Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Veröffentlicht am 7. Mai 2025 von lyrikzeitung
Yan Jun
(*1973 Lanzhou, China, Dichter, Musiker, Kritiker und Betreiber des Independent-Labels KwanYin)
5. JUNI
I
wenn es keine worte gibt
wie soll ich dann dieses jahr das massaker beginnen
unter der brutheißen klimaanlage sitzen einhundert studenten
in einem zug, der beijing verlässt
II
wenn ich die bücher anderer leute umschreibe
fliegen kleine schwarze dinge von ihren seiten auf
sämtliche mücken in shenzhen haben denselben nachnamen
eine bibliothek des blutverlusts:
viel glück für euren flug und tod
(2011, shenzhen)
Aus dem Chinesischen von Lea Schneider, aus: Uljana Wolf, Günter Blamberger und Michaela Predeick (Hrsg.), poetica7. Sounding Archives – Poesie zwischen Experiment und Dokument. Tübingen: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2022, S. 97

Dokumentarische Lyrik muss ihre Themen nicht erfinden, sie findet sie vor. Sie ist Counter-History, schafft Gegen-Wissen in ihren offenen Archiven. Ein Gegen-Wissen, das wie das Wissen der Wissenschaften ein Wissen im Werden ist und vorläufig bleibt, korrigierbar, amplifizierbar, dezentralisiert.
Günter Blamberger, Über Docupoetry, a.a.O. S. 142
Kategorie: China, ChinesischSchlagworte: Günter Blamberger, Lea Schneider, Yan Jun
Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..
Kann zu diesem Blog derzeit keine Informationen laden.
Der 5. Juni ist der Tag nach dem Massaker des 4. Juni 1989 in Peking.
LikeLike