66. Meine Anthologie 56: Peter Hacks, Rote Sommer

ROTE SOMMER

Derweil der große Haufen sich, in überengen
Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten,
Aus Deutschlands nördlich milden Breiten oder Längen
Hinquält zu seinen grauenhaften Urlaubsorten,

Begeben Preußens dünkelhafte Kommunisten,
Gewohnt, in völliger Absonderung zu glänzen,
In Linnen leichtgewandet, duftenden Batisten,
Nach ihren Dörfern sich und Sommerresidenzen.

Und sie verharren vor Parterren mit Verbenen
Und nippen edlen Wein in schattigen Remisen.
Manchmal, nicht allzu oft, empfängt wohl dieser jenen,
Beziehungsweise jener bewillkommnet diesen.

Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren,
Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter,
Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren
Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.

Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus 2000, S. 306

(F.W. Bernstein las das Gedicht in der Reihe „Archiv der Poesie“, die der Sender NDR 3 jeden Sonntag um 19.20 Uhr ausstrahlt)

Dieses Gedicht erschien zuerst in der Zeitschrift „konkret“. F.W. Bernstein, der es in der genannten Radiosendung las und kommentierte, hält die im Gedicht besprochenen „dünkelhaften Kommunisten“ für „durchaus arschlochhafte Spitzenfunktionäre“ des SED-Regimes. Davon abgesehen, daß Hacks Bernsteins Meinung über jene anscheinend nicht teilt, halte ich diese Lesart für wenig plausibel. Wer die „Enthüllungsbilder“ des DDR-Fernsehens im Wendeherbst/Winter 1989 gesehen hat, weiß, daß diese eher in einer freiwilligen Kasernierung lebten als in der von Hacks beschriebenen arkadischen Landschaft, und daß selbst ihr „Luxus“ eher militärpreußisch-dürftig als idealpreußisch (im Sinne des Gedichts) leicht und locker war. Außerdem ergibt mit seiner Lesart die erste Strophe keinen Sinn; denn seit wann konnte der große Haufen in der DDR in überengen / Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten , vulgo Auto genannt, gen Süden hin zu seinen grauenhaften Urlaubsorten reisen??

Neinnein, wir müssen uns damit abfinden, daß Preußens dünkelhafte Kommunisten hierheute unter uns leben. Leute, die wider alles bessere Wissen ihrer (West-)Kollegen, daher dünkelhaft und starrsinnig, an ihren utopischen Ideen festhalten. Jajaja, die Szene spielt heute, lieber Herr Bernstein. Kann es sein, er verspottet Leute wie Sie (und mich)?

Aber obwohl ich weder Bernsteins Interpretation noch – spätestens seit er 1976 dem gerade ausgebürgerten Wolf Biermann einen Schmäh nachrief, auf den jener nicht antworten konnte – Hacksens politische Auffassungen teile, sind wir alle drei, Bernstein, ich – und Hacks sowieso – der Meinung, daß dies ein gutes Gedicht ist.

(Numerierte Einträge meiner Anthologie stammen aus der Anfangsphase 2000/ 2001)

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