Gad Kaynar-Kissinger
(* 26. Juni 1947 in Tel Aviv, Israel)
DAS LIED VON RE'IM
7.10.2023
Die Hamas schoss ihnen ins Gesicht.
Der Staat schoss ihnen in den Rücken.
Es erwies sich, dass es keiner Gruben bedarf
wie in Ponary oder in Babyn Jar.
Auch auf offener Ebene kann man Juden ermorden.
Sogar ohne sie auszuziehen.
Ohnehin sind sie halb nackt.
Eines Tages wird man dort auf dem Feld in Re'im
alles einsammeln,
die Flip-Flops, die Wodkaflaschen, die Rucksäcke,
die Schlafsäcke, die zertretenen Brillen, die verstreuten Handys,
und sie in einem Museum ausstellen
fein säuberlich getrennt:
Flip-Flops separat, Flaschen separat, Rucksäcke separat,
die Ermordeten separat, die Entführten separat.
Und die Geretteten wird man die Überlebenden von Re'im nennen
damit sie nicht als Opfer erscheinen
und jemand wird über sie „Das Lied von Re'im" schreiben
das man singen wird am „Gedenktag für Horror und Heroismus".
Und die Schüler werden nach Re'im fahren statt nach Polen.
Das ist billiger.
Und jemand wird eine Rede halten: Wer hätte geglaubt
dass im Judenstaat ein solches Pogrom möglich ist. Und jemand wird korrigieren:
Kein Pogrom. Schoah – Schoah.
Der Vergleich ist gestattet.
Und das Land wird Ruhe haben
vierzig Minuten lang.
Aus: Gad Kaynar-Kissinger: Höchste Gefahr. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Liliane Meilinger. Berlin: PalmArtPress, 2024, S. 71f. Darin folgende Anmerkung:
Das hebräische Wort „re’im“ bedeutet enge Freunde.
So heißt ein Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens, in dem viele Bewohner am 7. Oktober 2023 massakriert, enthauptet, vergewaltigt und entführt wurden. Der Name bezeichnet auch ein offenes Feld in der Nähe, auf dem Tausende in freier Natur eine Rave-Party feierten. Sie wurden von Hamas-Terroristen angegriffen, mehr als 300 Menschen wurden getötet, weitere nach Gaza verschleppt. Die Ironie will es, dass „re’im“ auch auf „re’ut“ – enge Freundschaft, Kameradschaft – verweist. Das gleichlautende Lied, „Schir ha-re’ut“, wurde im Gedenken an die Gefallenen des israelischen Unabhängigkeitskriegs von 1948 verfasst. Es war das Lieblingslied Jitzchak Rabins, das seit seiner Ermordung im Anschluss an eine Friedensdemonstration am 4. November 1995 untrennbar mit seinem Namen verknüpft bleibt.
Teil 12 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Wie eine Mischung aus Notfallprotokoll, Reportage, Laborjargon und düsterer Poesie
Text 12 Laborunfall
Pack mal mit an
frag nicht, was er gemacht hat,
warum er allein war –
wie das hier aussieht,
drehn wir ihn um, frag nicht
wo ist mund loch lippe
er hat was gesagt,
schwerer verständlich als giftdatenblatt
pack bitte mit an
liegt da gegen die vorschrift –
allein hätt er nicht dürfen – wozu gibt’s laborordnung
die arbeitsgruppe organometallik
ist schließlich kein trennungsgang probierkabinett, drecksapotheke
zur gemütlichen bestimmung von karbonat schwefelhaltiger
verbindung aus bad und aus brunn,
kein spitzweggemälde mit glänzenden kolben im gotik-gewölbe
kein faustoper bühnenbild, das sich gounod bei der requisite bestellt
Überm Zeitungsbericht das Symbolbild Chemieunfall,
wenn die lokalzeitung kommt, dann knipsen sie immer
den rotationsverdampfer, von fern
sieht der aus wie planetenmaschine –
der rotzverdampfer (laborjargon erstsemester) macht was her
bild aus der datenbank
rotkreuzwagen, die sanis mit liege
drehn wir ihn um
es rinnt wo der mund war
quillt als hätt ihn der Teufel geholt
lagern wir ihn
schockzustand
den arm unter die hüfte
pack mal mit an,
schwer liegt er da wie ein gastank im chemiemoor
aus dem Lippenloch dringt ein Gemisch
Und vor ihm her die gase schwimmen
(der heidemann steigt)
wir müssen raus – ihn raus – (heidemann!)
es ist immer nachmittags fünf
wenn sich einer heiß rasiert in der organik (erstsemesterjargon),
Aceton und Trockeneis mischt das Erstsemester neben dem Bunsenbrenner
jetzt ist er im Kathrinen, Transplant-Station
und hat mehr glück gehabt als der Chemielehrer im Nachbarbett
Beim Aufschrauben der Glasschliffstopfenflasche zerknallte diese.
Detonation. Verkrustete Reste
Kalium und Natrium und deren Amide ergab die Untersuchung
Nach der Rettung kommt Zeitung
Wie stellt man unfall dar
In der Schule hat sich ein Schüler heiss rasiert (erstsemesterjargon),
ein albernes experiment aus dem Chemieunterricht
sand asche natron brennspiritus – und davon zu viel.
Maria Josep Escrivà
Der Krieg, der wir sind
es ist das kalkül, die zukunft als geschäft,
das auf einem großen friedbof der träume aufbaut.
Marc Granell
Eine Frau hat
ihr Kind verloren
als sie vor dem Krieg floh
In Kiew und vorher
in Aleppo und vorher
in Bagdad und vorher in Kibuye
in Mostar in Gaza in Mogadischu
einer Frau
ist das Kind durch die Arme gerutscht
als sie vor dem Krieg
floh.
In jedem Krieg
gibt es eine Frau, die mit leeren Armen
zurückbleibt.
Und es gibt einen Psychopathen, einen Vergewaltiger, einen Plünderer,
einen Lügner, einen Händler und einen Narren
in jedem Krieg.
Jemand, der reich geworden ist
mit dem Elend, und eine kleine Elster
die in den Überresten herumpickt.
In jedem Krieg gibt es eine universelle Wahrheit
und ein Bataillon von Lügen.
Und Hunger und Angst und Nacht
und Sperma und gevierteilte Körper
in jedem Krieg
und jemand der den Nächsten
tröstet und Liebe macht, einfach
Liebe macht und an das Gute
im Menschen glaubt
in jedem Krieg.
Und die Zähne zusammenbeißt
für die Frau, die ihr Kind verlor, während
sie floh
vor dem Krieg und nicht wusste
dass sie den Krieg für immer
mit sich trug, in sich und in uns
die wir ein Croissant essen, während jemand anders
den Krieg macht. Hier und dort. In dem Krieg
der wir sind
März 2023
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, in einem von ihm zusammengestellten Dossier zur Gegenwartslyrik aus Katalonien, in: Park. Zeitschrift für neue Literatur. Hrsg. Michael Speier. Nr. 75, November 2023, S. 69/71
Guerra que som
és el calcul, el futur fet negoci
fundat sobre un vast cementeri de somnis
Marc Granell
Una dona ha
perdut el fill
quan fugia de la guerra.
A Kíiv i abans
a Alep i abans
a Bagdad i abans a Kibuye
a Mostar a Gaza a Mogadiscio,
a una dona, el fill
se li ha esmunyit dels braços
quan fugia
de la guerra.
En cada guerra
hi ha una dona que es queda amb els braços
buits.
I hi ha un psicòpata, un violador, un saquejador,
un mentider, un marxant i un bufó,
en cada guerra.
Algú que s'ha fet
ric amb la misèria i una garseta
que en picoteja les despulles.
En cada guerra hi ha una veritat universal
i un batalló de mentides.
I fam i por i nit
i semen i cossos esquarterats
en cada guerra
i algú que conhorta
el proïsme i fa l'amor, netament
fa l'amor i creu encara
en la bondat humana
en cada guerra.
I serra les dents
per la dona que ha perdut el fill mentre fugia
de la guerra i no sabia
que duia la guerra per sempre,
amb ella, en ella i en nosaltres
que ens mengem un croissant mentre algú altre
fa la guerra. Ací i allà. A la guerra
que som.
març de 2023
Ebd. S. 68/70
Teil 11 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Schwierigkeiten beim Experimentieren, oder Wie sich Wissen verphlogistonisiert
Text 11 Experimentierkasten
Phlogistonvogel, entweiche, der Asche entsteige wie eine Frage entsteigt, frag nicht,
was verbrennt beim Verbrennen der Wörter zu Zahlen,
zu Formeln sich bindet mit Luft Sauerstoff.
Begriff sphlogiston, Vogelbegriff, den das spielende Kind hält, es hält den Vogel wie einen
Chemiebaukasten und den Chemiebaukasten für den Zugriff auf Welt die es niederspielt pulverbunt
in scharfen Wassern
nichts ist ihm Welt als Berge, die Eisenerz geben
die Wiesen Gras für die Milch, der Wald schafft Holz
nichts ist die Welt als Prakti sches für Prakti ker die so geregelt ist, dass eins sich übers andre stülpt
wie ein Glassturz über die Kerze im Kindergartenexperiment dem spielenden Kind, das die Kerze auf
dem Teller entzündet,
das Glas stülpt und Wasser in den Teller gießt, sieht, wie die Flamme erlischt,
beobachtet wie das Wasser steigt im Glassturz, Begriff sphlogiston!
Entweiche aus der Hand des zugetexteten Spielkinds und den zugehörigen
Chemiebauskastenerklärungen aus Kohlendioxid Oxygen
Luft druck, der das Wasser achselzuckend ins Glas hochtreibt, entweiche sprachlos – pulverbunt
Text 11a) Rezension KOSMOS- Chemiekasten: Als ich endlich chemiefrei leben wollt
ich hatt den ganzen Haushalt
pulverisiert, präpapiert
frei von chemie, da
hat der Chemiekasten heimlich Chemikalien ins Kinderzimmer gesteckt
Der Verstand blieb mir stehn wie Goldgötz im Bleischmelz.
Wie eine gekochte Schlange hätt aus dem
Baukasten springen
sollen die Erkenntnis,
dass man heutzutage
gut komplett auf
Chemie verzichten kann
statt dessen erhielt ich
Chemiegift.
Das hätt ich nicht gedacht von
diesem Unternehmen!)
Valzhyna Mort
(belarussisch Вальжына Морт, Walshyna, Valžyna Mort, geboren 1981 in Minsk)
DIE WEISSRUSSISCHE SPRACHE II
jenseits deiner grenzen, mein land,
beginnt ein geräumiges kinderheim.
und du führst uns dahin, belarus.
vielleicht kamen wir ohne beine zur welt,
vielleicht beten wir zu den falschen göttern,
vielleicht leidest du unseretwegen,
vielleicht sind wir unheilbar krank.
vielleicht hast du nichts uns zu ernähren,
und wir verstehen nicht einmal zu betteln,
vielleicht hast du uns nie gewollt,
aber auch wir konnten dich
anfangs nicht lieben.
deine sprache ist so klein,
daß sie noch kein gespräch führen kann.
und du, belarus, in hysterie,
dir scheint stets,
daß die hebammen die wickel verwechselt haben.
daß du jetzt ein fremdes kind stillen mußt,
eine fremde sprache tränken mit deiner milch?
eine sprache, die blau angelaufen auf der fensterbank liegt,
oder diese sprache oder das grau des vergangenen jahres
oder dieses grau oder nur den schatten eines heiligenbilds
oder diesen schatten oder einfach nichts.
es ist keine sprache,
denn sie hat kein system.
sie ist wie ein plötzlicher, nicht wählerischer tod,
wie ein tod, von dem man nicht sterben kann,
wie ein tod, von dem tote zum leben erwachen.
eine sprache, derentwegen man kinder in die pfanne legt,
eine sprache, derentwegen der bruder den bruder tötet,
eine sprache, vor der niemand sich retten kann,
eine sprache, die männliche krüppel gebiert,
bettlerinnen gebiert,
kopflose tiere gebiert,
kröten mit menschlichen stimmen gebiert.
diese sprache existiert nicht,
sie hat nicht einmal ein system.
ein gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich –
sie schlägt einem sofort in die fresse.
selbst an feiertagen
bringst du diese sprache nicht unter die leute,
du schmückst sie mit keinem feuerwerk mehr
oder neonschild.
doch dieses system kann mich
an meinem AKKORDEON
lecken ...
und mein akkordeon
wie es den blasebalg auseinanderzieht –
wie berggipfel –
so ist es, schau, mein akkordeon!
es frißt aus der hand, es leckt und wie ein kind
geht es mir nicht vom schoß,
doch wenn nötig zeigt
es sein tralala!
Deutsch von Katharina Narbutovič, aus: Valžyna Mort: Tränenfabrik. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009, S. 74f
Zu Hause sprechen wir nur Russisch. In der vierten Klasse bekommen wir weißrussische Sprache und Literatur als Fach bis zum Schulabschluß und noch ein, zwei Jahre an der Universität. Richtiges Weißrussisch höre ich in der Schule nur im Fach Weißrussische Geschichte. (…)
Anstatt ihren natürlichen Platz als Sprache einzunehmen, will die weißrussische Sprache den Platz der Musik besetzen, die ich niemals zu beherrschen vermochte. Sie wird zur gehorsamen Musik, die einen Schritt, ein Wort, eine Note im voraus weiß, was ich suche; eine Sprache, die hinter der Musik herläuft wie hinter dem Weißen Kaninchen , immer einen Schritt entfernt von dem wunderschönen Fall.
Aus dem Nachwort der Autorin, a.a.O. S. 84-86
Teil 10 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Das Gedicht dekonstruiert die Idee fester Bedeutungen – mit einem spielerischen, fast absurden Ton. Schluss mit Luther!
Text 10 Gottgewollt ist Messungenauigkeit. Also Schluss mit der Tischrede von Brot, Buch, Tisch. Aber da steht er, er steht noch transmutiert von Holz in Holz Beweis: Brot ist Signaturmittel gegen Hunger Und Wein gegen Satzbau, Yeah: Schluss jetzt mit Tischdeutsch Er steht aber da. Guckt, als sei er ein Tisch, der Tischgespräche führt. Thesen zum Brot, Erstens ist der Tisch eine Behauptung und hat Posaunenfüsse aus Hymnen. Die Hymnen sind ununterscheidbar Posaunen nichts als Hilfsvariablen für Naturwissenschaftler. Zweitens: Die Posaune – auf den Tisch geworfen ergibt sich aus dem Wort, das Wort gespiegelt am Buch zum Brot transmutiert. Das Brotelement, Elixier, vermehrt Brote Nichts weiter will er sein als Tisch, sagt er ist nur voll von Sätzen – unbewiesen wie: Quanten sind Gegenmittel gegen Quanten (und der Pfarrer ein bekennender Quantenmechaniker) Kugeln sind Gegenmittel gegen kartesische Koordinaten – Beweis: noch nie hat ein Mensch Atom in Würfelform gesehn Gegenbeweis: noch nie hat ein Mensch Atome gesehn.
Sarah Manguso
(* 12. Februar 1974 in Wellesley bei Boston, Massachusetts)
Theorie der Gesellschaft
Es war Zeit für eine Theorie der Gesellschaft.
Die Leute standen einfach herum.
Die Erfindung neuer Sprachen stand unter Todesstrafe:
für einen selbst, für die Familie und neun verwandte Familien.
Ich stellte Drinks auf Tische
und verzog mich wieder.
Das Klavier, das auf der Seite lag,
entsprach dem Grad meiner Unglücklichkeit.
Ich versuchte nichts weiter als meinen Drink zu finden
und mich ohne Lügen mitzuteilen –
die ganze Zeit sangen die Leute
zu dem Staub auf dem Klavier, und ich schrieb
die letzten wahren Sätze auf der Welt.
Wenn aus mir nichts werden würde,
besäße ich wenigstens das.
Etwas dunkles Fremdes, vielleicht meine Theorie,
stand herum, die Hände in den Jackentaschen.
Es nippte an allen meinen Gläsern.
Ich konnte nichts dagegen tun.
14.05.2009
Übersetzung: Ron Winkler. Aus: Komm her o Klarheit! luxbooks 2009. Auch in: Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik. Hrsg. Ron Winkler. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2007 (mit geringfügigen Abweichungen)
Social Theory
It was time for a social theory.
People were just standing around.
The penalty for creating new languages was death:
for oneself, one's family, and nine related families.
I was putting drinks on tables
and walking away from them.
The piano lying on its side
represented the degree of my unhappiness.
I was only trying to find my drink
and to communicate without lying—
All the while the people sang
to the dust on the piano and I was writing
the last sentences in the world that were true.
If I didn't become anything,
at least I would have that much.
A dark stranger, maybe my social theory,
stood around with its hands in its jacket pockets.
It was drinking from all my glasses.
I couldn't stop it.
14.05.2009
Aus: Komm her o Klarheit! luxbooks 2009
Original aus: The Captain Lands in Paradise. Alice James Books, 2002
Dies und mehr online bei Poetenladen
Denn ums Verstehen, so viel macht Manguso gleich zu Anfang klar, geht es nicht. Es geht ums Erinnern.
Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 30.5.2010
Teil 9 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Das Gedicht setzt sich kritisch mit der Rolle von Wissenschaft, Religion und Sprache auseinander und fragt, ob Erkenntnis ein geordnetes System oder ein Akt der Zerstörung und Neuformung ist. Oder: d. Verf. (od. d. lyr. Ich) hält nicht viel von Luther.
Text 9
Wenn Tischgespräch führt zur Alchemie
ungeschaffen ein Golem aus Holz wie Fraktur auf
Tischdeutsch im Raum für Buch und Brot,
das über diesem Deutsch, dem Buchdeutsch aufgehn soll
als eine Sonne, Stern, der aus alten Schatten über Bücher steigt,
Brot, das über Buch und Schatten gebrochen wird, sagt:
teile den Tisch, zerreiß ihn von oben bis unten, brich ihn wie Brot
Dann brich den Tisch wie Fraktur –
Elektronen sind Gestell der Chemie,
Gott ist Symmetrie und Vernunft eine Hur
so ist die Rede zu Tisch. Anders gesagt:
das Beste an Luther ist das Bachwerkeverzeichnis.
Offenbar eine Frakturausgabe der Tischgespräche von Martin Luther, die kritisches Nachdenken anregt.
Teil 8 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Es beschreibt, wie Worte, Zahlen und Kürzel eine abstrakte, fast formelhafte Realität schaffen – von der Periodentafel bis zum Bibelwort.
Text 8 Li wie Liebe sei ein Element und kurz wie das Symbol in einer Periodentafel der Chemie. Wer aber hebt empor das Bibelwort, die Schwurhand Gotts, reicht die Hand dem Gott im Wort allein und steckt den schlichten Ring dem Finger an Und das ist alles. Zahlen und Kürzel, Zahlen für Sätze und Strophen. Kürzel, kein Foto vom Brautpaar zieret die Wohnwand, im Rahmenrand Kürzel und Zahl, nichts als die Losung wie Gewinnzahl, die deutet auf Verse, die Zahl dahinter ein unbewegter Beweger Nackt wie ein Wort ist der Mensch vor Gott, so stehts am Rand als Randbemerkung
Am 15. März starb der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel kurz vor seinem 90. Geburtstag. Man kennt seine Geschichten. Hier sind 3 Gedichte.
Peter Bichsel
(* 24. März 1935 in Luzern; † 15. März 2025 in Zuchwil)
wir wären wie die kinder
wir wären die kinder
und du wärst die mutter
sagen die kinder
zur mutter
und spielen wirklichkeit
sie bitten mich
schreibmaschine zu spielen
damit sie mich hören
vor dem einschlafen
wir verschieben die möbel
wir verschieben die möbel in unserer wohnung
oft aber zu selten
wir lieben die möbel
wir suchen eine wohnung
die kinder lassen ihre puppen liegen
das stört unsre möbel
wir stören die kinder
sie machen rote zeichen auf die möbel
das dürfen sie nicht
vieles ist verboten
vieles ist verboten
ein kleines geräusch in der straße möchte leben
auf den fenstersimsen stehen geranien
die autos möchten schön sein
liebst du mich noch
Aus: Aussichten. Junge Lyriker des deutschen Sprachraums, vorgestellt von Peter Hamm. Biederstein Verlag München 1966, S. 135
Teil 7 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Salz, Schwefel und Schweigen. Das genügt zur vorläufigen Information.
Text 7 adonäus mit gäp
pssst, lispeln die wiesen vokalentfernt liegt sommerverzweiflung und die schafsgarbe
in asternartigen wispen flüstert
i ging transmutiert das werfen der gräser –
aber!
wer preiset und jauchzet
Kochsalz Alaun in glühenden Kohlen
Rauchende Säuren im damals nicht völlig
Geklärten Verbrennen von Schwefel mit Luft
Sulfoxid
Wie Kochsalz zu Kochsalz der Erden geworfen
Salz sein der Erde – Gap
Al_aun
gap R
Alraun
(das genügt zur vorläufigen Information)
Anklänge an Johann Sebastian Bach (Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, Weihnachtsoratorium) und Friedrich Hölderlin (Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen / Schatten der Erde, letzteres ein Adonäus – davon schwirren noch etliche rum).
Wird fortgesetzt. Bisher veröffentlichte Texte hier.
Da wir beim Nachtragen sind. Nachzutragen ist der gestrige 100. Geburtstag von Wolfgang Bächler. Zu einem Auswahlband früher Gedichte hatte der Verlag S. Fischer dies zitiert:
»Das Beste und Interessanteste, was es an deutscher Lyrik seit Brechts Tod neben Peter Huchel gibt.«
Ernst Bloch, Tübingen 1963
»Daß Bächler in die Geschichte der Nachkriegslyrik gehört, ist selbstverständlich, muß aber wohl wiederholt werden, und etwas ebenso Selbstverständliches außerdem: daß ein schmales (was nicht bedeutet: kleines) Werk nicht nur Gewicht behält, möglicherweise an Gewicht zunimmt.«
Heinrich Böll, Süddeutsche Zeitung
Und hat es genützt?
Hier ein Gedicht aus den 1950er Jahren.
Wolfgang Bächler
(* 22. März 1925 in Augsburg; † 24. Mai 2007 in München)
ORNITHOLOGENKONGRESS
Dreihundertachtzig Ornithologen aus aller Welt
tagten in Upsala, – Zoologen, Seelsorger, Maler,
Kulturfilmproduzenten, Tierärzte, Dichter, Studenten.
Nur die Russen erklärten bedauernd,
durch Expeditionen im Inland verhindert zu sein*.
Sie schickten Brieftaubengrüße.
Mister Sibson aus Auckland – Neuseeland –
zeigte im Film den neu entdeckten Vogel
Takake Notornis,
den es nur fünfzigmal gibt auf der Welt, –
Großaufnahmen im Flug, Nahrungsraub, Liebesspiel,
Brüten, die Brut, – Kolumbuseier des Vogelkolumbus.
Doktor Krämer aus Bremen erklärte
das Rätsel des Zugvogelflugs
durch den Einfallwinkel des Lichts,
der die Richtung der Stare bestimmt,
der Tagzieher.
Der Fahrplan nächtlicher Flüge blieb ungelöst.
Nach roten und schwarzen Marken am Schnabel
der Alten picken die jungen Silbermöven.
Rot und schwarz
sind auch für Vögel magnetische Farben,
bemerkte Professor van Hoopen aus Utrecht.
Doktor Lack aus Oxford belichtete
das Gleichgewicht der Bevölkerungsdichte,
das er an einer Vogelart in Jahrzehnten
statistisch erforscht hat:
Bei Bevölkerungsüberschuß
nimmt die Sterblichkeit zu. Auch Wanderflüge
von Vogelsippen in neue Gebiete
sind in die Gleichung von Zeugung und Tod,
Geburt und Sterblichkeit einbezogen, –
Bioökonomie.
Am dritten Abend beim Abschiedsdinner
brachen Kolibrischwärme
in die Versammlung der Pinguine ein.
Fischreiher zogen weiße Schleifen.
Dreihundertvierundsiebzig seltsame Vögel
flogen im Morgengrauen wieder gen Süden.
Aus: Wolfgang Bächler, Ausbrechen. Gedichte aus 30 Jahren. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1976, S. 42f
*) Ob nach Budapest oder Charkiw ist nicht überliefert. Anmerkung 2025
Teil 6 des Zyklus „Die Befreiung der Alchemie von der Metaffer“ von Martina Kieninger
Tarot und Chemie. Mörike spukt.
Text 6 Tarot
wahl und verwandtschaft
leg Dir die karten und zieh
chemie und chemie
heisst feuer machen
kohlen schleppen
verwendung für wasserdost finden, wasser sand
Du bist Persil mein Land
Perborat-irgendwas-silikat – history biology science I took
welchen weg du auch wählst
kartensalz Holzschnitt-Ovid
Glaubersalz
Von Jugentt auff die Hand in die Kohlen gestecket / und dardurch
verborgen Heimblichkeiten der Natur erfahren …
Das Zitat am Schluss stammt von dem Apotheker / Chemiker Johann Rudolph Glauber (* 10. März 1604 in Karlstadt; † 16. März 1670 in Amsterdam), das halbe in der Mitte lässt Eduard Mörike kurz aufleuchten (Orplid mein Land). Und Goethe war auch nicht zu vermeiden.
In dreifacher Hinsicht ein Nachtrag zu gestern: zum Welttag der Poesie, zum Frühlingsanfang und zum 90. Geburtstag von
Hubert Fichte
(* 21. März 1935 in Perleberg; † 8. März 1986 in Hamburg)
Der Geruch des Frühlings, des Aufbruchs zu all dem ...
Dieser Geruch nach Rauch
der Verbrennungsöfen und nach Pulver
der Pelotons, nach Phosphor
ist der Geruch des Herbstes,
der wieder früh einbricht.
Der Sommer roch wie immer
nach milchreifem Korn unter den Stiefeln,
nach Milch unter den Panzerraupen.
Der Geruch des Frühlings, des Aufbruchs zu all dem ...
Wie wird der Winter riechen?
Aus: Aussichten. Junge Lyriker des deutschen Sprachraums, vorgestellt von Peter Hamm, Biederstein Verlag München 1966, S. 137
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