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Veröffentlicht am 23. Oktober 2026 von lyrikzeitung
217 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
ich kann oft nur
zögernd
„auf wiedersehen" sagen
als wäre „auf wiedersehen"
ein versprechen, dass es
ein wiedersehen geben würde,
als fürchtete ich mich,
etwas zu versprechen,
von dem ich nicht weiß,
ob ich es einhalten kann.
und das weiß man ja nie.
wenn man „auf wiedersehen" sagt.
weil es mir schwer fällt,
„auf wiedersehen" zu sagen,
bleibe ich am biertisch oft
sehr lange sitzen. ich gehe nicht
als letzte, aber sehr spät, dann,
wenn die sperrstunde anbricht,
da haben schon viele andere
„auf wiedersehen" gesagt,
manche sogar „bis bald"
oder „bis zum nächsten mal".
ich beneidete sie, als wüssten sie
mehr als ich von der zukunft.
ich sage gern ciao,
oder bahbah, was in etwa bye bye heißt.
aber manchmal, vielleicht gedankenlos,
vielleicht auch aus trotz,
posaune ichs raus, beim bäcker zum beispiel
oder bei meiner ärztin: auf wiedersehen,
das klingt ganz gut,
fast so, als könnte ich die zukunft beschwören
auf dass es sie gäbe mit mir und für mich.
auf wiedersehen ist ja auch nur ein gruß und ein wunsch,
fromm oder nicht, grundsätzlich
jedenfalls möglich. ich irre mich nicht.
auf wiedersehen!
Aus: und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen. Weilerswist: Ralf Liebe, 2024, S. 157f
Kategorie: Österreich, DeutschSchlagworte: Ilse Kilic, vom auf wiedersehen sagen, Sprechakt, Alltagssprache, Alltagslyrik, Humor, Ironie, Biertisch, Sperrstunde, Ciao,
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