In Deutschland lebende Juden werden gern als Fachleute für Antisemitismus oder die Politik Israels befragt. In Deutschland lebende Rumänen müssen her, wenn es um die Enttarnung eines Securitatespitzels geht. Interessieren sie uns sonst? Lesen wir ihre Bücher? Ja, wenn sie von Herta Müller und Oskar Pastior stammen. (Nur nicht zu viel auf einmal. Siehe auch die Prenzlauer-Berg-Namensliste von Wawerzinek gestern). Zumal es bei Pastior jetzt Ausreden gibt, um in Zukunft etwas kürzer zu treten. (Ha, was bin ich sarkastisch. Wer von denen, die jetzt über Pastiors Verstrickung schreiben, hat wohl seine Bücher gelesen? Außer den „Rumänen“ natürlich.)
Das mächtige Häuflein der besonders in den 70er Jahren in Ceausescus Rumänien hervorgetretenen Autoren lebt zum allergrößten Teil seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie schreiben deutsche Gedichte in Deutschland – deutsche Gegenwartsliteratur. Aber Gedichtbände werden generell wenig gekauft und wenig besprochen. Günter Eichs Seufzer aus dem Jahr 1966 fällt einem ein:
In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.
So gesehen Grund für Zuversicht (Eichs Gedicht trägt diesen Titel).
Wenn es schon für ihre neuen Gedichte mau aussieht, wie erst mit ihrem „Frühwerk“ aus Rumänien? Gut steht es da fast nur bei Pastior und Herta Müller, und sonst? Einige Anthologien könnten dem neugierigen Leser helfen*.
Horst Samson, geboren 1954 in Rumänien, veröffentlichte in sieben Jahren vier Bücher in deutscher Sprache, bevor er 1987 in die Bundesrepublik emigrierte. Er lebt länger in der Bundesrepublik als 16 Millionen ehemalige DDR-Bürger (aber ist Generalsekretär des EXIL-P.E.N., Sektion Deutschsprachige Länder).
Jetzt erschien ein Band, der einen großen Teil des „Frühwerks“ von Horst Samson wieder bzw. für Deutschland erstmals zugänglich macht. In einem kleinen Verlag in Ludwigsburg: POP (das Wort steht nicht für Popliteratur, sondern ist ein rumänischer Name, Traian Pop). Gedichte aus Rumänien zusammen mit welchen aus den ersten Jahren des Exils.
Eichs zwei Leser erreicht Samson spielend. Natürlich Theo Breuer, der alles liest, was ihm manche zum Nachteil auslegen. In seinem Buch „Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000“. Sistig: Edition YE 2005, buchstabiert er auf S. 188 die deutsche Lyrik mit Bezug auf die von Michael Braun und Michael Buselmeier herausgegebene Anthologie „Das verlorene Alphabet“ von Astel bis Ziebritzky, ich zitiere Buchstaben P bis W:
Pastiors Pocken, Rühmkorfs Rhythmus, Samsons Sehnsucht, Techels Tulpen, Waterhouse-Wörter
Das wären Leser Nummer zwei und drei! Michael Braun war es auch, der ein unter Kennern berühmtes Gedicht Samsons (!) vor einigen Wochen in seinen Deutschlandfunk-Lyrikkalender einrückte.
Horst Samson: Und wenn du willst, vergiss, Gedichte. Mit einem Nachwort von Andreas Saurer (Bern/Schweiz). (LYRIK). Pop Verlag 2010. 130 S. ISBN: 978-3-937139-92-0 Preis: 14,90 Euro.
Gibt es schon Rezensionen? Eine flattert ins Postfach, erschienen in Rumänien. Siehe da, der vierte Leser!
Hier im Zitat und unterm Strich vollständig.
Die Gedichte dieses Bandes sind alle schon mal in anderen Büchern Horst Samsons erschienen – und zwar im Zeitraum 1981 – 1994. Man merkt hier, wie sinnvoll es ist, Literatur immer wieder neu aufzulegen. Wer vergessen will, muss ja nicht zugreifen. Wer aber damals nicht zugegriffen hat und vielleicht einen Geschmackswandel, eine Interessenverschiebung oder gar eine kulturelle Neuorientierung durchgemacht hat, ist mit diesem Band bestens bedient. Zu den Lesern können aber auch Menschen gehören, die im Ersterscheinungszeitraum noch gar nicht geboren waren. …
Trotz des Bleihimmels der Diktatur, der über diesen Gedichten schwebt, zwinkert Samson oft mit der SPRACHE. Der Dichter lässt sich nicht gehen. Da ist für Selbstmitleid kein Platz. Aber für zweideutige Pointen ist allemal Stoff, Erzählstoff – auch in Notsituationen – vorhanden: „die leute die einsteigen mit großen koffern /die fortfahren unablässig fortfahren / zu reden“ (EISENBAHNFAHRT GROSSSANKTNIKOLAUS – TEMESWAR). Und für die anderen, die Rumänen, kommt keine aggressive Abneigung auf. Nichts derlei ist zu spüren, obwohl es im Alltag schon manchmal auch anders aussah.
Man muss als Rezensent loslassen können. Es gibt Gedichtbände, da hat man das Bedürfnis, zu jedem Gedicht etwas zu sagen – zum Glück. „Und wenn du willst, vergiss“ ist ein solcher Band.
/ Mark Jahr, Karpatenrundschau 9.9. 2010, S. 11
*) Einer da? Aber bitte, gern doch:
Zur Information:
Richard Wagner im Gespräch mit Katrin Heise, DLR:
Heise: Herta Müller äußerte sich am Samstag in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ darüber, dass sie, dass ihr auch wieder so klar geworden ist, was er erlebt hat und war für einen Druck in ihm war – nur so kann sie sich sein Schweigen erklären, das heißt, man wird einem doch wieder so vor Augen geführt, welche Trauer, welches Leid so ein Terrorregime über die Bürger …
Wagner: Ja, das ist, vor allem ist das ein deutliches Ergebnis, wenn man so verharmlosend über die Diktatur in Osteuropa spricht gerne, dass man das übersieht, was an den Menschen hier gemacht wurde, was moralisch da zerbrochen ist und wie die Menschen kaputtgemacht worden sind, von diesem System, das ist wahr. Auf der anderen Seite muss man auch sagen, das Verhalten der Menschen – und es ist ja nicht nur das Regime, sondern es ist Teil zwei der Problematik das Verhalten des Einzelnen innerhalb der Situation. Und da muss man auch sagen, auch um gerecht zu bleiben, dass es auch Leute gab, die den Widerstand und den Mut hatten, Nein zu sagen, und die darüber auch sprachen. Ich habe Freunde, die man anwerben wollte, die zu mir gekommen sind und gesagt haben, man wollte mich anwerben, wir haben dieses Problem gelöst schon damals in der Diktatur, also es gab alles Mögliche. Und ich bin dagegen, dass man so Sonderkonditionen schafft für Leute, dass man dann versucht sie zu erklären. Das ist richtig sie zu erklären, aber nicht zu rechtfertigen.
…
Heise: Hat sich Ihr Bild von Oskar Pastior verändert?
Wagner: Nein, also ich schätzte ihn immer für seine verrückte Lyrik, und es ist ja so, das ist vielleicht auch eine Frage der Bewertung letzten Endes, eine solche Lyrik hat Bestand jenseits der moralischen Frage.
Heise: Im Deutschlandradio Kultur ist der Schriftsteller Richard Wagner zu Gast. Anlass ist die Enthüllung oder die jetzt bekannt gewordene Enthüllung, der Schriftsteller Oskar Pastior war Securitatespitzel. Sie, Herr Wagner, gehörten in Rumänien – ich habe gesagt, Sie reisten 87 aus – Sie gehörten einem oppositionellen Kreis der Aktionsgruppe Banat an, und aus diesem Kreis, Sie haben es auch schon erwähnt, gab es Enttarnungen in den letzten Jahren. Letztes Jahr zum Beispiel der Lyriker Werner Söllner. Wie weit geht Verständnis, wenn es einem so nahe kommt?
Wagner: Ja, also die Sache ist nun mal so, man muss etwas klarstellen, zwischen Pastior und Söllner sind Welten, da ist ein ganz großer Unterschied. Also bei Söllner ist nachweisbar in der Akte gewesen, dass er Gedichte von uns, die ich ihm geschickt hatte zur Publikation, dass er die zur Securitate gebracht hat, übersetzt hat und interpretiert hat. Und das hat zu einer Verschärfung der Vorgangsweise der Securitate in den 70er-Jahren gegen die Aktionsgruppe geführt, das ist nachweisbar.
Gelesen:
Jetzt haben auch die USA ihren Karikaturenstreit. Die Zeichnerin Molly Norris ist auf Anraten des FBI untergetaucht, weil ein muslimischer Geistlicher ihr mit dem „Höllenfeuer“ gedroht hat. Mehr
Untergetaucht, um dem Höllenfeuer zu entkommen? – Jaja, mit dem Himmel auf Erden klappts und klappts nicht, aber Hölle auf Erden, das können viele.
(Ists auch nicht Lyrik…)
Peter Wawerzinek schreibt zum 80. Geburtstag von Adolf Endler eine furiose Hymne auf den Dichter und einen Abgesang auf den Prenzlauer Berg. Darin eine Endler-Titelliste und eine stolze Namensliste, die künftig mindestens durchzunehmen wäre, bevor wieder einer den Namen „Prenzlauer-Berg-Connection“ in den Mund nimmt. Hier die Namen (unter denen auch einige wenig genannte sind, und einige fehlen):
Spätestens mit dem Tod von Adolf Endler im vorigen Jahr – er hätte am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert – hat sich der Prenzlauer Berg als kreative Nische erledigt. Vom ganzen Rummel bleibt am Ende nur die Erinnerung, eine anrührend flimmernde Fassade. Und ein paar Namen werden bleiben. Manch eine Aktion verdient das Prädikat engagiert, nicht ohne einen gewissen Charme. Es wurde gesungen, gemalt, gelesen, gefetet, gekrochen, geröhrt, gestottert, gehauen. Es wurde gestochen, geschwiegen, gerockt und mitunter richtig gut gemeinsame Sache gemacht. Aber immer auch gleich dokumentiert. …
Nur keine Bange. Um Endler bleiben einige Autoren gruppiert, wie Krähen, die Toten und die Lebenden eben, bei seinem Grabsteinen hockend, Wache schiebende, das Jahr hindurch getreue Vögel. Eine Handvoll Dichter-Kollegen vom nunmehr zerspellten Prenzlauer Berg (Andreas Koziol, Frank-Wolf Matthies, Jan Faktor, Wolfgang Hilbig), durch deren Gedichte, Essays, Erzählungen ich gleißend hin- und hergeistere, dass es nur so fetzt. Ich möchte bei dem Barock, dem Futurismus, dem Realexistenten der damaligen Zeit, einige noch benennen: Johannes Jansen, Leonhard Lorek, Brigitte Struzyk, Florian Günther, Dieter Kerschek, Gerd Adloff, Cornelia Schleime, Detlef Opitz, Gert Schönfeld, aber auch Peter Brasch, Jayne-Ann Igel, und die Kacholdgabi natürlich und Wüstefeldmichael, auch wenn da von mir einige Dichter beigemengt worden sind, die keinen Nachweis auf Prenzlauerberg-Zugehörigkeit erbringen müssen, wo es doch um ist und aus mit dem Bezirk.
Neben Endler nenne man stellvertretend für alle Zukurzgekommenen einen weniger wackligen Wackeren: Bert Papenfuß. Aus der ersten allgemeinen Verunsicherung der insgesamt verunsicherten gesamten Zittertruppe reagierte Papenfuß so angenehm rasch und früh und weise im Voraus, indem er sagen konnte, was er unheilvoll aufziehen sah. Dass nun die Zeit des Umzugs gekommen ist, sprich: dass der Prenzlauer Berg nunmehr in Mitte stattfindet.
/ Tagesspiegel 20.9.
Der populäre Schriftsteller Hanns Cibulka wäre am Montag 90 Jahre alt geworden
Tief deprimiert beklagte Hanns Cibulka 1972: „Seit sieben Monaten keinen einzigen Vers mehr geschrieben.“ Damals machten sich erste Anzeichen für das Abflauen seiner poetischen Kraft bemerkbar. Es fiel ihm schwerer, den melodischen Ton früherer Gedichte zu treffen. Die Lähmung verschärfte sich im folgenden Zeitraum erheblich, sodass er 1988 illusionslos verkündete: „Wenn ich den Heimweg antrete, trage ich keine Gedichte mehr mit mir nach Haus, die Zeit der Verse scheint für immer vorbei zu sein.“ Das Verstummen eines beachtlichen Lyrikers nahm damit seinen Lauf. Dass Cibulka keine Strophen mehr zu Papier brachte, hing mit der inneren Erstarrung des sozialistischen Systems zusammen, aber auch mit der Bestürzung über den ökologischen Ruin, die ihn in Atem hielt. Engagiert notierte er: „Die Verachtung gegenüber der Erde, dem Tier, der Pflanze nimmt täglich zu.“ Deshalb riet er: „Jedem Ministerpräsidenten, aber auch den Aufsichtsräten in den Chefetagen der Wirtschaft sollte man Tag für Tag ein Glas mit vergiftetem Grundwasser auf den Arbeitstisch stellen, als Mahnung, als Hinweis auf die fortschreitende Zerstörung der Lebensräume.“ / Ulf Heise, Freie Presse 18.9.
Mehr: Ostthüringer Zeitung (Frank Quilitzsch)
Jetzt hat Hollywood auf der Suche nach Ideen John Miltons episches Gedicht Paradies Lost aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. / moviepilot
Der Literaturhistoriker Karl Otto Conrady verlässt die Jury des Deutschen Vorlesepreises. Das teilte das Organisationsbüro des Preises in Köln mit.
Der 84-jährige Goethe-Biograf und Herausgeber der Lyrik-Sammlung „Der Große Conrady“ störe sich speziell an der Veranstaltungsreihe „Lies für Toleranz!“, bei der Gläubige aller Weltreligionen in Kölner Kirchen religiöse Texte vorlesen. Conrady kritisierte laut Organisationsbüro, hier seien Interessen und Standpunkte von Atheisten nicht ausreichend vertreten. / Focus
Der Standard sprach mit Robert Schindel, der „Literarisches Schreiben“ in Wien lehrt:
Schindel: Für das Individuum gibt eine große Überschwemmung an Anforderungen aus der Welt. Früher hat man bestimmte Mythologien verwendet, um das Bedrohliche auf das eigene Maß einzuarbeiten. Das fehlt heute. Daher erschaffen sich Menschen heute ihre private Mytho-Poesie, um mit diesen Anforderungen fertig zu werden. Es gibt heute wesentlich mehr, die Gedichte schreiben, als solche, die Gedichte lesen. Die Menschen wollen sich ausdrücken. Der Weg von diesem therapeutischen Bewältigungsverhalten zu einem Kunstwerk ist nicht einfach.
…
Standard: In Amerika sind Creative-Writing-Klassen seit langem selbstverständlich. Warum hat das hierzulande so lange gedauert?
Schindel: Im Deutschen ist der Geniebegriff zu Hause, das hat mit der Überschätzung der Innerlichkeit zu tun, mit den Folgen der Romantik, den unterentwickelten demokratischen Entwicklungen. Der Künstler ist einer, der zu leiden hat. Das merkt man auch in der deutschen Literatur.
…
Standard: Sie sind auch Lyriker. Wie sehen Sie die Marktgängigkeit der Lyrik für die Zukunft?
Schindel: Wenn ich mir anschaue, dass Lyrik in den Feuilleton-Besprechungen immer mehr zurückgeht, könnte ich pessimistisch sein. Bin ich aber nicht, weil sich Lyrik stets in einem Auf und Ab befindet. Die Lyrik hat es schwer, aber sie wird nicht untergehen. Man müsste sich als Zeitung vielleicht eine Vorgabe geben. Von selber passiert sicher nichts, da werden überall nur dieselben sieben, acht Bücher besprochen, die gerade angesagt sind.
Meine erste Reaktion war Erschrecken, auch Wut. Es war eine Ohrfeige. Je genauer mir Stefan Sienerth und jetzt Ernest Wichner die Einzelheiten schilderten, umso mehr überkam mich das Gruseln. Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt. Auch mehrere Hochschullehrer bespitzeln ihn. Der Hauptspitzel steigert sich in die Denunziation hinein. Seine Berichte sind so gemein, dass es einen schaudert. Er war homosexuell, wie Pastior. Man fragt sich, ob er Rache nimmt aus persönlichen Gründen. Nach dem Überleben des Arbeitslagers wurde Pastior zum Staatsfeind, weil er für fünf Jahre Qual an die sieben Gedichte darüber schrieb, Gedichte, die er innerlich so nötig hatte. Aus diesen Lager-Gedichten hat man ihm den Strick gedreht: „antisowjetisch“, das reichte. Um sich vor der Verhaftung zu schützen, hat Pastior eine IM-Erklärung unterzeichnet. Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer. / Herta Müller, FAZ
Mehr: Horst Samson, Frankfurter Neue Presse
Ernest Wichner, sein langjähriger Freund und bester Kenner seines Werks, hat Pastiors Securitate-Akte für die FAZ gelesen:
Nachdem schon im Sommer 1958 und Frühjahr 1959 fünf deutsche Schriftsteller aus Siebenbürgen (Wolf von Aichelburg, Hans Bergel, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Georg Scherg) verhaftet und 1959 zu insgesamt 95 Jahren Gefängnis verurteilt worden waren und Grete Löw im gleichen Jahr sieben Jahre Haft erhalten hatte, musste Pastior, der in loser Beziehung auch zu den verhafteten Schriftstellern gestanden hatte, jederzeit mit seiner eigenen Verhaftung rechnen. Eine Securitate-Informantin, die unter dem Decknamen „Dorina Gustav“ ihre Berichte abfasste, bestätigt dieses indirekt, indem sie berichtet, Paul Schuster habe ihr anvertraut, dass Oskar Pastior in großer Angst lebe und ständig erwarte, verhaftet zu werden.
Als wir im Herbst 2005 am ersten Band seiner Werkausgabe arbeiteten, erzählte mir Oskar Pastior, dass er vom Herbst 1956 an, besonders nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands, in permanenter Angst gelebt habe, abgeholt zu werden. Ein Versuch, diese Angst literarisch zu fassen, stelle sein Anfang 1957 geschriebenes Gedicht „Da ist doch das Dach der Chinesischen Gesandtschaft, ach“ dar. Dieses Dach habe er aus einem Fenster der ARLUS-Bibliothek sehen können, in der er hauptsächlich die Bücher gelesen habe, die Alfred Kittner ihm aus seiner Privatbibliothek mitgebracht hatte. Wasserspeier in Form von Drachenköpfen und „eisenrote Löwen“ zierten das Dach. Das Gedicht endet mit den Zeilen: „Der Wind fährt manchmal mit den Drachen oben vorüber, / Dann heult das Radio, / Dann geht der Mensch vorüber, / Dann kommt das Auto an. // Sage mir was du fühlst. / Schreibe was du fühlst.“ Wenn in jenen Jahren Autos ankamen, so kamen sie, um jemanden abzuholen, den man lange nicht mehr sah. „Schreibe was du fühlst“ war eine Selbstermahnung. Aber wie schreibt man über panische Angst in einer Zeit, in der Bekenntnisse zur Partei und Fortschrittsoptimismus vom Gedicht erwartet wurden? …
Oskar Pastiors gesamtes bürgerliches und literarisches Leben seit seiner Flucht nach Deutschland folgte streng diesen Maximen; dadurch hat er alle, die ihn und sein Werk kennen, beeindruckt und für sich – auch als Person – eingenommen; weil er seine persönliche Existenz allein durch seine literarischen Entscheidungen, die für ihn auch ethische und moralische waren, für gerechtfertigt hielt. Überzeugender und ausführlicher als in seinen späten Notizen lässt sich die gehetzte Befreiung des IM „Stein Otto“ zum Dichter Oskar Pastior allein in dessen Gedichtbänden nachvollziehen.
Andere loben auch. Alban Nikolai Herbst, der es anhören muß, schüttelt sich. Er schreibt in seiner Dschungel Anderswelt „für Michael Lentz und gegen Dirk von Petersdorff. Paulus Böhmer zu Ehren. „Nach” dem Hannoverabend des 16. Septembers 2010. Mit Marion Poschmann und Jan Wagner.“ Herbst tadelt und lobt wohltuend kräftig:
Denn der Kotau, mit dem sich Rector zuvor Petersdorffs betriebsbe-, ja –durchgetriebenen Produkten zu Füßen geworfen hatte, war schlichtweg ekelerregend gewesen – zumal er darauf enormen rhetorischen Nachdruck verwandte, wiewohl doch allenfalls ein Erstaunen sein kann, daß ein Mann mit einer solchen intellektuellen Karriere solche schlechten Verse verfaßt. Tatsächlich meidet Petersdorff in seinen „Gedichten” nicht eine einzige Banalität, ja er gefällt sich und, schlimmer, suhlt uns darin: das gilt für die Formen wie den Inhalt. Wo es hingeht, fleddert er in den letzten Knochen Gernhardts herum, der auch schon lyrisch ein, wenn auch ungewollt, Scharlatan war. Geht es, wie nahezu immer, schlecht, ist Petersdorff kaum mehr als eine Mary Roos der Alltagsgedingse. Das desavouiert die Formen, derer er sich bedient – immer auf das schnellstgefundene Reimwort gehüpft. Zwar ist dies nicht ohne Kunsthandwerk, denn das ist freilich recht toll, wenn selbst die Glätte klappert. „Ein Replikant”, dachte ich aber, „meine Güte: So schreiben Replikanten Gedichte.” Wo wahres Gefühl wäre zu erwarten, Betroffenheit, jaja: sagen Sie nur „sentimental” – das heißt doch nicht, das Engagement sei sentimental auch in Worte zu fassen… – kurz: wo L e b e n ein Gedicht beseelte, wirkt durch Petersdorffs Verse nichts als Mainstream-Prothetik. Gebrauchsgedichte sind das im besten Fall, die aber, durch Kleist(!!)- und Liliencron-Preise, zu Hölderlin hinaufgemetzt worden sind von einem Betrieb, der sich hierin schamloser offenbarte denn je. Unter der plastifizierten Oberfläche schaut Tiefe nicht mal mehr durch. Hier werden gestiegene Brötchenpreise zu Weltschmerz ohne Schmerz, ja Schmerz selber, ganz wie die Liebe, zum Produkt der affirmativsten Melancholie. Die setzt, ganz klar, auf den Ulk. Wäre ich gutwillig, ich spräche von Abwehr, Reaktionsbildung nämlich: das Lachen, auf das Petersdorff so ganz erfolgreich abzielt, hat das Niveau eines ins Feinsinnige nobilitierten Schenkelklatschens. …
Die anderen lachten, wie zu erwarten, denn was des Affen ist, das frißt er. Alleine ich – Leser, ich konnte nicht anders – rief ein „Furchtbar!” in den Applaus.
So war diese Lesung nicht nur eine Maulschelle ins Gesicht Paulus Böhmers – Rector hatte nämlich gar noch „empfohlen”, an Petersdorff den nächsten Hölty-Preis zu vergeben -, sondern eine Beleidigung der drei anderen Autoren, die das Vorprogramm zur Preisverleihung bestritten: eine Verletzung der sanften, melodiösen Gedichte Jan Wagners, der stillen, ausgesprochen formstrengen, bisweilen schwebenden Gedichte Marion Poschmanns und – daß der sich nicht wehrte! – der radikalen und doch gefährdeten Sprache der „100 Liebesgedichte” von Michael Lentz. Sie waren meine Entdeckung des gestrigen Abends.
Der Frankfurter Dichter Paulus Böhmer hat für sein lyrisches Gesamtwerk am Donnerstag den Hölty-Preis für Lyrik in Hannover erhalten.
Der von Stadt und Sparkasse gestiftete Preis gilt mit 20 000 Euro als der höchstdotierte Preis für Lyrik im deutschsprachigen Raum. Er wird seit 2008 alle zwei Jahre verliehen und erinnert an Ludwig Christoph Hölty (1748-1776), einen bedeutenden deutschen Lyriker. / Focus
Nun hat der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Stefan Sienerth, die schriftliche Erklärung entdeckt, mit der sich der junge Oskar Pastior verpflichtete, als „IM Stein Otto“ für den Geheimdienst Securitate tätig zu werden. Sienerth hat auch herausgefunden, wie es dazu kam: Demnach war Pastior unter anderem wegen einiger antisowjetischer Gedichte, die er während seiner Gefangenschaft geschrieben hatte, ins Visier der Securitate geraten. Am 8. Juni 1961 wurde ihm dann die Zusage zur Mitarbeit abgenötigt. / Süddeutsche Zeitung
Schwer, keine Satire zu schreiben. Und ungerecht, es zu tun. Was kann Daniela Danz dafür, wenn Die Zeit ausruft: „Die deutsche Lyrik hat eine neue Stimme“ (ihrem Rezensenten Florian Illies verschlägt es selbige keineswegs, im Gegenteil, es beflügelt ihn zum Selberdichten: „Wie Daniela Danz in ihrem Band »Pontus« den Atem der Geschichte* in Poesie übersetzt“, Die Zeit 13/ 2009). Und ist Ann Cotten schuld, wenn dieselbe Zeit knapp anderthalb Jahr später sie zur Jeanne d’Arc ausruft, die die deutsche Lyrik aus dem Würgegriff der Experimentellen befreit? Neinnein, meine Anmerkungen betreffen keine der genannten Autoren (die ich selber durchaus unterscheiden und jedenfalls keiner Gruppe, auch keiner Spitzen-Gruppe zuschlagen möchte), auch keinen der anderen von ihm ehrend genannten Autoren. Es geht mir ausschließlich um die Art, wie im Hochfeuilleton über Lyrik geschrieben wird. Keine Satire; aber ein bißchen Polemik.
Jochen Jung schreibt in der jüngsten Zeit über ein neues Buch von Ann Cotten. Er lobt es sehr, und auch ich glaube, es verdient Lob. Soweit stimmen wir überein. Es bereitet Mühe, aber die wird belohnt, sagt Jung. Glaub ich auch.
Dann hebt er zu einer Einordnung an, stante pede und hohen Flugs:
Gerade geht ja das Jahrzehnt zu Ende, in dem ein Dutzend in den Siebzigern Geborene die Eckensteherin Lyrik wieder ans Licht holten, dass es eine helle Freude war. Bei Gedichten dachten dazumal die meisten ja nur noch an Robert Gernhardt, den Wilhelm Busch jener Jahre, von dessen Auflagenzahlen wie von den Zahlen der ihm zufliegenden Herzen selbst Rilke oder Benn nicht einmal hätten träumen können. Gewiss, Witz sells, erst recht, wenn er so lebensklug gekonnt ist wie bei Gernhardt, aber Lyrik kann und will doch entschieden mehr.
Das zeigten damals so ungleiche Flugtiere wie Nico Bleutge, Daniela Danz, Marion Poschmann oder Ron Winkler, um ungerechterweise nur ein paar zu nennen. Sie wussten und wissen unserer Alltagswelt bilderreich und formbewusst einen Glanz zu geben, den ihr die Prosaschreiber streng und neunmalklug verwehrten. So ist es denn auch ganz richtig, dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Ich könnte weiter zitieren, werde es auch, aber ein paar Anfragen sind fällig. Jung fliegt über zwei Jahrzehnte, in denen, auch in der Lyrik, viel los war. Aber was genau? Sein „ja“ heischt Konsens – vielleicht zu schnell. Ja und ja: viele neue Namen tauchten auf, und auch die helle Freude sei konzediert. Ungleiche Flugtiere: aber hallo, klar doch! Und wie war das noch vorher, dazumal? Die meisten hätten damals nur an Gernhardt gedacht? War das so?
Ich hab Gernhardt gelesen und über seinen Witz geschmunzelt, ja: wenn ich an Gernhardt dachte. Wenn ich an Lyrik dachte, in den 90er Jahren: o, es gab die Älteren, unsortiert und willkürlich: Mickel Jandl Pastior lebten da noch! Kling! war noch jung und lebte, Hilbig! Mayröcker Hein Endler Erb Lorenc Meckel Klünner waren da, Papenfuß Fels Kolbe Rosenlöcher Häfner, etliche aus Rumänien Gekommene waren noch oder wieder da; Jüngere tauchten auf, Stolterfoht Falkner Beyer Lentz Kunst Egger Waterhouse Czernin …, manche Ältere lernte ich jetzt erst kennen, Richard Anders zum Beispiel; mancher Name, der gar nie ins Feuilleton gelangte… lange müßte ich aufzählen, bevor ich zu Gernhardt komme. Nicht meine Freunde und ich: die Zeit wars, die nur an den einen dachte, die ihm seitenlange Kolumnen bot, was gut gewesen wär, wenn nicht das einzige. Sind wir die wenigsten? Sind die die meisten? Ach was! Lyrik konnte und wollte und tat entschieden mehr als das Feuilleton fressen wollte.
Aber war es so nicht überhaupt? Kannte ich das nicht aus der verblichenen Republik? Eine dürre Gouvernante, die einen blühenden Garten beschimpft, sagte Endler, da war ich Student. Wenn ich schimpfen durch ignorieren ersetze: eine perfekte Definition des Feuilletons.
Und heute? In der Mitte jenes von Jung genannten Jahrzehnts „tauchten“ nicht nur neue Namen auf. Wenn sie „auftauchen“, waren sie längst schon dagewesen. 1992 erschien die erste Nummer von Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“. Von Anfang an vermischt Alte und Junge, Ost- und Westler, „Experimentelle“ und eher „Traditionelle“, Bilderreiche, Glänzende und Schrille. In Nummer 1 Grünbein Kerstin Hensel Schertenleib Söllner Norbert Weiss, Nummer 6 Donhauser Duden Igel Kempker Steiger Stolterfoht…; ich springe zu 29: Aebli Camenisch Stefan Döring Enzinger Norbert Lange Lars Reyer Schlenker Tom Schulz, noch mal zurück, 24: Bleutge Bossong Ann Cotten Falb Jackson Rinck Scho…: das war die Lyrik, die wir lasen. Andere Zeitschriften und Verlage wären zu nennen, meist kleine. Das meiste nicht feuilletonabel: na und?
Und dann passiert die wunderbare Verwandlung. Eine Handvoll Großkritiker in den Großen Zeitungen sattelt um und setzt auf neue Pferde. Was setzt: sie erfinden sie. Sie glauben, daß sie sie entdeckt haben. Kookbooks wird das neue Paradigma. (Und dieser großartige Verlag kann nichts dafür: ich spreche vom Feuilleton). Kein Kookbooks-, ein Feuilletonhype!
Nicht daß sie diese Autoren loben, verdient Kritik; daß sie sie loben, um andere herab- (und sich hinauf-) zusetzen. Gleich im nächsten Satz bei Jung geht’s richtig los:
… dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Jan Wagner, ja, aber nicht Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht oder Raphael Urweider,
(schöne Reihe das!)
… nicht eine oder einen jener also,
(also!)
…die unter Lyrik weniger Wirklichkeitszauber verstehen und dafür mehr mit Ideen arbeiten, …
(meint der jetzt Egger oder eher Urweider???)
vor allem aber mit und an der Sprache selbst.
(Urweider oder eher Stolterfoht?????)
Das geht so weiter, jetzt kommt der ganze Schmarrn mit den „Experimentellen“, die in der „Bastelecke“ sitzen, „von der Leserschaft kaum wahrgenommen“, aha, also anders als Ann Cotten, Ron Winkler, Nico Bleutge? Vielleicht sollte man erst mal Verkaufszahlen erforschen. Suhrkamp (Ann Cottens Verlag) wird höhere Auflagen haben als Kookbooks: aber werden auch mehr verkauft? Mehr gelesen? Nehmen wir mal drei Suhrkampautoren, von denen dieses Jahr Gedichtbände erschienen: Ann Cotten, Nelly Sachs und Oswald Egger. Wer von denen wird mehr verkauft? Mehr besprochen? Mehr gelesen? Nur für die mittlere dieser Fragen würde ich eine Vermutung wagen. Wobei es Unterschiede zwischen, sagen wir Zeit und FAZ geben wird. (Während die Schweizer Neue Zürcher, wie mir scheint, ohnehin weniger von solchen Frontstellungen betroffen ist.)
Von allen großen Zeitungen die geringste Lyrikkompetenz aber hat gewiß die Tante Zeit. Daran wird das Cottenlob wenig ändern. Wiewohl es zu begrüßen ist. Noch begrüßenswerter, wär es nicht mit jener Frontstellung gekoppelt, auf die ich noch etwas eingehen möchte.
Jungs hämische „Experimentellen“-Schelte soll genauer betrachtet werden. Er scheint sich um sie zu sorgen, und dabei braucht er keine Anführungszeichen:
Ihnen, die man mit einem unerfreulichen Anklang an den Physikunterricht die Experimentellen nennt…
Man? Er also gerade, Jung, nennt sie so, und es erinnert ihn unangenehm an den Physikunterricht. Vielleicht hatte er keinen guten, mag sein. (Für mich waren die Experimente in Physik und Chemie überhaupt nicht unerfreulich). Andererseits vergesse ich bei dem Wort nie die Anführungszeichen. Er braucht sie aber für seine Metaphorik und für seine Bewertung. Ehrlicher wäre aber doch, er sagte „ich“ statt „man“.
ihnen, vor denen keine Syntax sicher ist
ja, das scheint schlimm zu sein, heilige Syntax! Sollte mal Klopstock lesen: den Dichter und den Grammatiker!
… schien die Sprengkraft abhandenzukommen.
Na immerhin kann nur das abhandenkommen, was zuvor da war.
Dabei macht er eine kleine feine Ausnahme. Die Experimentellen ohne „“, die von der Leserschaft „kaum wahrgenommen in einer Art Bastelecke“ saßen, wären, meint er, nicht nur kaum, sondern gar nicht wahrgenommen worden, hätte nicht eine,
… die Älteste unter ihnen, Friederike Mayröcker, sich als mirakulöses Blumenkind entpuppt
Sieh mal an, an die traut er sich nicht heran! Auch das erinnert mich an DDR-Zeiten. In den 70er Jahren hatte ich als Student in Ostberlin Gelegenheit zu Gesprächen mit dem kanadischen Schriftsteller Jack Winter, der eine großartige Paraphrase auf Mark Twains bitterböse Satire gegen den belgischen König Leopold geschrieben hatte, jenen Leopold, dem das riesige Kongoland als Privatbesitz gehörte, King Leopold’s Soliloquy. Winter sprach mit mir über die kulturpolitischen Verhältnisse in der DDR und sagte: Sie wollen (er meinte nicht mich, sondern die Verwalter) von allem nur einen Vertreter. „And I know why“, so begann meine Antwort. Diese Kritiker ähneln jenen, auch hier: Sie loben die eine neue Stimme, and I know why! Auch hier geht es um Herrschaft, um Kontrolle. Sie verabscheuen jene, die sie Experimentelle nennen, aber verehren oder respektieren den einen Jandl, die eine Mayröcker. Spät in beiden Fällen, aber dann doch. Warum, das sagen sie freilich nicht. Verdienen die etwa solche Verteidiger? Es geht um Kontrolle, und es offenbart den Spießer, der die Abartigen verabscheut, aber den einen Großen oder die eine Große auch mal ausnimmt.
Ich sagte, er sorgt sich um die Experimentellen. (Was auch immer es sagt, wenn man etwa Friederike Mayröcker mit dem Wort belegt). Ihnen komme die Leserschaft abhanden und die Sprengkraft. Es kommt noch schlimmer.
Noch schlimmer:
Sagt Jung,
Dass da überhaupt gelegentlich gesprengt werden muss in der Literatur, die vor lauter Inhalt ganz formvergessen ist,
was auch immer das heißt, und über wen,
das schien eine Jeanne d’Arc zu brauchen.
So kriegt er den Bogen zurück zu Ann Cotten. „Ab sofort“, dekretiert die Zeit, gehören ihre Gedichte
zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann…
Jawoll doch, ja, kann sogar sehr gut sein. Aber brauche ich dafür die Zeit? Ich halte es lieber mit Urs Engeler und den anderen, denen es um die vielgestaltige Lyrik geht und nicht um Zensuren und Marschordnungen.
Ich aber ende mit einem letzten Zeit-Zitat:
Die Jungfrau wirft den Fehdehandschuh.
Jeanne de Cotten, voilà:
Dass ihr nicht alles gefällt, was die Kollegenschaft so schreibt, war bei einer so extremen Position, wie sie sie anpeilt, zu erwarten…
So extrem: das lasse ich mal da stehen, wo es steht, in der Zeit Nummer 38, Seite 53.
*) Als Jüngling schrieb ich auch mal Gedichte. In einem quasi ähnlich: „der Atem der Geschichte / aus ihren Mündern o wie süß! / ruf ich im Chor“. (Pardon, ich meinte das aber ironisch)
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