Bettelsong

Jo Mihaly

(eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern), Tänzerin, Schauspielerin, Schriftstellerin

Bettelsong

Ach quatsch mich nicht an, Mensch
Mit deinem Sermon
lehr du mich die Welt verstehn!
Wat weisst denn du
nu schon davon
wat es heisst, betteln zu jehn!
„Das is keene Arbeit”, hör ich dir sagen
Nu – sag´s schon! Ich kann eine Menge vertragen
ich bin ja so vieles jewohnt!

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Wat is denn das Leben? Asyl und Spital!
jeboren, jestorben, verjessen.
Und der Hunger, mein Sohn, is manchmal fatal,
und du kriegst nich das mind’ste zu fressen.
„Ach bitt schön, Madam, eine Kleinigkeit!”
aber solche Leute, die haben nie Zeit
das musst du zu allererst wissen.

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
2. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Da fehlt denn das Kleingeld
oder Madam is nich da
oder „der Herr is nich zu Hause…
(is nämlich alles nich wahr!)
Und vor Schwäche knicken die Beine dir weg…
Eines Tages, da liegste im Dreck

Ich hab schon ´ne Übung im Türensystem
ich kenne die Klinken-Gesichter
ich brauche die Herrschaften jarnich zu sehn
ich rieche schon det Jelichter.
Und was so ein Haus alles in sich birgt!
Mich hat schon manchmal das Kotzen jewürgt
viel heftiger als der Hunger.

Und vor diesen Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Demut zeigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
immer und ewig dieselbe Not -:
Steine statt Brot!

Aber einmal kommt es dann
anders, mein Sohn!
Verlier nich das bisschen Mut
Was wissen denn alle,
die satt sind, davon
wie wohl uns der Hunger tut!
Und hat uns das Leben um manches beschissen:
was betteln… was Nacken beugen müssen…!

Wir sind so Menschen wie jene sind!
Wir haben das nich zu vergessen!
Wir sind nich faul, aber wir sind auch nich blind,
an ihrer Verblendung gemessen!
Und gibt man dir wieder statt Brot einen Stein
sag ,,Danke!” und steck ihn für später ein -:
du wirst ihn mal brauchen müssen!

Dann gibt es kein
Vor-den-Türen-stehn,
kann einer neben
dem andern gehn.
Im 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
macht kein Dünkel sich breit.
Das ist unsere Zeit!

Aus: Der Kunde. Zeit- und Streitschrift der Vagabunden, Heft 5/6, 2. Jg., 1929

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