17. Laudatio auf Marion Poschmann

Bettina Schulte: Laudatio auf Marion Poschmann zum Peter-Huchel-Preis am 3. April 2011

Wer mit Marion Poschmanns Gedichten in Berührung kommt, gerät ins Schwimmen. Das kann man zunächst buchstäblich verstehen. Das Element dieser Dichterin ist das Fluide: Wasser in allen Aggregatzuständen – als Welle, als Wolke, als Nebel, als Dampf, als Regen, als Eis, als Schnee. Man folgt ihr in Räume unter Wasser: „du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben, /zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer“; in Räume voller Schäume: „sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen / war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand“; in Räume, in denen das Wasser von oben kommt: „es spritzt, es zischt. Fontänen prasseln /nieder auf mich“. Man folgt ihr – in Reminiszenz an eine Kindheit unter Brustenge und Atemnot – ins Solebad im Mülheimer Raffelbergpark mit seinem Inhalationsraum. Dort „atmen (wir) einander ein mit der Geduld der / Engel, Cumulonimbus, Cirrus, Stratus, / inhalieren unsere Schemen, es ist /nichts zu erkennen.“ …

Nein: Die Lyrikerin stellt die sinnliche Gewissheit selbst auf den Prüfstand. Sie nimmt den Prozess der Wahrnehmung selbst ins Visier, indem sie das empirische Sehen auf seine seit Platon behauptete Erkenntniskraft testet. Mit fragwürdigem Ergebnis. Die überwiegend dem Sehvorgang gewidmeten Kapitelüberschriften des Bandes sprechen eine klare Sprache: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ und „Nachbilder“ werden angekündigt. Und das Kapitel ziemlich in der Mitte der Sammlung – es umfasst die meisten Gedichte – variiert den Titel: „die Geisterseher“.

In dieser Zentralabteilung wird der Leser mit „Bilokation“ und „Levitationen“ konfrontiert, zwei klassischen Phänomenen aus dem Reich des Spiritismus. Doch handelt es sich bei Marion Poschmann durchaus um irdisch-diesseitige Beobachtungen: um „Beleuchtungskörper, die in Unterführungen / unter der Decke schwebten“. Damit indes begnügt sich das Gedicht nicht. Schließlich ist die Heilige Stadt der Katholiken Rom im Spiel. Und so heißt es weiter: „zerwühltes / Licht an den Wänden, die Laken und Schweißtücher /bleicher Leiber –“. So elegant kann das Gedicht, selbst mit der Gabe der Bilokation ausgestattet, den Schauplatz wechseln und auf jene Levitation anspielen, die das Kernstück des römischen Glaubens ausmacht – um aber keineswegs abzuheben, sondern fast rüpelhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen: „elektrifizierte Reliquien, /umschwirrt von Fliegen und Pißgeruch, / sie brannten“, lauten die drei desillusionierten letzten Verse des Gedichts.

Man sieht: Das ist bei aller poetischen Geisterseherei und allen poetologischen Unschärferelationen, bei allem „Dämmerungssehen“ der „Spähtrupps des Unterbewusstseins“, sehr bewusst und sehr präzise gearbeitet. Neben den vertikalen Vernetzungen im Gedicht gibt es gleichzeitig ein horizontales Verweissystem von atemberaubender Dichte. Oft sind es Gedichtpaare, die sich spiegelbildlich gegenüberstehen: „vage Einsichten“ und „vage Aussichten“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Velàsquez)“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Bacon)“; „Vanitasgedanken bei Nacht“, „Vanitasgedanken am Tag“ – darüber hinaus die Minizyklen „Glanz“ und „Dampf“.
Das Double „vage Einsichten“/ „vage Aussichten“ sticht durch eine Eigenheit noch hervor: Es handelt sich um gereimte Sonette. Wie Marion Poschmann die aus der Renaissance überlieferte Urform des Gedichts wiederbelebt und tauglich macht für das 21. Jahrhundert: Das ist ganz hohe Kunst. Hören Sie selbst die die virtuosen und klangschönen Verse der Dichterin.

sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen
war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand
und meinem Spiegelbild es schien mir unbekannt
ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen.

dies war der Stoff, aus dem sich nackte Körper bäumen.
der bleiche Wasserdampf, die ausgetilgte Hand.
ein Bild, ein Fertigteil mit ungewissem Rand
wie ist die Welt so still in Seifenblasenräumen.

es fiel mir leicht, und doch – wie wäscht man Spiegelbilder?
meins floh, es war nur schwer zu mir zurück zu bitten
aus blindem Kondensat in diese Zimmerzeit.
ich wischte weg, was war, ich sah mich mild und milder.
ich lag dort aufgebahrt in meinem Dämmerkleid
ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten.

/ Badische Zeitung

Mehr: Bericht der „Badischen Zeitung

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