Der vierte Gedichtband der Autorin widmet sich in drei Kapiteln – „Luftbrücken“, „Luftwege“ und „Luftspiegelungen“ – der Liebe, den Reisen in fremde Länder und dem Selbstverständnis als Frau und Dichterin. Widersprüche zwischen Tragik und Komik des Liebesalltags bringen sie drastisch oder zart, vor allem aber ironisch zur Sprache; „inniglich tippt sich königlich mit /Worterkennung“. Kürzeste Definitionen etwa zu „Seitensprung“ oder „Kapitulation“ wirken wie ein Fingerschnippen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft. Voland & Quist, Dresden und Leipzig. 80 S. mit Audio-CD, 15,90 Euro.
Wenige der großen Menetekel-Dichter haben die Urgründe ihres Schreibens aus dem 20. ins 21. Jahrhundert hinübergerettet. Zu denen, die sich nach wie vor als Zeitzeugen begreifen und ihre Verse dem Erinnern widmen, gehört der 1931 in Darkehmen/Ostpreußen geborene Manfred Peter Hein. …
Auch in „Weltrandhin“ setzt Hein seine Verse gegen Vergessen und Sprachlosigkeit. Er ist der am Abgrund wandelnde „Traumgänger“, der sich selbst ermuntert: „Geh und schreib nieder was / zum Schaufelrad der Kriege / irrlichtert über der Stadt“. Assoziationen zu eigenen Erlebnissen weitet er im Gedicht zum Archetypus. In ihm treffen sich der konkrete historische Augenblick und die Erfahrungen aller Geschundenen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Manfred Peter Hein: Weltrandhin. Wallstein, Göttingen. 174 S., 19,90 Euro.
Die Distanz der Autorin zum lyrischen Ich wird durch die Anrede eines Du noch vergrößert. Gäbe es den Begriff der Multi-Identität – auf Marica Bodrozic träfe er zu. Die äußeren Bewegungen folgen den inneren und umgekehrt. So sind lyrische Mischformen entstanden: Poeme, deren Herz- und Seelengrund die Erinnerung an die frühe Kindheit beim Großvater in Svib und die dörfliche Gemeinschaft bleibt. Mit großem zeitlichem Abstand findet die seit 1983 in Deutschland beheimatete Lyrikerin eine Sprache für das Grauen. Dennoch ist der Krieg nicht mehr Hauptthema. Stattdessen thematisiert sie das Verdrängen: „an den Mauern saßen die Alten / als sei nichts geschehen / (Löcher in Köpfen und Herzen -; / das waren hier schon immer nur normale Bilder) als habe nie einer geweint.“ / Dorothea von Törne, Die Welt
Marica Bodrozic: Quittenstunden. Otto Müller, Salzburg. 68 S., 18 Euro.
Gut „gestaltete Vortragskunst gelang auch dem Saarländer Konstantin Honecker, dem Schnösel vom Literaturinstitut.“ So tönt es eulenspiegelhaft aus den dekonstruktivistischen „Gegenstrophen“ des 1979 geborenen Konstantin Ames. Für hauptstädtische Open Mike-Kenner, Lesebühnen-Gemeinden und Leser von einschlägigen Zeitschriften wie „Zwischen den Zeilen“ und „Edit“ ist er längst ein Geheimtipp, erst recht für Internet-Surfer zwischen lyrikline.org und karawa.net. Konstantin Ames ist unter den neuen Experimentellen einer der witzigsten, fröhlichsten und phantasievollsten Sprachakrobaten. …
Was sich unter scheinbar verspielter Oberfläche als Sprach- oder Sprechschluderei mit Dialekt-Elementen tarnt, hält dem gesellschaftlichen Alltag den Spiegel vor, verballhornt Etikettierungen und Werbestrategien. Statt in das übliche Wehklagen über die Brotlosigkeit der Dichtkunst einzustimmen, verziert Ames seine Gedichte mit listigen Überschriften. / Dorothea von Törne, Die Welt
Konstantin Ames: Alsohäute. Roughbook 011, Leipzig. 60 S., 7,50 Euro.
Christoph W. Bauer, Hausacher LeseLenz-Stipendiat von Juli bis September 2010, bewältigt in seinem Liederzyklus „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“, den er in Hausach fertiggestellt hat, den Spagat zwischen scheinbaren Gegensätzen. Liebesgedichte, Hassgedichte, Mittendrin-Gedichte enthält das Werk mit dem programmatischen Titel, das demnächst veröffentlicht wird. Der Österreicher Christoph W. Bauer behandelt in seinem Zyklus alle Phasen einer Liebe, vom ersten zarten Kennenlernen über die unerbittliche Routine des Alltags bis zum abgrundtiefen Hass bei der Trennung.
Der Clou dabei: Bauer lässt sowohl den Klassiker Catull als auch den Punk in Gestalt der Toten Hosen sprechen. Ein Widerspruch? Nein, denn Catull und die Toten Hosen sind eben nur scheinbare Gegensätze, wie Bauer betont: „In meinem Liederzyklus geht es um verschiedene Stationen der Liebe, und dieses Thema ist in der Literatur immer gleich behandelt worden, ob nun bei einem römischen Klassiker oder bei einer Punkband. Daher sind es nur auf den ersten Blick Gegensätze.“
Catull und die Toten Hosen habe er gewählt, weil diese seine stetigen Wegbegleiter gewesen seien, früher wie heute, erklärt Bauer. So lasse er sie in den Gedichten sprechen: „Beide werden direkt zitiert, die Texte wechseln zwischen hoher Sprache und der Sprache der Punks.“ / Marijana Babic, Schwarzwälder Bote
„Todesfuge“ kann getrost als das Gedicht des 20. Jahrhunderts gelten, auch wenn Celan selbst das Gedicht als „viel bemüht“ bezeichnete. Zweieinhalb Monate vor seinem Freitod erschienen in der Zeitschrift „Neue Literatur“ die Gedichte „Er“ von Immanuel Weissglas und „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz. Beide Dichter waren Jugendfreunde Celans. Zu jener Zeit soll Paul Celan, noch tief erschüttert von den Plagiatsvorwürfen der späten 1950er und 1960er Jahre, mit versteinerter Miene durch Paris geirrt sein. Nach seinem Tod fand man auf seinem Schreibtisch einen Gedichtband von Immanuel Weissglas.
Die Lesung will die Texte von Weissglas, Rosenkranz und anderen nebeneinander stellen, nicht aber den längst hinfälligen Vorwurf aufgreifen, Celan habe abgeschrieben. Weissglas sprach von einer Art Wettstreit, in welchem sich Celan und andere zur Czernowitzer Zeit befunden hätten. Der Celan-Biograph John Felstiner wies darauf hin, dass Celan in jeder Zeile von Todesfuge „Wortmaterial aus der zerbrochenen Welt, von der das Gedicht Zeugnis ablegt“, verarbeite. / idw
Er war vier Jahre inhaftiert, wurde schikaniert – jetzt hat sich der chinesische Autor Liao Yiwu nach Deutschland abgesetzt. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin sprach SPIEGEL ONLINE mit dem Dissidenten über seine furchtbaren Erfahrungen im Gefängnis und die China-Politik Angela Merkels.
Liao: Ich habe vor meiner Ausreise den Behörden zusagen müssen, mein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ nicht im Ausland zu publizieren. Der Fischer Verlag hat den Erscheinungstermin dreimal verschoben – auch meiner persönlichen Sicherheit wegen. Ich bin aber nicht mehr bereit, mich in China wie eine Geisel halten zu lassen. Meine Zusage hatte ich nur gegeben, damit ich ausreisen darf. Natürlich ist eine derartige Abmachung eine unfassbare Beleidigung für einen Schriftsteller. / Spiegel
Der rumänische Dichter Laurian Stanchescu begann am 4. Juli einen Marsch nach Paris, wo er von Nicolas Sarkozy die Rückgabe der sterblichern Überreste des Bildhauers Constantin Brancusi an seinen Heimatort verlangen will. Brancusi starb 1957 und ist auf dem Friedhof Montparnasse begraben. / artclair.com
Es scheinen gute Zeiten für Lyrik zu sein. Zumindest kann man allenthalben von einer blühenden jungen Szene lesen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmete der „Boombranche“ kürzlich einen großen Artikel, in dem von der Lebendigkeit und Vielseitigkeit der zeitgenössischen lyrischen Stimmen geschwärmt wurde, ohne dabei die ökonomische Belanglosigkeit des Genres im Literaturbetrieb außer Acht zu lassen. Auch im Börsenblatt wurde begeistert von der „Sturm- und Drang-Phase“ der deutschsprachigen Dichtung berichtet, wie Michael Braun und Hans Thill die momentane Aufbruchsstimmung in ihrer Anthologie Lied aus reinem Nichts treffend benannt haben. …
Zu ihnen gehört der 1974 in Berlin geborene Alexander Gumz, ein Autor, der seit Jahren in verschiedensten Zusammenhängen mitmischt, ob als Veranstalter oder Herausgeber, auch immer wieder mit eigenen Texten in Anthologien vertreten war, aber erst in diesem Frühjahr seinen ersten eigenständigen Gedichtband veröffentlicht hat. ausrücken mit modellen ist in Daniela Seels kookbooks Verlag erschienen und enthält 60 in sieben Kapitel unterteilte Gedichte. …
Oft gelangt er mit einer Strophe an jenen Punkt, fängt jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint und Zeitlosigkeit entstehen kann: „in blendender bewegung eingefroren: ein loop der eigenen erfolge, der spiegelbilder, die wir nicht gewesen sind.“ Die einzelnen Strophen bestehen meist nur aus zwei Zeilen, und jede einzelne trägt den Kern des ganzen Gedichts oft schon in sich. In jedem in seiner Nüchternheit oft geheimnisvoll wirkenden Bilder ist das Gesamte aufgehoben, und das kommt einem nie wie ein forcierter Akt der Zersplitterung vor, sondern mehr wie eine natürliche Konzentration auf das Wesen des Gedichts. „unsere sorgen sind bekloppte interieurs“, heißt es in Kühle Entwicklungen, und viel genauer lässt sich die Befindlichkeit der heute 30- bis 40-Jährigen kaum fassen. …
Wie sich das anfühlt, in eine Zukunft hineinzuwachsen, die aus verlorenen Sehnsüchten besteht, und in einer Gegenwart zu leben, in der man Wünsche erst einmal formulieren können müsste, davon weiß auch Katharina Schultens zu erzählen. Die 1980 geborene Lyrikerin legt mit gierstabil bereits ihren zweiten Gedichtband vor – nach Aufbrüche (2004) ein radikaler Neuanfang. Schon der Titel deutet auf eines der fundamentalen Motive hin: Gierstabilität bezeichnet den Umstand, in dem sich ein Fahrzeug ohne weitere Einflussnahme geradeaus bewegt, zumindest tendenziell. / Ulrich Rüdenauer, Die Zeit
Wer ist Lightsey Darst? Sie arbeitet als Tanzkritikerin, ist „faculty member“ am MCAD and North Hennepin Community College, Gastgeberin eines Schreibsalons und sie gewann den Minnesota Book Award in Poetry für ihren Band Find the Girl (erschienen bei Coffee House Press).
Im Gespräch mit COURTNEY ALGEO, sagt sie über Lyrik und Tanz:
Die Kombination ist häufiger als man denkt. Ich kenne viele Dichter-Tänzer. Ich glaube, Louise Glück sagte, wenn sie nicht Dichterin geworden wäre, wollte sie Tänzerin oder Malerin oder so etwas sein. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber wenn du das Verlangen hast, etwas zu produzieren, hältst du Ausschau nach dem passenden Medium. Und ich glaube, Tanz und Lyrik ziehen ähnliche Persönlichkeiten an. Ich selber bin mit Sicherheit besser als Dichterin denn als Tänzerin. Als Dichterin fühle ich mich mehr als Künstler.*
*) Und hierin hat die FAZ recht, die gegenderten Formen im Deutschen verkleinern den Gegenstand eher als sie ihn würdigen. Im Englischen gehts um artist, dancer, poet gleich welchen Geschlechts, bei uns immer um Dichter/Innen. M.G.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
How I love poems in which there is evidence of a poet paying close attention to the world about him. Here Angelo Giambra, who lives in Florida, has been keeping an eye on the bees.
The Water Carriers
On hot days we would see them
leaving the hive in swarms. June and I
would watch them weave their way
through the sugarberry trees toward the pond
where they would stop to take a drink,
then buzz their way back, plump and full of water,
to drop it on the backs of the fanning bees.
If you listened you could hear them, their tiny wings
beating in unison as they cooled down the hive.
My brother caught one once, its bulbous body
bursting with water, beating itself against
the smooth glass wall of the canning jar.
He lit a match, dropped it in, but nothing
happened. The match went out and the bee
swam through the mix of sulfur and smoke
until my brother let it out. It flew straight
back to the hive. Later, we skinny-dipped
in the pond, the three of us, the August sun
melting the world around us as if it were
wax. In the cool of the evening, we walked
home, pond water still dripping from our skin,
glistening and twinkling like starlight.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Angelo Giambra, whose most recent book of poetry is Oranges and Eggs, Finishing Line Press, 2010. Poem reprinted from the South Dakota Review, Vol. 47, no. 4, Winter 2009, by permission of Angelo Giambra and publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Mit seinen sehr treffenden – nebenbei nicht mit pragmatischem Rat geizenden – Studien der Selbsterfahrung von Haschisch und Opium publizierte Charles Baudelaire 1860 unter dem visionären Titel den Band «Die künstlichen Paradiese». … Das Prosagedicht «Enivrez-vous» gibt hier das Motto an. Just dies in «Le Spleen de Paris» erschienene und in seinem Aufforderungscharakter unübersetzbare Poem durchzieht als musikalisches Leitmotiv die liebevolle Inszenierung von Teilen des «Haschisch»-Textes, welche Kai Grehn für den Bremer Rundfunk eingerichtet hat. / NZZ 1.7.
Yoko Tawada
Die zweite Person Ich
Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.
Aus: Yoko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010, S. 8.
(Gestern abend wollte ich zu einer Lesung von Yoko Tawada im Greifswalder Koeppenhaus gehen. Es war aber so voll, daß kein einziger Sitzplatz übrig war und selbst im Treppenhaus vor der Tür etwa 8 Leute standen. Ich blieb eine Weile stehen und versuchte zuzuhören, es war aber kaum zu verstehen. Also sah ich den Büchertisch durch und pickte ein Buch heraus, das ich noch nicht besaß, setzte mich ins Café und las es. Als ich fertig war, ging ich nach oben, die Lesung lief noch, noch immer standen ein paar Leute vor der Tür und hörten zu, aber in der letzten Reihe des Saales war ein Stuhl frei. Ich setzte mich und hörte den Rest der Lesung / Diskussion. Lauschender Leser und redender Schreiber, sagt Hubert Winkels. Umständehalber waren für mich die Rollen getrennt vereint am Stück, es war nicht schlecht. Ich ließ mir das Buch anschließend signieren und bat die Autorin darum, mir das Gedicht S. 41 vorzulesen, das deutsche Sätze und Wortteile mit japanischen Wortwurzeln in chinesischer Schrift kombiniert. So bekam ich zum Schluß noch eine Privatlesung. So schlimm ist das mit der Festivalkultur nicht, wie der vielleicht übersättigte Autor meint.
Endlich sind die Lyrikpreise des Systems für 2011 vergeben: der WOLFGANG für moderne 5Zeiler auf elektronischem Papier geht an Norbert Lange (Berlin), den WOLFSKEHL für hörbare 5Zeiler im mp.3-Format erhält KLANGKNECHT (Stuttgart).
Den beiden Gewinnern herzlichen Glückwunsch und ein dreifaches: Lyrik ahoi!
Der sorbische Autor und Publizist Benedikt Dyrlich erhält den Cišinski-Preis 2011. Das hat das Kuratorium der Stiftung für das sorbische Volk in Bautzen entschieden. Wie eine Sprecherin der Stiftung am Dienstag mitteilte, wird Dyrlich für seine Bemühungen geehrt, sorbische Lyrik aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt zu machen. Dabei habe er sich nicht nur Verdienste in und außerhalb der Lausitz, sondern vor allem im slawischen Ausland erworben. Der Preis wird am 15. Oktober bei einem Festakt in Panschwitz-Kuckau verliehen. / MDR
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