Poetische Schöpfungsgeschichte

Die große Suchbewegung Dorothea Grünzweigs, eine der beachtenswertesten deutschen Dichterinnen, die seit über 25 Jahren in Finnland lebt und mit leiser Zurückhaltung auftritt, also selten im hiesigen Literaturbetrieb, geht mit einer ihr eigenen kraftvollen Ruhe weiter. Imgleichen Zuge,wie sie sich entfalten, verdichten ihre sprachlichen Möglichkeiten sich in Form einer poetischen Landgewinnung – oder besser noch: einer hingebungsvollen Landverschenkung, kaum dass in Versen, Worten und Lauten inmitten des Sprachflusses entdeckt ist, was so zuvor nicht da war.

(…)

Auch der Name des neuen Bandes „Kaamos Kosmos“ lädt ein zur poetologischen Meditation über die Kraftfelder des Grünzweig’schen Sprach- und also Weltraums, und man gerät in der Konstellation der beiden Worte fast schon hinein in eine poetische Schöpfungsgeschichte: Denn lauscht man dem samischen Wort „kaamos“ nach, das die Polarnacht als „kurze Zeit“ (vermutlich des Lichts) bezeichnet und im winterlichen Alltag der Finnen große lebenspraktische Wichtigkeit besitzt, wird auch jener dunkle Raum erahnbar, noch schweigsam, noch ungestaltet, noch ungeordnet, in dem auch das Wort Chaos nicht allzu fern echot; und wie es klanglich bereits hinüberfließt und dann eindringt in das Wort „Kosmos“ – aus dem einen heraus kann erst ein wohlgeordneter Kosmos entstehen und im Lichte seiner Schönheit erkannt werden. Nicht voller und gegenwärtiger kann die üppige Pracht sein: Waldwildnis, Schnee und Eis, Füchse und Maiglöckchen, Trauerschnäpper, Chatrooms und Schmerztabletten.

In dieser sprachlich konkreten Experimentalanordnung wird ein umfassend sprach-metaphysisches Prinzip anschaulich und hörbar, welches als Poeto-Osmose bezeichnet werden könnte und die 75 Gedichte des Bandes wunderbar ernst und heiter, so unverstellt wie intim durchatmet; ein Prinzip, das die fundamentale Eigenschaft von Sprache und Schweigen als Welt(an)verwandlung zwischen den buchstäblichen und symbolischen Grenzen von A bis O auf organische Weise versinnbildlicht. „wollens nicht wissen/ die fließende welle als lebensraum/ nur in die anschauung kommen/ ins wasser spüren seine gegenwart“ und dort sich entgrenzen „zurück ins element/ zurück zum fluss uns ihm einverleiben/ zu ihm gehören uns in ihm verlieren“.

(…) Ihr hoher Ton ist jeder pseudoesoterischen Spiritualität und falschem Pathos unverdächtig. Vielmehr knüpft sie an frühromantische Traditionen eines Novalis an, sucht im Sprachspielerischen auch eine Befreiung vom erhabenen Überbau, lauscht den Kirchen- und Kinderliedern, den theologischen Zitaten ebenso wie der Alltagssprache die körperlichen Quellgründe ab. Besonders das heimatgebende Fremde der finnischen Sprache offenbart die für Grünzweig elementare Kraft des Lautlichen, ihre fruchtbare Produktivität, wo plötzlich geschwisterliche Beziehungen entstehen zum Deutschen oder zum schwäbischen Dialekt der gebürtigen Korntalerin. / Andreas Kohm, Badische Zeitung 14.2.

Dorothea Grünzweig: Kaamos Kosmos.
Gedichte Wallstein Verlag, Göttingen
2014. 144 Seiten, 19,90 Euro.

American Life in Poetry: Column 518

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Several years ago, Judith Kitchen and I published an anthology of poems about birds, and since then I keep finding ones I wished we’d known about at the time. Here’s one by Barbara Ellen Sorensen, who lives in Colorado.

Pelican

Under warm New Mexico sun,
we watched the pelican place
himself down among the mallards
as if he had been there all along,
as if they were expecting the large,
cumbersome body, the ungainliness.
And he, sensing his own unsightly
appearance, tucked his head close
to his body and took on the smooth
insouciance of a swan.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Barbara Ellen Sorensen from her most recent book of poems Compositions of the Dead Playing Flutes, (Able Muse Press, 2013). Poem reprinted by permission of Barbara Ellen Sorensen and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Pulitzer Prizes 2015

The 2015 Pulitzer Prize Winners

Poetry

For a distinguished volume of original verse by an American author, Ten thousand dollars ($10,000).

Awarded to „Digest,“ by Gregory Pardlo (Four Way Books), clear-voiced poems that bring readers the news from 21st Century America, rich with thought, ideas and histories public and private.

Digest
By Gregory Pardlo
Four Way Books

From Epicurus to Sam Cook, the Daily News to Roots, Digest draws from the present and the past to form an intellectual, American identity. In poems that forge their own styles and strategies, we experience dialogues between the written word and other art forms. Within this dialogue we hear Ben Jonson, we meet police K-9s, and we find children negotiating a sense of the world through a father’s eyes and through their own.

— from the publisher

Gregory Pardlo’s first book, Totem, received the American Poetry Review/ Honickman Prize in 2007. His poems have appeared in American Poetry Review, Boston Review, The Nation, Ploughshares, Tin House, as well as anthologies including Angles of Ascent, the Norton Anthology of Contemporary African American Poetry, and two editions of Best American Poetry. He is the recipient of a New York Foundation for the Arts Fellowship and a fellowship for translation from the National Endowment for the Arts. An associate editor of Callaloo, he is currently a teaching fellow in Undergraduate Writing at Columbia University.

Finalists

Also nominated as finalists in this category were: „Reel to Reel,“ by Alan Shapiro (University of Chicago Press), finely crafted poems with a composure that cannot conceal the troubled terrain they traverse; and „Compass Rose,“ by Arthur Sze (Copper Canyon Press), a collection in which the poet uses capacious intelligence and lyrical power to offer a dazzling picture of our inter-connected world.

Jury

Bonnie Costello, professor of English and American literature, Boston University (Chair)
Cornelius Eady, professor of literature and writing, University of Missouri, Columbia
David Orr, poetry columnist, The New York Times

Books, Drama and Music

FICTION – „All the Light We Cannot See“ by Anthony Doerr (Scribner)

DRAMA – „Between Riverside and Crazy“ by Stephen Adly Guirgis

HISTORY – „Encounters at the Heart of the World: A History of the Mandan People “ by Elizabeth A. Fenn (Hill and Wang)

BIOGRAPHY – „The Pope and Mussolini: The Secret History of Pius XI and the Rise of Fascism in Europe“ by David I. Kertzer (Random House)

GENERAL NONFICTION – „The Sixth Extinction: An Unnatural History“ by Elizabeth Kolbert (Henry Holt)

MUSIC – „Anthracite Fields“ by Julia Wolfe (G. Schirmer, Inc.)

More

Berliner Hörspielfestival

Der britische Komponist Dom Bouffard wählt für sein Hörstück »WW1« (hr 2015; Ursendung Mi., 21 Uhr, hr 2 Kultur) Lyrik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs als Bezugspunkt und bettet die Gedichte in seine Komposition ein.

(…)

Ein bewegendes Zeugnis der Notwendigkeit von Kunst gerade unter den schlimmsten und menschenverachtendsten Umständen stellt »›Mein Herz schlägt zurück‹ – Die Lange Nacht der Gedichte aus Ravensbrück« (DKultur 2013; Sa., 0 Uhr, DKultur & 23 Uhr, DLF) dar, zusammengestellt von Jürgen Nendza und Eduard Hoffmann. (…) Um armenische Literaturgeschichte geht es in Daniel Guthmanns und Stepan Gantralyans Feature »›Und es brennt mein Herz tagelang‹ – Der armenische Dichter Jeghische Tscharenz« (NDR/SWR 2015; Sa., 18 Uhr, DKultur) … / Rafik Will, junge Welt

Fußnote zum Verständnis der Zeitungsmeldung: „Um armenische Literaturgeschichte“ ist sehr allgemein ausgedrückt. Die „allgemeine“ Geschichte hat auch den armenischen Dichter nicht ausgelassen. Geboren 1897 in Kars, das seit 1878 zum Russischen Reich gehörte und 1921 an die Türkei „fiel“. „Fallen“ ist ein vielseitig verwendbares Propagandawort. Über den Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 schreibt „Der Große Ploetz“ (Ausgabe 1998): „Rußland erhält in Asien Teile Armeniens mit Kars, Ardahan und Batum, in Europa den 1856 verlorenen Teil von Bessarabien,für den Rumänien mit der Dobrudsha (…) entschädigt wird.“ Das DDR-Pendant „Weltgeschichte in Daten“ (1973): „Rußland erhält das 1856 verlorene Gebiet zurück und annektiert Kars und Batum.“

Im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern in der Türkei meldete er sich als Freiwilliger zur russischen Armee. Er schrieb über den Krieg und den Mord an seinem Volk. „Im Juni 1937 wurde Jeghische Tscharenz im Zuge des Großen Terrors verhaftet. Am 27. November 1937 kam er im Gefängnis des NKWD ‚unter ungeklärten Umständen‘ zu Tode.“ (Wikipedia). Das DDR-Lexikon „Literaturen der Völker der Sowjetunion“ von 1967 (laut Widmung mir von meinem besten Schulfreund geschenkt „zur Erinnerung an Deinen 18. Geburtstag“, ach ja!) verschweigt die Umstände seines Todes, das heißt es deutet sie lediglich an in der Unvollständigkeit der Lebensdaten: „1897 Karsa – 1937“. Wahrscheinlich konnte ich das 1967 noch nicht entziffern, dazu brauchte es etliche Jahre des Selbststudiums nicht in der DDR veröffentlichter Schriften. Nur eine düstere Andeutung im Lexikon: „In den letzten Gedichten T.‘ zeigt sich eine nihilist. Einstellung zur armen. Geschichte.“ Der Nihilismus wird vernichtet, die Welt wird positiv.

Ohrenreize

In einem Essay zur „Poetologie des Alltagslebens“ sprach Peter Rühmkorf von den Ohrenreizen, „nach deren Pfeifenton wir tanzen“, und erörterte jene Stilmittel, derer sich seine liedhaften Gedichte, genauso aber auch seine Briefe bedienen, insofern „gewisse Silbenwiederholungen, Zweiklänge, Reime und gelegentlich auch bloße Assonanzen einen heimlichen Schwingboden unserer Seele in Bewegung setzen“. Rühmkorfs Briefe an Reich-Ranicki sind gespickt mit lockenden Zurufen, Wortbildungen für den heimlichen Schwingboden : „Alfanzereien“, „Nonplusgehtnichtmehr“, „Kritikalien“, „Hauchestförmiges“, „Millimü“, „Leckerfetzigkeiten“, „Ffffchchchcht“, „Tollitäten“. / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 13.4.

Jan Kuhlbrodt ist ein Autor

…, der Grenzen nicht mühsam überschreitet, sondern sie gleich ignoriert. Die Grenze zwischen Lyrik und Prosa ohnehin, aber auch die zwischen Fußnoten und Haupttext, Historiographie, Fiktion und Autobiographie. Und auch vor Buchdeckeln macht er nicht Halt: Ob Kuhlbrodt Blogeinträge schreibt, Rezensionen, Reden, Erzählungen, Lyrik: immer greifen die Texte in andere, anderswo erschienene hinein und verzahnen sich miteinander, nicht zuletzt durch die in allen Texten neben dem Autor Jan Kuhlbrodt präsenten Person Jan Kuhlbrodt. So entsteht ein vielfältiges Ganzes. Sicher ist dabei, auf welchen Wegen und in welchen Gangarten auch immer die Leser mit diesem Autor unterwegs sind, dass der Weg früher oder später am Leipziger Völkerschlachtdenkmal vorbeiführt, dem Bauwerk, an dem Kuhlbrodt immer wieder und immer wieder neu das Verhältnis von Eigenem und Fremden, Geschichte und Gegenwart durchspielt.

Nicht anders verhält es sich mit dem soeben erschienen Band „Kaiseralbum“ (Völkerschlachtdenkmal: S. 28 FN 43), einem Band, der ebenso Teil dieses vielfältigen Gesamtwerkes wie auch sein Spiegel im Kleinen ist. Denn es sind in der Tat vielfältige Texte, die hier versammelt werden: Wir reisen im 13. Jh. mit Kaiser Friedrich durch Europa, gehen im 20. Jh. mit Kuhlbrodt auf eine Bildungsreise nach Rom, besuchen Chemnitz, Frankfurt und natürlich Leipzig (oder besser: die Umgebung von Leipzig), drei Orte, die für die Biographie des Autors von entscheidender Bedeutung sind. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Jan Kuhlbrodt: Kaiseralbum. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2015. 100 Seiten. 13,90 Euro.

Trotz ist auch Trost

Zum Beispiel begegnet das lyrische Ich auf einer Hiddenseefähre dem Görlitzer Mystiker Jakob Böhme. Und wie Böhme sucht Sielaff in seinen Texten die Signaturen.

Ein solches Vorgehen erfordert Mut, weil es sich dem Diskurs der Gegenwart entgegenstellt. Denn das Gegenwärtige, das sich selbst überhöht, ist ein Ausschlussphänomen. Trotzig formuliert also der Dichter:

Will nach euch werfen mein kaputt zerbrochnes Glas
Ihr sollt nicht glauben, dass ich hätte nicht gestört.

So endet das Dritte Lied der 13 Lieder des Prinzen.

Diese trotzige Haltung wird im Band nicht überlagernd, aber ist als Grund spürbar. Als wollte das lyrische Ich, nichts aufgeben, keinen Gedanken, kein Gemälde, kein Lied, nur weil wir annehmen, es herrsche die Zeit. Trotz ist auch Trost.

Im ersten Zyklus des Bandes spielt Sielaff mit dem Reim, aber es ist kein Spiel, das allein seiner Rehabilitation dient. Manche Reime ergeben sich in den Rhythmus der Texte, auch nahtlos in die Semantik. Manche aber wirken auch wie Störgeräusche, wie etwas, dass sich gegen die Vereinheitlichung im Gleichklang stemmt. Das wirkt zum Teil irritierend, aber immer auch anregend. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

Volker Sielaff: Glossar des Prinzen. Gedichte. Wiesbaden (luxbooks) 2015. 120 Seiten. 19,80 Euro.

Gestorben

Einer der größten tunesischen Dichter, Ahmed Loghmani, starb am Sonntag, d. 19.4., im Alter von 92 Jahren. Sein erster Gedichtband, „cœur sur une lèvre“ (Herz auf einer Zunge), 1966, gilt als bedeutender Beitrag zur Poesie in klassischem Arabisch. Beim Sturz seines Gönners 1987 fiel er in Ungnade, und der Dichter, der für seine Oden auf Präsident Habib Bourgiba bekannt wurde, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

/ tunivisions.net

American Life in Poetry: Column 517

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The Dalai Llama has said that dying is just getting a new set of clothes. Here’s an interesting take on what it may be like for the newly departed, casting off their burdens and moving with enthusiasm into the next world. Kathleen Aguero lives in Massachusetts.

Send Off

The dead are having a party without us.
They’ve left our worries behind.
What a bore we’ve become
with our resentment and sorrow,
like former lovers united
for once by our common complaints.
Meanwhile the dead, shedding pilled sweaters,
annoying habits, have become
glamorous Western celebrities
gone off to learn meditation.

We trudge home through snow
to a burst pipe,
broken furnace, looking
up at the sky where we imagine
they journey to wish them bon voyage,
waving till the jet on which they travel
first class is out of sight—
only the code of its vapor trail left behind.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Kathleen Aguero from her most recent book of poems, After That, (Tiger Bark Press, 2013). Poem reprinted by permission of Kathleen Aguero and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Nasty, brash and haughty

IN OCTOBER 1865, a 22-year-old wordsmith living on Ashburton Place, behind the Massachusetts State House, filed what has to be one of the nastiest book reviews ever published. The volume before him was “an insult to art,” a brash and haughty Henry James told readers of The Nation, a then-months-old New York weekly. Written in free verse, each line beginning “in resolute independence of its companions, without a visible goal,” the book demonstrated, according to James, “the efforts of an essentially prosaic mind to lift itself, by a prolonged muscular strain, into poetry.”

The poet himself James found downright distasteful. “Mr. Whitman,” he harrumphed, “is very fond of blowing his own trumpet.”

Walt Whitman’s “Drum-Taps,” a collection of Civil War-themed poems, was first published 150 years ago this month, just a few weeks after General Robert E. Lee’s surrender at Appomattox and the assassination of Whitman’s idol, President Abraham Lincoln. With scenes from the army camps, paeans to Manhattan and the American flag, and stories of wartime America from a variety of perspectives, it traced the whole arc of a war with which Whitman had been intimately involved. But the poet’s ambitions were grander still — Whitman evoked a vision of the country he thought the newly reunited states should aspire to become. / Richard Kreitner, Boston Globe

Strähnen – Stränge – Fäden

Ein Buch gegen die Wertigkeiten, die den Literaturbetrieb gemeinhin ausmachen: Aber nein, es muss kein Jahrhundertroman sein, heißt es dazu im neuen Buch von Gerhard Jaschke. Es muss noch nicht einmal ein Roman sein. „Kurumba oder Die nicht geschriebenen Sätze“ ist wohltuend unaufgeregt, wenn es um die Abwehr solcher Erwartungshaltungen geht. Das Buch ist ein schlichtes Protokoll einer anderen literarischen Existenz. Diese ist nicht am Rand des literarischen Marktes angesiedelt und definiert sich auch nicht gegen ihn, sondern setzt sich selbst aus einem anderen Zentrum, nämlich von dort, wo Gerhard Jaschke seit Jahrzehntenlebt und schreibt.

Das Biotop der Wiener Zeitschrift „Freibord“, die Jaschke viele Jahre lang herausgegeben hat, ist eine der Nährsubstanzen, von der das Buch lebt. Autorinnen und Autoren, die dazugehörten (von Joe Berger über Hermann Schürrer bis Werner Herbst) oder dazugehören und der Austausch mit ihnen werden in „Kurumba“ wie selbstverständlich vorausgesetzt. Das schreibende Ich ist in eine spezielle Wiener Szene eingebunden. Mit ihr verbindet sich keine hochfahrende Erwartung, sondern eine pragmatische Sicht des eigenen Tuns. Am Schreiben zweifelt man nicht, und vor dem Schreiben resigniert man nicht. Es ist eine Aufgabe, die man übernommen hat und weiterführt. Auch mit Kurumba. Punktum.

Anstatt einer Gattungsbezeichnung gibt Jaschke seinem Buch den Untertitel „Strähnen – Stränge – Fäden“. /  Die Presse

Gerhard Jaschke 
KURUMBA oder Die nicht geschriebenen Sätze 
Strähnen – Stränge – Fäden. 180 S., geb., €18 (Sonderzahl Verlag, Wien)

Poetopie

pass auf – die ungeduldigen Wörter entwischen dir vorzeitig aus dem Mund

Hansjürgen Bulkowski

Vom Eischlupf

Vom Eischlupf, der neue, von Dagmara Kraus herausgegebene Band, beinhaltet sechs Gedichte von Miron Białoszewski, die im polnischen Original abgedruckt und von insgesamt 16 Autor/innen nachgedichtet werden. Jedes Original wird durch 7 bis 16 variantenreiche Nachdichtungen begleitet. In den Varianten kann man einen Bogen erkennen. Von den spielfreudigen, ja in ihrer Spielfreudigkeit am meisten der Idee des Originals ähnelnden Texten, wie z.B. bei Konstantin Ames, Christian Filips, Kenah Cusanit, Norbert Lange, Peter Dietze und Ulf Stolterfoht, geht es hin zu den Versuchen, die eher eine sinngemäße Annäherung und Übersetzung wagen (Sophie Reyer, Kerstin Preiwuß, Przemek Zybowski). Beide Versuche sind berechtigt, beide entfernen und nähern sich zugleich dem Original – und hier wird deutlich, warum es manchmal mehrerer Übersetzungen bedarf, um das komplexe Ganze eines Gedichts in eine neue Zielsprache zu übertragen, seine Arbeitsweise, sein Spiel, sein ironisch-absurdes Konstrukt zu vermitteln. / Adrian Kasnitz, Fixpoetry

Miron Białoszewski  ·  Dagmara Kraus (Hg.)
Vom Eischlupf

Nachdichtungen
Mit einem unveröffentlichten Brief des Dichters. 
Leipzig: Reinecke & Voß, 2015  ·  70 Seiten  ·  10,00 Euro
ISBN: 978-3-942901-16-1

Kroatische Lyrik

Kroatien – den meisten von uns fallen zu diesem Land sonnige Küsten an der Adria ein. Manche erinnern sich auch an den Krieg in den neunziger Jahren. Viele werden feststellen, dass sie eigentlich wenig über das Land wissen. An Literatur und Gedichte werden die wenigsten denken. Dabei hat Kroatien eine sehr reiche lyrische Szene: Ivana Bodrožić Simić, Branko Čegec oder Vesna Parun sind nur einige wichtige zeitgenössische kroatische Dichter, deren Lyrik ins Deutsche übersetzt wurde.

Tina Stroheker und Dragica Horvat stellen sie in der zweisprachigen Lesung vor. / Göppinger Kreisnachrichten

Mittwoch, 22. April ab 19.30 Uhr in der Stadtbücherei im Schloss Eislingen