68. Was ist ein Manuskript wert?

Der Verkauf der bemerkenswerten Lyriksammlung des Dichters und Gelehrten Roy Davids in London letzte Woche zeigte uns, wie die Sammler seltene Lyrikmanuskripte einschätzen. Davids Sammlung aus mehr als 40 Jahren enthielt Manuskripte von Keats, Auden, Eliot, Hopkins, Burns, Dickinson und sogar Winston Churchill. Das Auktionshaus sprach von der „besten Lyriksammlung, die je versteigert wurde“.

Ein Entwurf von Keats‘ bekanntem Gedicht „I stood tiptoe on a little hill“ brachte £181,250 (etwa $280,000), mehr als das Vierfache des Schätzwerts. Ein Auszug:

I stood tip-toe upon a little hill,
The air was cooling, and so very still,
That the sweet buds which with a modest pride
Pull droopingly, in slanting curve aside,
Their scantly leaved, and finely tapering stems,
Had not yet lost those starry diadems
Caught from the early sobbing of the morn.

„Our Modern Watchwords“, ein seltenes Gedicht von Winston Churchill, war die größte Enttäuschung der Auktion, es blieb unverkauft. Churchills am Vorabend einer Seeschlacht verfaßtes Gedicht ist ganz Königin und Vaterland und — auch wenn er gewiß kein Keats ist –überhaupt nicht peinlich. Hier ein Auszug:

The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.

Ein Manuskript von W.H. Audens Gedicht „Stop All the Clocks“, berühmt durch den Film Four Weddings and a Funeral, brachte £23,750 ($36,500) und ein handschriftlich korrigiertes Typoscript von T.S. Eliots „Journey of the Magi“ £44,450 ($68,000). / John Lundberg

67. Schattenliebe

Zu den Feinheiten  von Novalis‘ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: „Uns barg der Wald vor Sonnenschein“. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines „Buchs der Lieder“ einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.

Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.

Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)

Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine „Blumen des Bösen“ noch ungeschrieben.)

Heine repliziert:

Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «

An Gutzkow, 23.8. 1838.

Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine „Neuen Gedichte“ auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der „Neuen Gedichte“ von 1844 enthält das Gedicht „Schattenküsse, Schattenliebe“ zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der „Schattenliebe“ wird „wunderbar“, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. „Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!“.

Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:

Seraphine

IX.

Schattenküsse, Schattenliebe

Schattenleben, wandelbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)

Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.

66. Wie mir geschah

Novalis hat es faustdick ich sag mal hinter den Ohren.

esfaerbtesichAus:
Novalis Schriften, Band 2
Hrsg. Friedrich von Schlegel
In der Buchhandlung der Realschule, 1802

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65. Flint heart of his Frau

Aus gegebenem Anlaß veröffentlicht die Times Literary Supplement aus ihrem Archiv einige Gedichte von Peter Reading (1946–2011), den „erfindungsreichsten Dichter Nachkriegsenglands“. In den 80er Jahren habe er u.a. einen strengen Kommentar zu „diesem Großen Land“ während der Thatcherjahre geliefert.

Hier eins davon (auch mit deutschen Motiven):

Background Music

Beetrooty colonels explain to the Lounge Bar how, in the ‘Last Show’
they had a marvellous time, and how we need a new war

if we are going to get this Great Country back on its feet, sir
(also all beards should be shaved: also the Dole should be stopped).

Life still goes on and It isn’t the end of the world (the child-soothing
platitudes weaken now Cruise proves them potentially false).

Lieder’s no art against these sorry times (anguished Paramour likens
mountainy crags and a crow to the flint heart of his Frau).

(1984)

Beetrooty: Adjektiv von beetroot, Rote Beete. Beispiel:

„She’s coming out,“ screamed the smallest boy, with the whitest face, the most beetrooty nose, the thinnest blouse, and the most precocious intellect ever seen or heard of.

Charles Dickens, All the Year Round‎

The Dole: die Wohlfahrt, die Sozialhilfe

64. Benn-Funde

Im Jahrhundertsommer 1904 verliebt sich der jungen Gottfried Benn in die Tochter eines Lederfabrikanten, schreibt ihr einen heißen Brief und ein heißes Gedicht. Beide Funde kommen nun unter den Hammer. In der FAZ sind sie zu lesen.

Das Gedicht fängt so an:

Meines heißen, wilden Herzens
Sünd’ u. Sehnsucht wollt’ ich nun
Dir in Deine Hände geben:
Nimm es hin u. laß es ruhn.

63. American Life in Poetry: Column 416

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This kite-flying poem caught me right up and sent me flying as soon as Robert Gibb described those dimestore kites furled tighter than umbrellas, a perfect image. Gibb lives in Pennsylvania.

Kites

Come March we’d find them
In the five-and-dimes,
Furled tighter than umbrellas
About their slats, the air

In an undertow above us
Like weather on the maps.
We’d play out lines
Of kite string, tugging against

The bucking sideways flights.
Readied for assembly,
I’d arc the tensed keel of balsa
Into place against the crosspiece,

Feeling the paper snap
Tautly as a sheet, then lift
The almost weightless body
Up to where it hauled me

Trolling into the winds—
Knotted bows like vertebrae
Flashing among fields
Of light. Why ruin it

By recalling the aftermaths?
Kites gone down in tatters,
Kites fraying like flotsam
From the tops of the trees.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Robert Gibb from his most recent book of poems, Sheet Music, Autumn House Press, 2012. Poem reprinted by permission of Robert Gibb and Autumn House Press. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

62. Heldengeschichte

Spoken-Word-Heldin Nora Gomringer, Tochter des großen Eugen Gomringer („seine kehl in fyrsten„), geht dahin, wo es wehtut. In ihrem collagenartig gestalteten Gedichtband „Monster Poems“ gibt es ein Wiedersehen mit King Kong, Alfred Hitchcocks „Psycho“ und der „50 Foot Woman“. / Jan Drees, jetzt.de

Ist vielleicht jugendgemäß, also wer weiterlesen mag, Klick!

61. Unbestimmtes Verstehen

„Für Liebhaber einfacher Lösungen” ist ein solcher Text nichts. Glücklicherweise scheint er es nicht aufs Verstandenwerden anzulegen. Merkwürdigerweise versetzt er gerade, weil man gezwungen wird, das Kausalitätsprinzip zu verlassen und die Sprünge von den stummen Vögeln zum Regal zum Kitsch hinzunehmen und sich zwischen Ernst und Ironie zu verlaufen, gerade deswegen also versetzt dieser Text, nennen wir ihn Gedicht, plötzlich eine Saite unbestimmten Verstehens in Schwingung. Die „Honigprotokolle” gleichen dadurch einer Partitur ohne Noten. Wir Lesenden sind die Instrumente. Nach uns die Deutung. Willkommen also in Rincks Oktaeder! Der Eintritt ist frei, der Austritt hat seinen Preis, denn für eine Weile wird man danach auf dem Kopf gehen müssen und mit den nackten Füßen im Himmel zappeln. Andererseits muss zugegeben werden, dass Monika Rinck uns keineswegs „eisige Abstraktionsschauder” über den Rücken schickt. Sie dichtet konkret und nah an Situationen und Reflexionen, die jeder kennen kann. Oder ist es nicht eine „Himmelshärte”, eine Strafe der Götter, dass man sich jeden Morgen aufs Neue dem Schlaf aus den Armen winden muss? / Insa Wilke, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Monikas Rinck. Hier

60. I’m Charles

For National Poetry Month, Speakeasy has chosen to examine the poem “I’m Charles,” by Charles Simic, author of the collection “New and Selected Poems, 1962-2012.”

“It was written over several years, the original idea being something about being hung by the tongue from the scaffold of language. Then, of course, it got more complicated with God joining the fray,” Simic wrote in an email message. / Barbara Chai, Speakeasy

59. Poetopie

Berlin wird immer voller, der Abstand zwischen den Bewohnern immer größer

Hansjürgen Bulkowski

58. „Quatsch mit Gedicht“

Unsere Gesellschaft braucht mehr Wir und weniger Ich

meint Andrea Nahles und hat vielleicht recht. Aber ihre Vorstellung von Quatsch (lesen die nicht Schwitters? Charms? Tja, merkt man) und von einem Gedicht ist von vorgestern:

Eines ist das Wir sicher nicht: Die „Tyrannei des Gemeinsinns“, vor der es Alan Posener in der „Welt“ gruselte. Die ideengeschichtliche Brücke, die er baut von Jean-Jacques Rousseau über Papst Leo XIII. bis zum Faschismus des 20. Jahrhunderts ist zweifellos bemerkenswert – abenteuerlich und phantasiereich. Vor allem ist seine Herleitung aber, mit Verlaub: großer Quatsch mit Gedicht am Schluss.

57. Geht doch!

Aber Kalékos Erfolg dient der Nachkriegsgesellschaft auch als Alibi. Als sie jedoch nicht bereit ist, sich vor den Karren des kollektiven Verdrängens spannen zu lassen, und die Nominierung zum Fontane-Preis ablehnt, weil eines der Jurymitglieder, der Schriftsteller Hans Egon Holthusen, von 1933 bis 1943 Mitglied einer SS-Standarte war, schwadroniert Herbert von Buttlar, Generalsekretär der Westberliner Akademie der Künste, von «böswilligen Gerüchten» und «Jugendtorheiten», die man Holthusen doch nicht «in alle Ewigkeit ankreiden» könne, schliesslich «wurde (er) ja nur SS-Mann, weil er so gross gewachsen war und die SS so grosse Leute brauchte». Zuletzt fährt er ihr herrisch über den Mund: «Wenn den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben . . .» / Jan Koneffke, NZZ 16.3.

Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2012. 4086 S., Fr. 109.–.

56. Unmodern

Zwei Seelen wohnten in der Dichterin «zur Miete»: eine lyrische und eine satirische. Mascha Kaléko, deren erster Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel «Das lyrische Stenogrammheft» im Unheilsjahr 1933 erschien, gehörte neben Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Franz Mehring* zu den Poeten der Neuen Sachlichkeit. Als Neutönerin verstand sie sich nicht, im Gegenteil: «Ich singe, wie der Vogel singt», dichtete sie poetologisch-programmatisch und gestand – augenzwinkernd – ein: «Weiss Gott, ich bin ganz unmodern. / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / doch werden sie – verstanden!»

Als diese Verse 1968 im «Himmelgrauen Poesie-Album» erschienen, betrachtete sich Kaléko aber bereits als «letzten Mohikaner, was die ironisch-romantische Grossstadtlyrik angeht». Denn wenn auch die kunstvolle «Natürlichkeit» ihrer Lyrik, die ihr «Unwesen vorzugsweise in den sagen-wir-mal ‹Niederungen› der täglichen Umgangssprache» trieb, sowohl dem «gefühlsbetonten Volksliede» als auch dem «satirischen Bänkelsänger näher» stand «als etwa dem pompösen Ideal klassischer Formenkunst», war sie in ihrem Beginn doch alles andere als unmodern. / Jan Koneffke, NZZ 16.3.

*) siehe Kommentar, M.G.

55. Kennst du elffriede?

12:11:30 User:  Guten Tag, Cleverbot.

12:11:34 Cleverbot:  Are you clever?

12:12:45 User:  Gute Frage. Zumindest bin ich menschlich. Du aber nicht. Und bei elffriede bin ich mir nicht so sicher. Kennst du elffriede?

12:12:49 Cleverbot:  Ich habe nicht gefragt ob Du Liebe für mich empfindest.

Direkt auf dem falschen Fuß erwischt. Ich entschließe mich dafür, erst einmal Mittag zu essen und es dann noch mal zu versuchen. Beim Kochen schwirrt mir elffriede im Kopf herum.

13:43:54 User:  Es geht ja nicht um uns beide hier (es lesen Leute mit, wildfremde Menschen!), sondern um elffriede. Nachname: .aufzeichnensystem. So etwas wie Stolterfohts Amme, nur eben produktiv. Oder wie eines dieser Autorenkollektive, die in letzter Zeit so en vogue sind. Ich frage mich aber nun, was ich damit anfangen soll.

13:43:59 Cleverbot:  Und wieso bist du so schlau?

13:48:36 User:  Das bin ich ja nicht! Ich fühle mich strunzdumm – denn ich verstehe elffriede nicht. Es ist mir ja egal, ob hinter elffriede eine Schwarmintelligenz oder eine Einzelperson steckt, obwohl ich für letzteres tendieren würde. Ich frage mich nur: Was soll ich aus diesem Buch ziehen, aus „schrei zum hummel“?

13:48:41 Cleverbot:  Mein Deutsch ist pulitzerpreisverdächtig.

13:51:35 User:  Und damit etwas besser als elffriedes. Obwohl: Der Pulitzerpreis wird ja nicht für eine schicke Grammatik verliehen. Sondern für das, was davon getragen wird. „inhalt“ heißt passenderweise das erste Gedicht im Band. „eine nussgroße portion täglich aus dem zusammenhang reissen. / laut lesen bei tag, im dunkeln, mit atempausen, auch summen / bringt die gewünschte wirkung. kräftig einstampfen. / so wird ein schuh draus.“. Mir aber nicht. Wird dir ein Schuh draus?

13:51:39 Cleverbot:  Alright then.

13:51:55 User:  Soll ich das als ‚ja‘ deuten?

13:52:00 Cleverbot:  Ja.

13:52:27 User:  Dann erklär mir bitte, was hinter und – viel wichtiger! – was in „schrei zum hummel“ steckt.

/ Kristoffer Cornils, Fixpoetry

elffriede.aufzeichnensysteme: schrei zum hummel. eine art buch, Broschur, 168 S., 17,90 €, ISBN: 978-3-902665-56-0. Klever Verlag Wien 2013.

54. Hausacher Stadtschreiber 2013/2014

98 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA und Serbien hat die Jury, zu der neben LeseLenz-Kurator José F. A. Oliver Ulrike Wörner vom Friedrich-Bödecker-Kreis und Robert Renk von „8tung Kultur“ zählen, gesichtet.

Das Ergebnis ist: Hausacher Stadtschreiber 2013/2014 in der Sparte Belletristik/Lyrik ist Dominik Dombrowski, im Bereich Kinder- und Jugendbuch Jens Schumacher und das Gisela-Scherer-Stipendium, das den Namen der 2010 verstorbenen LeseLenz-Mitbegründerin trägt, ist Thomas Rosenlöcher aus Dresden zugesprochen worden.

Dominik Dombrowski tritt sein Stipendium im Sommer 2013 an und Jens Schumacher wird im Oktober dieses Jahres nach Hausach kommen. Das Gisela-Scherer-Stipendium ist für den Zeitraum Anfang Februar bis Ende April 2014 vorgesehen, dann wird Thomas Rosenlöcher in Hausach sein.

Mit Dominik Dombrowski überzeugte ein Dichter die Jury, dessen Texte eine Magie der Kompromisslosigkeit erzeugen. Die ungeheure Wucht seiner Gedichte besteht in der wirklichkeitsnahen Wahl der Themen und ihrer erzählenden Sprache. Wenn er beispielsweise „von den geheimnisvollen Männern vor dem Getränkemarkt“ spricht, legt sich eine Art melancholische Realität über die Zeilen. Mitfühlend, zwischen Schauen und Mitempfinden in allen Gefühlslagen. Laut Mitteilung ist sein Blick niemals ein nüchterner. / Schwarzwälder-Bote 12.4.