64. Kein Religionsstifter

Schon die beiden Ägyptologen James Henry Breasted (USA) und der Brite Arthur Weigall hatten vor rund hundert Jahren nach dem Fund des so genannten Großen Sonnenhymnus in Amarna Echnaton zum ersten Kandidaten für die Stelle des Ur-Monotheisten gekürt. Damit begründeten sie eine Genealogie, deren Glaubwürdigkeit in erster Linie auf der Behauptung basiert, die Amarna-Texte seien die frühesten Dokumente einer Buchreligion. Fortan kaprizierte sich die Ägyptologie auf die Auslegung überlieferter Texte – Schrift, Schriftgedächtnis und Sinngeschichte waren und sind seither die privilegierten Orte der Forschung.

Man muss es deshalb uneingeschränkt begrüßen, dass wir jetzt mit einer Echnaton-Deutung konfrontiert werden, die das semantische Feld neu aufrollt, indem sie Bild, Körpergedächtnis und Sinnlichkeit in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt und damit gewissermaßen eine „heiße“ Theorie der Amarna-Epoche präsentiert. Der Heidelberger Privatgelehrte Franz Maciejewski, dem wir mehrere Freud-Studien verdanken und der mit dem ägyptologischen Terrain ebenso vertraut ist wie mit dem der Gedächtnisgeschichte und der Psychohistory, entziffert die geheimnisvolle Gestalt des „Ketzerkönigs“ Echnaton gleichsam materialistisch.

Löst man sich nämlich einmal von der durch Freud, Thomas Mann und Jan Assmann beglaubigten Monotheismusthese, so tritt eine Figur ans Licht, der alle Züge eines idealen Gottsuchers und Religionsstifters abgehen. Der Autor stellt sogar mit Gründen in Zweifel, ob der Große Sonnenhymnus, „Grundtext der Amarnareligion“ (Assmann), auf Echnaton persönlich zurückgeht, wie die Ägyptologie mehrheitlich annimmt. Wenn aber nicht Echnaton selber der Urheber des Textes ist, dann bricht die ganze Konstruktion der Atonreligion aus dem Geiste des Monotheismus wie ein Kartenhaus in sich zusammen, weil ihr der Kopf fehlt. …

Maciejewski rekonstruiert die abenteuerlichen macht- und sexualpolitischen Spiele einer Familie, die nicht weniger im Auge hatte als die Tilgung des Makels ihrer bürgerlichen Herkunft und damit einen dynastischen Umsturz. / Hans-Martin Lohmann, FR 13.9.

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