69. Unbekanntes und Allzubekanntes

Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»

Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …

Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.

Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: