Der israelische Dichter Uri Zvi Greenberg (1896-1981) war einer der großen expressionistischen Dichter der hebräischen Lyrik. Er wurde in einer Chassidim-Familie in Bialikamin in Galizien geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Als er anderthalb Jahre alt war, zog seine Familie nach Lwow (Lemberg).
1912 veröffentlichte er erste Gedichte auf Hebräisch und Jiddisch. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat im österreichischen Heer an der serbischen Front. Nach der Unabhängigkeitserklärung Polens 1918 gab es ein Pogrom in Lwow, das seine Familie wie durch ein Wunder überlebte.
1923 ging er in der dritten Einwanderungswelle nach Israel. 1931 – 1935 war er Redakteur der jiddischen Zeitschrift „Le monde“ in Warschau. 1936 ging er nach Palästina zurück, 1937 wieder nach Polen und 1939, zwei Wochen nach Kriegsausbruch, endgültig nach Israel. Seine Angehörigen wurden in der Shoah ermordet. Er wurde Abgeordneter der ersten Knesset und bekam 1957 den israelischen Preis für Schöne Literatur. / Eliane Ketterer, Israel Valley 23.6.
Hier gibt es (nationalistische) Gedichte auf Englisch
Die Besonderheit des Issatals liegt in der Zahl seiner Teufel. Sie ist dort größer als sonstwo. (…) Es ist wahrscheinlich, daß die Teufel, da sie die abergläubische Bewunderung des Volkes für die Deutschen kennen – Menschen des Handels, der Erfindung und der Wissenschaft –, sich mehr Ansehen zu geben versuchen, indem sie sich wie Immanuel Kant von Königsberg kleiden. Nicht umsonst ist an der Issa der andere Name für unheimliche Macht Niemczyk* – der bedeuten soll, daß der Teufel auf der Seite des Fortschritts ist.
Czesław Miłosz, Tal der Issa (Dolina Issy). Roman. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1988, S. 8.
*) Diminutiv von „Deutscher“
Miłosz bei L&Poe
Im Rückblick erscheint die Demütigung Raebers durch die Gruppe 47 wie der fatale Wendepunkt in seiner Biografie. Zwei Jahre zuvor hatte er noch mit seinem Lyrikband «Die verwandelten Schiffe» und den dort kunstvoll entfalteten Korrespondenzen zu den Mythologien der römischen Antike die Bewunderung auf sich gezogen. In diesen bewegten Jahren um 1956/57 hatte sich Raeber nicht nur als bedeutende Stimme der modernen Lyrik etabliert, sondern war auch mit einer kompromisslosen Radikalität aus seiner Ehe ausgebrochen und hatte seine beruflichen Bindungen als Tutor an der Hamburger Universität aufgegeben, um nur noch als freier Schriftsteller zu leben. / Michael Braun, NZZ 16.6.
Kuno Raeber: Aus dem Nachlass I und II: Tagebücher, Korrespondenz; Gedichte, Prosa, Aufsätze. Werke, Band 6 und 7. Hrsg. v. Christiane Wyrwa und Matthias Klein. Scaneg-Verlag, München 2011. Zus. 1100 S., Fr. 65.10.
In der Zeit der deutschen Besatzung, die Czesław Miłosz intensiv schreibend und übersetzend hauptsächlich in Warschau verbrachte, änderte sich seine poetische Orientierung. Am Beginn seiner Laufbahn hatte er die französische Lyrik bewundert, ab den späten dreissiger Jahren interessierte er sich mehr und mehr für englischsprachige Dichter – William Blake, T. S. Eliot, W. H. Auden. Damit lässt sich auch eines der Paradoxa in Miłosz‘ Werk erklären: Während in vielen Gedichten aus der Zwischenkriegszeit der Nebel apokalyptischer Erwartung waberte, registriert den Schrecken der grausamen und absolut realen Präsenz von SS und Gestapo in Warschau ein nüchterner, höchst intelligenter Dichter.
Anders als die kaum zehn Jahre jüngeren und sehr talentierten Warschauer Poeten (keiner von ihnen überlebte den Krieg) verzichtete Miłosz auf unmittelbare, gleichsam spasmisch verzerrte Bilder von Krieg, Tod, Horror und metaphysischer Hoffnung. Als bewusster Künstler, der die Bedeutung von Distanz und Reflexion kannte, schrieb er ironische, bittere Gedichte, gegründet auf Beobachtungen aus den Warschauer Strassen, und parallel dazu den ungewöhnlichen Zyklus «Die Welt. Eine naive Dichtung», der daran erinnerte, dass es eine gute, ideale Welt gibt. Er war zudem ehrlicher, scharfsichtiger Zeuge der Vernichtung der Juden; die beiden grossen Gedichte «Campo dei Fiori» und «Armer Christ sieht das Ghetto» sind ein bleibendes Zeugnis dessen, was Humanismus in der Lyrik im Moment der Katastrophe sein kann. / Adam Zagajewski, NZZ 25.6.
Geboren am 30. Juni 1911 im damals russischen, heute litauischen Seteniai, ging er im polnischen Wilna zur Schule und studierte dort anschließend Rechtswissenschaften. In dieser Zeit erschienen seine ersten Gedichte in der Zeitschrift „Alma Mater Vilnensis“, und bald bildete sich um ihn eine junge Dichtergruppe, die man die „Katastrophisten“ nannte, wegen ihrer düsteren apokalyptischen Visionen. Nach einem Aufenthalt in Paris als Stipendiat kehrte Miłosz nach Polen zurück, arbeitete als Rundfunkredakteur und engagierte sich während der Kriegszeit im polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. „Rettung“ nannte er seinen 1945 erschienenen Gedichtband. / Christian Lindert, DLR
Mehr: Freie Presse / Die Welt (F.J. Raddatz) / Gazeta Wyborcza (Was die Litauer über Miłosz wissen: „Pole ist er? Nach Amerika gegangen? Interessiert uns nicht.“ – Man findet hier viele Links, u.a. zum Krakauer Miłosz-Festival, an dem u.a. die Dichter Adonis und Bei Dao teilnahmen, und zum ganzen Miłosz-Jahr)
Gedichte auf Polnisch und Englisch (hier und da findet sich auch mal eins auf Deutsch)
Zu den lehrreichsten Schwierigkeiten, die Hilles Schaffen aufwirft, gehört der unklare textgenetische Status der Manuskripte, sogar der Publikationen zu Lebzeiten. Zu den in Zeitschriften veröffentlichten Gedichten gibt es oft handschriftliche Varianten, bei denen sich kaum entscheiden lässt, ob es sich um Vorarbeiten, Revisionen oder Neudichtungen handelt. …
Die nicht selten fast unlesbare Handschrift Hilles und seine ästhetische Randstellung verstärkten die Neigung, ihn nur als subkulturelles Unikum wahrzunehmen. Lediglich die DDR-Germanistik unternahm in den siebziger Jahren den Versuch, ihn wegen seiner sozialistischen Sympathien dem eigenen Kanon einzufügen, was aber am antikollektivistischen Gedanken seines Schreibens scheiterte*.
In der Bundesrepublik blieb Hilles Erbe der Regionalliteraturforschung überlassen. Und die Literaturkommission für Westfalen ist es auch, die in Zusammenarbeit mit der Peter-Hille-Forschungsstelle der Universität Paderborn im Aisthesis Verlag seit einiger Zeit vorbildlich edierte Ausgaben seiner Schriften herausbringt. Nachdem dort bereits 2007 die erste chronologische Ausgabe von Hilles Werken zu Lebzeiten herausgekommen ist, liegt nun die Gesamtausgabe seiner Briefe vor (Peter Hille: Sämtliche Briefe. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. von Walter Gödden und Nils Rottschäfer, Bielefeld 2010). Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich bewusst bleiben, wie unpassend mit Blick auf Hille die Rede von „Sämtlichen Briefen“, vom „Gesamtwerk“, ja vom „Werk“ überhaupt ist. Das dem Band beigefügte Register von Hilles brieflich erwähnten, aber nicht nachzuweisenden Werken ist länger als die Liste seiner erschienenen Texte. Einige seiner Briefe, vor allem die an Lasker-Schüler, lesen sich selbst wie literarische Vignetten, und seine Manuskript- und Briefgestaltung, für welche die Ausgabe im Anhang Beispiele vorstellt, macht es schwierig, zwischen Haupt- und Paratext, Einfügungen und Nebengedanken zu unterscheiden. / MAGNUS KLAUE, FAZ 22.6.
Peter Hille:
Sämtliche Briefe: Kommentierte Ausgabe – Broschiert von Peter Hille, Walter Gödden und Nils Rottschäfer
EUR 49,80
*) was immer Scheitern da heißt. Ein paar Büchernarren versuchen einen Autor bekanntzumachen, zumindest der Reclamband landete in ein paar zehntausend Bibliotheken und wurde gelesen (Hille landete in meinem Kanon zB), aber sie haben den Staatsplan nicht erfüllt?
A new collection of fourteen “artist’s books,” featuring captivating poems and magnificent artwork, highlights the rich culture of Jewish communities in Latin America, thanks to the efforts of Stephen Sadow, professor of Spanish and Latin American literature at Northeastern University. …
In creating the books, Sadow selected 14 poems, and then he and his Argentinian colleagues, Perla Bajder and Irene Jaievsky, chose 14 Jewish artists from across Latin America. Each artist was asked to take one poem and create a unique piece of art based on his or her interpretation of the poem. Handmade in Buenos Aires, each book includes the poem in Spanish; an English translation of it by Sadow and his co-translator, J. Kates; the artwork; and bilingual biographies of the poet and artist. …
“I want to discover and promote the work of a subculture in Latin America that has been totally ignored by rest of the world, and is itself quite fragmented,” said Sadow, who noted that there are an estimated 400,000 Jews living throughout Latin America.
Sadow recently completed a 200-page “open source” anthology that brings together the work of 13 Latin American Jewish poets from the 1960s to the present and includes his and Kates’ translations of those poems into Spanish. Selected publications, including this anthology, can be found in the Northeastern Library’s digital archive.
“I want these poets to read each other’s poetry and the public to realize this kind of cultural work is being done throughout Latin America,” Sadow said. / Northeastern 29.6.
Friedrich Nietzsche
„Scherz, List und Rache.“
Vorspiel in deutschen Reimen. (Die fröhliche Wissenschaft)
13.
Für Tänzer.
Glattes Eis
Ein Paradeis
Für Den, der gut zu tanzen weiss.
Vgl. auch Nietzsches Schreibmaschine:
Brief Friedrich Nietzsches an Heinrich Köselitz, Genua, 17. Februar 1882. Dies ist der früheste erhaltene Schreibmaschinentext Nietzsches. Die Skrivekugle hatte der augenkranke Nietzsche von seiner Schwester Elisabeth geschenkt bekommen, Paul Rée hatte sie ihm am 4. Februar bei einem Besuch in Genua mitgebracht.
Original im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, Signatur GSA 71/BW 275,5 (früher 71/323).
Quelle: Wikisource
Für die Entstehung einer Kunstmusik im zaristischen Russland war Michail Glinka von herausragender Bedeutung: Statt sich an westeuropäischen Vorbildern zu orientieren war er einer der ersten Komponisten, die ein genuin russisches Idiom in ihrer Klangsprache realisierten. Mit seiner Entscheidung, am Gedicht »Ruslan und Ljudmila« des vom Zaren persönlich zensierten und beobachteten Alexander Puschkin als Sujet seiner zweiten Oper festzuhalten, begab sich Glinka kulturpolitisch auf dünnes Eis, denn er nahm in Kauf, dass die Handlung – die Verfolgung der Protagonisten durch ein fürstliches Ungeheuer – durchaus als Parabel verstanden wurde. / unser lübeck
Sprachwitz, Geist und Gegenwartsbezug – der Mundartautor Wilhelm Meitert legt gern den Finger auf die sächsische Wunde. Ausgerechnet den zweifelsohne originellsten Mundartautor der jüngeren Generation sucht man vergeblich in jenem 2010 vom Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland herausgegebenen Mundart-Sammelband „Sachsesch Wält“. Der Grund: das fragwürdige Auswahlkriterium. Meitert hatte das Pech, nicht zu jenen Autoren zu gehören, die im Zeitraum 2005-2010 in der gleichnamigen Rubrik der Siebenbürgischen Zeitung vorgestellt worden sind.
Keine Frage, an der Qualität seiner erfrischend lebendigen, in freien Versen geschriebenen Mundartgedichte kann es nicht gelegen haben. Es sind nicht viel mehr als etwa 30, doch brachte er damit frischen Wind in ein fast schon totgedichtetes Genre. Sie erinnern mutatis mutandis an das schmale Werk von Anemone Latzina, die ebenfalls als bedeutende Erneuererin der modernen rumäniendeutschen Poesie gilt. Und wie bei Latzina sind auch bei Meitert die Gedichte betont nüchtern, knapp und gern auch mal provokativ, mit offenkundiger Vorliebe für Wortspiel und Sprachwitz. Bekanntestes Beispiel sein ‚Zweizeiler‘ zur Lage der Sachsen heute: „Wo äs det Båflisch?/Wo sen de Sachsen?“ (De Båflischsachsen). Meiterts Texte erschienen in einschlägigen Anthologien, Zeitungen und gelegentlich auch in der Bukarester Literaturzeitschrift Neue Literatur. / Konrad Klein, Siebenbürgische Zeitung
(Båflisch = Speck)
Grabsteine, Kruzifixe und Monstranzen hat er geschaffen, und auch Krippen und Kriegerehrenmale: Der Bildhauer Bernd (Bernhard?) Heller [Helle?], genannt Hellerbernd, gehört zu den bekanntesten emsländischen Künstlern – reich geworden ist er mit seinen Werken nicht. Über sein Leben und Wirken sprachen die Heimatforscher Gerd Harpel aus Aschendorf und Albert Vinke aus Rhede am Wochenende im Aschendorfer Heimathaus. …
Vinke erklärte, Hellerbernd habe nicht nur bildhauerische Werke aus Holz und Stein geschaffen, sondern auch Reime und Gedichte. 1878 in Borsum geboren, habe er sich nach Lehre, Wanderschaft und Militärzeit zunächst in Rhede, später in Lathen niedergelassen. Dort sei er 1937 mit vom Steinstaub angegriffener Lunge im Marienkrankenhaus gestorben. Hellerbernd habe nicht geheiratet und immer in Armut gelebt. / Neue Osnabrücker Zeitung
ICH SEH GESPENSTER, SO WIRD NACHT GEMACHT,
Das Geistersehen ist präziser, Eleganz
Der schwarzen Schenkungen, Milieu Balance,
An Springkraut und an Francis B. gedacht.
Nichts wiederfinden, Kompetenzdiät,
Das Schubsen vor dem Wechsel, ärmeln, tasten,
Gedichte und ihr postmodernes Fasten
Aus Lässigkeit und Radikalität,
Spagat im Minus, sinnliche Präsenz,
Die Macht in Frauenhand, Gespenster sehen,
In Montpellier, Markkleeberg, Dardagny.
Die Angestrengtheit nennt sich Eloquenz,
In Deutschland fällt es auf, kaum durchzudrehen:
Du zuckst, läßt nach und stirbst nicht, c´est la vie.
Thomas Kunst
gilt seit Ingeborg Bachmanns Gedicht als zumeist literarische Projektion eines utopischen Idealzustands, aber in der Realität grenzte Böhmen bereits unter Ottokar II. Premysl an die Adria und das Böhmen Karls IV. an die Ostsee. / Ö1
(Shakespeare nicht zu vergessen. In dessen „Wintermärchen“ gibt es ein Land „Bohemia. A desert country near the sea.“ 3. Akt, Szene 3. Die Briten waren schon immer fern von Europa.)
„Böhmen am Meer“ heißt auch ein Stück von Volker Braun, uraufgeführt 1992 am Schiller-Theater Berlin, Regie Thomas Langhoff
(Und schon 1974 steht in seinem Gedicht „Prag“, bezogen auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968: „Böhmen/ Am Meer/ Von Blut?“, Volker Braun: Gegen die symmetrische Welt. Halle 1974)
Hört ihr das, so höhnte eine Stimme auf einem Greifswalder Hof. Ich saß beim zweiten Bier am dritten Tisch und schrieb das Protokoll. Die Stimmen sprachen über die Politlyrikaktion einer Hamburger Wochenzeitung. Da haben sie, sprach die Stimme, lauter Dichter ausgewählt, die gar keine politischen Gedichte schreiben. Wenigstens Monika Rinck, warf eine Stimme ein. Ja vielleicht, sprach die erste. Aber sonst? Da geht eine Dichterin zu einem FDP-Mann und schreibt ein Gedicht darüber. Oder einer schreibt über Atomkraft, aber so, daß die CSU unterschreiben könnte. Ja, wie auch anders heute, eine dritte. Immerhin eins der besseren Gedichte, eine vierte. Und warum schreiben die nicht über die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ersaufen, die fünfte. Es war ein Stimmengewirr, an dem vielleicht das Bemerkenswerteste war, daß es am Biertisch stattfand, während die Medienstimmen beharrlich schweigen.
Zwei Biere weiter redeten sie über die Stralsunder Matadore. Die toten: Uwe Lummitsch, Andreas Schäning, Christian Jax. Und die auswärts lebenden, Thomas Kunst, Jörn Hühnerbein, Jörg Schieke, Silke Peters, wo seid ihr? Die Stimmen kannten sich aus. Es war eine laue Nacht.
Tatsächlich zeigte sich Enzensberger in Zürich nicht nur als beispielloser Wortkünstler, sondern beglückte das Publikum auch mit seinen pointierten, von geistiger Beweglichkeit zeugenden Beobachtungen und Einsichten, die er manchmal mit einem bubenhaften Kichern unterstrich. Da es um das Thema Übersetzung ging, skizzierte Enzensberger eingangs anhand eines Verses des spanischen Liebesdichters Pedro Salinas die Prozesse, die im Übersetzer angestossen werden: «Es sind Geisterstimmen aus anderen Räumen, die einen heimsuchen», so paraphrasierte er Salinas. Die Geisterstimmen riefen Hörspiele im eigenen Kopf hervor; wenn man sie nicht mehr losbringe, tauge das Gedicht. «Übersetzen heisst, mit solchen Heimsuchungen umzugehen. Wer sich damit befasst, belohnt sich selbst – der Übersetzter ist also kein Märtyrer, sondern ein brüderlicher Egoist, der sich nimmt, was er brauchen kann», hielt Enzensberger fest. / Dorothee Vögeli, NZZ
Er sei, schreibt Armitage einmal, Lyriker geworden, weil das mit dem Rockstar nicht geklappt habe. Dahinter steckt vergleichsweise wenig Koketterie, denn Armitage ist auch ein Sänger der im Norden recht bekannten Band Scaremongers. Seine Frau, Speedy Sue, ist mit dabei: ‚Less is more‘ heißt ein Titel, und das sagt auch etwas über die unaufgeregte Poetologie von Armitages Texten.
Alles passt. Nur die beiden Romane ‚Little Green Man‘ und ‚The white Stuff‘, in denen Armitage etwas zu dick aufträgt und sich als Sprachrohr der benachteiligten Jugend gebärdet, gingen etwas daneben. Und somit wäre wohl schon geklärt, warum die deutsche Literaturwelt, die sich doch sonst sehr aufmerksam in Richtung englischsprachiger Literaturbetrieb reckt, erst mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Beginn von Simon Armitages literarischer Karriere einen Auswahlband seiner Gedichte zustande gebracht hat. Der Lyriker Jan Wagner hat die Gedichte übersetzt, die Auswahl getroffen und ein Nachwort geschrieben.
Schon für diese drei Taten, mit denen er nun erstmals Armitage ins deutsche Bewusstsein geholt hat, muss man ihm danken. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 22.6.
SIMON ARMITAGE: Zoom! Gedichte. Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Jan Wagner. Berlin Verlag, Berlin 2011. 86 Seiten, 18 Euro.
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