100. Meridian Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. …

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben. …

Und auch die Studenten im Festsaal applaudieren überrascht, wenn der Schweizer Schriftsteller Andreas Saurer sie bei der Rezitation seiner aphoristischen Gedichte in fließendem Rumänisch, wenn der deutsche Poet Hendrik Jackson sie in perfektem Russisch anspricht. Man interessiert sich also doch für diesen vergessenen Teil Europas. Durchaus hermetische Lyriker wie Elke Erb oder Brigitte Oleschinski kehren bei der Reise nach Czernowitz zu den Wurzeln des Genres, zu Paul Celans verdichteten und verrätselten Innenbildern zurück.

Wenn Gerhard Falkner sein schönes Poem vom Stadtplan als Gedicht und von den Straßen als Zeilen und den Häusern als Wörtern vorträgt, dann fühlt man sich zu Fuß unterwegs im untergegangenen Czernowitz, das für die Fremden aus magischer Poesie besteht.

/ Dirk Schümer, FAZ.net 22.9.

Zum Thema im FAZ-Archiv:

Über Josef Burg: Uwe von Seltmann: In Memoriam Josef Burg

L&Poe 2009 Aug #041. Josef Burg gestorben

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