56. Unmodern

Zwei Seelen wohnten in der Dichterin «zur Miete»: eine lyrische und eine satirische. Mascha Kaléko, deren erster Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel «Das lyrische Stenogrammheft» im Unheilsjahr 1933 erschien, gehörte neben Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Franz Mehring* zu den Poeten der Neuen Sachlichkeit. Als Neutönerin verstand sie sich nicht, im Gegenteil: «Ich singe, wie der Vogel singt», dichtete sie poetologisch-programmatisch und gestand – augenzwinkernd – ein: «Weiss Gott, ich bin ganz unmodern. / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / doch werden sie – verstanden!»

Als diese Verse 1968 im «Himmelgrauen Poesie-Album» erschienen, betrachtete sich Kaléko aber bereits als «letzten Mohikaner, was die ironisch-romantische Grossstadtlyrik angeht». Denn wenn auch die kunstvolle «Natürlichkeit» ihrer Lyrik, die ihr «Unwesen vorzugsweise in den sagen-wir-mal ‹Niederungen› der täglichen Umgangssprache» trieb, sowohl dem «gefühlsbetonten Volksliede» als auch dem «satirischen Bänkelsänger näher» stand «als etwa dem pompösen Ideal klassischer Formenkunst», war sie in ihrem Beginn doch alles andere als unmodern. / Jan Koneffke, NZZ 16.3.

*) siehe Kommentar, M.G.

13 Comments on “56. Unmodern

  1. Ja Jan, Dein Hinweis auf „Die andere Moderne“ scheint mir wichtig. Mir wird sie bei der Lektüre von Benjaminsonetten plausibel, die den Ansatz von George und Hofmannsthal verschärfen. Das bricht dann, wie viele Strömungen der Moderne, ab. Und wird nicht mehr aufgenommen, weil es der Nachkriegsmoderne leichter fällt, alles, was irgendwie unmittelbarer Zugriff auf Weltstücke nimmt, aufzunehmen. Was Du von der nichthermetischen Reimmoderne (ich spitze zu) sagst: Sie hat es auch deswegen schwer, weil sie sich in Ostdeutschland (kenne ich besser, im Westen gibt es ähnliche Debatten) in einer Diskussion verstrickte, gegen eine Moderne eine „Heine, Werth Linie“ auszuspielen, die dann unmittelbar identifiziert wurde mit Fürnberg und Co. was für Heine so sicherlich nicht stimmt. (Deswegen Dein Hinweis, nicht werten zu wollen, sondern abzubilden? Das war ja eine knallharte Wertdebatte.) Die waren einfach verdächtig. Das befördert das von manchen modernen Strömungen seit langem ausgerufene Reimtabu von ganz unerwarteter Seite.
    Deine Beobachtung stärkt ein Gefühl, das ich auch schon hatte, die Gründe dafür möchte ich aber nochmals mit anderer Gewichtung umschreiben: Bei den Emigranten sind leicht Gründe zu finden, bzw. zu phantasieren, warum sie dies verdächtige Mittel benutzen, besonders, soweit man sonst eben keine Gründe hat, denen zu misstrauen. So schreibt man hier dem Mittel eben diese Sonderrolle zu. Etwa, wie der sozialistische Staat Schönbergs Zwölftonmusik hinnahm, so lange sie durch das besondere Thema Nazischrecken das Dissonante rechtfertigte. Aber wenn man die Kreise weiter zieht, wird Seine Argumentationsweise pro Reim zu einer Klippe im Denkfluss: Wie sieht es aus bei einem Martin Pohl, der später geboren wurde und keine Exilanten zu Vorfahren hat, allenfalls ein späteres Exil. Wie sieht es aus bei Rosenlöcher. Er nimmt zur romantischen Ironie Zuflucht und stellt seine Reime damit auch unter die Lizenz des Komischen. Würde er es vielleicht seltener tun, wenn der Reim nicht so verdächtig wäre? Reimann? Natürlich kann man bei jedem, der Reime heute auf gute Weise benutzt wie bei Brasch u.s.w. eine untergründige Exilgeschichte finden. Nur wird die Grenze, wo man findet und wo man erfindet bzw. hineinkonstruiert, heikel. Die Frage ist doch andersherum zu stellen: Möchte man mit solch einer Exilgeschichte nicht eine eigene innere Literaturgeschichte retten, die so eingefleischt ist, dass man sie selbst für unhintergehbar hält, weil sie dauernd aus der Germanistik und Philosophie und dem davon abhängigen poetologischen Diskurs auf uns eindringt? Eine anderer Erklährungsversuch: Sind die Reime der Exilschriftsteller und der anderen nicht einfach deswegen da, weil sie sich, aus welchen Gründen auch immer, einfach nicht von diesen Diskursen beeindrucken lassen? Und sei es, weil sie die nicht so oft hören? Mir scheint nämlich die Reimfeindlichkeit, Adorno, Gruppe 47 und Co. geschuldet, in Deutschland besonders rigide. Sprachkritik wurde einerseits radikalisiert und andererseits verkleinert, als man sie mit Auschwitz in Verbindung brachte. Verkleinert, weil sie auf alle Formen des Pathos reduziert wurde, dabei hat der Faschismus eben auch im banalen Alltag die Rede verstellt. Insofern kommt mir Klemperers Kritik nachhaltiger vor. (Ich bin sicher: Dir auch.) Zumal ja die pathetischen Mittel der Rede, die ja auch sowieso nur teilweise mit Reim und Rhythmus zusammenhängen (und diese schon gar nicht!) kaum Teil der politischen Rhetorik sind. Ich erinnere die Stelle wo Klemperer analysiert, wie wenig funktionstüchtig das Nazipathos im Vergleich mit dem italienischen ist …

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  2. Zählt nun auch der Franz zu den Lyrikern oder ist die Verwechslung mit Walter nur eine freudsche Nachwirkung der DDR-Jubelei über die linken Geisteshelden? (Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Franz Mehring [zählen] zu den Poeten der Neuen Sachlichkeit)

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      • das sind phantomschmerzen, beim freud! jan koneffke (ehemalige brd) vertut sich in der nzz (real existierende schweiz) und nennt walter mehring mit vornamen franz (in einem absolut ddr-kontextfreien artikel über mascha kaléko [ehemaliges österreich-ungarn]). als michael gratz (ehemalige ddr) den lapsus zufällig mitzitiert, vermutet klaus-p. anders (ehemalige ddr) darin die spätfolgen der sed-propaganda („ddr-jubelei“). und jan kuhlbrodt (ehemalige ddr), der den artikel-ausschnitt lediglich kommentiert hatte, entschuldigt sich daraufhin für den von ihm gar nicht begangenen fehler. hoffe, die beteiligten sehen mir als katalanen mit dresdner mutter (ehemalige ddr) diese vereinfachende darstellung nach. franz mehring (marxistischer historiker, 1846–1919) war mir gar nicht bekannt, musste in wikipedia nachschlagen.

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      • ich (ehemals ddr) musste mich entschuldigen, weil mir das auch hätte passien können. und weil ich mich sofort an die „mehringmethode“ bei der lektüre des kommunistischen manifestes erinnert habe. die darin bestand, die einzelnen sätze des textes durchzunummerieren. und so immer zu wissen wo… in diesem sinne: Eine Gespenst geht um in Europa.

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      • wieder unsinn. war die dunckermethode. ach gespenster über gespenster. also nochmal entschuldigun. ich hätte in der schule besser aufpassen müssen. 😉

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      • eigentlich waltermehring

        gott erhalte franz den walter
        unsern guten kaiser walz
        danach lass uns alle sterben
        brüderlich mit herz und wald
        denn es muss uns doch gelingen
        in der schweiz in der schweiz und tirol

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  3. udn auhc Goldschmidt oder Kramer …
    (ach, auf den 2. blick sehe ich, der steht ja schon oben bei dir … ist halt spät!)
    ud gleich danach frage ich mihc, wieso ist das z.B. bei drach so anders?
    und aufschlußreich, glaube ich, wäre auch ein vergleich mit Immanuel Weißglas, Moses Rosenkranz + noch einer, mir fällt der name nicht ein.
    (kann das aber zu diser stunde ciht lesiten nur ergänzen!)

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  4. Pingback: Der Reim (eine Konferenz) | Postkultur

  5. es ist auffallend, zumindest denke ich gerade darüber nach, dass gerade emigranten an liedhaften formen festhalten, und an „einfachen“ formen (sahl, kaleko, mehring, toller, kramer, krakauer …) und am endreim, als suchten sie etwas von dem, was deutsche sprache war, vor der nazifizierung zu retten, etwas im bestand zu halten, was nicht LTI werden soll. (in der prosa fiel mir etwas ähnliches bei franz hessel auf)
    später findet sich das moment des ernsten reimes, (der also kein blut und bodenreim ist, aber auch nicht ins komische fach flieht,) u. a. bei den nachkommen der emiganten, zum beispiel bei brasch, und bei deutschsprachigen autoren aus rumänien (zb. hoprich).
    der reim muss sich der propaganda entziehen, das macht es ihm schwer, und er ist ein link zu einer tradition, die sich durch den reim ihrem ende, ihrer vernichtung zu entziehen sucht. die aber nicht verschlüsselt, die nicht hermetisch wird (bitte nicht als herabwürdigung verstehen, nicht als wertung, sondern als beschreibung). eine andere moderne. vergleichbar in der musik vielleicht mit dem festhalten an klassscher harmonie (prokofjeff, strawinski, krenek)

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