„Für mich ist das heute in erster Linie sein Todestag, also ein Trauertag, und das tut natürlich weh.“ Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller war sehr bewegt, als gestern im Thüringer Landtag ein Denkmal enthüllt wurde, das von nun an öffentlich an ihren Freund und Mitstreiter, den 1999 im Alter von 48 Jahren verstorbenen Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs erinnert. / Thüringische Landeszeitung
poesiefestival berlin
Fr 24.6.
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Katharina Schultens 12:30 Hendrik Jackson 15:00: Ursula Krechel
Mit freundlicher Unterstützung durch: Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Berliner Fenster, Stiftung Berliner Mauer
Fr 24.6. ab 10:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €1,50 Anmeldung erbeten unter bildung(at)literaturwerkstatt.org
Viele Texte ihres letzten Gedichtbandes „Dschinn“ (2007) entstanden auf und handeln von Mallorca. Doch mit Betrachten gab sich Sabine Schiffner, die heute zwischen Köln und Palma lebt, nicht zufrieden: Sie wollte „in diese Welt rein“ und studierte Katalanisch.
In einem Gespräch mit der Mallorcazeitung sagt sie:
Poesie zu übersetzen, gilt als extrem schwierig.
Es ging erstaunlich gut. Ich glaube, das lag weniger an den Gedichten als am Mallorquinischen. Die Sprache eignet sich ideal für Poesie. Wir haben fast immer treffende Ausdrücke gefunden.
„Dschinn“. Deutsch-katalanische Lesung mit Sabine Schiffner und Rosa Planas, Dienstag (28.6.), 20 Uhr, Kulturzentrum Can Alcover, C/. Sant Alonso, 24, Palma. Eintritt frei.
Am Dienstag (28.6.) findet im Kulturzentrum Can Alcover in Palma eine deutsch-katalanische Lesung ihrer Arbeiten statt
poesiefestival berlin
Do 22.6. U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Ulrike Draesner 12:30 Norbert Lange 15:00 Philip Maroldt
Do 22.6. ab 10:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €1,50 Anmeldung erbeten unter bildung(at)literaturwerkstatt.org
Ach was, das sind Gedichte? Marica Bodrožic in der Versfalle.
So ist eine Kurzkritik von Michael Wüstefeld im Poetenladen überschrieben.
Ach was, das ist eine Kritik? Steckt etwa Rezensent Wüstefeld in der Verrißfalle?
Die Kritik ist mit 19 Sätzen angenehm kurz. Der kürzeste, Satz 2, hat nur 3 Wörter und 1 Zahl. 3 der 19 Sätze zitieren zwischen 1 Wort und 1,5 Versen aus dem kurzbesprochenen Gedichtband.
6 der 19 Sätze sprechen über das Leben und Treiben der Autorin und die Aufnahme von Person und Werk durch die Umwelt (Goetheinstitut, universitäre Einrichtungen, Preisjurys, Kritik…). Die Aufmerksamkeit für diese Autorin scheint dem Rezensenten unangemessen. Klingt mir ein bißchen nach Neid. (Kann mal jemand den Rez. einladen?)
5 Sätze beinhalten vorwiegend einfache, unwiderlegbare Aussagen über den Gedichtband, wie: 1. er hat 68 Seiten, 2. 25 Gedichte, daraus folgt 3. daß jedes Gedicht im Schnitt länger als 1 Seite ist, aber 4. einer hat nur 17 Zeilen.
Sätze 3, 4, 5, 7, 12, 16 und 17 (mithin 7 von 19) behaupten, daß es sich nicht um „Gedichte“, „Verse“, „Prosagedichte“ und „Poesie“ handelt, ohne die Spur eines Arguments.
2 Sätze verwenden stattdessen die Bezeichnungen „Textgebilde“ und „Versversuche“, auch hier ohne Beweisführung.
Der Verfasser dieser „Kurzkritik“ weiß, was Gedichte, Verse und Poesie sind. Sagt es uns aber nicht.
Der letzte Satz ist widerlich und ich wünschte, der Ladenchef hätte ihn gestrichen.
Marica Bodrožic
Quittenstunden
Otto Müller Verlag, Salzburg 2011
An neuen Texten sind seither für die vorhellenistische Zeit nur poetische Bruchstücke von Archilochos, Sappho und Simonides hinzugekommen. Doch die griechische Literatur gerade der ersten vier Jahrhunderte steht heute in weiten Teilen völlig anders da als vor sechzig Jahren. Die homerischen Epen werden interdisziplinär untersucht, bei den Lyrikern interessieren Kommunikationsbedingungen und Performanzen, man hat gelernt, die Tragödie als Teil der politischen Kultur Athens zu verstehen, Mündlichkeit und Schriftlichkeit gelten nicht mehr als scharf voneinander abgegrenzte Phasen, die Rezeptionsgeschichte ist neben die traditionelle Textgeschichte getreten. …
Zu den hermeneutischen Chancen eines solchen Handbuchs gehört es, konträre Positionen scharf zu konturieren, ohne die agonistische Situation der ursprünglichen Debatte reproduzieren zu müssen. Wie das geht, zeigt die Einleitung zum Abschnitt über die Lyrik: Die neuere pragmatische Interpretation, in der die Dichtungen in soziale und religiöse Handlungsakte eingebettet erscheinen, hat sich weitgehend durchgesetzt, ohne dass damit die von Wilamowitz betriebene biographische Interpretation oder die zumal in Deutschland durch Forscher wie Hermann Fränkel und Bruno Snell einflussreiche geistesgeschichtliche Auffassung „widerlegt“ wären – beide haben wichtige Ergebnisse erbracht, erstere durch eine umfassende Erschließung und kritische Durchleuchtung des Überlieferungsbestands, letztere durch das Aufzeigen der großen Ideenlinien und gemeinsamen Anliegen der Dichter. Gegen modische Trends wagt der Bearbeiter eine vorsichtige Generalisierung: Insgesamt lasse sich die Tendenz zu einer grundsätzlichen Identität zwischen dem realen und dem poetischen Ich feststellen – um sogleich einzuräumen, dass dies speziell bei Pindar sehr umstritten sei. / Uwe Walter, FAZ
Bernhard Zimmermann (Hrsg.): „Handbuch der griechischen Literatur der Antike“. Erster Band: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. Verlag C.H. Beck, München 2011. XXVIII, 816 S., geb., 138,- Euro.
Aus der „Griechischen Anthologie“, Buch XI: Trink- und Scherzepigramme
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Der Grammatiker umtriebiges Geschlecht, Wurzelgräber der Musen
Anderer, traurige Motten im Flug von Distel zu Distel,
Quälgeister der großen Geister, wagt es, euch mit Erinna zu brüsten,
wadenbeißende kläffende Köter des Kallimachos,
Poetenpest, Kinderverschatter,
verzieht euch, heimlich nagende Schädlinge der schönklingenden Dichtung!
Γραμματικῶν περίεργα γένη, ῥιζωρύχα μούσης / ἀλλοτρίης, ἀτυχεῖς σῆτες ἀκανθοβάται, / τῶν μεγάλων κηλῖδες, ἐπ‘ Ἠρίννῃ δὲ κομῶντες, / πικροὶ καὶ ξηροὶ Καλλιμάχου πρόκυνες, / ποιητῶν λῶβαι, παισὶ σκότος ἀρχομένοισιν, / ἔρροιτ‘, εὐφώνων λαθροδάκναι κόριες. (Antiphanes)
Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken). Der erste Band wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen. Das 11. Buch kommt in den 3. Band und wird von Christoph Kugelmeier übersetzt. Die obige Übersetzung stammt von Dirk Uwe Hansen (nicht aus der Ausgabe).
Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 3. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 83
Wikipedia ist hier noch einsilbig bzw. -sätzig:
Antiphanes of Macedon is the author of ten epigrams in Greek Anthology; one of these is headed as Antiphanes of Megalopolis and may be by another poet.
Die katalanische Version hat dagegen 4 Sätze:
Antífanes (Antiphanes, Ἀντιφάνης) fou un poeta epigramàtic grec.
Alguns dels seus epigrames es conserven a l‘antologia grega. Va viure després de Meleagre, en temps de l’emperador August. Filip de Tessalònica va incorporar alguns dels seus epigrames a la seva antologia, cosa que ens els ha conservat.
Die Aufbau-Ausgabe sagt:
Antiphanes: Von Makedonien bzw. Megalopolis, 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts u.Z.
Lustig ist, daß Megalopolis beinahe die griechische Übersetzung von „Mecklenburg“ ist, bzw. umgekehrt, Meckel = michel, groß (Gegensatz zu Luxemburg = lützel, little burg). Nur „Stadt“ statt „Burg“. Die Herzöge von Mecklenburg waren ja trotz des deutschen Namens Slawen wie die Makedonier seit dem Mittelalter. Makedonien wiederum hat auch „groß“ im Namen:
The name Macedonia (Greek: Μακεδονία, Makedonía) is related to the ancient Greek word μακεδνός (Makednos). It is commonly explained as having originally meant ‚a tall one‘ or ‚highlander‘, possibly descriptive of the people.
Außerdem umfaßt das slawische Wort „grad“, „gorod“ sowohl Stadt als Burg (Petrograd = Stadt Peters = Petersburg). Im übrigen wird auch der Name „Gratz“ von dem Wort abgeleitet, also Stadt- oder Burgbewohner. Hochgewachsene Stadtbewohner zwischen Deutschen und Slawen oder zwischen Dichtung und Grammatik. Stimmt schon. [Andere Deutung: gracz, polnisch Spieler]
Die kurze, einfältige Antwort: am besten gar nicht.
Der Film «Howl» nach dem gleichnamigen Gedicht von Allen Ginsberg verdient eine gründlichere Antwort. Denn dieser Bastard, gezeugt aus verschiedenen filmischen Gattungen, ist ohne Zweifel eine der aufregendsten Literaturverfilmungen, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Ob sie als solche auch geglückt ist, ist wieder eine andere Frage. …
Das ist, im klassischen Rahmen eines amerikanischen Gerichtsdramas, immer auch grossartiges Schauspielerkino: David Strathairn als Staatsanwalt führt seinen Prozess wie ein Buchhalter, der sich an einem Literaturseminar auf der Grundstufe versucht. Das ist weniger ein puritanischer Eiferer als ein aufrechter Pedant. Wenn er die sexuell aufgeladenen Passagen als Beweismaterial vorträgt, dann klingt das, als wäre der menschliche Körper irgendein technisches Gerät und die Lyrik eine Bedienungsanleitung dazu. Was das denn zu bedeuten habe, so will er von einem Professor wissen, wenn Ginsberg in seinem Gedicht von «engelköpfigen Freaks, gierig nach der alten himmlischen Verbindung zum Stern-Dynamo in der Maschinerie der Nacht» schreibe. «Sir, Sie können Poesie nicht in Prosa übersetzen», sagt der Professor wie zu einem etwas begriffsstutzigen Kind. «Darum ist es Poesie.» …
Im Film nun lässt er ausgezehrte Männer durch Strassenschluchten segeln, ein Saxofonist sprüht einen Goldregen aus seinem Horn, und wenn im Gedicht von «karibischer Liebe» die Rede ist, explodieren Spermien wie Feuerwerk am Himmel.
Bilderbogen statt Streubombe
So wird, was in der Sprache der Lyrik flüchtig und ungezähmt bleibt, im Kino in platte Bilder gegossen. Der Zeichentrick operiert hier wie eine illustrative Krücke, die unsere Fantasie behindert, statt sie zu entfesseln. So bewirkt Drookers Bebilderung des Gedichts genau das Gegenteil von dem, was uns der Film sonst weismachen will: Das Gedicht, das angeblich wie eine Streubombe der Befreiung in die amerikanische Gesellschaft geplatzt ist, zieht als dekorativer Bilderbogen vorüber. Der literarische Sprengsatz implodiert in der Banalität.
Wie also verfilmt man ein Gedicht? Es braucht dazu nur die Sprache. Und einen Schauspieler wie James Franco, der sie zum Schwingen bringt. / Florian Keller, Tages-Anzeiger
poesiefestival berlin
Mi 22.6.
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Anne Krüger 12:30 Zehra Çırak 15:00 Björn Kuhligk
Festzuhalten bleibt aber, dass die Friedenspreisjury es nicht einmal in diesem Jahr geschafft hat, einen Autor auszuzeichnen, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt. Dabei gibt es mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren, die ebenso gut oder schlecht auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind wie Sansal und literarisch locker in derselben Liga spielen: der Ägypter Alaa al-Aswani, die Palästinenserin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Libyer Ibrahim al-Koni, der Syrer Adonis.
Aber einen von diesen Autoren zu wählen, war der Jury offenbar zu riskant: Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, Al-Koni, Khalifa, Khoury, Al-Aswany auszeichnet? Wurde Adonis und Al-Koni nicht gerade noch vorgeworfen, sie stützten irgendwie die repressiven Regime in ihrer Heimat, ja, sie seien mit denen sogar verbandelt? Wie die beiden sich wirklich zur Revolution positionierten, hat dann leider niemanden mehr interessiert, nachdem ein aus der Hüfte geschossener Denunziationsjournalismus den Verdacht erst einmal ausgesprochen hatte. Sahar Khalifa? Zu brisant, da eine vehemente Israelkritikerin. Dass Khalifa auch eine fulminante Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-arabischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe. So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren: Wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett ab.
Was uns Boualem Sansal am 16. Oktober in der Paulskirche sagen wird, wissen wir noch nicht. Aber in seinem bisherigen Werk deutet wenig darauf hin, dass er uns unangenehme Fragen stellen wird. / Stefan Weidner, Süddeutsche 14.6.
Metrópolis heißt eine mexikanische Lyrikzeitschrift, die in ihrer Nr. 36 („Gratis-Exemplar“) neue deutsche Lyrik vorstellt.
http://www.revista-metropolis.com/
Die Onlineausgabe besteht aus einer großen Jpg-Datei (13 MB), die über Flash so gesteuert wird, daß sie auf Mausbewegung reagiert (was das Lesen etwas schwierig macht. Wer will, kann sich von mir die jpg schicken lassen – die hält wenigstens still.)
Sie enthält Texte von René Hamann, Carl Christian Elze, Ann Cotten, Ulrike Almut Sandig, Sabine Scho, Jan Volker Röhnert, Peggy Neidel, Ron Winkler, Christoph Wenzel und Swantje Lichtenstein.
Sure, Yale just announced a really big literary award that will grant prizes of $150,000; so far, poetry isn’t included. But the Claremont Graduate University has poets covered — with the $100,000 Kingsley Tufts Poetry Prize.
What’s more, Yale’s new prizes will have a closed nominations process; the Kingsley Tufts Poetry Prize is now accepting submissions for the 2012 prize.
Previous Kingsley Tufts Poetry Prize winners include Chase Twichell, D.A. Powell, Henri Cole and Yusef Komunyakaa. The award was first presented in 1993; it is designed to support the work of a mid-career poet. / Los Angeles Times 21.6.
Gemessen an der Bedeutung seiner Werke, wissen wir wenig Gesichertes über das Leben William Shakespeares. Bekannt sind die Lebensdaten, alles andere schluckt das Dunkel der Überlieferungslücken. Biografen bleiben auf Mutmassungen angewiesen. Wieso also sollte eine solche Biografie nicht gleich erfunden werden, erzählt als Roman? Dies mochte sich der 1964 in Biel geborene und heute in Berlin lebende Lyriker Armin Senser gefragt haben, der seit Ende der neunziger Jahre mit rhapsodischer Lyrik das Gedicht als erzählerisches Genre und zumal auch als ein eminentes Medium der Reflexion zu gestalten wusste.
Doch musste Armin Sensers erfundene Shakespeare-Biografie (die sich übrigens in den Eckdaten weitgehend an die Überlieferung hält) gleich ein «Roman in Versen» sein, wie das Buch im Untertitel heisst? Kann so etwas gutgehen? Die Antwort lautet ganz entschieden: Das kann nur so gutgehen. Das hat lediglich zum geringeren Teil damit zu tun, dass die freie Imagination mit der Form – im Rhythmus, in den vielfach im Reim gebundenen Versen – gebändigt wird. Wichtiger und höher zu veranschlagen dürfte das reflexive Potenzial der gebundenen Sprache sein. Als Vers objektiviert sich die erzählerische Anschauung in der Abstraktion des Formzwangs und erhält in solcher Zuspitzung eine gedankliche Schärfung, zu der die Prosa ohne Stilbrüche kaum in der Lage wäre. / Roman Bucheli, NZZ 21.6.
Armin Senser: Shakespeare. Ein Roman in Versen. Edition Akzente, Hanser-Verlag, München 2011. 328 S., Fr. 32.90.
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