men and men

Eugen Gomringer

Aus: eugen gomringer: konstellationen ideogramme stundenbuch. Stuttgart: Reclam, 1983, S. 25

Wetterzeichen

Johannes Bobrowski

(* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Berlin)

WENN VERLASSEN SIND

Wenn verlassen sind
die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn
die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen
fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist
unter den Füßen das Gras,
weiße Sohlen betreten den Wind —

der Dornbusch flammt,
ich hör seine Stimme,
wo keine Frage war, ein Gewässer
geht, doch mich dürstet nicht.

Aus dem Band „Wetterzeichen“. Zitiert nach Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Erster Band. Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 179

Das Gedicht entstand am 15. April 1963

Wiegenlied

Anna Krommer

WIEGENLIED

Du wirst die alte Sprache nicht mehr kennen,
Die alten Namen wirst du nicht mehr nennen,
Du wirst nichts andres kennen mehr auf Erden,
Die Bäume werden mit dir höher werden,
Und Gärten werden sich um neue Häuser legen,
Und neue Felder wachsen zwischen Wegen.

Der Wind, der mir noch rauhe scheint,
Dir wird er sein ein guter Freund,

Doch soll dir unverständlich sein
Der Schweiß der Arbeit aus und ein.
Mit harten Händen bau ich dir dein Leben,
Du sollst es weich aus meinen Händen heben,
Mein Kind.

Aus: Anna Krommer: Galiläa (Lieder einer Siedlung). Wien: Europäischer Verlag, 1955, S. 20

„Anna Krommer (geboren 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei) ist eine deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit. (…)

Sie wuchs in Berlin auf, wo der Vater bei der SPD-Zeitung Vorwärts tätig war.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 floh die Familie in die ČSR, wo sie das Deutsche Mädchenlyzeum Prag bis März 1939 besuchte, als die Tschechoslowakei besetzt wurde und ihr Vater nach Jugoslawien fliehen musste. Im Juni 1939 flohen auch ihre Mutter, ihre Schwester und sie nach Großbritannien, alle Verwandten der Mutter wurden als Juden von den Deutschen in Konzentrationslagern ermordet. Krommer besuchte von 1941 bis 1944 die Kunstgewerbeschule des Guildford Technical College, Surrey, wo auch der geflohene Lyriker Theodor Kramer als Bibliothekar untergekommen war, der ihre dichterische Entwicklung beeinflusste und ihren Weg verfolgte. Sie schloss 1945 das Studium des Zeichnens und der Kunstgeschichte an der Chelsea School of Art ab.

1946/47 arbeitete sie als Briefzensorin für die US-amerikanische Militärbehörde in Offenbach am Main und hielt sich 1948 während des Palästinakriegs in Israel auf. Als Deutschsprechende konnte sie nicht mehr in die ČSR zurückkehren, auch ihre Mutter, die nach dem Krieg als Sozialarbeiterin nach Theresienstadt ging, wurde von dort wieder vertrieben. Von Großbritannien wanderte sie mit dem Vater 1951 in die USA aus, ging aber von Boston für ein Jahr wieder nach Israel in einen Kibbuz, wo sie ihren ersten Gedichtband schrieb. Ab 1953 lebte sie in New York, ab 1962 in Washington, 1957 wurde sie US-Bürgerin.“ (Wikipedia)

Meine Dichtungen, deklamiert

Else Lasker-Schüler

An mich

Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000 und 2-jährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.

Ich schweife umher! Mein Kopf fliegt fort wie ein Vogel, liebe Mutter. Meine Freiheit soll mir niemand rauben, – sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst du und trägst mich hinauf zum blauen Himmel. Ich weiß, dich rührte mein einsames Schweben und das spielende Ticktack meines und meines teuren Kindes Herzen.

Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich

Urs Allemann

Gedicht vom Schweizer

Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich dadurch
daß er ein Schweizer ist nicht fünf Schweizer nicht vier
nicht drei Schweizer nicht zwei Schweizer nicht keiner
sondern ein Schweizer einer nichts als eins ein Schweizer

Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Hsg. Hans Bender. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1990, S. 190

Tantalus, füll deinen Becher

Edith Södergran

Tantalus, füll deinen Becher

Sind das Gedichte? Nein, es sind Fetzen, Flicken,
 Schnipsel des Alltags.
 Tantalus, füll deinen Becher.
 Unmöglichkeit, Unmöglichkeit.
 Sterbend einst werf ich den Kranz von meinen Locken
   in deine ewige Leere.

Aus dem Schwedischen von Brigitte Struzyk

Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 64

Nicht Gedicht. Klauenspur.

Edith Södergran

Edith Irene Södergran (* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals Finnland, heute Rußland), finnlandschwedische Dichterin

Beschluß

Ich bin ein sehr reifer Mensch,
 doch kennt mich niemand.
 Meine Freunde machen sich von mir ein falsches Bild.
 Ich bin nicht zahm.
 Ich habe die Zahmheit in meinen Adlerklauen geprüft
  und kenne sie wohl.
O Adler, welche Süße in deiner Schwingen Flug!
 Wirst du schweigen wie alles? 
 Willst du vielleicht dichten? Du wirst nie mehr dichten.
 Jedes Gedicht wird die Zerreißung eines Gedichtes sein, 
 nicht Gedicht. Klauenspur.

Aus dem Schwedischen von Karl Kern

Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 68

Faksmile aus ebd. S. 69

Im Walde von Katyn

  1. April 1940: Beginn des Massakers von Katyn, bei dem tausende polnische Offiziere und Intellektuelle hingerichtet und im Walde von Katyn verscharrt werden. Erst 1990 gab die sowjetische Führung die sowjetische Verantwortung für das Verbrechen zu.

Friederike Mayröcker

IM WALDE VON KATYN
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
(and the chariot swung the chariot
over the mediterranean sea swung over the sea)
im Walde von Katyn
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
and the chariot swung the chariot
over the sea

Wiedersehen mit Berlin

Mascha Kaléko

Wiedersehen mit Berlin

Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel bläut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: ‚Ick bejrüße Ihnen!‘,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen –
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh‘ ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut ‚Pompejis‘ Steine zu mir reden!
Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin

Mein federäugiger Liebling!

Friederike Mayröcker

MEIN FEDERÄUGIGER LIEBLING!
mein schellenfüsziges Erkerschlöszchen!
meine wunderschöne Osterblume
wie sehr du mich verlassen hast
und jetzt musz ich um dich weinen

weisze Osterblume
kleiner Ostermond
fernes Springwasser meines Herzens
fünfzehntes Schlüsselchen meiner Not
lebwohl ins Frühlingsgrün!

Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. Frankfurt/Main: 2004, S. 32

Entstanden vermutlich zwischen 1950 und 1955

Ankunft im Regen

Anna Krommer

(* 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei), deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit)

Aus: Ankunft im Regen

Ich kam von fern in diese tiefe Nacht,
Trag als Gepäck des ganzen Lebens Last,
Kam ungebeten, bin bei keinem Gast,
Und habe keinem etwas mitgebracht.

Der Regen hüllt mich ein in graue Tränen.
Rund ist nur Nacht. Verblaßte Lichter schwimmen
Durch eines Windes trübsinniges Stöhnen,
Und greifen hohl ans Herz mir und verrinnen.

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Heut roth und morgen todt

Luise Hensel

(* 30. März 1798 in Linum, Mark Brandenburg; † 18. Dezember 1876 in Paderborn)

Unbegreiflich

Sie rechnen viel und zählen,
Und Eins ist doch nur noth.
Sie sorgen stets und quälen
Sich nur um’s Erdenbrod.
Sie schaffen, tauschen, wählen,
Und bald doch kommt der Tod,
Der ihre Güter stehlen,
Vernichten wird – o Noth!
Drum laßt das Sorgen, Quälen
Und denkt an’s Himmelsbrod.
Habt kurze Zeit zum Wählen:
Heut roth und morgen todt.
So laßt das Rechnen, Zählen,
Begreift: »Nur Eins ist noth,«
Und denkt an eure Seelen
Und denkt an Gott und Tod.

Aus: Louise Hensel: Lieder. Paderborn 1879 (4. Aufl.), S. 125f

Bettelsong

Jo Mihaly

(eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern), Tänzerin, Schauspielerin, Schriftstellerin

Bettelsong

Ach quatsch mich nicht an, Mensch
Mit deinem Sermon
lehr du mich die Welt verstehn!
Wat weisst denn du
nu schon davon
wat es heisst, betteln zu jehn!
„Das is keene Arbeit”, hör ich dir sagen
Nu – sag´s schon! Ich kann eine Menge vertragen
ich bin ja so vieles jewohnt!

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Wat is denn das Leben? Asyl und Spital!
jeboren, jestorben, verjessen.
Und der Hunger, mein Sohn, is manchmal fatal,
und du kriegst nich das mind’ste zu fressen.
„Ach bitt schön, Madam, eine Kleinigkeit!”
aber solche Leute, die haben nie Zeit
das musst du zu allererst wissen.

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
2. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Da fehlt denn das Kleingeld
oder Madam is nich da
oder „der Herr is nich zu Hause…
(is nämlich alles nich wahr!)
Und vor Schwäche knicken die Beine dir weg…
Eines Tages, da liegste im Dreck

Ich hab schon ´ne Übung im Türensystem
ich kenne die Klinken-Gesichter
ich brauche die Herrschaften jarnich zu sehn
ich rieche schon det Jelichter.
Und was so ein Haus alles in sich birgt!
Mich hat schon manchmal das Kotzen jewürgt
viel heftiger als der Hunger.

Und vor diesen Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Demut zeigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
immer und ewig dieselbe Not -:
Steine statt Brot!

Aber einmal kommt es dann
anders, mein Sohn!
Verlier nich das bisschen Mut
Was wissen denn alle,
die satt sind, davon
wie wohl uns der Hunger tut!
Und hat uns das Leben um manches beschissen:
was betteln… was Nacken beugen müssen…!

Wir sind so Menschen wie jene sind!
Wir haben das nich zu vergessen!
Wir sind nich faul, aber wir sind auch nich blind,
an ihrer Verblendung gemessen!
Und gibt man dir wieder statt Brot einen Stein
sag ,,Danke!” und steck ihn für später ein -:
du wirst ihn mal brauchen müssen!

Dann gibt es kein
Vor-den-Türen-stehn,
kann einer neben
dem andern gehn.
Im 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
macht kein Dünkel sich breit.
Das ist unsere Zeit!

Aus: Der Kunde. Zeit- und Streitschrift der Vagabunden, Heft 5/6, 2. Jg., 1929

Selbst den Untergang

Amanda Aizpuriete

(* 28. März 1956 in Jūrmala, Lettland)

Selbst den Untergang nicht erflehn –,
Wie Centimes Sekunden scheppern,
hufspurbittres Sumpfwasser
keine Verwandlung mir bringt.

Mit Fäusten schlag ich den Brustkorb
der Zeit. Aderngedröhn bis endlich
der Friedensbote kommt, ein Bluthund –
die Knie mir zu lecken.

Deutsch von Manfred Peter Hein

An einen Baum am Spalier

Sophie Mereau-Brentano

(* 27.03.1770, † 31.10.1806)

An einen Baum am Spalier

Armer Baum! – an deiner kalten Mauer
festgebunden, stehst du traurig da,
fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer
in den Blättern freier Bäume weilt
und bey deinen leicht vorübereilt.
O! dein Anblick geht mir nah!
und die bilderreiche Phantasie
stellt mit ihrer flüchtigen Magie
eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin,
die, auf ewig von dem freien Sinn
der Natur entfernt, ein fremder Drang
auch wie dich in steife Formen zwang.

Aus: Sophie Mereau-Brentano: Ein Glück, das keine Wirklichkeit umspannt: Gedichte und Erzählungen herausgegeben und kommentiert von Katharina von Hammerstein.
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997