15. »Ich Wolkenstein« wurde auch in Rostock gesungen

Vom 8. Juli bis zum 27. November 2011 wird auf Schloss Tirol in Bozen die große Sonderausstellung »Ich Wolkenstein« des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte über den wohl berühmtesten Südtiroler Dichter und Minnesänger Oswald von Wolkenstein (1376-1445) gezeigt, der als der herausragende Lyriker zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe gilt. Zu den Leihgaben aus ganz Europa gehört auch das »Rostocker Liederbuch«, die wichtigste niederdeutsche Liedersammlung aus dem 15. Jahrhundert. / scientia

Einspielungen der Rostocker Fassung des Tageliedes finden sich unter: www.rostocker-liederbuch.de/Diskografie.html

14. Verbessern statt erretten

Husumer Nachrichten (Gunnar Dommasch): Als 16-Jähriger siedelten Sie aus Hamburg in die DDR über – nach Gadebusch, um genau zu sein. Der Vorsatz, die Welt zu verbessern, erstarb dort. 1976 schließlich die Ausbürgerung „wegen grober Vernachlässigung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Sie hat das damals sehr verletzt. Wie gehen Sie heute damit um?

Wolf Biermann: In Ihrer Frage lauert ein Irrtum. Der Vorsatz, die Welt zu verbessern, ist in mir nie erstorben. Es starb aber die totalitäre Tollheit, die Menschheit zu erretten. Verbessern will auch ich die Welt, solange ich lebe, aber nicht mehr im utopistischen Sinne einer kommunistischen „Endlösung“ der sozialen Frage. Diese Einsicht kostete mich 30 Lebensjahre.

13. Etymologie

Seit etwas über 30 Jahren ist der Kalauer niedriger Ordnung Mode, und die kommt unter dem Namen „neue Philosophie“ als Turbothinking von klebrigen Telephilosophen aus Frankreich herübergeschwappt. So überbietet André Glucksmann Heideggers Marotten mit der titanischen Absicht, diesen zu kritisieren, indem er ihn kopiert. Er stürzt dabei ins Bodenlose.

Paul Celans Gedicht „Todtnauberg“ verarbeitet Eindrücke seines Besuchs bei Heidegger in dessen Schwarzwälder Domizil namens Todtnauberg. Glucksmann liest triviales Schulbuchwissen etymologisierend in den Text hinein. Demnach soll der Schwarzwälder Flurname Todtnauberg im Gedicht „die Naziorganisation [von Fritz Todt, die Red.] , die so zahlreiche Arbeitslager verwaltete“, heraufbeschwören, wie er seinem Buch „Das Gute und das Böse“ schreibt. Allerdings hat der Standort von Heideggers Hütte mit der Karriere des pfälzischen Straßenbaumeisters und Westwallarchitekten Fritz Todt und seiner Organisation etwa so viel zu tun wie die Rose mit dem Gerösteten und der Hasenrücken mit dem Sozialdemokraten Wilhelm Hasenclever (1837-1889). Eine Panne? Mitnichten. Von Goethes Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ versteht Glucksmann nichts außer dem Wort „über“. Und daraus schließt er messerscharf auf „Deutschland, Deutschland über alles“. / Rudolph Walther, taz Wahrheit

12. Fußgängerbrücke bei Nacht

Am Mittwoch wird in Frankfurt Mathias Monrad Moellers „Über die Fußgängerbrücke bei Nacht“ nach einem Text von Bertram Reinecke von der Mezzosopranistin Nohad Becker uraufgeführt

Mittwoch 6. Juli 20.00 Uhr im Großen Saal der HfMDK Frankfurt (Main) Eschersheimer Landstraße (U 123 Grüneburgweg)

11. Jim Morrison als Poet

Edward Sanders gilt als Begründer der Investigativen Poesie. Auf Einladung der Schule für Dichtung verfasste er das Gedicht „The Final Times Of Jim Morrison“. Im KURIER-Interview erklärt er, warum er darin in Betracht zieht, dass ein Dealer am Tod seines Weggefährten schuld ist, und was Jim Morrison als Poet ausgezeichnet hat.

Wie beurteilen Sie die Gedichte von Morrison?
Da gibt es einige wirklich gute. Das Problem bei ihm ist, dass er sehr unsicher in Bezug auf seine Poesie war. Er wollte unbedingt ein Poet sein, aber er hat seine Gedichte immer wieder umgeschrieben, alles in ein Notizbuch hinein. Deshalb kann man sich nie sicher sein, was von den Hunderten seiner „Werke“, die im Nachhinein aufgetaucht sind, Skizzen oder fertige Gedichte waren.

10. American Life in Poetry: Column 328

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

I don’t often mention literary forms, but of this lovely poem by Cecilia Woloch I want to suggest that the form, a villanelle, which uses a pattern of repetition, adds to the enchantment I feel in reading it. It has a kind of layering, like memory itself. Woloch lives and teaches in southern California.

 

My Mother’s Pillow

 

My mother sleeps with the Bible open on her pillow;
she reads herself to sleep and wakens startled.
She listens for her heart: each breath is shallow.

 

For years her hands were quick with thread and needle.
She used to sew all night when we were little;
now she sleeps with the Bible on her pillow

 

and believes that Jesus understands her sorrow:
her children grown, their father frail and brittle;
she stitches in her heart, her breathing shallow.

 

Once she even slept fast, rushed tomorrow,
mornings full of sunlight, sons and daughters.
Now she sleeps alone with the Bible on her pillow

 

and wakes alone and feels the house is hollow,
though my father in his blue room stirs and mutters;
she listens to him breathe: each breath is shallow.

 

I flutter down the darkened hallway, shadow
between their dreams, my mother and my father,
asleep in rooms I pass, my breathing shallow.
I leave the Bible open on her pillow.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Cecilia Woloch, whose most recent book of poetry is Narcissus, Tupelo Press, 2008. Reprinted from Late, by Cecilia Woloch, published by BOA Editions, Rochester, NY, 2003, by permission of Cecilia Woloch. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

9. Vietnamesische Lyrik

Vietnamesische Lyrik des 20. Jahrhunderts präsentiert das Haus der Vietnamesischen Kultur in Frankreich, darunter Gedichte von To Huu, Che Lan Vien, Han Mac Tu sowie aus dem Band “Dictionnaire de l’amour“ von Xuan Dieu. / vietnamplus

8. Dialekt

Die alemannischen Gedichte, so Hauser, seien durchweg in antiken Versmaßen gehalten, da sich Hebel als geistiger Nachfahre der großen Dichter des antiken Griechenlands empfunden habe – übrigens schrieben auch diese in ihrem Dialekt. / Badische Zeitung

7. 2. GEDICHTKONFERENZ 2011 in der Alten Schmiede

2. GEDICHTKONFERENZ 2011 in der Alten Schmiede Wien am kommenden Mittwoch:

„2. GEDICHTKONFERENZ 2011 Zustandsbilder – Empfindungsregister – Zurichtungen von Sprache CHRISTIAN FILIPS (Berlin) liest aus HEISSE FUSIONEN (roughbooks, 2010) • HELMUT NEUNDLINGER (Wien) liest aus TAGDUNKEL (Mitter Verlag) • STEFAN BAYER (Wien) liest aus BOTANISCHE TRÄUME (Sisyphus Verlag, 2010)

Christian Filips’ sich fortschreibendes Gedichtprojekt Heiße Fusionen bietet ein Panorama zeitgenössischen urbanen Bewusstseins. Die Krise, nicht zuletzt eine Folge verschlingender Fusionen, ist allgegenwärtig. Sie bricht als „Instant Krise“ ins sprachlich und denkerisch kaum mehr gegebene „Private“ ein. Die Bestandsaufnahme wird mit sprachlichen Tableaus geleistet, in denen Bildsplitter, Fragmente, Versatzstücke und technokratische Jargons die Herrschaft über das Bewusstsein an sich gerissen haben. Nur Heischesätze, zwar auch schon im Diktat des grenzenlosen Habenwollens benannt, leisten mit ihren Evokationen von Empfindung und Beziehung eine Art Widerstand gegen die Brechung.

„Mit Sprachwitz und bissigem Sarkasmus bannt Filips die Phänomene der Wirtschaftskrise in poetische Abbreviaturen mit gelegentlich köstlichen und manchmal bitterbösen Pointen.“ (Roman Bucheli, NZZ)

Christian Filips, *1981 in Osthofen bei Worms. Schulzeit in Frankreich und Belgien, Studium der Philosophie und Germanistik in Wien und Berlin. Dramaturgische Arbeit mit Tänzern, Komponisten und Performern, dichterische Übersetzungen aus dem Englischen, Niederländischen, Italienischen; lebt als freischaffender Dichter und Dramaturg (u.a. für Literaturwerkstatt Berlin, Lautten Compagney Berlin, Zeitgenössische Oper Berlin, Deutsche Oper Berlin, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) in Berlin. Neugründung der Liedertafel als Werkstatt für Dichter, Komponisten und Sänger; Zusammenarbeit mit der Sing-Akademie zu Berlin / Universität der Künste.  Auftritte als Moderator, gelegentlich auch als Sänger und Performer, insbesondere mit Bo Wiget und der Lautten Compagney. Seit 2010 Mitherausgeber der roughbooks (zusammen mit Urs Engeler), Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin. Schluck auf Stein. Gedichte (2001); Rimbaud-Preis 2001 (Ö 1 / Der Standard).

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Das Themenspektrum der „Botanischen Träume“ ist weit gefächert – es reicht von Liebe, Angst, Enttäuschung, Freundschaft und Tod über gesellschaftskritische und politische Texte bis hin zu solchen, die in erster Linie durch ihre äußere Form die Schönheit lyrischer Ausdruckskraft zur Geltung bringen wollen. Die Gedichte versuchen die Leserin und den Leser zuerst mit einer magischen, metaphorischen, an rhetorischen Stilmitteln reichen Sprache in ihren Bann zu ziehen, um sie und ihn anschließend mit emotionalem und geistigem Tiefgang zu überzeugen.

Stefan Bayer, *1989 in Wien, wo er nach Kindheit und Jugend in Niederösterreich wieder lebt.
Seit 2007 Studium der Biologie und Romanistik an der Universität Wien.
Publikationen sowie in Literaturzeitschriften und Anthologien; Positive Ladungen. Gedichte (2008).

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Während Helmut Neundlinger von existentiellen Konstellationen und Situationen erzählt, komponiert er mit Worten und idiomatischen Wendungen und fügt so seine Gedichte zusammen. Wie das Oxymoron des Buchtitels pulsiert hier das Lebensgefühl in Gegensätzen, die doch als Einheit erscheinen. Schlaf und Nichtschlaf bilden ein zentrales Motiv der Unruhe vor dem Verlangen nach Ruhe, so wie Schlingensiefs grenzenlose Welterfassung, in einem eigenen Abschnitt angerufen, mit rastloser Betriebsamkeit kontrastiert und sich zu einem Spiel mit der Macht verbindet; die liedhafte Leichtigkeit vieler Gedichte ist dabei von ihrer Empfindungstiefe nicht zu trennen.

Die Gedichte des Lyrikbandes „tagdunkel“ nehmen die Sprache dort auf, wo sie scheinbar am nacktesten dem Alltagsmund entfährt: in den Redewendungen, den rhetorischen Tagesresten und vermeintlichen „Nebenwörtern“ jener Sprechakte, in deren Zwischen- und Untertönen sich die Sehnsüchte und Ängste des Subjekts ablagern. Wenn dieses Ich nicht gerade mit sich selbst über seine innere Dunkelheit verhandelt, dann richtet es sich – auf beredte Weise „nichts sagend“ – an ein namenloses „Du“, erhält Nachrichten von Schlingensief oder einem toten Fußballspieler aus Kamerun. Der Schlaf spielt eine so zentrale Rolle, dass er akribisch gesammelt wird, und Wettbüros erweisen sich als Zufluchtsorte nicht gelebter Träume und unausgesprochener Tragödien.

Helmut Neundlinger, *1973 in Grieskirchen (OÖ), lebt seit 1992 in Wien. Studium der Philosophie und Germanistik. Lektor, Journalist, Publizist, Musiker, Redakteur von „Recherche. Zeitung für Wissenschaft“. Regelmäßige journalistische Beiträge in der Wiener Straßenzeitung „Augustin“, im Monatsmagazin „Datum“ und netzwerkanalytische Interpretationen von Fußballspielen im „Standard“. Bücher: Co-Herausgabe von Christian Loidl 1957–2001 (2007); „von einen sprachen“. Untersuchungen zum Werk Ernst Jandls. Gemeinsam mit Michael Hammerschmid (2008); Tagebuch des inneren Schreckens. Essays über Hermes Phettbergs „Predigtdienste“ (2009).

6. Ai Weiweis Vater

Nach seiner Rehabilitierung fing Ai Qing wieder an zu schreiben. Bereits 1980 erschienen seine «Lieder der Rückkehr». Er konnte wieder reisen, so im gleichen Jahr in sein geliebtes Paris, «ville de mon cœur». 1985 wurde er vom französischen Staatspräsidenten Mitterrand mit dem Ordre des Arts et des Lettres geehrt. 1991 erschien die fünfbändige Gesamtausgabe seiner Werke, und als er am 5. Mai 1996 hochbetagt starb, war sein dichterisches Werk wieder Teil der Standardlektüre in den chinesischen Schulen geworden. – Ai Qing, vielgereister Kosmopolit und Kenner der westlichen Dichtung, beeinflusst von den erwähnten französischsprachigen Dichtern, von Whitman, Neruda und Majakowski, gilt als bedeutender Neuerer der modernen chinesischen Lyrik. Schon in der Bewegung des Vierten Mai von 1919 hatten chinesische Schriftsteller die Modernisierung von Gesellschaft und Kultur nach westlichem Vorbild gefordert. Ai gehörte bereits zur zweiten Generation von Dichtern, die in der modernen Umgangssprache baihua schrieben, sich von westlichen Vorbildern inspirieren liessen, moderne Themen und Motive aufgriffen, neue Bilder schufen und vielfältige Ausdrucksformen und freie Verse und Rhythmen einsetzten – dies im Gegensatz zur strengen, oft gereimten Form und den standardisierten Bildern der traditionellen Dichtkunst in der klassischen Literatursprache wenyan . ,,,

Während Übersetzungen von Ai Qings Werk im angelsächsischen Raum gut präsent sind, fehlen sie im deutschen Sprachraum weitgehend, abgesehen von einzelnen Gedichten in Anthologien. Eine Auswahl von Übertragungen seiner Lyrik, darunter «Dayanhe», «Der Norden» und «Schnee senkt sich auf China», bietet nur der schmale, schön gestaltete Gedichtband «Auf der Waage der Zeit» (Berlin Ost 1988), der nur noch antiquarisch greifbar ist. Angesichts des literarischen Ranges und der unbestreitbaren Qualität des Werks von Ai Qing wünschte man sich die Neuübersetzung einer repräsentativen Gedichtauswahl und eine kritische Würdigung seiner Persönlichkeit. / Barbara Strasser, NZZ

5. Ich, Reim und Lyrik

Literarische Welt: Manche Gedichte wirken autobiografisch.

Nora Gomringer: Vielleicht nur, weil ich gerne das verpönte lyrische Ich verwende.

Literarische Welt: Wieso verpönt?

Nora Gomringer: Ich halte es nicht für verpönt, aber ich kenne ein Gespräch zwischen den Lyrikerinnen Sarah Kirsch und Marion Poschmann. Während Sarah Kirsch ganz leicht und offen „ich“ sagt, versteckt sich Marion Poschmann hinter einem „wir“. Ich habe kein Problem mit dem „Ich“ und einem angesprochenen „Du“.

Literarische Welt: Gedichte dürfen sich scheinbar heute nicht mehr reimen.

Nora Gomringer: Wer reimt, steht natürlich in starker Konkurrenz mit den großen Reimenden der vergangenen Jahrhunderte. Ich beherrsche das nicht und bin eigentlich froh, dass die Lyrik befreit ist vom Reim – seit fast hundert Jahren.

(…)

Nora Gomringer: Ich meine sowieso, dass ein Lyrikband perfekt verfilmbar ist. Ich weiß nicht, warum das keiner sieht.

Literarische Welt: In Frankreich müssen Politiker, die Präsident werden wollen, sagen: „Ich liebe Balzac“ oder so was Ähnliches. Nur Jacques Chirac hat gesagt: „Ich lese Gedichte, die sind kürzer.“

Nora Gomringer: Genau richtig! Ich habe einfach nicht viel Geduld für schlechte Prosa. Es ist wesentlich einfacher, Lyrik zu lesen.

Für die Welt sprach Ulrich Wickert mit Nora Gomringer

4. „ostdeutsch verwundet und westdeutsch / verwaltet“

Was bleibt, nach einem halben Leben in einem Land, das die existenzielle Heimatlosigkeit nie aufheben konnte, ist ein ätzender Sarkasmus. Es klingt wie ein bitterer Schlussakkord, wenn Drawert in einem New York-Zyklus aus dem Jahr 2010 noch einmal seine Biografie resümiert.

„Mein Land“, heißt es da, „mein Land war eine Rittmeisterpeitsche, / ein vergifteter Brunnen, Abfall vom Hund. / Ich werde es nicht mehr erwähnen, / ostdeutsch verwundet und westdeutsch / verwaltet, ich habe zu sprechen begonnen / und war sofort allein.“

Und dieser Vers lässt sich fast als Daseinsformel des Autors Kurt Drawert lesen: „Ich habe zu sprechen begonnen und war sofort allein“.
Denn die Geschichte des Sprechens ist bei diesem Dichter mit Traumatisierungen verbunden. Als Kind hatte Drawert unter dem autoritären Charakter seines Vaters zu leiden, einem Polizeioffizier, der dem widerborstigen Jungen die Alphabete des real existierenden Sozialismus einprügeln wollte, bis dieser ins zwanghafte Verstummen zurückfiel. Für sein Sprach-Versagen wurde der junge Drawert in die Dunkelheit des Kellers gesperrt, da er nicht willens schien, sich in die die Sprachregelungen des Staates einzuüben. Dort, in der Finsternis des Kellers, scheint sich das Misstrauen gegenüber allen fest etablierten Sprachordnungen ausgebildet zu haben, das den Schriftsteller Kurt Drawert geprägt hat, bis in die Mikrostruktur seiner Gedichte hinein. Das Zur-Sprache-Kommen, so hat es Drawert in seinen Essays immer wieder beschrieben, ist der Sündenfall. Die Alphabetisierung ist der Schrecken, denn sie ist mir Gewalt verbunden, mit der gesellschaftlichen Durchsetzung einer Herrschaftssprache.  …

In den ganz frühen Gedichten Drawerts ist als Vorbild auch der rebellische, ganz der Alltagsbeschreibung zugewandte Lyriker Rolf Dieter Brinkmann sichtbar. Die Orientierung des jungen Kurt Drawert an westdeutschen Autoren hat denn auch die frühen DDR-Leser irritiert. So erklärt sich auch die Verwirrung von Drawerts großem Förderer Heinz Czechowski, der 1987 ein Nachwort zu Drawerts Debütbuch „Zweite Inventur“ beisteuerte. Denn mit Drawerts kühlen Lakonismen, seinen akribischen Erkundungen eines Lebens, das sich aufzulösen beginnt, hatte man in der DDR der achtziger Jahre Schwierigkeiten. Hier sprach ein Autor ganz beharrlich vom „Privateigentum an Empfindung“ – und das war nicht mehr unterzubringen in einer Poetik, die auf eine unerschütterbare Ordnung der Kollektivität aus war. / Michael Braun, DLF

Kurt Drawert: „Idylle, rückwärts. Gedichte aus drei Jahrzehnten“
C.H. Beck, München 2011
272 Seiten, 19,95 Euro

[Mit Verlaub, das mit Czechowskis Verwirrung und unerschütterbarer Kollektivität ist aber, für mich, ein arges Klischee. „Was mich betrifft, so bin ich ich“, dichtete der in den 70ern und nannte einen Gedichtband danach.]

3. Gedicht

DER OZEAN GEFALTET, MIT VERLAUB,
Es waren zwei, zwei Ozeane, fein
Gefaltet, laß die Arme Segel sein,
Die oben an die Wolken stoßen, Staub,

Nur Flocken, Staub, Kondomverpackungsschnitzel,
Gedachte Katzen, Haus als Außenpfosten,
Dies Wurzelnwünschen gab es nie im Osten,
Maskara, Puder, Lippenstiftgekritzel.

Sie wollte ohne Abschied sein, wer mochte
Es ihr verdenken, Ozeane, seltsam
Gefaltet, Kontinente, ungelogen.

Es sprang was auf, es kollerte und pochte,
Es gab Gedichte, so, wie wir die Welt sahn
Und Staub im All,  zur Erde hingebogen.

 

Thomas Kunst

2. „So spreche ich nun über Dinge, die es nicht gibt“

99% unserer Südtiroler Literaten wären am besten nie geboren, meinetwegen können sie noch heute ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten.

In der Einladung zum heurigen »literarischen kolloquium« heißt es: »Südtirols Literatur ist tot«. Wie aber kann etwas tot sein, das es nie gegeben hat? So spreche ich nun über Dinge, die es nicht gibt. …

Solche Gedichte hat man nie verboten und nie verbrannt. Sie tun niemandem weh. Das sind die Exkremente einer total vertrottelten Bozner Schießbudengesellschaft, die wohl über den Dingen steht und dann und wann ihre Seele entleert. / Aus der „Brixener Rede“ von Norbert C. Kaser, gehalten am 27. August 1969 im Rahmen der Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft in der Cusanus-Akademie in Brixen. Mehr

1. Rauschwelten

Um das Rauschpotenzial geht es ihr. Um das Rauschen der Welt und um das Rauschen der Sprache. Für das Leben sei es genauso Bedingung wie für die Literatur, so Judith Zander in ihrer Rostocker Poetik-Vorlesung „Störquellen. Poetik des Rauschens“. Das Mehrdeutige, das Verstörende, die „Anderwelt“ des Rauschens könne bedrohlich sein, aber auch zum Rauschmittel werden. Ein wahres Orchester des Rauschens bietet die Natur. Vielleicht ist sie deshalb seit jeher unerschöpfliche Quelle der Poesie. Nichts steht dafür mehr als das Rauschen der Bäume, meint Judith Zander:

„Bäume sind eine eigene Kategorie. Also wenn man da anfängt, darüber nachzudenken, dass das Pflanzen sind, dann wird einem ganz unheimlich zumute, sodass Pflanzen wirklich solche Ausmaße erreichen können.

Aufgabe der Literatur sei es, solche Unermesslichkeit als Teil des Rauschens der Welt in ihre Texte hineinzulassen und vorher nicht gehörtes Rauschen aus sich selbst heraus zu erzeugen, so die Autorin. / Michaela Schmitz, dlf

Judith Zander: „oder tau“, Gedichte, dtv Premium 2011, 97 Seiten, 11,90 EUR.