75. stallarte 10 – Festival für Bildende Kunst, Lyrik und Neue Musik

SAMSTAG, 18. SEPTEMBER 2010

19.00-20.00 DIE LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG ON TOUR // ST. MARTINS-KIRCHE // Tobias Amslinger (Berlin), Dagmara Kraus (Leipzig) und Norbert Lange (Berlin) // Zeiten der Krise fordern den Zusammenhalt. Auch auf dem Feld der Literatur. Die 2009 in Berlin gegründete Lyrikknappschaft Schöneberg widmet sich der sittlich-moralischen Unterstützung von Dichtern und deren Arbeit im Wortbergwerk. Unter ihrer Ägide entstanden mehrere Bücher und jüngst das Online-Magazin karawa.net. In Roringen präsentieren drei der Knappen allerneueste Gedichtfunde und Resultate ihrer Bohrungen im Satzbau.

20.30-21.30 DIE METALL-ZÄHNCHEN GEWETZT: NORA GOMRINGERS TEXTE UND FRANZ TRÖGERS KOMPOSITIONEN FÜR SPIELUHR // ST. MARTINS-KIRCHE // Eine der profiliertesten Vortragskünstlerinnen ihrer Generation ist Nora Gomringer (Bamberg). Die 1980 geborene Lyrikerin wurde mehrfach ausgezeichnet und war zu Gast auf zahlreichen internationalen Poesiefestivals. In der Roringer Kirche tritt sie in einen ganz besonderen Dialog: ihre furiosen Sprachkaskaden treffen auf die Spieluhrmusik von Franz Tröger (Bamberg).

Ort: St. Martins-Kirche, Göttingen-Roringen (Lange Straße)

SONNTAG, 19. SEPTEMBER 2010

11.00-12.00 DIE PRÄZISEN VERGNÜGEN // EINE MAX-BENSE-MATINEE // ST. MARTINS-KIRCHE // Tobias Amslinger (Berlin), Dagmara Kraus (Leipzig) und Norbert Lange (Berlin) // Philosophie, Physik und Poesie: Wie kaum einer sonst beschäftigte sich Max Bense (1910-1990) mit den Zusammenhängen von Technik und Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften. Der Stuttgarter Professor untersuchte Die Mathematik in der Kunst und dichtete mit Die Zerstörung des Durstes durch Wasser das zufällige Textereignis einer Liebesgeschichte. 2010 wäre Bense hundert Jahre alt geworden. Grund genug, sein wissenschaftliches und poetisches Werk in einer Lesung vorzustellen.

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Weitere Informationen unter http://www.stallarte.de

74. Eingetroffen

Es war sein 15. Ausreiseversuch. Und ist nun tatsächlich seine erste Auslandsreise. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu kann als Gast am Internationalen Literaturfestival Berlin teilnehmen. Am Mittwochmorgen landete der bislang mit einem Ausreiseverbot belegte Autor in Berlin, wo er bis zum 31. Oktober im Rahmen einer Autorenresidenz bleiben wird. …

Der 1958 in der Provinz Sichuan geborene Dichter und Prosaautor fiel mit einem Gedicht über das Tiananmen-Massaker 1989 in Ungnade. Er war vier Jahre in Haft, stand unter Hausarrest. Als Dissident sieht er sich trotzdem nicht – er wolle in China bleiben und die Wahrheit sagen, erklärte er. / taz 16.9.

73. Trojanisches Pferd

Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld haben den Suhrkamp Verlag als Trojanisches Pferd in die Festung Kulturindustrie gestellt: Es sieht aus wie ein Geschäft, es arbeitet wie ein Geschäft, ist aber in Wahrheit mehr als ein Geschäft. …

Ein Verlag kann gegen all das, was gerade geschieht, allein nichts ausrichten, das kann nur die Gesellschaft, die es geschehen lässt oder nicht. Ein Verlag ist keine öffentliche Bibliothek. Ein Verlag ist kein wirksamer Schutz gegen das Übersehenwerden. Ein Verlag ist kein Ersatz für eine Literatur-Gewerkschaft. Ein Verlag ist kein Museum. / Ulla Berkéwicz, Die Zeit 35

72. Gedicht

WIR LASSEN UNS ZU SELTEN GEHEN, WESEN
Wie du genießen Unverbindlichkeit,
Entfernungen, die Spielerei zu zweit,
Ich kann nicht ständig schreiben, saufen, lesen,

Zu dritt und daran denken, daß die Zeit,
Obwohl es Frauen gibt, die seltsam leben,
Erkältungen an Wiesen weitergeben,
Die Zeit vergeht, die Spielerei zu zweit,

Obwohl es Wesen gibt, zu dritt, die lieben,
Die sich erklären und dabei erkälten,
Was glaubst du, soll ich daran nicht verstehen,

Die Wiesen sind noch lange wachgeblieben,
Ich lasse unsere Spielerei nicht gelten,
Wir beide lassen uns zu selten gehen.

/ Thomas Kunst

71. Fehler

Für das politische Personal in Brüssel hat Schröder, der zu aktiven Zeiten nicht gerade als überzeugter Europäer galt, nur Hohn und Spott übrig. Über den belgischen EU-Ratspräsidenten und Haiku-Fan Herman Van Rompuy sagt er: „Das mag ein kluger Mann sein, ich höre, er schreibt japanische Gedichte.“ Dessen Wahl sei jedoch eine „klassische Fehlentscheidung“ gewesen, die vor allem Deutschland und Frankreich zu verantworten hätten. / Märkische Allgemeine

70. Rumbalotte continua

Eröffnung der Kulturspelunke Rumbalotte continua

am 17. September 2010 um 20 Uhr

in der Metzer Str. 9, 10405 Berlin.

Ab 18. September täglich ab 15 Uhr geöffnet.

Am Sonntag, den 19. September 2010 ab 20 Uhr:

Protestvergißmeinnicht

Ein Abend zum 80. Geburtstag von Adolf Endler

Texte, Film und Musik mit Bert Papenfuß, Brigitte Struzyk, Eberhard Häfner, Detlef Opitz, Peter Wawerzinek, Johannes Jansen, Annett Gröschner, Andreas Koziol, Gerd Adloff, Lothar Trolle, Leonhard Lorek, Gottfried Rößler, Cornelia Jentzsch, Jan Faktor, Peter Geist, Konrad Endler, Stefan Döring und Elke Erb.

Am Freitag, den 24. September um 21 Uhr:

Inauguration der Veranstaltungsreihe

DER WEISSE HAI IST GUT – Minikino & Maxitheater

Moderiert von Mario Mentrup. Präsentation des ARTOUT PROJECT (in englisch).

Siehe: www.artout.org/about.html

DER WEISSE HAI IST GUT findet ab dem 30. September jeden Donnerstag in der Kulturspelunke Rumbalotte continua statt.

69. Blooms Idee des „starken Dichters“

Bloom nämlich schrieb geradezu provokativ ein Buch mit dem Titel „The Western Canon“. Vier Weltalter der Dichtung eröffnen sich nun als sehr populär gehaltenes Panorama vor dem Leser: das theokratische Zeitalter (es ist sehr lang, indem es vom Gilgamesch-Epos bis zum Nibelungenlied reicht), das aristokratische, das demokratische (in etwa die klassische Moderne) und schließlich das „chaotische“ Zeitalter – die unmittelbare Gegenwart Blooms.

Nun war es gerade sein Kunstgriff, diese starken Wertbehauptungen einerseits zu sichern, sie aber gleichsam unter der Hand anders zu füllen. Man kann eine ganz einfache Probe darauf machen: Ezra Pound und T. S. Eliot, die, sagen wir um 1960, die Mitte eines dichterischen Kanons der englischsprachigen Moderne bildeten, fallen weitgehend heraus. Plötzlich sah man in dem Kanon-Buch den Chilenen Pablo Neruda in den höchsten Rang erhoben.

Größe bemisst sich am überwundenen Widerstand. Blooms Idee des „starken Dichters“ ist dabei von Freud geprägt. Das männliche Kind träumt von der Überwindung der väterlichen Macht, und gerade so verhält sich der Dichter, ein ins Riesenhafte und Kulturelle projizierter Ödipus, gegenüber Homer, Dante, Shakespeare und Milton. Aus dem theoretischen Werk von Freuds Tochter Anna über „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ destillierte Bloom eine kleine systematische Folge von dichterischen Strategien, die Vorläufer in einem Kampf, einem „Agon“, zu bannen. / Lorenz Jäger, FAZ 11.7. (sic)

68. Mutlos?

Mit den Kindergedichten von Chibo Onyeji werden die Phantasie und vor allem die Neugierde von Kindern geweckt.

Vorausgesetzt man beherrscht Igbo, denn erschienen ist der neue Band des in Österreich lebenden Autors in einem Verlag in Enugu/Nigeria. Mit diesen Gedichten kehrt Chibo Onyeji an die Stätten seiner Kindheit zurück und es ist kein Zufall, dass er dieses Buch in seiner Muttersprache vorlegt. …

Anlässlich der Verleihung des Olaudah Equiano Prize for Fiction (New York, 2007) bekräftigte der Autor in Interviews die Bereicherung des Lebens in mehreren Kulturen und Sprachen. Als Dichter und Reisender zwischen den Welten hat Chibo Onyeji „ỊTỤ AGWA KA AGỤ“ bereits ins Deutsche übersetzt. Es fehlt nur noch ein mutiger Verlag, der diese phantastischen Gedichte dem deutschsprachigen Lesepublikum nahe bringt. / Afrikanet

Chibo Onyeji, ỊTỤ AGWA KA AGỤ, Fourth Dimension Publishing Co., LTD., Enugu / Nigeria, 2009, ISBN: 978-156-608-6

67. Nicht wutlos

Keineswegs leiser und wutloser ist auch der 88-jährige Georg Kreisler geworden, der über Lyrik, Kritiker, sowie politische Zustände sprach und mit Barbara Peters Liedtexte wie „Taubenvergiften im Park“ oder, leicht modifiziert, „Wien ohne Wiener“ las. Ein Highlight, das von jungem Publikum gestürmt wurde und eindrücklich die Kreisler-Renaissance der letzten Jahre unterstrich.

Um Wut, Herzbrüche und Sinnkrisen ging es bei Peh (alias Paula Gelbke), der Entdeckung dieses Festivals. Sie gilt als Königin des deutschen Poetry Slams und ließ mit ihren fulminanten Auftritten eine Ahnung davon aufkommen, dass es sich bei Slam-Texten um ein unterschätztes Genre der deutschsprachigen Literatur bzw. Lyrik handelt. Sprachsalz 2010 war ein gelungenes Festival, das nur vom überraschenden Abgang des langjährigen Mitorganisators Robert Renk getrübt wurde.  / Stefan Gmünder, DER STANDARD 15.9.

66. Meine Anthologie 56: Peter Hacks, Rote Sommer

ROTE SOMMER

Derweil der große Haufen sich, in überengen
Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten,
Aus Deutschlands nördlich milden Breiten oder Längen
Hinquält zu seinen grauenhaften Urlaubsorten,

Begeben Preußens dünkelhafte Kommunisten,
Gewohnt, in völliger Absonderung zu glänzen,
In Linnen leichtgewandet, duftenden Batisten,
Nach ihren Dörfern sich und Sommerresidenzen.

Und sie verharren vor Parterren mit Verbenen
Und nippen edlen Wein in schattigen Remisen.
Manchmal, nicht allzu oft, empfängt wohl dieser jenen,
Beziehungsweise jener bewillkommnet diesen.

Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren,
Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter,
Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren
Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.

Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus 2000, S. 306

(F.W. Bernstein las das Gedicht in der Reihe „Archiv der Poesie“, die der Sender NDR 3 jeden Sonntag um 19.20 Uhr ausstrahlt)

Dieses Gedicht erschien zuerst in der Zeitschrift „konkret“. F.W. Bernstein, der es in der genannten Radiosendung las und kommentierte, hält die im Gedicht besprochenen „dünkelhaften Kommunisten“ für „durchaus arschlochhafte Spitzenfunktionäre“ des SED-Regimes. Davon abgesehen, daß Hacks Bernsteins Meinung über jene anscheinend nicht teilt, halte ich diese Lesart für wenig plausibel. Wer die „Enthüllungsbilder“ des DDR-Fernsehens im Wendeherbst/Winter 1989 gesehen hat, weiß, daß diese eher in einer freiwilligen Kasernierung lebten als in der von Hacks beschriebenen arkadischen Landschaft, und daß selbst ihr „Luxus“ eher militärpreußisch-dürftig als idealpreußisch (im Sinne des Gedichts) leicht und locker war. Außerdem ergibt mit seiner Lesart die erste Strophe keinen Sinn; denn seit wann konnte der große Haufen in der DDR in überengen / Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten , vulgo Auto genannt, gen Süden hin zu seinen grauenhaften Urlaubsorten reisen??

Neinnein, wir müssen uns damit abfinden, daß Preußens dünkelhafte Kommunisten hierheute unter uns leben. Leute, die wider alles bessere Wissen ihrer (West-)Kollegen, daher dünkelhaft und starrsinnig, an ihren utopischen Ideen festhalten. Jajaja, die Szene spielt heute, lieber Herr Bernstein. Kann es sein, er verspottet Leute wie Sie (und mich)?

Aber obwohl ich weder Bernsteins Interpretation noch – spätestens seit er 1976 dem gerade ausgebürgerten Wolf Biermann einen Schmäh nachrief, auf den jener nicht antworten konnte – Hacksens politische Auffassungen teile, sind wir alle drei, Bernstein, ich – und Hacks sowieso – der Meinung, daß dies ein gutes Gedicht ist.

(Numerierte Einträge meiner Anthologie stammen aus der Anfangsphase 2000/ 2001)

65. Datenschreiber IV: Nemesis Divina – Marc Bolans Bein

Den vierten Teil der Lettrétage-Datenschreiber-Serie widmen Ann Cotten und Bert Papenfuß dem Superstar des Glamrock, Marc Bolan an dessen 33. Todestag. Aber auch Carl von Linné könnte eine gewisse Rolle spielen. Neugierig?

Weiteren Aufschluss erhalten Sie – vielleicht – unter www.datenschreiber.net. Auch ein Besuch auf www.lettretage.de kann informativ sein.

Donnerstag, 16. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- Euro

Datenschreiber IV: Nemesis Divina – Marc Bolans Bein

Ann Cotten und Bert Papenfuß

Acht Daten, elf Autoren, rund sechzig Jahre Geschichte. Um den Nukleus eines mehr oder minder zufällig »Gegebenen« (lat. datum) herum – sei es tragisch oder trivial, esoterisch oder paranoid – sammelt sich der Sternenstaub der Historie zu einem »schmutzigen Schneeball«.

Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu? (Paul Celan)

Immer wieder scheint es, als wäre alles aus. Doch jedes noch so stumpfe Ende lebt als Anlass weiter. Unsterblich ist das Relikt. Sterblich ist allein der Geist, dem es nicht gelang, sich vollständig auszudrücken. Was gelebt wird, geht unter, es bleibt, was behauptet wird. »Vor zwei Jahren hätte ich nicht im Radio auftreten dürfen, jetzt kann ich sogar mein Bein zeigen. « Die Zeit hält Schritt. Geht in die Bibliotheken!

Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, wuchs in Wien auf, lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Debütierte 2007 mit dem bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband Fremdwörterbuchsonette. Aktueller Einzeltitel: Floriada-Räume (Suhrkamp 2010). Erhielt 2008 den Clemens-Brentano-Preis.

Bert Papenfuß, geboren 1956 in Stavenhagen. Gelernter Elektronikfacharbeiter, Ton- und Beleuchtungstechniker, arbeitete ab 1976 als Theaterbeleuchter in Berlin, ab 1980 als freier Schriftsteller. Er war eine der prägenden Gestalten der Prenzlauer-Berg-Literatenszene der späten DDR. Ab 1999 lange Jahre Mitbetreiber des Kaffee Burger. Zahlreiche Auszeichnungen und Publikationen, zuletzt Ation-Agenda. Gedichte 1983-1990, Urs Engeler 2008.

64. Kein Religionsstifter

Schon die beiden Ägyptologen James Henry Breasted (USA) und der Brite Arthur Weigall hatten vor rund hundert Jahren nach dem Fund des so genannten Großen Sonnenhymnus in Amarna Echnaton zum ersten Kandidaten für die Stelle des Ur-Monotheisten gekürt. Damit begründeten sie eine Genealogie, deren Glaubwürdigkeit in erster Linie auf der Behauptung basiert, die Amarna-Texte seien die frühesten Dokumente einer Buchreligion. Fortan kaprizierte sich die Ägyptologie auf die Auslegung überlieferter Texte – Schrift, Schriftgedächtnis und Sinngeschichte waren und sind seither die privilegierten Orte der Forschung.

Man muss es deshalb uneingeschränkt begrüßen, dass wir jetzt mit einer Echnaton-Deutung konfrontiert werden, die das semantische Feld neu aufrollt, indem sie Bild, Körpergedächtnis und Sinnlichkeit in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt und damit gewissermaßen eine „heiße“ Theorie der Amarna-Epoche präsentiert. Der Heidelberger Privatgelehrte Franz Maciejewski, dem wir mehrere Freud-Studien verdanken und der mit dem ägyptologischen Terrain ebenso vertraut ist wie mit dem der Gedächtnisgeschichte und der Psychohistory, entziffert die geheimnisvolle Gestalt des „Ketzerkönigs“ Echnaton gleichsam materialistisch.

Löst man sich nämlich einmal von der durch Freud, Thomas Mann und Jan Assmann beglaubigten Monotheismusthese, so tritt eine Figur ans Licht, der alle Züge eines idealen Gottsuchers und Religionsstifters abgehen. Der Autor stellt sogar mit Gründen in Zweifel, ob der Große Sonnenhymnus, „Grundtext der Amarnareligion“ (Assmann), auf Echnaton persönlich zurückgeht, wie die Ägyptologie mehrheitlich annimmt. Wenn aber nicht Echnaton selber der Urheber des Textes ist, dann bricht die ganze Konstruktion der Atonreligion aus dem Geiste des Monotheismus wie ein Kartenhaus in sich zusammen, weil ihr der Kopf fehlt. …

Maciejewski rekonstruiert die abenteuerlichen macht- und sexualpolitischen Spiele einer Familie, die nicht weniger im Auge hatte als die Tilgung des Makels ihrer bürgerlichen Herkunft und damit einen dynastischen Umsturz. / Hans-Martin Lohmann, FR 13.9.

63. Lieblingsgedichte

Die neue Ausgabe des „Echtermeyer − Deutsche Gedichte“, erschienen im Cornelsen Verlag, nimmt die FR zum Anlass einer Serie „Lieblingsgedichte“: FR-Redakteure stellen geschätzte Werke vor. Am 13.9. Lia Venn über ein GHedicht von Conrad Ferdinand Meyer.

62. Neuropolitik Teil IV & EEE-Teil 8: Taugt „DAS GROßE STAUNEN“ als Lebensphilosophie für das 23.Jahrhundert?

„Auch ist nichts Mystisches oder Übernatürliches in der Natur vorhanden – was nicht bedeutet, daß wir mit unserem Gehirn alles verstehen können. Es liegt aber soviel Wunderbares – für uns offen oder noch versteckt – in der Natur, daß schon dadurch unsere Ehrfurcht davor geweckt wird.“

Christian Holzapfel, 2005 in: EINE KLEINE GESCHICHTE DES ELEKTRONS

G&GN-INSTITUT B-NEUKÖLLE 13.9.2010 / ERGÄNZEND ZU DEN POLITISCHEN GEDICHTEN (siehe Ticker Nr.52 vom 10.9.2010) sind nun 17 (von insg. 61) ausgewählte „Very Best Of“ E.S.-BEISPIELE für Erweiterte Sachlichkeit ab 1994, der gesamte 17-teilige „JA(HR…HUNDERT/TAUSEND“-Zyklus ab 1998 und die vollständige Serie aller 17 LOCHGEBETE ab 2004 von Tom de Toys zu Forschungszwecken als kostenloser PDF-Kombipack in der brandneuen Edition „PoemieDigitalFusion“ des Berliner G&GN-Verlags feigegeben! Garniert wird die 3 mal 17 Gedichte umfassende Sammlung von 7 ausgewählten Fotos des Lyrikers aus seinem „Best of Fotomie“-Album (www.fotomie.de), die er mit seinem Mobiltelefon knipste…

Download des kostenlosen PDF im L&Poe-Doku-Archiv: 17×3 DAS GROSSE STAUNEN incl 7x Fotomie)

3 Probetexte aus jeweils einem der drei Werksektoren:

Tom de Toys, 9.4.1995

ENTARTETE

[02.E.S.-Beispiel für Erweiterte Sachlichkeit]

geteiltes glück ist millimeterarbeit
morgens neben dir
erwacht geteiltes
glück ist
millimeterarbeit unverbrauchter
schenkel schmiegen sich im
hinterland der öffentlichen
brennstoffmängel noch nach jahren
schamlos sachlich als
ein zuckerfreies grab mit
neongrüner beleuchtung von allen
seiten aufgerichtet wie
die echte stunde null
mein weltkrieg endet
bei dir

Tom de Toys, 3./4.7.1998

Ü B E R D U

[„JA(HR…-HUNDERT/-TAUSEND“-Zyklus Teil VI]

ich lese in dir
die geschichte eines universums
das sich dauernd neu gebirt
und höre deine seele
wie die stimme einer reinen
existenz aus energie und
leere dringt durch alle
körperzellen wie planeten
einer unendlichen umlaufbahn
die mitte leuchtet überall
wenn wir uns treffen
trifft sich die materie
gegenseitig selbst und
lacht im angesichte dieser
unbarmherzigen fraglosigkeit

Tom de Toys, 8.+9.12.2005

ÜBEREVENT

(NEUROASTRONOMIE)

[05.TRANSRELIGIÖSES LOCHGEBET FÜR DAS 23.JHD.]

hautlos
tanzen wir
den krummen
raumzeittango
aufrecht !
ja wir LEBEN
schon verdichtet
im unendlichen
bewußtseinsloch:
das universum
IST ein superhirn
die galaxien sind
synapsen in der leere
zwischen den planeten
nervenbahnen und
die erdregion:
als sitz der seele !
JETZT beginnt
die ewigkeit im
stillen

61. Meine Anthologie: Grammatik

Hölderlin und Goethe müssen warten. Ablenkung vor nicht ganz freudvoller Arbeit findet sich trotzdem. Ein Zufallsfund im Netz erinnert mich an ein Buch: „Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren“, herausgegeben von Annemarie Schimmel (C.H. Beck 1996). Qadi Qadan – Qadi ist hier kein Vorname, sondern eine Art Berufsbezeichnung: der Kadi Qadan nämlich war ein indischer Richter, Kadi, und mystischer Dichter im 16. Jahrhundert. Sein Vier- bzw. richtiger Zweizeiler, ein Dōha, ist in Sindhi geschrieben, er ist ein Pionier der Dichtung dieser Sprache. Mystiker nicht, aber gelehrte Mystikforscher und Zeloten werden mir sagen, daß es ganz anders gemeint ist – für mich ist es ein großartiges Liebesgedicht (und nur so auch anderes mitbedeutend). Wenn ich keinen Wein kenne, wie könnte mir Wein ein göttliches Symbol sein?

Laß die Grammatik den Leuten –
ich studier‘ den Geliebten,
Und eine einzige Letter
les‘ ich und les‘ immer wieder!

QADI QADAN (gest. 1551)