Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936, ermordet, in Víznar nahe Granada)
GASELE I
VON DER UNERWARTETEN LIEBE
Niemand erkannte den Duft
der dunklen Magnolie deines Leibes.
Niemand wußte, daß zwischen den Zähnen
du einen Liebes-Kolibri quältest.
Tausend persische Pferdchen schliefen
auf dem mondhellen Platz deiner Stirn,
und vier Nächte lang umschlang ich
deine Lenden, diese Feinde des Schnees.
Zwischen Gips und Jasmin war dein Blick
ein fahles Büschel Samen.
In meiner Brust sucht ich für dich
die Elfenbeinlettern, die sagen immer.
Immer, immer: Garten meiner Agonie,
dein Leib auf der Flucht für immer,
das Blut deiner Adern in meinem Mund,
dein Mund ohne Licht schon für meinen Tod.
Aus dem Spanischen von Lothar Klünner, aus: Federico García Lorca, Diwan des Tamarit. Diván del Tamarit. Sonette der dunklen Liebe. Sonetos del amor oscuro. Übertragen von Rudolf Wittkopf und Lothar Klünner. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1990, S. 9
GACELA PRIMERA
DEL AMOR IMPREVISTO
Nadie comprendía el perfume
de la oscura magnolia de tu vientre.
Nadie sabía que martirizabas
un colibrí de amor entre los dientes.
Mil caballitos persas se dormían
en la plaza con luna de tu frente,
mientras que yo enlazaba cuatro noches
tu cintura, enemiga de la nieve.
Entre yeso y jazmines, tu mirada
era un pálido ramo de simientes.
Yo busqué, para darte, por mi pecho
las letras de marfil que dicen siempre.
Siempre, siempre: jardín de mi agonía,
tu cuerpo fugitivo para siempre,
la sangre de tus venas en mi boca,
tu boca ya sin luz para mi muerte.
Ebd. S. 8
Vier sehr kurze erotische Gedichte des peruanisch-spanischen Dichters Diego Valverde Villena (* 6. April 1967 in Lima, Peru)
ESPADAS ( II )
Cruzamos miradas
y yo fui el herido.
FLORETT ( II )
Wir tauschten Blicke
und ich war der Verwundete.
INDOCILIDAD DEL SUEÑO
Quiero soñar con otras, y apareces tú
UNGEHORSAM DES SCHLAFS
Träumen möchte ich von Anderen, und Du erscheinst.
CANTAR DE CANTARES
No es culpa del sol, Sulamita,
si se oscurece
que lo miraste
HOHELIED
Es ist nicht Schuld der Sonne, Sulamith,
wenn sie sich verdunkelt
da du sie angeschaut hast
BOCA
Tu boca es una planta carnívora que se ha hecho carne
MUND
Dein Mund ist eine fleischfressende Fleisch gewordene Pflanze
Aus: Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024, jeweils auf den gegenüberliegenden Seiten 26/27, 28/29, 60/61 und 72/73.
(Nur wenige Gedichte in diesem Buch nehmen mehr als eine Seite ein, aber ich habe ungefähr die Kürzesten herausgesucht. Demnächst hier eine Rezension des Bandes.)
Heute wäre Heinz Czechowski 90 Jahre alt. Ich wähle ein Gedicht, das ich vor über 40 Jahren zuerst gelesen habe, in bleierner Zeit, wo Gedichte Trost spenden.
Heinz Czechowski
(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)
Was mich betrifft
Erziehungsberechtigt,
Und doch
Ständig erzogen von meinen Erziehern,
Mit gelockerter Zunge
Mündig geworden,
Und doch
Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten,
Geh ich
Noch immer im Kreis.
Auf mich also verwiesen
Im Guten und Schlechten,
Teile ich mit:
Was mich betrifft,
So bin ich ich.
Die Zunge der Schlange ist
Geschickter als meine,
Die Haut des Chamäleons
Paßt sich vortrefflicher noch als die meine
Den jeweils herrschenden Umständen an.
Meine Vorzüge, ich gebe es zu,
Sind vergleichsweise gering: aber
Daß ich nicht kriechen kann
Und meine Farbe nicht wechseln
Je nach Belieben,
Ist auch eine Gnade, für die ich
Niemand zu danken habe,
Außer mir selbst.
Aus: Heinz Czechowski: Was mich betrifft. Gedichte. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1981, S. 17
Alexander Freiherr von Bernus (* 6. Februar 1880 in Aeschach bei Lindau; † 6. März 1965 auf Schloss Donaumünster in Donaumünster) war ein deutscher Schriftsteller und Alchemist bzw. Spagyriker. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Bernus
Isa, 1945
Hat sie uns vieles auch geraubt, die Zeit,
Dem Dichter kann sie sein Gedicht nicht rauben,
Noch dir und mir, woran wir Beide glauben,
Gehn wir nur immer unsern Weg zu zweit.
Es gibt auch Wege in der Dunkelheit,
Und andre müssen sich das Licht verdienen,
Doch unser Weg war ganz von Licht beschienen,
Er kam von weither und er führt noch weit.
Wohin er führt, weiß einzig dein Geleit,
Dein guter Engel – Ihm lass uns vertrauen
Und seinem Licht in dieser Welt voll Grauen
In ihrer tiefen Undurchsichtigkeit.
(© Verlag Hans Carl, Nürnberg, 1962) Quelle: Alexander-von-Bernus-Gesellschaft
Olga Martynova (Ольга Борисовна Мартынова) wurde am 26. Februar 1962 in Sibirien geboren und lebt in Frankfurt am Main. Sie ist eine russisch-deutsche Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Anfang April wird sie in Staufen mit dem Peter-Huchel-Preis für ein herausragendes Gedichtbuch des Jahres 2024 ausgezeichnet. Such nach dem Namen des Windes heißt es. Ich komme erst jetzt dazu, es zu lesen, und wie sollte ich mich nicht gleich in das erste Gedicht verlieben, noch bevor ich den Rest lese?
Vu nemt men a bisele Glik
Weh mir, wo nehm ich
die Suppe,
im Winde die Fahnen dünn,
wehs mir
so oder so,
und der Kapo
im Schatten der Erde.
Die im Winde klirrenden »links«.
Und der Kapo trunken von Küssen:
Vu nemt men a bisele mazl.
Dünn waren die Fahnen.
Wehs mir, vu nehm ich,
wenns Winter ist,
Rosen a bisele,
mazl a bisele,
Schatten, a bisele
Erde, a bisele glik.
Wehs mir, vu nemt men
gelbe Birnen
und wilde Suppe,
a bisele Wasser,
und der Schatten brüllt,
wo nehm ich a bisele
mazl, wenns Winter und Blumen,
und Sonnenschein, wehs mir,
die Mauern stehn
im Schatten der Erde.
A bisele Erde
im Schatten des Gliks.
Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht
mehr. Da stand es und war nur noch sachliche
Aussage: so und so, und der Kapo brüllt »links«,
und die Suppe war dünn, und im Winde klirren
die Fahnen.
JEAN AMÉRY
... подойдет голубь, скажет – гёльдерлин ...
... tritt die Taube hinzu, gurrt – Hölderlin ...
OLEG JURJEW
Übers. von Steffen Popp
Vu nemt men a bisele mazl,
Vu nemt men a bisele glik.
Jiddisches Lied
Aus: Olga Martynova: Such nach dem Namen des Windes. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2024, S. 9f
Anne Carson
(* 21. Juni 1950 in Toronto)
Über Parmenides
Wir brüsten uns, wie zivilisiert wir sind. Doch was, wenn alle Dinge völlig anders hießen. Italien zum Beispiel. Ich habe einen Freund namens Andreas, ein Italiener. Er hat in Argentinien und in England gelebt, auch in Costa Rica. Überall, wo er lebt, lädt er Leute zum Abendessen ein. Eine Menge Arbeit. Artischockenpasta. Pfirsiche. Sein sinniges Lächeln vergeht ihm nie. Was, wenn sich herausstellt, dass Italien eigentlich Brzoy heißt – wird Andreas dann weiter wie der ewige Mond mit seinem geliehenen Schein die Welt durchwandern? Ich fürchte, wir haben nicht verstanden, was er sagte, noch seine Gründe. Was, wenn er, wann immer er Städte sagte, Täuschung meinte, zum Beispiel?
Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson: Irdischer Durst. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 40
SHORT TALK ON PARMENIDES
We pride ourselves on being civilized people. Yet what if the names for things were utterly different? Italy, for example. I have a friend named Andreas, an Italian. He has lived in Argentina as well as in England, and also Costa Rica for some time. Everywhere he lives, he invites people over for supper. It is a lot of work. Artichoke pasta. Peaches. His deep smile never fades. What if the proper name for Italy turns out to be Brzoy? – will Andreas continue to travel the world like the wandering moon with her borrowed light? I fear we failed to understand what he was saying or his reasons. What if every time he said cities he meant delusion, for example?
Aus: Short Talks. With a new afterword by the author and a new introduction by Margaret Christakos. London, Ontario: Brick Books, 2015
Ira Cohen
(3. Februar 1935 in New York City – 25. April 2011 ebd.)
Souvenir de Tanger
für Cynthia Broan
Wie schnell das alles geht
im Cinema RIF
Kaum sind wir angekommen
müssen wir schon wieder heim
So versäumen wir zu finden
wonach wir suchten
Doch wenn sich unsere Herzen öffnen
quellen sie über, platzen
Was ist dieses Geheimnis,
dieses Du & Ich?
Der heiße Wind den sie chergui nennen
wird wehen wenn wir fort sind
wird fegen durch die Stadt
Rosenblätter auf dem Tisch
erinnern mich für immer an dich
»Con su permiso«,
flüsterte die Nacht
Schüttle diese Legenden ab
& entdecke dein wahres Selbst
Am Ende verspreche ich zu schweigen.
Deutsch von Florian Vetsch, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Eine Anthologie. Herausgegeben von Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser, 2019 – In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett. S. 152f
Souvenir de Tanger
for Cynthia Broan
How fast it all goes
at the Cinema RIF
By the time we get somewhere
we have to go home
What we were looking for
we fail to find
Yet when we open our hearts
they are full to overflowing
What is this mystery,
this You & I?
The hot wind they call the chergui
will come after we are gone,
will blow through the city
Rose petals fallen on the table
will always remind me of you
»Con su permiso,«
whispered the night
Escape from these legends
& discover your true self
In the end I promise to be silent.
Maja Haderlap
(* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten)
als mir die sprache abhanden kam
vielleicht trank ich gerade kaffee
oder schlug eine zeitung auf.
vielleicht zog ich die vorhänge zu
oder sah auf die straße, als sie
mich verließ, ich dachte noch,
was für ein röcheln
aus der tiefe der wand,
was für ein klirren in diesem raum.
kein fensterglas sprang,
kein sessel fiel um in der küche.
an den straßenschildern erloschen
namen zu buchstabenasche.
über den häusern fuhr der
worttanker davon, massig, lautlos.
meine zunge zuckte wie ein
gestrandeter wal im trockenen mund.
ich floh aus der stadt,
zog mich hinter die grenze zurück.
kein brief kam an und antworten
blieben aus. wo ich
war, klafft eine lücke.
wo ich bin, treibt
mein schatten ins kraut.
Aus: »langer transit«, Gedichte © Wallstein Verlag, Göttingen 2014. Hier entnommen aus: Ostragehege. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Nummer 100 (II/2021), S. 34 – Die Zeitschrift druckt auch eine Lesart dieses Gedichts von Róža Domašcyna.
Tillmann Severin
lieber gerhard falkner
du hast mir mal ein käsebrot geschmiert
es hätte eigentlich kuchen geben sollen
aber dein computer war abgestürzt
der mit dem neuen manuskript
darüber hattest du mich vergessen
und den kuchen
dafür gab es brot
eine scheibe frankenlaib
ich habe noch nie so dick butter gegessen
4 mm und darauf noch käse
über münchen haben wir geredet
über deine gedichte
über dein verhältnis zur sprachwissenschaft der hu
darüber, welche kolleginnen du neurotisch findest
kommas am ende deiner gedichtzeilen,
und über deine zusammenarbeit mit der kunst
und über den kongress über dich
„gerhard falkner und die künste"
gerhard, frage ich mich
wie schreibt man ein fettes gedicht
Aus: Tillmann Severin: museum der aussterbenden mittelschicht. Verlagshaus Berlin, 2022, S. 78
Sibylla Vričić Hausmann
(geboren am 4. November 1979 in Wolfsburg)
mer šprahen
mer šprahen
šprahen des hercšlags
šprahen des athems
šprahen der berurung
šprahen der milh
tata-šprahen mama-šprahen
šprahen der veršvisterung
šprahen des kulšranks
šprahen des zing-zangs
šprahen der mušel
šprahen des merbaums
merere šprahen
dem menšlajn
Aus: Manuskripte 239/2023, S. 25
(Im Bedarfsfall lies š wie sch, h wie ch in dach, c wie z, z wie stimmhaftes s)
Richard Brautigan
(* 30. Januar 1935, heute vor 90 Jahren, in Tacoma, Washington; † 16. September 1984 in Bolinas, Kalifornien)
Münder, in der heißen Asche Pompejis geküsst
Münder, in der
heißen Asche Pompejis geküsst,
kommen zurück,
und Augen, die nur ihre Geliebte anbeten konnten
in den Feuern von Pompeji,
kommen zurück,
und erstarrte Körper, die sich in Ekstase wanden
in der Lava von Pompeji,
kommen zurück,
und Liebende, die vollkommene Leidenschaft
im Tode Pompejis fanden,
kommen zurück,
und sie schließen wieder die Tür
auf mit den Namen eurer Söhne
und eurer Töchter.
Deutsch von Johannes Beilharz, vor Jahren gefunden auf dem Literaturportal Fixpoetry, das sein Erscheinen eingestellt hat. Der Übersetzer ist dabei, seine Texte auf einer eigenen Seite neu zu veröffentlichen.
Mouths That Kissed in the Hot Ashes of Pompeii
Mouths that kissed
in the hot ashes of Pompeii
are returning
and eyes that could adore their beloved only
in the fires of Pompeii
are returning
and locked bodies that squirmed in ecstasy
in the lava of Pompeii
are returning
and lovers who found their perfect passion
in the death of Pompeii
are returning,
and they’re letting themselves in
again with the names of your sons
and your daughters.
Aus: Richard Brautigan: Rommel Drives On Deep Into Egypt. New York: Dell Publishing Co., 1970
Copyright © Richard Brautigan 1970. Übersetzung Copyright © 2015 Johannes Beilharz
Konstantin Ames
Raum (kristallert)
Ich bin ein Kind von Traurigkeit.
Vor meinen Augen sah Stirn Welt.
Krone trug ich stets um m Hals.
Gut Freund mit der Betonung früh.
Ich bin ein Kind von Traurigkeit.
Zwischen Rippen volle Leere.
Zwischen Rippen keine Erde.
Eh. Wer s E nicht herzt ...
Er wird keiner Rede, keiner Herde
Erbe, Erfordernis, etc. etc.
Evaluieren Sie diesen Satz der Hexe:
»Du machst alles kaputt!«
Ich bin ein Kind von Traurigkeit.
Indes wissen es selbst Freinde.
Er lebt mehr echt als schlicht.
Aus dem brandneuen Buch von Konstantin Ames: Völklinger Schulderung. Industrial Writing / Romantische Medien. Poem • Essay. Berlin: Noack & Block, 2025, S. 30
Ich blätterte ohne besondere Erwartungen im Abschnitt „Volkspoesie“ in der von Adolf Endler und Rainer Kirsch nachgedichteten Sammlung „Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten“ (1971). Da blieb ich an einem Gedicht hängen, das in meinen Ohren so gar nicht nach „Volkspoesie“ klang. In dem Buch gibt es knappe Informationen über die Autoren, aber nicht über diese anonymen Texte. In der Anthologie stehen diese Gedichte zwischen Schota Rustaweli (der zur Zeit des deutschen Minnesangs lebte) und dem König Teïmuras I. (1589-1663). Sollten sie wirklich so alt sein? Um so verwunderlicher wäre die „moderne“ Anmutung dieses Gedichts.
(Oder ob deutsche Dichter des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit auch „modern“ klingen, wenn man sie heute ins Georgische übersetzt?)
Das Gedicht
Also hab ichs ausgesonnen:
Durch dies Lied, ich dichts beizeiten,
Bleib ich leben, wenn ich sterbe,
Im Gedächtnis bei den Leuten.
Singen werdens meine Freunde,
Der Panduri rührts die Saiten,
Alle freun sich, und ich faule
Tief im Sarg, dem längst zu weiten –
Mein Gedicht mit seinen Reimen
Wird sich in der Welt verbreiten,
Meinen Namen werden nennen
Größte Länder, fernste Zeiten,
Wenn längst Blüten treibt mein Lager,
Längst zerfiel mein Haus zu Scheiten,
Und auf meiner Witwe wird wohl
Längst ein andrer munter reiten,
Längst –
So komm ich zu der Frage,
Wer, gilt es mich aufzubahren,
Mich am innigsten betrauert,
Ach, man wird es bald erfahren,
Ach, mein Herz wird recht behalten:
Keiner wird an Tränen sparen,
Aber eine nur, die liebe,
Nur die Mutter weint die wahren.
Alles kommt in Trauerkleidern
Und mein Weib mit offnen Haaren,
Wittib, überreich an Tränen,
Ihre Küsse, auch nicht raren,
Trösten bald schon einen andern,
Nicht in Monden, nicht in Jahren,
In drei Wochen; unvergessen
Bleib ich nur dem wunderbaren
Herzen meiner lieben Mutter.
Oft wird sie im Schlaf hochfahren,
Mich als Kind im Arme wähnen,
Denk ich wie von Foltermalen
Ihr Gesicht verheert von Tränen,
Wein auch ich.
O Qual der Qualen!
Nachgedichtet von Adolf Endler, aus: Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten, Berlin: Volk und Welt, 1971 – 2. Auflage 1974, S. 75f. (Den Nachdichtungen liegen Interlinearübersetzungen aus dem Georgischen von Nelly Amaschukeli zugrunde.)
Gern präsentiere ich einen Text von Konstantin Ames als Nachtrag zum 90. Geburtstag von Renate Rasp (*3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München)
„Er ist fünfundvierzig.“ Seelisches Schreiben von Renate Rasp zu ihrem 90.
Die Diktion hier könnte so oder so ähnlich auch im ÖPNV zu hören sein. Wer gewohnt ist, solche sozialen Nahbegegnungen konsequent zu meiden, sollte sich eines besseren besinnen.
Leute, die mit dem Kopf schreiben, zu bewundern, ist gar nicht schwer. All die Akrobatik. Die Nasenlöcher, die ihre Kegels und Rümpfbeugen gemacht haben müssen. Die damit Fliegenklatschen schwingen wie andere Baseballschläger. Ich schreibe, für einige unbegreiflich, mit den Händen, die sind also immer wach. Das gilt nun nicht viel. Es galt aber einmal halb so wenig. Als ich 2004 von der Ostsee bei Greifswald weg musste, landete ich in Leipzig. Leipzig hat viele Nachteile, von denen nicht wenige die gleichen Namen tragen wie einige blasierte Autorinnen und -toren; Leipzig hatte aber auch Antiquariate. Dort fiel mir, auf der Suche nach wirklich unpraktischen Existenzzulagen, ein Gedichtband der mir damals noch unbekannten – weil in Vergessenheit geratenen – Renate Rasp († 2015) in die Hände, Titel: „Eine Rennstrecke“. Darin findet sich auf Seite 17 ein Poem mit dem spröden Titel „Kultur“. Damals konnte ich Enzensbergers „Die Scheiße“ noch auswendig, so war die Eröffnung von „Kultur“ („Bevor er/ zum Scheißen geht“) kein Hindernis; überhaupt nicht primitiv oder reaktiv oder was ein zartes Seelchen sonst ankotzen könnte. Meist brauchz zur benevolenten Lektüre ja eh bloß ein wenig Bildung mehr als zunächst gedacht. Die für sich natürlich auch wieder nicht reicht; nicht einmal die vielbeschworene beschissene Kindheit tuz da, es braucht auch das Sensorium (Talent) für diese eine verstörende existenzielle Erfahrung, komplett infrage zu stehen, aus den Angeln gehoben zu werden. Sonst verkackt es sich allzu leicht. Beim Leben. Beim Lesen. Beim Ausdünsten. Beim Kunsten. Man kann dann trotzdem eine Zeitlang interessant, und auch mal eine Saison im Fokus, sogar Teil oder Anbau der Fokusgruppe sein, bleibt dabei aber ein privilegienblinder Dutzendmensch und auchn bisschen ein dröger Antiquitätenfuzzi. Wer nicht verkappt ehrgeizig und akademiegängig drauf ist, fängt sich schnell eine Fliegenklatsche, weil er eine „Ättitjud“ hat. Man nennt ihn – liberal-sozialistisch wie man nun einmal ist – „Nerd“, „Ästhetizist“ oder „Kleinunternehmer“. (…) Irgendwas muss schließlich hängen bleiben. Gilt es doch, eine mindestens gefühlte, wenn schon nicht ausgesprochene, Leitkultur zu verteidigen. Und jetzt endlich Text!
Kultur
Bevor er
zum Scheißen geht
stellt er das Radio
auf eine bestimmte Lautstärke
oder legt Bob Dylan auf.
Aber ich höre ihn trotzdem
sehe wie es sich
dunkelbraun
aus seinem Arsch
herausdrückt.
Ich sehe es liegen
in dem weißen Becken
von der Brille ein-
gerahmt und mir fallen
viele Dinge ein die
so ähnlich sind.
Er ist fünfundvierzig.
Im Schmetterlingsstil
schwimmt er durch seinen
eigenen Mist von klein auf.
Das ganze Zimmer ist voll.
Um die Platte abzustellen
müßte er
tauchen können.
Ich werde den Teufel tun, über meine eigenen Meeresgrund-Erfahrungen zu berichten. Aber einige dieser Erfahrungen – weil man sie selbst so oder so ähnlich hatte, erkennt man sie – finden sich im Buch der abartigen Weisheiten, das Renate Rasp mit ihrem Fimmel für Homewrecking, Schaftstiefel, Splatter in ein programmatisch überforderndes Buch gepackt hat, dem der Titel „Eine Rennstrecke“ nicht recht ansteht. Das hat womöglich aber der Verlag versaubeutelt. Das titelgebende Gedicht im Buch ist gleichsam der einzige Streichkandidat, erkennbar an einem Schlusssatz wie diesem: „Jeder soll selbst sehn!“ Jenau. Rasps Gedichtdebüt versammelt aber auch einige drastische und zugleich emotional absolut sichere Gedichte: „Jack the Ripper“ (S. 12), „Rest“ (S. 54), „Bildnis“ (S. 60), zugleich das Schlussgedicht. Und eben „Kultur“. Gibt Gerüchte, dass es sich bei diesem Epigramm um eine übelriechende Note an einen seinerzeit umstrittenen Literaturmoderator handelt. Der so denkbar abschätzig Angeredete muss Jahrgang 1933 oder 1934 sein, zieht man vom Erscheinungsjahr (1969) das genannte Alter („fünfundvierzig“) ab; der Herstellungsprozess des Buches will bedacht sein; Erscheinungsjahr heißt nicht Entstehungsjahr. Nun, ich gebe nichts weiter auf den Gossip, sondern beziehe den galligen Spott – weil ich unmöglich gemeint sein kann – noch einmal, so wie in den 2000er Jahren, probeweise auf mich, der gerade selbst beschissene 45 Jahre alt ist. Hm. Aha. Ich mag immer noch, und mehr denn je, Texte, die mich – aber bitte nicht unter Niveau – angehen. Das sind Texte, die mir maximale Ironiefähigkeit zugestehen, die nicht mein Einverständnis wollen, sondern mich zu einer Positionsbestimmung anhalten. Pathos lässt sich nicht konstellieren; und nur falsches Pathos lässt sich zerdeppern. Seelischem Schreiben, im Gegensatz zum Interessantismus des Kreativen bzw. Professionellen bzw. Literarischen und dann Preistragenden Schreibens, kann kein noch so umtriebiger Zehnminuten-Poetiker etwas anhaben … „Kultur“ von Renate Rasp, 1979 vom bundesrepublikanischen Feuilletonrudel (m) gerufmordet, ist Seelisches Schreiben. Sie hätte im Jahr 2011 ein Comeback feiern können. Aber es hätten wohl nicht Männer, die sie hasste, sein dürfen, die ihr die Tür zur Betriebshalle aufhalten. Auch und gerade zur mangelnden Solidarität unter Frauen hat die Rasp sehr deutliche Worte gefunden. Aus guten Gründen. Im Gespräch mit einer Kollegin, die nur um ein weniges jünger ist als die 1935 in Berlin geborene Renate Rasp, habe ich über deren Werk und Haltung ein Maß an Missgunst, Ablehnung und Nicht-Verstehen-Wollen erfahren, das traurig stimmte. Ich empfand die Rasp zwar als äußerst barsch im Umgang, halte aber dafür, dass Frauen auf schlechtes Benehmen gleiche Rechte haben wie Männer. Im persönlichen Umgang anstrengend sein dürfen, ohne dafür als Künstlerin (hier wie immer: w/d/m) verurteilt zu werden, das erwarte ich von einer Kollegenschaft, sofern professionell. Die Trennung von Werk und Künstler aufzugeben, braucht es schon sehr gute Gründe und Anhaltspunkte: Verrat, Narzissmus und andere allgemeine Menschenfeindlichkeit, Kapitalverbrechen.
Gegenprobe: Als eine hochgeschätzte Kollegin mir recht öffentlich ein Gedicht von Rasp um die Ohren haute, war das vitalisierend. Gruppierte, in diesem Fall die AG Trauma a.k.a. Gruppe 47, fühlten sich von Rasps Schreibart ›an die Wand geschrieben‹. So zu lesen im weitgehend überarbeitungswürdigen Biogramm (KLG). Warum denn nicht gleich an die Wand gestellt? Dabei ergehen von diesen Texten doch bloß Herausforderungen zum Duell. Die Duellsituation ist aber auch so eine Erfahrung, die vielen urbanen Großschnäuzchen komplett abgeht. Lieber f ü h l t man sich gemeint, und ist tödlich beleidigt; ganz schön bürgerkinddichterlich. Puh. Schnell und abschließend ein Wort zur Auswahl: Ich hätte auch einen der drei o.g. Texte auswählen können, aber „Kultur“ passt auf die bange Stimmung angesichts der neowilhelminischen Zuständen im heutigen Gerne-Aber-Nicht-Mehr-Lange-Groß-Berlin wie Arsch auf Eimer. Jetzt haben wir die Cultur, kompetitiv wie eh und je, aber dafür stilvoll und gefühlsecht wie Oktopussalat.

Heute zeigt der Kalender gleich mehrere runde Gedenktage. Heute vor 750 Jahren, 1275, starb der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, und noch 75 Jahre früher, heute vor 825 Jahren, 1200, wurde Dōgen geboren, der ein japanischer Zen-Meister und Dichter wurde. Hinzu kommen noch zwei Dichter aus verschiedenen Weltgegenden, die am selben Tag heute vor 300 Jahren gestorben sind. Johann Christoph(er) Jauch, deutscher Theologe und Dichter, der wohl wichtigste Textdichter Johann Sebastian Bachs (der Name Jauch trügt nicht, von einem seiner Brüder stammt der Fernsehhost Günter Jauch ab), und Sulchan-Saba Orbeliani, georgischer Mönch, Politiker und Dichter. Ich entscheide mich für den ältesten dieser vier Dichter, Dōgen.
Der japanische Autor Yasunari Kawabata stellte eins seiner Gedichte zusammen mit einigen anderen an den Anfang seiner Nobelpreisrede im Jahr 1968 in Stockholm. Daraus diese Ausschnitte. Am Schluss eine andere Übersetzung des ersten Gedichts mit dem Original.
„Im Frühling Kirschblüten, im Sommer der Kuckuck.
Im Herbst der Mond und im Winter der Schnee, klar, kalt.“
„Der Wintermond kommt aus den Wolken, um mir Gesellschaft zu leisten.
Der Wind ist durchdringend, der Schnee ist kalt.“
Das erste dieser Gedichte stammt vom Priester Dogen (1200-1253) und trägt den Titel „Angeborener Geist“. Das zweite ist vom Priester Myoe (1173-1232). Wenn ich nach Beispielen für Kalligraphie gefragt werde, wähle ich oft diese Gedichte.
Das zweite Gedicht enthält eine ungewöhnlich detaillierte Beschreibung seiner Ursprünge, die eine Erklärung seiner eigentlichen Bedeutung darstellt: „In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224 war der Mond hinter Wolken. Ich saß in der Kakyu-Halle in Zen-Meditation. Als die Stunde der Mitternachtswache kam, beendete ich die Meditation und stieg von der Halle auf dem Gipfel in die unteren Viertel hinab, und als ich das tat, kam der Mond aus den Wolken und ließ den Schnee glühen. Der Mond war mein Begleiter, und nicht einmal das Wolfsgeheul im Tal machte mir Angst. Als ich bald darauf wieder aus den unteren Vierteln herauskam, war der Mond wieder hinter Wolken. Als die Glocke die Nachtwache signalisierte, machte ich mich noch einmal auf den Weg zum Gipfel, und der Mond sah mich auf dem Weg. Ich betrat die Meditationshalle, und der Mond, der die Wolken jagte, war im Begriff, hinter dem Gipfel dahinter zu versinken, und es schien mir, als würde er mir heimlich Gesellschaft leisten.“
(…) Hier ist die Szene für ein weiteres Gedicht, nachdem Myoe den Rest der Nacht in der Meditationshalle verbracht hatte oder vielleicht vor Tagesanbruch noch einmal dorthin gegangen war:
„Als ich meine Augen von meinen Meditationen öffnete, sah ich den Mond in der Morgendämmerung das Fenster erhellen. An einem dunklen Ort fühlte ich mich, als ob mein eigenes Herz in einem Licht erglühte, das das des Mondes zu sein schien:
‚Mein Herz leuchtet, eine reine Lichtfläche;
Und ohne Zweifel wird der Mond das Licht für sein eigenes halten.‘“
Wegen einer so spontanen und unschuldigen Aneinanderreihung bloßer Ausrufe wie der folgenden wurde Myoe der Dichter des Mondes genannt:
„Hell, hell und hell, hell, hell und hell, hell.
Hell und hell, hell und hell, hell, heller Mond.“
(…) Man kann, wenn man will, in Dogens Gedicht die Schönheit der vier Jahreszeiten nur als eine konventionelle, gewöhnliche, mittelmäßige Aneinanderreihung repräsentativer Bilder der vier Jahreszeiten in einer höchst ungeschickten Form sehen. Man kann es als ein Gedicht sehen, das eigentlich gar kein Gedicht ist. Und doch ist das Sterbegedicht des Priesters Ryokan (1758-1831) sehr ähnlich:
„Was soll mein Vermächtnis sein? Die Blüten des Frühlings,
Der Kuckuck in den Hügeln, die Blätter des Herbstes.“
In diesem Gedicht, wie auch in dem von Dogen, werden die alltäglichsten Figuren und Worte ohne Zögern aneinandergereiht – – – nein, eher mit besonderer Wirkung – – – und so vermitteln sie das wahre Wesen Japans.
Quelle: https://www.nobelprize.org/prizes/literature/1968/kawabata/lecture/
Im Frühling Kirschblüten
im Sommer der Ruf des Kuckucks
im Herbst der Vollmond
im Winter kalter Glanz des Schnees:
erquickende Reinheit!
Haru wa hana / natsu hototogisu / aki wa tsuki /
fuyu yuki saete / suzushikarikeri
Vorspann: Honrai menmoku – ›ursprüngliches Gesicht, ursprünglicher Anblick‹.
Gehört zu einer Reihe von Waka, die im Auftrag des Machthabers Hojo Tokiyori, entstand, als Dōgen 1247 in der Stellung eines geistlichen Präzeptors in Kamakura weilte. Der Vorspann deutet an, dass die klassischen Jahreszeiten-Motive hier als Metaphern auf etwas über die Erscheinungen Hinausgehendes, Wesenhaftes im Sinne des Zen-Buddhismus hinweisen sollen.

Aus: Gäbe es keine Kirschblüten… Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2009, S. 94f
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