147. Czesław Miłosz 100

In der Zeit der deutschen Besatzung, die Czesław Miłosz intensiv schreibend und übersetzend hauptsächlich in Warschau verbrachte, änderte sich seine poetische Orientierung. Am Beginn seiner Laufbahn hatte er die französische Lyrik bewundert, ab den späten dreissiger Jahren interessierte er sich mehr und mehr für englischsprachige Dichter – William Blake, T. S. Eliot, W. H. Auden. Damit lässt sich auch eines der Paradoxa in Miłosz‘ Werk erklären: Während in vielen Gedichten aus der Zwischenkriegszeit der Nebel apokalyptischer Erwartung waberte, registriert den Schrecken der grausamen und absolut realen Präsenz von SS und Gestapo in Warschau ein nüchterner, höchst intelligenter Dichter.

Anders als die kaum zehn Jahre jüngeren und sehr talentierten Warschauer Poeten (keiner von ihnen überlebte den Krieg) verzichtete Miłosz auf unmittelbare, gleichsam spasmisch verzerrte Bilder von Krieg, Tod, Horror und metaphysischer Hoffnung. Als bewusster Künstler, der die Bedeutung von Distanz und Reflexion kannte, schrieb er ironische, bittere Gedichte, gegründet auf Beobachtungen aus den Warschauer Strassen, und parallel dazu den ungewöhnlichen Zyklus «Die Welt. Eine naive Dichtung», der daran erinnerte, dass es eine gute, ideale Welt gibt. Er war zudem ehrlicher, scharfsichtiger Zeuge der Vernichtung der Juden; die beiden grossen Gedichte «Campo dei Fiori» und «Armer Christ sieht das Ghetto» sind ein bleibendes Zeugnis dessen, was Humanismus in der Lyrik im Moment der Katastrophe sein kann. / Adam Zagajewski, NZZ 25.6.

Geboren am 30. Juni 1911 im damals russischen, heute litauischen Seteniai, ging er im polnischen Wilna zur Schule und studierte dort anschließend Rechtswissenschaften. In dieser Zeit erschienen seine ersten Gedichte in der Zeitschrift „Alma Mater Vilnensis“, und bald bildete sich um ihn eine junge Dichtergruppe, die man die „Katastrophisten“ nannte, wegen ihrer düsteren apokalyptischen Visionen. Nach einem Aufenthalt in Paris als Stipendiat kehrte Miłosz nach Polen zurück, arbeitete als Rundfunkredakteur und engagierte sich während der Kriegszeit im polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. „Rettung“ nannte er seinen 1945 erschienenen Gedichtband. / Christian Lindert, DLR

Mehr: Freie Presse / Die Welt (F.J. Raddatz) / Gazeta Wyborcza (Was die Litauer über Miłosz wissen: „Pole ist er? Nach Amerika gegangen? Interessiert uns nicht.“ – Man findet hier viele Links, u.a. zum Krakauer Miłosz-Festival, an dem u.a. die Dichter Adonis und Bei Dao teilnahmen, und zum ganzen Miłosz-Jahr)

Gedichte auf Polnisch und Englisch (hier und da findet sich auch mal eins auf Deutsch)

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