117. Der Pasewalker Stadtdetektiv

Ein Projekt der Kinder-Akademie Uecker- Randow und des Pasewalker Kunstvereins November bis Dezember 2008

Von Angelika Janz

Textenet

 

Walk over Pasewalk Passing

Long silly grey station, nirgends

Erschrocken die Fahrkarte 3

Junguniformierten 

hingehalten

noch kreischen die Bremsen
so schmerzhaft im Stand.

Antithese Paris!

Ununterbrochen
tragische Ankunft.
Zeile für Zeile entlang
offnen Kellern

carcase stink and workable motor shows

abgeschnittene Sprache
uneingerichter Not
im lichten Anstieg zu

Pommes mit Bock punkt 12

Jetzt kürassier du,
ganz oben hin zu Land
Rates Ziegel Palast,

Philosophers ` stone, out of joint.

du, Bäuerchen von der Uecker.

Der Pasewalker Stadtdetektiv ist in der Regel 5, allerhöchstens 6 Jahre alt. Er oder sie – als ein typisch vernetzter Kopfhandfußmensch, meist mit der 50-Euro-Digitalkamera und einem Beutel für Fundstücke unterwegs, liebt es, Dinge in seiner Stadt zu entdecken, die sonst niemand sieht, in einer Stadt, die traurig macht, wenn man sie nur kurz mit dem Auto passiert, depressiv, mutlos, manchmal verzweifelt oder wütend: Die Antithese zu Paris. Jedes vierte Kind ist hier akut von Armut bedroht (in den 70er Jahren war es noch jedes 70. Kind!)

Vor etwa 10.000 bis 15.000 Jahren mündete das Urstromtal, in dem die Uecker heute durch die Stadt fließt, in den Haffstausee. Auf 55 Quadratkilometern leben verstreut ungefähr elftausend Menschen der sogenannten „Modellregion“: Arbeitsverlorene und sehr viele verarmte Rentner, Trinker, Depressive und psychisch Kranke, einige wenige Junge mit dem Zwangslächeln der Gefährdeten, die diese alle Hoffnungen erstickende Gegend dienstleistungsmäßig am Leben erhalten (der Rest bleibt gen oder im Westen orientiert). An den Straßenrändern vor den Kiosken sitzen täglich seit 8 Uhr morgens die einstigen Facharbeiter von Rindermast, VEB Medizinmöbel oder die einstmals Tüchtigen vom einstigen Güterbahnhof der größten Ost-Westdrehscheibe stumm vor ihren Bierflaschen auf dunkelgrünen Plastestühlen vor dunkelgrünen Plastetischen. Sie verfolgen den Durchgangsverkehr bis Punkt 12 zur Mittagszeit, während ihre Frauen (es gibt davon hier 500 mehr als Männer) mit fast leeren Rieseneinkaufswagen durch den Supermarkt kreisen, immer herum, manchmal pausierend, lauernd, ob sich nicht eine Gelegenheit bietet, eine Leidensgenossin zu entdecken, zu begrüßen, um Zeit totzuschlagen mit dem für diese Region etwas schwerfälligen Austauschen häuslicher und außerhäuslicher Informationen, deren sparsame Bildgehalte sich wie ein Zeitlupenfilm zäh in die Länge ziehen.

Der Pasewalker Stadtdetektiv registriert das alles ganz selbstverständlich. Er begrüßt seinen Papa dort am Tisch und besucht seine Mama im Supermarkt. Pasewalk, Kreisstadt des Landkreises Uecker-Randow, liegt nahe an der Grenze zu Polen, einstige Garnisonsstadt, Kürassierstadt einer fernen Königin, mit einem Garnisonsmuseum. Umzingelt von 15 hoch verschuldeten Landgemeinden, deren Arbeitslosigkeit hoch, deren Hoffnungsmut tief gesunken ist seit der Wende, deren versteckter oder offener Alkoholismus, Pessimismus, Rassismus bis in die armseligen Gemeindefeste hinein wuchert. Hier richtet die NPD die Kinderfeste aus und die Linken schicken ihre Spitzel dorthin.

In Pasewalk begann das Alphamonster des NS-Regimes seine Karriere – als weinerlicher Psychopath mit wochenlangen Blindheitsanfällen. Aber der Pasewalker Stadtdetektiv sieht, was die Bürger der Stadt nicht sehen: Mutmaßlich Belangloses im trüben Winterlicht, Mauersignaturen, Spuren und Relikte verborgener Sehnsüchte und Süchte, er liebt das Vorgarten- und Hofambiente besonders dort, wo morgens niemand mehr das Haus zum Arbeiten verlässt, er liebt den Millionen alten Himmel, der sich niemals verändern wird und unbekannte Silhouetten leer gezogener und halb rückgebauter Gebäude. Mitglied in der städtischen Kita Am Mühlentor oder im „Regenbogen“ heftet er gern seinen Blick konsequent auf die Erde, studiert botanisch gestaltete oder architektonisch verhöhnte Strukturen seines unmittelbaren Morgenweges zur Kita, er zielt mit der Fotolinse gegen Fenster und Balkone, gegen trübe, wochenlang nicht gewechselten Schaufensterdekorationen, denn dahinter muckert das Leben, es wimmert, hustet, schimpft, zankt und dampft, riecht komisch, aber lässt Kosmisches ahnen.

Wo der Pasewalker Stadtdetektiv hin- und hergeht, wächst das Gras noch, findet sich auch im Winter immer etwas Blühendes, da tanzen betagte Hühner in Garagen-Verschlägen den Eiertanz und die unerbittlichen Verwaltungsbeamten des unverhältnismäßig weitläufig und protzig angelegten Landratsamtes enttarnen sich als erschrockene Kettenraucher dort, wo er auftaucht und seine Kamera einfach ins lungenzugatmende Pausenleben hineinhält. Der junge Detektiv hat den Schriftzug am Bahnhof entdeckt: „Zottel, kommste heut abend zu mir einen saufen?“ Fast jeder Pasewalker Stadtdetektiv möchte nicht Detektiv bleiben. Denn was er oder sie entdecken, erzählt meist eine Geschichte mit traurigem Ende. Man möchte später lieber Polizist, Zahnärztin, Frisörin, Pferdedoktor oder Hochspringer werden und niemals Hartzvierer wie die Eltern werden. Wenn das wachsame Stadtdetektivwesen seine Streifzüge später zeichnerisch protokolliert, malt es Häuser, immer wieder Häuser, schwarze Häuser ohne Innenleben, Häuser ohne eine Spur Grün drum herum, obwohl sich so ungrün Pasewalk gar nicht gibt zwischen den Platten. Aber meistens ist das Grün Pasewalks bis ans Leben beschnitten – wie ein zu kurz geschnittener Fingernagel, schmerzend, blutend, dem Körper der Stadt unzugehörig.

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