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390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Schwalben kreisen am Himmel, die Sonne scheint, die Großmutter kocht. In „Jaskółki krążą“ verbindet Alexandra Begau deutsche und polnische Verse zu einem Gedicht über Kindheitserinnerungen, Zweisprachigkeit und sprachliche Zugehörigkeit. Aus sommerlicher Leichtigkeit entwickelt sich die Angst, den Klang der eigenen Stimme in einer Sprache zu vergessen.
Im Grunde wird jedes polnische Wort innerhalb des Gedichts auch auf Deutsch gesagt – die polnische Überschrift zwar erst zu Beginn der dritten Strophe: Die Schwalben kreisen. Deutsch und Polnisch wechseln einander ab, manchmal übersetzen sich die Verse gegenseitig, manchmal setzen sie einander fort. Die Sprachen sind nicht streng getrennt. Sie begegnen sich in einem gemeinsamen poetischen Raum. In vielen Wiederholungen wird nahezu dasselbe gesagt, doch mit unterschiedlichen Klängen und Rhythmen – sie rufen möglicherweise unterschiedliche Erinnerungen hervor. Die Übersetzung stellt eine Verbindung her, ohne die beiden Sprachen vollständig gleichzusetzen. Ohne Zungenbrüche wird das kaum abgehen.
Jaskółki krążą
Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen
Nicht ganz gewesen
Nicht ganz jetzt
Nicht ganz wird
Und niemand weiß
in welche Richtung
man mehr Weite erblicken kann
Die Schwalben kreisen im Himmel
Jaskółki krążą po niebie
Jaskółki krążą po niebie
i słońce świeci
und die Sonne scheint
scheint und
słońce świeci i
babcia gotuje obiad
Oma kocht zu Mittag
jaskółki krążą po niebie
a my kupujemy gumę
do żucia w Żabce
und wir kaufen
Kaugummi im Kiosk
i słońce świeci
Es ist Sommer
Jest lato
Jest łatwo
Es ist leicht
Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen
Hat sich meine Sprache verdreht
im Zischen von ż, cz und ź
Hat sich der Klang verknotet
im Schwänzchen von ę und ą
Hat sich gestoßen an den weichen
Tönen, die aus dem Gaumen
über die Zunge springen
Nichts fürchte ich mehr,
als zu vergessen, wie meine
Stimme in dieser Sprache klingt
Aus: BELLA triste #75. Zeitschrift für junge Literatur, Sommer 2026, S. 118f
ALEXANDRA BEGAU (sie/ihr) wurde 1994 in Hildesheim geboren, weil ihre polnische Mutter und ihr deutscher Vater sich dort verliebten. Sie studierte Psychologie in Braunschweig, Bielefeld und Krakau und lebt seit ihrer Promotion in Dortmund. Sie schreibt Lyrik und Prosa als Teil des Schreibkollektivs Drama Streichfett. Veröffentlicht wurden ihre Texte unter anderem im absolutzine und Schliff. Gemeinsam mit Jan Giessmann entwickelt sie Audio-Performances und szenische Lesungen.
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