Ironischer geht es nimmer: die „besten“ Gedichte aus 25 Jahren sind hier versammelt. Krausser schrieb sie zwischen und während der Arbeit an Romanen, Erzählungen, Tagebüchern, Hörspielen, Theaterstücken, Drehbüchern und Übersetzungen. Repräsentieren sie das, was Bestand hat? „Was bleibt? Vielleicht ein kleines Lied“ heißt es bescheiden in Kraussers Eichendorff-Persiflage, mit der er alle widerlegt, die ihm vorwerfen, derb um sich zu hauen, dass es kalauernd nur so durch die Syntax kracht. Pornografie? Triebstillleben? Verkennung des wirklich Bösen? Das lauert immer und überall im banalen Alltag, wissen Kraussers Texte. Seine Verse, die gern mit saloppen bis vulgären Worten hantieren, erschöpfen sich nicht in drastischen Pointen zum Liebesleben. Nicht nur mit der Tochter, die sich für ein neues Handy vom Vater missbrauchen lässt, thematisiert er den Menschen als Ware. Das steckt voller kritischer Gesten jenseits des profanen Witzes. Zärtlich oder traurig erzählt Krausser von den Geliebten. Unschlüssig und ratlos macht ihn mancher Verlust. Lässt das den Nonsens und die Platitüden verschmerzen? Helmut Krausser ist vor allem ein Sprachspieler, der dem Leser mit Erwartungshaltungen an „hohe Literatur“ ausgesprochen gern ein Schnippchen schlägt. / Die Welt 27.7.
Helmut Krausser: Auf weißen Wüsten. Luchterhand, München. 160 S., 8 €
Diese Rede ist ein Musterbild dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter, urteilt FR-Kritiker Peter Michalzik über die Festrede des Erfolgsautors Daniel Kehlmann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele.
Ihre ersten Gedichte schreibt sie in die Briefe an ihren treulosen Mann. Am Anfang noch lobt er sie dafür aufs schönste: „Von jetzt an, Sternlein, die eigne Bahn.“ Aber als später ihre Gedichte auch noch gedruckt werden und sie all den Ruhm bekommt, den er zeitlebens für sich erträumte, wird seine Bewunderung dünn und grämlich. Über eines seiner Dramen hatte er einmal zu ihr gesagt, es sei „mehr wert als Dein Leben“. Dieser grandiose Selbstüberschätzer wird nun übel bestraft. Es ist ein Wunder, dass die beiden zusammenbleiben, später gemeinsam nach Heidelberg zurückkehren und dort zusammen alt werden. In einem der letzten Briefe des Bandes schreibt Hilde Domin an ihren Mann: „Im übrigen finde ich mich, nach der Selbstanalyse, doch verblüffend modern. Als sei ich eigentlich die Quadratur des Zirkels.“
Wenn Palm es nach all den Jahren nicht sieht, muss sie eben auch das ihm selber sagen. / Volker Weidermann, FAS 26.7.
Hilde Domin: „Eine Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959“. Hrsg. von Jan Bürger und Frank Druffner. Fischer 2009, 380 Seiten, 19,90 Euro
Mehr zum 100. Geburtstag der Dichterin:
FR (Interview 2006) / Neue Osnabrücker Zeitung /Tagesspiegel (Michael Braun) / DLR / Mannheimer Morgen / Neues Deutschland / taz („Hilde Domin wollte Dichter, keine jüdische Dichterin sein!“„) /
Die autonome Regierung Andalusiens will einen Schlußstrich unter einen langanhaltenden Streit ziehen und die Öffnung des Grabes von Viznar erlauben. Die Familien eines Lehrers und zweier militanter Anarchisten, die 1936 zusammen mit dem spanischen Dichter erschossen wurden, wollen seit langem die Gebeine ihrer Angehörigen exhumieren. Bisher hatte sich die Familie Garcia Lorcas dem widersetzt.
Es gibt Gerüchte, nach denen sich die Gebeine des Dichters nicht mehr in dem Massengrab befinden sollen. Im Herbst soll nun für Klarheit gesorgt werden. / Isabelle BIRAMBAUX, ouest-france 26.7.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Jane Hirshfield, a Californian and one of my favorite poets, writes beautiful image-centered poems of clarity and concision, which sometimes conclude with a sudden and surprising deepening. Here’s just one example.
Green-Striped Melons
They lie
under stars in a field.
They lie under rain in a field.
Under sun.Some people
are like this as well—
like a painting
hidden beneath another painting.An unexpected weight
the sign of their ripeness.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher ofPoetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Jane Hirshfield, whose most recent book of poems is „After,“ Harper Collins, 2006. Poem reprinted from „Alaska Quarterly,“ Vol. 25, nos. 3 & 4, Fall & Winter, 2008, by permission of Jane Hirshfield and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In der deutschsprachigen Zusammenfassung heißt es:
Das erste Kapitel „Zur Spezifik der literarischen Situation im wiedervereinigten Deutschland“ beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb aus soziologisch-kultureller Sicht. Es behandelt die Stellung der Lyrik im gegenwärtigen deutschen Literaturprozeß und geht der Frage nach, wie die Dichtung vom Literaturbetrieb beeinflußt wird. (…)
[Unterkapitel 1.3.3 heißt: Poetische Elite: Konstituierungsbesonderheiten]
Die zwei folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Dynamik des poetischen Systems. Es werden genealogische Quellen und Besonderheiten der heute existierenden Literaturgruppierungen, Schulen und Richtungen erkundet. Berücksichtigt sind Weltanschauung der Dichter, philosophische Grundlagenm ihres Schaffens, ideologische Prioritäten, ästhetische Werte und Zielsetzungen. Dabei werden die auffallendsten und typischsten bzw. interessantesten oder ganz neue Segmente des poetischen Raumes der Analyse unterzogen und dessen Besonderheiten im heutigen Literaturdiskurs präzisiert. […] Als Ergebnis einer breiten Medien- und Alternativlyrikforschung kommen die repräsentativsten Vertreter der heutigen Literaturszene ins Blickfeld.
Das zweite Kapitel heißt „Strukturell-semantische Konstanten der lyrischen Gattung im literaturästhetischen Raum des wiedervereinigten Deutschland und das Künstlerbewußtsein in der Moderne“.
Die Unterkapitel sind folgende:
2.1 Poetisch-semantische Besonderheiten der „main-stream“-Lyrik
2.2 „Gleichheit plus Gerechtigkeit“: sozial engagierte Lyrik
2.3 „Gewissensblitze“ in der existentiellen Miterlebnispoesie
2.4 Im Wartesaal für „Transitpoeten“
2.5 Spiegel der heutigen Seele: sittlich-religiöse Poesie
2.6 Experimental-avantgardistisches Potential
2.7 Traditionelle Gattungen in der Gegenwartslyrik
2.7.1 Transformierung der Ballade
2.7.2 Elemente des japanischen Verskanons und Verklärungsästhetik auf deutsche Art
2.8 Bewegung „Social Beat“ und der „Poetry Slam“ als Aufbruch nicht wahrgenommener Energie des Undergrounds
2.9 Kinderlyrik: nicht wahrgenommenes Zeitbedürfnis
Das dritte Kapitel ist „Tradition der Modernität in der bundesrepublikanischen Gegenwartslyrik“ betitelt.
[ausgewählte Unterkapitel:]
3.3 Spielen mit der Tradition – Totalparodie der Moderne
3.4 Besonderheiten des modernen Versbaus
3.4.1 Kommensurable Einheiten und Zeilenbruchbesonderheiten
Das vierte Kapitel „Lyrikbedürfnis im heutigen Deutschland“ bestimmt den Grad der Notwendigkeit der Poesie für das heutige Deutschland und erkundet dessen Gründe. […]
Im Laufe der Arbeit wurden mehr als 600 Lyriker der Analyse unterzogen (von den grossen Rühmkorf, Kunert, Gernhardt, Pastior bis zu den Talenten der jungen Szene (Jan Wagner, stan lafleur, TOM de Toys, HEL ToussainT usw.). Mehr als 100 von Autoren und Verlegern ausgefüllte Fragebogen (mit 46 Gesichtspunkten) wurden verwertet. In solcher Dimension und Systematik wurde die neueste deutsche Lyrik bis heute weder in Deutschland noch in Russland untersucht.
[Das ist vollkommen richtig. Man darf gespannt sein: ich bins! und danke, sozusagen, Frau Honecker in Chile, daß ich bei ihr Russisch lernen durfte. Halbwegs! Ich sag so: ihre Didaktiker hatte sie nicht im Griff.]
Tamara W. Kudrjawzewa: Nowejschaja nemezkaja poesija. 1990-2000-e gg (Neueste deutsche Lyrik. 1990er – 2000er Jahre)
Bis in die 1970er-Jahre war Heinz Piontek ein ebenso vielgelesener wie hochgelobter Schriftsteller. Doch dann sank sein Stern genauso schnell, wie er aufgegangen war. Der mehrfach ausgezeichnete „Klassiker der Gegenwart“ starb vereinsamt und vergessen. / Bayern 2 23.7.
Die Form des Tanka, des aus fünf Zeilen mit insgesamt 31 Silben bestehenden japanischen Kurzgedichts (5–7–5–7–7), ist in der westlichen Welt nicht ganz so populär geworden wie jene des Haiku, die aus dem Tanka hervorgegangen ist. Im heutigen Japan ist die Tanka-Tradition, die im 7. Jahrhundert entstand, indessen überaus lebendig. Es gibt Tanka-Vereinigungen, -Wettbewerbe, Tanka-Rubriken in Tageszeitungen, Tanka-Zeitschriften und familiäre Traditionen, die ganz dem Tanka gewidmet sind. Zum Beispiel die des Meisters Sasaki Yukitsuna, der als Autor von vierzehn Tanka-Bänden jetzt im Reclam-Verlag eine vom Zürcher Sinologen Eduard Klopfenstein ins Deutsche übersetzte und kommentierte Anthologie von den Klassikern bis heute herausgegeben hat. Der Verlag hat schon 1996 mit einer Tanka- Sammlung aus den Klassikern Meriten erworben.
Die Gemahlin des Kaisers Fushimi, Eifuku Mon’in, dichtet in diesem Geist: «Kirschblüten / leuchten für eine Weile auf / in der Abendsonne / unbemerkt sinkt sie hinab / und der Glanz – erloschen.» / Ludger Lütkehaus, NZZ 21.7.
Gäbe es keine Kirschblüten . . . Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch und Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und hrsg. von Sasaki Yukitsuna, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Reclam-Verlag, Stuttgart 2009. 254 S., Fr. 22.50.
Deshalb ist es besonders schwierig, die kurzen Texte der Lyrik auch kurz zu interpretieren. Es bedarf dazu einer eigenen exegetischen Verdichtungskunst. Als Beiträger zu der von Marcel Reich-Ranicki begründeten «Frankfurter Anthologie» führt Peter von Matt sie seit mehr als 25 Jahren eindrucksvoll vor. Die Not der Einschränkung – der Interpret muss mit rund 500 Wörtern auskommen – gebiert die Tugend der schlackenlosen, pointierten Sprache. Von Matt schreibt knapp, prägnant und arbeitet selbst immer wieder mit Stilmitteln der Poesie. So lässt sich eine Motivgeschichte in fünfzehn Wörtern geben: «Erotische Lockwesen tragen Namen mit L. Lola, Lili, Lulu, Lolita, Loreley. Den Anfang machte Lilith.» Oder die Charakteristik eines Gesamtwerks in zwei Sätzen: «Jedes Eichendorff-Gedicht ist ein Bannspruch. Jedes beschwört und bespricht rituell einen Schmerz, der mit dem Leben selbst gegeben ist.» Das Hintergrundwissen vermittelt von Matt in einfachen, gemeisselten Sätzen dieser Art. Selten hat wohl jemand den Anspruch des «Klassischen», fernab von aller staubseligen Preisung «ewiger Kunstschätze», so bündig formuliert: «Das Klassische ist eine Erfahrung. Sie besteht im plötzlichen Wissen: Hier ist etwas, das immer gilt.» / Manfred Koch, NZZ 14.7.
Peter von Matt: Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 220 S., Fr. 31.90.
Der 100. Geburtstag von Hilde Domin am 27.7. wird schon am Wochenende hier und da zum Thema (vgl. hier #68 und #73). Günter Nawe in der Kölnischen Rundschau:
Hilde Domin ist eine Kölner Legende. Vor hundert Jahren wurde die Autorin an der Riehler Straße geboren. … Ihr Traum von einer ihr angemessenen Wirklichkeit erfüllte sich in Heidelberg. Von hier aus reiste sie, organisierte sie ihre Lesungen; hier schrieb sie – Gedichte, Prosa und Briefe (sie war eine außergewöhnliche Briefstellerin). Die Stadt war ihr gut – anders als Köln, das sie erst einmal ignorierte. 21 Mal wurde sie preisgekrönt, in 22 Sprachen übersetzt. Am 22. Februar 2006 starb die Dichterin mit 96 Jahren in Heidelberg. Am kommenden Montag enthüllt Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma ein erweitertes Straßenschild im Hilde-Domin-Park, Eingang Hülchrather Straße / Neusser Straße. Außerdem findet am Abend (19 Uhr) eine Feierstunde im Historischen Rathaus statt. Hilde Domin ist auch wieder in Köln angekommen, der Stadt, der sie das Gedicht „Köln (die versunkene Stadt)“ gewidmet hat: „& Die alten Häuser / haben neue große Türen / aus Glas. / Die Toten und ich / wir schwimmen /durch die neuen Türen / in unsere alten Häuser“.
Mehr: Märkische Allgemeine / Deutsche Welle (mit Link zu einem 27′-Interview von 1996) / BadischeZeitung / Rhein-Neckar-Zeitung / Der Bund / Kölner Stadtanzeiger / Volksstimme / Neue NordhäuserZeitung
Ein Altersbuch, in mehrerer Hinsicht. Einerseits in den Themen, den Motiven. Erika Burkart, die Grande Dame der Schweizer Literatur, geht auf die neunzig zu, ist in die „späten, die kurzen, / immer kürzeren Jahre gekommen, / da Gott sich zerstreut“. Ein Firnis von Abschiedsstimmung, von Melancholie des Verlusts liegt so über den Gedichten des neuen Bandes „Geheimbrief“. Leben vollzieht sich im abgetönten Licht des Bewusstseins, dass „praktisch alles, womit du so lebst, / Morgenbäume, geliebte Menschen, / Bücher und Abendfenster, // untergeht“. Nachts um zwei (viele dieser Poeme sind Spätnacht- oder Frühmorgengedichte) erwacht sie und sieht die „krebskranke Mutter“, die „krebskranke Schwester“. Die eigene Vergänglichkeit rückt in den Blick. In der Septemberstille des Hochmoors tickt „mein / verängstigtes Herz“ gegen den hörbar gewordenen „Basso ostinato der Zeit“. Zur „schwarzen Beere / ist mein Leben geschrumpft, / ist bitter, / hält sich verborgen, hoffend, / der Dunkle Vogel / finde sie nicht“. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 25.7.
Erika Burkart: Geheimbrief. Gedichte, Ammann Verlag, Zürich 2009. 86 Seiten, 17,95 Euro
Die Shortlist für den 18. Forward Prize wurde gestern veröffentlicht. Die Preise für den besten Gedichtband, den besten Debütband und das beste Einzelgedicht werden am 7.10. verliehen.
Nominiert für die Auswahl des besten Gedichtbandes (£10,000):
Glyn Maxwell – Hide NowSharon Olds – One Secret ThingDon Paterson – RainPeter Porter- Better than GodChristopher Reid – A ScatteringHugo Williams – West End Final
Für den besten Debütband kandidieren:Siân Hughes, The Missing; Emma Jones, The Striped World; Meirion Jordan, Moonrise; Lorraine Mariner, Furniture; JO Morgan, Natural Mechanical, Meghan O’Rourke, Hatlife.Für das beste Einzelgedicht sind nominiert: Paul Farley (Moles); Michael Longley (Visiting Stanley Kunitz); Robin Robertson (At Roane Road); Elizabeth Speller (Finistere); George Szirtes (Song) und CK Williams (Either/Or).
Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»
Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …
Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.
Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.
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