangelnden Bewusstsein dafür zu tun, dass der internationale Erfolg eines Buches wesentlich von der Qualität seiner Übersetzung abhängt. In dieser Situation hat sich das Erlanger Poetenfest die Förderung von Poesie als Übersetzung zur Aufgabe gemacht. Im Rahmen des 24. Erlanger Poetenfests wurden erstmals Autoren als Übersetzer eingeladen. Die Erlanger Übersetzerwerkstatt soll die Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb stärken. Mit der Übersetzerwerkstatt und dem Übersetzerpreis wollen das Erlanger Poetenfest und die Kulturstiftung Erlangen gemeinsam einen Markstein in der deutschen Literaturlandschaft setzen und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sehr gerade Übersetzungen die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bereichern.

Die Jury des „Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung“ besteht selbst aus Übersetzern. Dieses bislang einzigartige Konzept verbürgt die herausragende sprachschöpferische Qualität der ausgezeichneten Arbeiten, unabhängig von der Nationalität der übersetzten Autoren. Der Jury gehörten in diesem Jahr an: Georges-Arthur Goldschmidt (Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung 2007), Annette Kopetzki, Adrian La Salvia (Jury-Sprecher), Benedikt Ledebur, Camilla Miglio, Peter Waterhouse, Norbert Wehr und Franz Josef Czernin (in beratender Funktion).

29. ERLANGER POETENFEST – 27. BIS 30. AUGUST 2009
Informationen ab August 2009 unter www.poetenfest-erlangen.de

70. Shortlist für britischen Forward Prize veröffentlicht

Die Shortlist für den 18. Forward Prize wurde gestern veröffentlicht. Die Preise für den besten Gedichtband, den besten  Debütband und das beste Einzelgedicht werden am 7.10. verliehen.

Nominiert für die Auswahl des besten Gedichtbandes (£10,000):

Glyn Maxwell – Hide Now
Sharon Olds – One Secret Thing
Don Paterson – Rain
Peter Porter- Better than God
Christopher Reid – A Scattering
Hugo Williams – West End Final
Für den besten Debütband kandidieren:
Siân Hughes, The Missing; Emma Jones, The Striped World; Meirion Jordan, Moonrise; Lorraine Mariner, Furniture; JO Morgan, Natural Mechanical, Meghan O’Rourke, Hatlife.
Für das beste Einzelgedicht sind nominiert: Paul Farley (Moles); Michael Longley (Visiting Stanley Kunitz); Robin Robertson (At Roane Road); Elizabeth Speller (Finistere); George Szirtes (Song) und CK Williams (Either/Or).
BBC 22.7.; Guardian 23.7.

69. Unbekanntes und Allzubekanntes

Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»

Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …

Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.

Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.

75. Gar nicht rätselhaft

„Eiserne Gutmütigkeit!“ Oder auch, an einer anderen Stelle in Hans Magnus Enzensbergers neuem Gedichtband „Rebus“: „gußeiserne Gutmütigkeit“. Die schöne Wortfügung taucht in den letzten Jahren bei Enzensberger immer wieder einmal auf; als hätte sich da im lyrischen oder biographischen Ich eine bestimmte Haltung gefestigt, von der man die Welt nicht ungern in Kenntnis setzt. Wenn Gutmütigkeit „eisern“ ist oder geworden ist, dann erscheint sie weniger als eine Frage des Naturells als der Disziplin.

Und als disziplinierte kann natürlich die Gutmütigkeit so gut gar nicht sein, wie sie es als eine Eigenschaft des Charakters wäre. Die eiserne Gutmütigkeit, die uns Enzensberger in letzter Zeit gern suggeriert, ist, wie könnte es anders sein, weder eisern noch gutmütig. Eher könnte man sagen, dass hier jemand spricht, der sich von nichts und niemandem mehr aus der Gelassenheits-Reserve bringen lässt, nicht einmal von sich selbst. Solche Gedichte, in denen der aufgeregten Welt der Meinungen und Kämpfe noch einmal ostentativ der Rücken gekehrt wird, muss man sich leisten können. …

Ein Rebus ist bekanntlich ein Bilderrätsel, aber in diesen Gedichten gibt es, was man nicht nur beklagen muss, gar keine Rätsel.

Als man schon fast die Hoffnung aufgegeben hat, in diesem Band etwas zu finden, das über das Lob des Treppensteigens hinausgeht, langt man bei einer fast zehnseitigen „Coda“ an, die einen dann doch wieder etwas versöhnlicher stimmt. Hier darf man doch noch einem Ich begegnen, das etwas in sich herumträgt, das überhaupt an etwas trägt und also mit seinem Gepäck doch geringfügig schwerer ist als Luft.
Die „Coda“ ist eine Art Selbstgespräch über ein Motiv namens „Alles Mögliche“. Man müsste, sagt sich der Sprecher, jenseits von Gelassenheit und Ironie schon noch einmal etwas tun. Sogar die „alte Wut“ ist nicht ganz vorbei. „Manchmal, nachts“ holt sie „mich ein/ hinterrücks. Wie früher hat sie / gewöhnlich recht. Aber merkt sie nicht / daß es keinen Zweck hat, daß sie stört, / daß ich sie nicht haben will? Sie weiß doch, / daß alles, was menschenmöglich ist, womöglich nicht reichen wird, um uns zu retten?“ Gibt es womöglich doch einen lyrischen und Lebens-Zustand nach der „eisernen Gutmütigkeit“? „Ich bleibe dabei / vorläufig wenigstens“, vermelden die letzten Zeilen. Das „vorläufig“ lässt hoffen. / CHRISTOPH BARTMANN, SZ 16.7.*

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: Rebus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 120 S., 19, 80 Euro.

*) illustriert mit einem schönen englischen Rebus