5. Meine Anthologie: Bright Star

Gedichte kann man nicht übersetzen. Wie soll man Emily Dickinson ins Deutsche bringen? „Wild nights. Wild nights.“ – „Wilde Nächte, wilde Nächte!“ Der Rhythmus! Der Klang! Wie die Poesie entschwindet, wenn aus vier klanghaften Silben 8 nach nichts klingende werden! – Kann man Keats übersetzen?

Bright star! would I were steadfast as thou art–
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,
The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors–
No–yet still steadfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever–or else swoon to death.

John Keats

1950 erschien bei Manesse ein handliches Büchlein, das Keats‘ Originaltexten eine Prosaübersetzung gegenüberstellt, praktisch nur als Übersetzungshilfe für die Originallektüre:

Heller Stern, wäre ich stät wie du! Nicht in einsamer Pracht, um hoch droben in der Nacht zu schweben und mit ewig offnen Lidern als der Natur geduldiger, schlafloser Einsiedler den flutenden Gewässern zuzuschauen bei ihrem priesterlichen Amt der Reinwaschung rund um der Erde menschenbewohnte Küsten, noch um auf die frische, sacht gefallene Schneemaske der Berge und Heiden zu blicken, nein – dennoch ewig stät, ewig unwandelbar, gebettet auf meiner holden Liebsten  reifender Brust, ewig das sanfte Sich-Heben und -Senken zu spüren, ewig wach in süßer Ruhelosigkeit, ewig, ewig ihrem leisen Atemholen zu lauschen und ewig so zu leben oder in den Tod zu sinken.

Kann man dem Prosasatz folgen? Ohne Verse scheint die Spannung zu schwinden, die zum Verstehen nötig ist. Wenn man für Gedichte von Denken in Bildern sprechen kann (bei kurzen Gedichten und auch beim Eingang des oben zitierten Dickinsongedichts geradezu Denken in Silben!), dann gilt für das Sonett vielleicht: Denken in Zeilen + Denken in den je zweigeteilten Quartetten / Terzetten (= Denken in Argumenten). Keats folgt freilich dem Shakespeareschen Muster: 3 Quartette + Schlußreimpaar. Um das Sonett zu verstehen, muß man die Argumente der Strophen oder Versgruppen wahrnehmen – die hier durch den langen komplexen Satz extrem gespannt sind. Man muß die Versstruktur wahrnehmen, um zu verstehen: Wie die erste Zeile, bei Keats nur mit Gedankenstrich, nicht mit Ausrufezeichen von den übrigen 13 Zeilen getrennt, oder was dasselbe ist wie: mit ihnen verbunden, wie also die erste Zeile ein knappes Argument darstellt*, auf das die Verse 2 bis 8 antworten:  steadfast, „stät“: aber nicht so, sagt dies erste Teilargument der Antwort. Hier folgt ein zweiter Gedankenstrich, drauf das Wörtchen „no“, das Argument bündig fassend, mit einem dritten Gedankenstrich, doppeltes Nein, erst in 7 fünfhebigen Jamben und dann noch einmal in dem kurzen Wort „no“. Der Gedankenstrich gliedert das Gedicht!

Der zweite Gedankenstrich nach der achten Zeile schneidet das Sonett fast nach dem italienischen Maß der Quartette / Terzette zu. Nur daß die Quartette durch die syntaktische Struktur überschrieben sind. Die „Terzette“ sind Terzette als syntaktische Einheit der letzten 6 Zeilen, während der Reim sie nach englischem Vorbild in 4+2 gliedert. Das Reimschema geht in durchgehend männlichen (einsilbigen) Reimen so: abab cdcd efef gg.

Die so mehrfach abgeteilten letzten sechs Verse bilden freilich keine wirkliche Antithese zu dem Doppelquartett – sie kommen zunächst nur als „dennoch“ daher, als beinahe trotziges Bekräftigen des Eingangsarguments „would I were steadfast“ – wär ich nur „stät“, stetig wie der helle Stern. Erst dann offenbart sich die Antithese: der Stern ist stetig und unwandelbar in seiner Unnahbarkeit, das Ich aber will zwar Stetigkeit, aber in Nähe. Hautnähe! Das Schlußsextett spricht von Erotik, ein Hauptthema des Sonetts, seit es erfunden wurde. Nur ist es keine Erotik der Unnahbarkeit, wie sie das Liebeskonzept der Trobadors und dann Dantes und Petrarcas Entwurf der Damen Beatrice und Laura und die petrarkistischen Konzepte der englischen metaphysical poets waren. Keats zeichnet keine abstrakten Antithesen, die nur die Unerfüllbarkeit der Liebe bezeugen. Seine Antithese zur strahlenden Unnahbarkeit des Sterns ist die wirkliche sinnliche Berührung der geliebten Person. Sein Sonett bleibt zwar bis zum Schluß im Konjunktiv, aber die Alternative ist greifbar. Real ist die sinnliche, erfüllbare und erfühlbare Gegenwart der Geliebten. Mirko Bonné übersetzt sie so:

Gebettet auf der Liebsten junger Brust,
Dem sanften Auf und Ab für immer nah,
Für immer wach in ruheloser Lust,
Stets, stets im Ohr den zarten Atemzug

So offenbart sich zum Schluß eine dritte, noch ganz andere Gliederung.

Die erste: Das ganze Sonett besteht aus einem einzigen Satz, der durch den Gedankenstrich dreigeteilt wird in a) Zeile 1, b) 2-8 und c) 9-14. Das entspricht dem italienischen Muster 8+6.

Die zweite: Das Reimschema gliedert nach englischem Muster 4-4-4-2

Die dritte: Der Konjunktiv bildet einen Rahmen aus den Versen 1-10 und 14, die das abstrakte Schema der Unwandelbarkeit und Pracht des hellen Sterns darstellen, das dem Ich nur im Konjunktiv erreichbar ist. Verse 11-13 entfalten dagegen im Innern eine reale erotische Szene. Nicht die deutlich ausgestellten zweifachen Gliederungssysteme des italienischen und des englischen Sonetts enthalten die Opposition des Sonetts. Die wirkliche Opposition besteht nicht zwischen abstraktem Konzept und realer Unerfüllbarkeit, sondern zwischen der sytemischen irrealen Abstraktion und dem wirklichen sinnlichen Leben. Sie geht quer durch die Grenzen beider Systeme, indem sie das dritte Quartett und das abschließende Reimpaar durchschneiden. In dieser sonettgemäß spannungsgeladenen, von der Konzeption her abstrakten Struktur verbirgt und zeigt der romantische Dichter eine wirkliche erfüllte Liebesszene.

___________________

*) Der jambische Zehnsilbler ist seinerseits raffiniert zweigeteilt, indem die zwei ersten Wörter = Silben durch Ausrufezeichen vom Rest der Zeile getrennt & mit ihm verbunden sind. Die Struktur des Sonetts – ungleich lange Einheiten auf mehreren Ebenen (metrisch, klanglich, semantisch, syntaktisch) in Spannungsverhältnisse zu verwickeln – macht sich schon in der ersten Zeile geltend. Man versteht sozusagen schon, bevor man versteht. Wenn Bright star durch Heller Stern ersetzt wird, fallen zwei Spannungsmomente weg, Klang und Metrum. Beide wirken im Original zusammen, die musikalischen Vokale der einsilbigen Wörter lassen beide gleich stark klingen. Das ist keine Abweichung vom jambischen Maß, sondern schon eine Forderung der alten Griechen, wonach der erste Fuß gelegentlich umgedreht werden muß. In unseren akzentuierenden Sprachen führt das oft dazu, daß die beiden ersten Silben gleich schwer sind: Bright star. Diese Figur heißt Anáklasis, noch Brecht und Benn lernten sie in der Schule, und Keats wußte das auch. Die schwebende Betonung der beiden Wörter stellt sie als zwei Paukenschläge musikalisch und bildlich vor uns, erst dann geht es jambisch argumentierend weiter. Wieder ist es so, daß die Dinge schon in Auge und Ohr sind, bevor wir sie bemerken.

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Hier das Gedicht mit Anmerkungen des Herausgebers in der Ausgabe

The poetical works of John Keats, reprinted from the original editions, with notes by Francis T. Palgrave.
London: Macmillan, 1884.

Hier ein Faksimile des Gedichts in Keats‘ Handschrift,wie er es in sein Exemplar von ‚The Poetical Works of William Shakespeare‘ gegenüber dem Gedicht ‚A Lover’s Complaint‘ eintrug.

Zum Download:

The poetical works of John Keats
1841 – 73 pages

The poetical works of Coleridge, Shelley and Keats: complete in one volume‎
Samuel Taylor Coleridge, Percy Bysshe Shelley, John Keats – Literary Criticism – 1832 – 607 pages

The life and letters of John Keats
John Keats, Baron Richard Monckton Milnes Houghton – Biography & Autobiography – 1867 – 363 pages

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