Paul Pörtner 100 (Neue Musik und Neue Poesie)

Man kennt Paul Pörtner vor allem von seinem Einsatz für das Wiederentdecken expressionistischer Literatur nach dem letzten Krieg sowie von einigen Übersetzungen. Er hat auch Gedichtbände veröffentlicht, die vergessen wären, wenn nicht – die Musik eingesprungen wäre. Der Komponist Bernd Alois Zimmermann (1918–1970) veröffentlichte 1961 „Présence, ballet blanc für Klaviertrio und stummen Darsteller“, das auf Texte von Cervantes, James Joyce, Alfred Jarry und Paul Pörtner rekurriert:

Bei der Komposition von Présence handelte es sich ursprünglich um den Auftrag für ein Klaviertrio, der vom Hessischen Rundfunk und Hans-Wilhelm Kulenkampff ausging. Doch schon bald verwandelte und erweiterte Zimmermann das im Entstehen begriffene Werk in ein die Grenzen der Gattung sprengendes Stück, dem er eine szenische Dimension einkomponierte. Er verband die Musik mit im Einzelnen analytisch kaum zu entschlüsselnden szenischen und literarischen Verweisen, um ein abstraktes Ballett zu ermöglichen – ein musikalisch-choreographisches Spiel, das die Phantasie anregt. (Zugleich durchbricht er die traditionelle Vorstellung des homogenen, in sich geschlossenen Werks.)

In dieses Werk (das seither regelmäßig aufgeführt wird) hinein rettet der Komponist die vergessenen Verse von Paul Pörtner. Zum 100. Geburtstag, der heute in Wuppertal mit einem Kolloquium gefeiert wird (bei dem auch die Lyrikerin Mara Genschel auftritt), bringe ich hier eine weitere kurze Passage über Zimmermanns Komposition und darunter die dort verwendeten Kurzgedichte von Pörtner. In der Pdf (Quellenangabe unten) gibt es mehr Informationen und auch zwei Seiten aus den Noten. In dem eingebetteten Video einer Aufführung in Reykjavík kann man die Noten mitlesen, darin sind auch die Texte notiert (die Sprungmarken unter dem Video führen direkt zu den Szenenanfängen mit Pörtners Text). Neue Musik und Neue Poesie.

Bei den literarischen Motti, die Zimmermann den fünf Szenen voranstellte, handelt es sich um Kurzgedichte von Paul Pörtner aus dem Lyrikband »Schattensteine« (1958). Pörtner, der aus Wuppertal stammte, war nicht nur Übersetzer der Stücke von Alfred Jarry, sondern auch Autor und Theoretiker des experimentellen Theaters.

»Die Wortembleme, Wortsteine: vage Wegweiser in einem Eisfeld – wer vermag zu entscheiden, ob sie nicht ›verstellt‹ sind? – sind die ›Dekoration‹ der imaginären Szene. Paul Pörtner gibt damit Zeichen, welche ihren Kontrapunkt in den Bildtafeln der einzelnen Szenen finden, die der speaker – der stumme ›speaker‹ – vorstellt.« (Zimmermann 1961)

Paul Pörtner 

(* 25. Januar 1925 in Elberfeld; † 16. November 1984 in München)

wir jagen das wild 
das uns opfert.

die stählernen engel der dinge
holen uns ein.

Alle Wahr-
vögel nisten
in einem
einzigen Baum.

Flutende Lippen
umwogen den Grund ...
unentblätterter Schlaf,
atemloses Versprechen ...
Insel der schwebenden Vögel.

Im unaufhörlichen
tamtam
deiner haare
dreht sich der sarg
der umkehrenden
träume.

Programmheft einer Aufführung bei der Yun-Gesellschaft

Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) Présence – Ballet blanc en cinq scènes pour Don Quichote, Molly Bloom et Ubu-Roi (1961) 00:25 1ière scene, introduction et pas d’action (Don Quichote) 04:12 2ième scène, pas de deux (Don Quichote et Ubu) 07:30 3ième scène, Solo (pas d’Ubu) 18:27 4ième scène, pas de deux (Molly Bloom et Don Quichote) 23:34 5ième scène, pas d’action et finale (Molly Bloom) Ísak Ríkharðsson – violin Hyazintha Andrej – violoncello Stefan Kägi – piano Páll Sveinn Guðmundsson – audio performed live on Dark Music Days – 28.01.2023 in Kaldalón, Harpa, Reykjavík, Iceland

Frederike Frei 80

Wir gratulieren der Lyrikerin Frederike Frei zum 80. Geburtstag!

Das ausgewählte Gedicht stand in der Zeitschrift Am Erker, # 42. Münster, Dezember 2001.

Frederike Frei

(* 24. Januar 1945 in Brandenburg/Havel) 

WO WOHNEN DIE WÖRTER

Wo wohnen die Wörter im
Schlaf in der Stille des
Sturms im ruhig Blut im
unwirschen un in der
Einsilbe Nein, im Nachhall
des Ja, immer im Nimmer, im
Zimmergrau, im Immerblau
im im im Hollerbeersekt.
Warum nicht? Es ist ein
ganz altes Rezept.

Eins im Sinn, alle anderen
immer auf Achse diese
Tippelbrüder. Im Wohnwagen
wagen sie zu wohnen, am
Ende der Welt, am Anfang
der Sätze. Sie drängeln
sich im Off, um gleich
an die Reihe zu kommen,
um einzuziehn schön in
Geschichten, Gedichte,

am liebsten in Märchen
oder sammeln sie sich
als Läuse im Pelz von
Allerleirauh, sitzen auf
toten Frauenlippen im Keller
des Blaubarts hinter der
dreizehnten Tür im tiefen
Teich beim Eisenhans, in
der Löwenhöhle des
Schweigens. Ja, da.

Rufe zur Nacht

Jesse Thoor 

(* 23. Januar 1905, heute vor 120 Jahren, als Peter Karl Höfler in Berlin; † 15. August 1952 in Lienz/Osttirol)

Rufe zur Nacht

Ich, der Dichter Jesse Thoor –
dem Zünglein, Zeh und Ohr
und die Seele fror!

Wenn der März alle Bäche taut,
singe ich wieder laut!
Du meine hohe Braut!

Singe ich dein Herz gesund!
Du meines Sterbens Grund!
Küsse ich deinen Mund!

Aus: Jesse Thoor: Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Hamm. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl., 1. 1975), S. 66

wie ich es drehe oder mich

Anna Hoffmann

wie ich es drehe 
oder mich


für Thomas

nichts hält das stehende gewässer deiner augen.
blaue lebendfallen. ein eingelöstes echo. wohin schwimmt dein blick?

was willst du jetzt noch heben? wo dämmerung die dünung abstellt,
den strand zuklappt, radiert der wind die letzten segel aus
und legt sich auf die seite, schläft mit dem gesicht zum horizont.

da bin ich. das polierte nackte wasser zerfällt. und wo bist du?
wozu augen aber kein licht?
dunkelheit spezialisiert auf das entsorgen der farben.

grünlosigkeit ertasten. blau überschreitet nun den horizont
und das verlorene grau dreht sich der retina zu. jetzt spür ich dich.
soweit scheint alles in ordnung.

Aus: Abwärts! Nr. 53, Dezember 2024, S. 14

Kosmischer Gesang

Und gleich der nächste 100er. Heute vor 100 Jahren wurde der nikaraguanische Schriftsteller Ernesto Cardenal geboren. Zum Anlass ein Stück aus seinem Canto Cosmico (Kosmischen Gesang). Es ist etwa die Hälfte des 2. Gesangs. Der erste Gesang ist überschrieben: Der Urknall, der zweite: Das Wort.

Ernesto Cardenal

(* 20. Januar 1925 in Granada, Nikaragua; † 1. März 2020 in Managua, Nikaragua)

Canto Cosmico. Kosmischer Gesang

Aus dem ZWEITEN GESANG

Das Wort


Am Anfang
– vor der Raum-Zeit,
war das Wort.
Alles was ist, ist also wahr. Gedicht.
Die Dinge existieren in der Form von Wörtern.
Alles war Nacht, usw.
Es gab weder Sonne noch Mond, noch Menschen, noch Tier, noch
Pflanzen.
War das Wort. (Das Wort der Liebe.)
Geheimnis und gleichzeitig sein Ausdruck.
Das, was ist und gleichzeitig ausdrückt, was es ist:
"Als es am Anfang noch niemanden gab,
schuf er die Worte (naikino)
und gab sie uns, so wie die Yucca-Pflanze",
in jener vergilbten, anonymen Übersetzung aus dem Deutschen
von einem Teil des großen Buches von Presuss,
das ich im ethnographischen Museum von Bogotá fand,
spanische Übersetzung von Presuss, der aus dem Huitoto ins Deutsche
übersetzt:
Das Wort ihrer Gesänge, das er ihnen gab, so sagen sie,
ist das Gleiche, mit dem er den Regen machte
Er ließ es regnen mit seinem Wort und einer Trommel)
die Toten reisen in eine Region, wo "man die Worte gut spricht";
flußabwärts: der Fluß ist sehr groß,
(das, was sie vom Amazonas gehört haben, Presuss zufolge)
dort sind sie nicht aufs Neue gestorben,
sie leben gut abwärts des Flusses, ohne zu sterben.
Der Tag wird kommen, da reisen auch wir flußabwärts.
Am Anfang war also das Wort.
Der, der ist und sagt, was er ist.
Das heißt:
der sich vollkommen ausdrückt.
Geheimnis, das sich gibt. Ein Ja.
Er ist an sich ein Ja.
Enthüllte Wirklichkeit.
Ewige Wirklichkeit, die sich ewig enthüllt.
Am Anfang...
Vor der Raum-Zeit,
bevor ein Davor war,
am Anfang, als es nicht einmal einen Anfang gab,
am Anfang,
da war die Wirklichkeit des Wortes.
Als alles Nacht war, als
alle Wesen noch dunkel waren, bevor sie Wesen wurden,
war es eine Stimme, ein klares Wort,
ein Gesang in der Nacht.

Am Anfang war der Gesang.
Den Kosmos schuf er singend.
Und deshalb singen alle Dinge.
Sie tanzen nur der Worte wegen (durch die die Welt geschaffen wurde),
sagen die Huitoto "Ohne Grund tanzen wir nicht."
Und so wurden die großen Bäume des Waldes geboren,
die Canaguche-Palme mit ihren Früchten, daß wir zu trinken hätten,
und der Choruco-Affe, damit er von den Bäumen frißt,
das Tapir, das die Früchte vom Boden frißt,
das Guara, den Borugo, daß sie den Wald fressen,
er schuf alle Tiere, wie die Nutria, die Fisch frißt,
und auch die Zwerg-Nutria,
er machte alle Tiere wie den Hirsch und den Chonta-Hirsch,
in der Luft den Königsadler, der die Chorucos frißt,
er schuf den Sidyi, den Picón, den Kuyodo-Papageien,
den Eifoke- und den Forebeke-Truthahn, den Bakital, den Chilanga,
den Hokomaike,
den Patilico, den Sarok-Papagei,
den Kuikudyo, den Fuikango, den Siva und den Tudyagi,
die Stinkente, die Mariana, die gelernt hat, Fisch zu fressen,
den Dyivuise, den Siada, den Hirina und die Himegisinyos,
und weiter geht das Huitoto-Gedicht
in der anonymen spanischen Übersetzung von
derjenigen von Presuss aus dem Huitoto ins Deutsche,
die in der Schublade eines Museums liegt.
"Auch wenn sie sagen: Sie tanzen ohne besonderen Grund.
Wir erzählen auf unseren Festen unsere Geschichten."
Welche Presuss vor vielen Jahren geduldig mit einem Grammophon
aufnahm und ins Deutsche übersetzte
Die Toten: Sie sind zurückgekehrt zum Worte, das sie schuf,
aus dem sie mit dem Regen quollen, den Früchten und Gesängen.
"Wenn unsere Bräuche nur absurd wären
dann wären wir traurig bei unseren Festen."
Und der Regen ein Wort aus seinem Mund.
Er schuf die Welt durch einen Traum.
Und er selbst ist so etwas wie ein Traum. Ein Traum, der träumt.
Sie nennen ihn Nainuema, Presuss zufolge:
"Der, der ist (oder hat), was es nicht gibt."
Oder wie ein Traum, der Wirklichkeit wurde, ohne das Geheimnis des
Traumes zu verlieren.
Nainuema: "Der, der etwas sehr Wirkliches ist, das es nicht gibt."

Aus dem Spanischen von Lutz Kliche, aus: Ernesto Cardenal: Wir sind Sternenstaub. Neue Gedichte und Auswahl aus dem Werk. Wuppertal: Peter Hammer Verlag, 1993, S. 18-20

Alltagslyrik (Eugen Gomringer 100)

Wenn man unter Literatur Texte versteht, die man interpretieren kann und muss, dann ist Eugen Gomringer kein Literat, sondern ein Künstler mit Worten. Da ist ein Bild aus Worten. Man muss nicht studiert haben, um damit umzugehen. Man muss nur hinsehen, man kann es beschreiben.

Eugen Gomringer

(* 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza)

alles ruht
einzelnes bewegt sich

bewegt sich einzelnes
alles ruht

ruht alles
einzelnes bewegt sich

bewegt sich einzelnes
ruht alles

alles ruht
einzelnes bewegt sich

Eugen Gomringer

zugegeben, diese konstellation gehört zu meinen weniger bekannten, doch fast ständig mir präsenten gedichten. wie in anderen fällen, die ebenfalls gegenstand dieses bandes und der kommentare sind, ist sie etwas wie alltagslyrik. um nochmals die frage aufzugreifen: «woher der einfall?» ist auf die begegnung mit der realen umgebung zu verweisen. es ist dabei vermutlich der wahrnehmung eines meiner bäume zu verdanken, die meine lieblingsgegenstände zu jeder stunde sind. vor allem ist einer der riesig zu nennenden ahornbäume zu erwähnen, in dessen krone mein blick verweilt, mehr oder weniger kurz oder lang je nach tageslauf und tagesaufgaben. der baum zeigt mir den stand des jahres an, er zeigt mir den fortschritt des reifens und verblühens und schliesslich den vollständigen abschied des laubes, bis ich auch die reine struktur der äste und zweige im winter wieder wunderschön finde und bestaune. meine frau und ich erleben im anblick seiner krone (und einiger anderer kronen) unser stilles dauervergnügen.

was mir immer wieder besonders auffällt, ist neben dem wandel die bewegung des blätterwaldes im ganzen und im einzelnen. die krone ist so umfangreich, dass sie sich völlig unaufgeregt verhält, selbst wenn deutliche windstösse sie ergreifen und dann in einzelnen teilen starke bewegung verursachen. es braucht schon wahrhaftig die stürme, um wieder einmal den ganzen bereich zu erschüttern. aber auch dann kann es vorkommen, dass kleine teilstücke der krone immobil bleiben als ginge das ganze sie gar nichts an. seltsamkeit im gebaren der winde und in der reaktion ihrer beute, des blätterwaldes. also kann sich einzelnes bewegen, was das grosse ganze noch ruhen lässt, oder es kann einmal das ganze ergriffen werden, und trotzdem bleibt einzelnes so gut wie unbewegt.

wie sich das ganze – alles – verhält und wie das einzelne, dies ist mein fragekomplex. meiner frau und mir stellt sich dieses fragespiel jedoch nicht nur angesichts unserer baumkrone, wir erleben es fast alltäglich, oft so plötzlich, dass wir es bemerken und ohne zu sprechen feststellen: es bewegen sich nur teile, teile einer menge irgendwelcher art. es ist wieder wie in der natur im spiel von wind und widerstand. den blick hinzulenken auf solche ereignisse, ohne sie auszuschmücken, sondern nur als kern einer sache wahrzunehmen, dies ist konkrete sprachwirklichkeit. meine frau und ich sind überzeugt, dass, wer einmal das gedicht gelesen und seinen sinn aufgenommen hat, ihm in der übertragung auf die lebenswirklichkeit sehr oft begegnet. mehr identität in der erkenntnis zwischen sprachgegenstand und realer erscheinung ist kaum möglich.

es kommt der technik der konkreten poesie zugute, dass sie ein statement gerne und leicht durch die probe der umstellung in frage stellt und damit das thema festigt. dialektik und wahrnehmung als ursprung des daseins und der dinge ergänzen sich.

Text und Kommentar aus: Eugen Gomringer: Poema. Gedichte und Essays. Herausgegeben von Nortrud Gomringer. Wädenswil am Zürichsee: Nimbus, 2018, S. 71-73

Abendstern. 2 alte Weiden. Gahlkow. Foto -tz

Herzlichen Glückwunsch, Eugen Gomringer!

100-Jahre-Serie

Die Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nun im Museum. In diesem Jahr würden viele ihrer Autoren 100 Jahre alt werden, wie man so schön sagt (mindestens einer wird es tatsächlich): die Wolfgang Bächler, Heimrad Bäcker, Anne Dorn, Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Hanns Dieter Hüsch, Ernst Jandl, Inge Müller, Heinz Piontek, Werner Riegel, Dieter Wellershoff …, sowie aus anderen Literaturen James Berry, Ernesto Cardenal, T. Carmi, Jack Gilbert, Karel Hynek, Philippe Jaccottet, Roberto Juarroz, Donald Justice, Carolyn Kizer, Kenneth Koch, Maxine Kumin, Samuel Menashe, László Nagy, Ladislav Novak, Achmad Schamlu, Jørgen Sonne, Gerald Stern, Mikis Theodorakis, Emmett Williams … und dann die 90- (Nanni Balestrini, Peter Bichsel, Richard Brautigan, Inger Christensen, Ira Cohen, Heinz Czechowski, Roque Dalton, Pere Gimferrer, Forugh Farrochzad, Fritz Rudolf Fries, Rolf Haufs, Sarah Kirsch, Christoph Meckel, Karl Mickel, Helga M. Novak, Renate Rasp, Rosemarie Waldrop …) und 80-Jährigen (Thomas Brasch, Klaus Merz, Reinhard Priessnitz, Ralf Thenior, Anne Waldman, Rafał Wojaczek, Adam Zagajewski …), fast schon ein Leseleben.

Der heutige Hunderter, Werner Riegel, wurde nur 31. „Zwischen den Kriegen“ hieß die Zeitschrift, die er herausgab, hektografierte und verschickte und gemeinsam mit Peter Rühmkorf unter Zuhilfenahme vieler Pseudonyme bestritt. Zum Jubiläum ein Gedicht und eine Mini-Blütenlese.

NACHTS FÜHRT SIE DIE FEUERSÄULE

Nachts führt sie die Feuersäule,
Tags der schwarze Schwaden.
Zug der Kameraden
Auf der bittren Meile.

Manna fiel und fette Wachtel.
Keiner rührt sie an.
Zug nach Kanaan
Mit Karton und Schachtel.

Volk in Hemd und Leinenhose.
Loch auf Arm und Knie.
Rast am Sinai.
Deine Stunde, Mose!

Gott und große Ziele.
Kanaan liegt weit.
Unser ist das Leid,
Und wir sind nicht viele.

Uns gehört die letzte Trauer.
Vierzig tote Jahre.
Toter Zukunft Mahre.
Eine Klagemauer.

Zwischen den Kriegen 6, Mai 1953, aus: Peter Rühmkorf. Werner Riegel: „… beladen mit Sendung/ Dichter und armes Schwein“. Zürich: Haffmanns, 1988, 1.-4. Tsd., S. 63. – Die folgenden Splitter aus demselben Buch.

Wir sind gegen die Deutsche Dummheit. (36)

Wo bleiben unsere Kritiker! Schließlich können wir doch nicht ALLES selbst machen! (67)

Es ist nicht schwierig, bei uns in Deutschland, mißverstanden zu werden. Das Talent: zu schreiben, erhält sich noch in einigen Exemplaren; das Talent: zu lesen, scheint ausgestorben. (100)

Die Kennzeichen finistischer Lyrik sind denen der Jazzmusik analog und äquivalent. Sie heißen: Blues, »drive« und »schmutziges (dirty) Spiel«. (131)

(145)

Sie feiern Schiller; sie feiern den Genius eines, der ihre harmloseren Triebe verstand und formulierte: ihre Tüchtigkeit, ihren Biedersinn; sie halten seine Ansicht für ein Denkmal: ihrer selbst. Die höhere Moralität dieses Mannes haben sie nie auf sich bezogen; sie schleichen daran vorbei, Schuldner und Schuldige. Heut feiern sie ihn, – als Schiller Toller hieß, haben sie ihn erschlagen! (213)

Wer denn?

Elfriede Gerstl 

(* 16. Juni 1932 in Wien; † 9. April 2009 ebenda)

Wer ist denn schon

wer ist denn schon bei sich
wer ist denn schon zu hause
wer ist denn schon zu hause bei sich
wer ist denn schon zu hause
wenn er bei sich ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu hause ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu haus bei sich ist
wer denn

Aus: „Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft“. Gedichte von Frauen. Hrsg. Marie Bernhard. Mit Illustrationen von Gerda Raidt. Berlin: Insel, 2024 (Insel-Bücherei 1538), S. 69

Er allein

Heute vor 15 Jahren starb der Dichter Kurt Bartsch

(* 10. Juli 1937 in Berlin; † 17. Januar 2010 ebenda)

ADOLF HITLER GANZ ALLEIN

Adolf Hitler, ganz allein
Baute er die Autobahn.
Keiner trug ihm einen Stein
Keiner rührte Mörtel an.

Keiner half ihm, als den Krieg
Er vom Zaun gebrochen.
Dennoch dauerte der Krieg
Fast dreihundert Wochen.

Adolf Hitler ganz allein
Hackte Holz, trug Kohlen
Heizte dann die Öfen ein
In Auschwitz, fern in Polen.

Keiner hat es kommen sehn
Jeder hielt sich ferne.
Alle ließen es geschehn
Aber, ach, nicht gerne.

Adolf Hitler ganz allein
Mußte sich erschießen.
Außer ihm hatte kein Schwein
Einen Grund zu büßen

Aus: Kurt Bartsch, Tango Berlin. Neue und ausgewählte Gedichte. Berlin: Wagenbach, 2010, S. 68

Böse Gedichte

Drei böse Gedichte des belarussischen Dichters Dmitri Strozew (belarussisch: Dsmitri Strozau), oder Gedichte über eine böse Geschichte. (Siebenunddreißig im ersten Gedicht ist natürlich das Terrorjahr 1937).

Dmitri Strozew 

(z nicht wie in Englisch zero, sondern wie deutsches Z; belarus.: Дзмітрый Строцаў, Dzmitry Strotsau, russ.: Дмитрий Строцев, wiss. Transliteration Dmitrij Strocev; * 12. April 1963 in Minsk)

SIEBENUNDDREISSIG

der drachen

nimmt sich die kinder
aus dem fluss des lebens
direkt aus dem trolleybus

opferung

wieso begreift ihr nicht
ein solches mittel

klärt alle fragen
schaltet den kopf aus
schneidet das herz ab

18.03.2017
*

exekutionsbesessene mutter Belarus

sowjetisches vertrauen auf gewalt

todesstrafe
rekrutenschikane
und alles
schon unter kontrolle

und alles
mit allem
verzahnt

chtonisches verlangen nach dem drachen
im Christuspelz

14.10.2017
NOTIZ
EINES WAHNSINNIGEN


wir

die einfachen
bürger von Belarus

wissen gar nicht

wie
die organe der hingerichteten
verteilt werden

wer
isst die leber
wer das herz

wem
serviert man

den kopf

25.04.2019

Aus dem Russischen von Andreas Weihe, aus: Dmitri Strozew: Das Bienenhaus. hochroth Berlin 2023, S. 7-9

ТРИДЦАТЬ СЕДЬМОЙ

дракон

забирает детей
из потока жизни
прямо из троллейбуса

жертвоприношение

как вы не понимаете
такое средство

закрывает вопросы
выключает голову
отрезает сердце

18.03.2017
*

казнелюбивая мать Беларусь

советское доверие к насилию

смертная казнь
дедовщина
и все
уже на контроле

и все
со всем
связано

хтоническое влечение к дракону
в Христовой шкуре

14.10.2017
ЗАПИСКА
СУМАСШЕДШЕГО


мы

рядовые
граждане Беларуси

даже не знаем

как
распределяются органы
казненных

кто
сьедает печень
кто сердце

кому
на стол идет

голова

25.04.2019

Aus: Дмитрий Строцев: улей. hochroth Berlin 2022 (die russischsprachige Version erschien separat bei hochroth).

Gedichte des belarussischen Lyrikers zum russischen Angriff auf die Ukraine standen schon Anfang Mai 2022 auf taz.de https://taz.de/Gedichte-zum-Krieg-in-der-Ukraine/!5846776/

Sehr glücklich

Zum Geburtstag des türkischen Dichters Nâzım Hikmet ein Gedicht mit einem Kommentar von Peter Gosse. Gosses Essayband, aus dem ich es habe, gibt keine Quellen an und ich habe keine Werkausgabe zur Hand. Deshalb weiß ich nicht mal, wer es übersetzt hat. Es mag heute so stehenbleiben.

Nâzım Hikmet

(* 15. Januar 1902 in Thessaloniki; † 3. Juni 1963 in Moskau) 

Heute haben sie mich das erste Mal 
In die Sonne hinausgelassen.
Ohne mich zu rühren stand ich da.
Danach setzte ich mich mit Ehrfurcht auf die Erde,
meinen Rücken lehnte ich an die Wand.
In diesem Moment dachte ich
weder an das Fallen der Wellen noch an Streit
noch an Freiheit, noch an meine Frau:
Die Erde war, die Sonne war, ich war.

Dies hatte Hikmet vor Jahren geschrieben, bevor er aus der Türkei in die Sowjetunion entkam. Und dort, Ende der 1950er Jahre, stand er da (im von uns, einigen Studenten, gegründeten, alsbald ziemlich namhaften Moskauer „Klub der Enthusiasten“ – Ehrenburg trug, ohne Papier vor sich und gleichwohl beeindruckend druckreif, aus seinen Memoiren vor, Wosnessenski betrat, tatsächlich an der Hand geführt vom wunderbar warmherzigen Michail Swetlow, erstmals eine Bühne, estrada – wie die Russen sagen) – Hikmet also wies auf die Frau, eine üppige Blondine („Das Haar von der Sonnenfarbe des Strohs“, wie er selig-souverän mitteilte) neben ihm auf dem Stuhl – es mochte nun nicht mehr die des obigen Gedichts sein, und er sprach. „Ich bin sehr glücklich auf ihr!“ Auf – war es mangelhafte Russischkenntnis oder, hoffentlich, zarte Kritik an damaliger sowjetischrussischer Prüderie? Der übervolle Saal tat, als hätte er es überhört.

Aus: Peter Gosse, Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten. Essays mit sechs Zeichnungen von Volker Stelzmann. (Edition Ornament Band 12). Bucha bei Jena: quartus-Verlag, 2013, S. 32

Peter Gosse absolvierte 1956 – 62 ein Studium der Hochfrequenztechnik am Institut für Energetik in Moskau.

Lexikon des Essens

Ljubow (Ljuba) Jakymtschuk

Wörter an der Zungenspitze einer Mutter 
sind immer am süßesten und am bittersten
sie lassen sich nicht von Sprache zu Sprache direkt übertragen
sie bedürfen Erklärungen und Anmerkungen.

jedes mütterliche »Bist du nicht hungrig?«
bedeutet »Wie geht es dir?«
manchmal widerspreche ich:
»kau es vor, ja, leg es mir in den Mund, Mama,
schau nach, ob ich schon geschluckt habe!
ist das deine besondere Form von Gewalt?«
»wenn du einmal selbst Kinder hast,
wirst du das verstehen«, antwortet sie.

da will ich sagen, mir wird's nie passieren
ich will das Telefon hinschmeißen und auf beleidigt tun
aber die Muttersprache wird vererbt
und schon spreche ich sie auch

zumindest zu mir selbst
wenn ich den Weihnachtsbaum schmücke
und zwischen den Kugeln Bonbons an die Zweige hänge
Essensreste auf dem Teller
kann ich nicht in den Müll werfen
also schlucke ich sie mit ganzer Kraft hinunter

ich erinnere mich, wie meine Oma uns Kinder bat
den Teller leer zu essen
und so aßen wir für Mama und Papa
für Oma und Opa
für all die Verwandten, die wir
nur aus dem Fotoalbum kannten
bis unsere Teller endgültig leer wurden

immer noch essen wir für die Verwandten
die vor einem Jahrhundert starben
vor einem halben Jahrhundert
und sogar noch letztes Jahr
an Hunger litten

jetzt komme auch ich nach Hause
und frage mein Kind:
»bist du nicht hungrig, Kleine?«
»hast du heute schon gegessen?«
und egal, wie die Antwort ausfällt
überrede ich sie, wenigstens etwas zu essen
um den Beweis ihrer Sättigung zu sehen

in diesem hausgemachten Essen
steckt unsere tausendjährige Geschichte:
aus der Gefangenschaft entlassene Menschen
die beim Anblick eines Apfels weinen
Millionen Verhungerte
mit aufgeblähten Bäuchen
in diesen Gesprächen über das Essen
sehe ich ein Schlachtfeld und jene,
die auf diesem Schlachtfeld gefallen sind
mir ferne und doch so nahe Menschen.

durch das Essen wird die Geschichte von Eltern an Kinder weitergegeben
wir kauen die Geschichte mit Mündern der Kinder
wir kauen sie leise
damit die feindlichen Geheimdienste es nicht hören
aber ich übersetze sie dir:

als man für Dokumente in ukrainischer Sprache erschossen wurde, 1918, 2022,
bekamen wir Dokumente auf Russisch

als man für die Pflege des Ukrainischen des Terrorismus beschuldigt wurde, 1930er- bis 1950er-Jahre,
ersetzten wir es durch die sowjetische Sprache

als man unsere Speisen nationalistische Propaganda nannte, in den 1960er- und 1970er-Jahren,
aßen wir das, was auch alle anderen aßen

entschuldige also, dass du bis heute
diese Überlebensgeschichte schluckst
kein Essen zum Vergnügen, nur um satt zu werden
um derjenige zu sein, was man isst
um so zu sein, wie alle anderen sind
um jemand zu sein, der nicht verhungert
nicht ins Konzentrationslager kommt
nicht in einem feuchten Keller erschossen wird

doch warte, nein, es gab eine Form des Protests:
unsere Großmütter haben zu Ostern
Paska-Brote gebacken
und nannten sie Kuchen
um die Ohren der Spitzel zu täuschen

als Kinder sammelten wir buntes Schokoladenpapier
und Kaugummiverpackungen von »Love is«
als Beweis für den Genuss
am Verzehr von Süßkram

ich schreibe allmählich an unserem Lexikon des Essens
Wort für Wort, Speise für Speise

einige von ihnen handeln vom Tod
aber viele handeln vom Leben
wie jenes Walnussschnitzel
das meine Grußmutter machte
als sie sich in den Neunzigern
kein Fleisch leisten konnte
aber die Nussernte reich war

ich schreibe dieses Lexikon
und ich gebe es dir unbedingt zum Lesen

damit du das erste Kind auf der Welt sein kannst
das aufhört, für alle verstorbenen Verwandten zu essen
und nur noch für sich selbst essen kann

für die Trauer um die Gefallenen
um die Verhungerten
um Gefolterte oder Vergiftete
holen wir uns unsere Worte zurück

und wenn du erwachsen bist
rufe ich dich an und frage dich
egal, wie sehr ich etwas anderes sagen will
dann frage ich dich ganz einfach:
»Wie geht es dir, Liebes?«

Für O.S. und K.M.

Kyiv, 2023

Aus dem Ukrainischen von Stefaniya Ptashnyk, aus: Delfi. Magazin für neue Literatur. #03, Herbst 2024, S. 17-20

Ljuba Jakymtschuk, geboren in Perwomaisk, Oblast Luhansk, Ukraine, ist eine in Kyjiw lebende Dichterin. Ihre Gedichte wurden in über 20 Sprachen übersetzt, ihr Buch »Aprikosen aus dem Donbass« stand auf der Shortlist des Mallarmé-Preises in Frankreich und wurde auf Französisch vertont von Catherine Deneuve. Im Jahr 2022 performte sie ihre Gedichte bei den Grammy Awards.
Stefaniya Ptashnyk, geboren in Lwiw, Ukraine, ist Linguistin, Buchautorin und Übersetzerin für Ukrainisch und Deutsch. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und lehrt deutsche Sprachwissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Wien.

Hinweis: Das Gedicht hat keinen Titel. Der Titel dieses Beitrags ist von mir gewählt und technisch bedingt – Beiträge brauchen eine Überschrift, um aufrufbar zu sein.

Das lyrische Ich

Uwe Kolbe 

(* 17. Oktober 1957 in Ost-Berlin)

Das lyrische Ich

Ein Mann, eine Frau, vor einhundert Jahren,
sie setzten das lyrische Ich in die Welt, ich gebe es
einhundert Jahre später zurück. Bewiesen ist nichts,
nur kenne ich meinen Traum, in dem einer der Gefahr
entrinnt durch den brüllenden trockenen Tunnel.
Das tosende Wasser umhüllt mich und schleudert
ins Licht meinen selbstverständlich jüngeren Körper.
Zu schwimmen ist sinnlos, ich werde emporgerissen
ins offene Licht des Himmels, das ist die Wahrheit.
So wahr mir das Wasser hilft, gelange ich in Helle,
gerettet, aber wen rettet das da, das bin doch ich?
Mein Traum ist es, immer geträumt, wenn plötzlich
Apollo wieder zur Sprachjagd aufruft, und die Musen
loslässt, Kuratorinnen-Pack über den feuchten Klee.
Im Traum bin ich erlöst, der tosende Strudel nimmt
mich auf wie der Malstrom die ganze Welt nähme,
die auf der anderen Seite auch eine andere wäre.

Aus: Park. Zeitschrift für neue Literatur. Heft 75, November 2023, S. 27

Charité

Richard Oehring

(* 16. Juni 1891 in Düsseldorf; † 14. Mai 1940 durch Selbstmord in den Niederlanden nach der Kapitulation der niederländischen Armee)

DE PROFUNDIS: CHARITÉ

Auf unserem Aussatz liegen die Laken wie Schnee
– Kühler Schnee deckt die Verruchten der Charité.
Unser Fieber sinnt immer um das eine:
Wir standen auf in einer Nacht, erfüllt
Von Angst, daß du uns ewig bliebst verhüllt.
– Du warst strahlend über dem toten All.
Das lag wie ein verlassnes Bett zerwühlt...
Wie hab ich tiefer dich als je gefühlt
In meiner Liebe frommem Sündenfall.
Wo bist du? – Straßen hat es mich durchhetzt.
Der böse Nachtwind höhnt: was willst du jetzt?
Aus allen Ecken kriechen Spinnenschrecken
– Geschwollner Leib zerbricht die dürren Beine –
Und weben Netze, die ein Herz umklammern.
In Gossen küssen Säufer Riesenkröten.
Ein Sumpf kommt gnädig; Bettelfrauen jammern,
Die schnell verwandelt höhnisch mich umschwirren
– O Grauen, das ich jede Nacht durchschwimme.
Wer spielt mit meinem Leid? Klang einer Stimme:
Komm mit – und eine Hand zieht mich ins Tor,
Um das die Nacht wirft dunklen Trauerflor:
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Und irgendwo singt es vergessene Lieder.
Im Dunkeln weine ich besinnungslos:
Wie kamst du spät. Ich fühle deinen Mund
– Geliebte! Heiland, mach mich nun gesund –
Und die betrogenen entsetzten Glieder
Erwachen, wissen und vergessen alles.
Höre nie meinen Schrei –

Wach. Die schönen leidseligen Schwestern kommen.
Aus ihren Gewändern wollen uns Blumen sprießen.
Wir möchten immer blicken nach euch Frommen.
Doch wir müssen vor Scham die Augen schließen.
Ihr kennt ja unsere schmerzvollen Phantasien.
Ihr seid lieb – ihr habt uns selig verziehen,
Ihr Mütter, ihr Schwestern, ihr liebebereiten
Fremdlinge auf der Insel der Entweihten.

Aus: Richard Oehring (1891-1940): STRAẞEN FLIEẞEN STEINERN IN DEN TAG. Gedichte, Erzählungen, Aufsätze. Mit einem Nachwort hrsg. von Hartmut Vollmer. (Vergessene Autoren der Moderne XXXVII hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Siegen: Universität/Gesamthochschule, 1988, S. 7

Bert Papenfuß 69

Der zweite Geburtstag nach seinem zu frühen Tod. Weiter mit der Papenfußserie: aus jedem seiner Bücher ein Gedicht. 1993 erschienen die ersten drei Bände einer Werkausgabe in Gerhard Wolfs Januspress. Band 3, harm, war schon 1985 als sein erstes Buch erschienen und nun nur 8 Jahre später Teil einer Werkbilanz. Entstanden sind die Texte dieses Bandes 1977. Ich wähle ein Gedicht aus, das den Titel „richtung zeitgenoessischer dichterdichtung“ trägt. Es ist nicht so sehr eine Kritik des jungen Dichters an der ihn umgebenden Dichtung als eine Darstellung seines und seiner Freunde Platzes darin, denn die aufgezählten „richtungen“ beziehen sich darauf, Begriffe wie „schminktischgedichte“ und „ferdichtungen“ finden sich als eine Art Gattungsbezeichnung seiner eigenen Texte in diesem Band wieder. Der junge Mann weiß, dass er nicht einfach „Gedichte“ schreibt. Das Widmungsgedicht zählt nicht weniger als 8 Textsorten oder Gattungen auf, von denen nur ein kleiner Teil von ihm „gedichte“ genannt wird. Der junge Mann ist selbstbewusst, er kennt die „richtung“ – aber auch Selbstironie ist ihm nicht fremd.

richtung zeitgenoessischer dichterdichtung

fliessbandelegien legen
fahrzeitueberbruekken bauen
kriminalsonette spinnen
schminktischgedichte lidstreichen
rocklyrics produtsieren
unfallmelodramen flennen
rezepterzaehlungen ferschreiben
pornografie fergutachten
ferdichtungen ausklammern

usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich geschrieben haette
usw ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich nicht die richtung wuesste

wueste

Aus: Bert Papenfuß: harm (Gesammelte Texte 3). Berlin: Januspress, 1993, S. 12