Der Präsident blickt unentwegt ins Leere

Kurt Bartsch 

(* 10. Juli 1937 in Berlin; zählt trotzdem zur „Sächsischen Dichterschule“. 1980 Wechsel von Ost- nach Westberlin; † 17. Januar 2010 in Berlin) 

WELTMEISTERSCHAFTEN

Das Stadion ist gefüllt. Auf der Tribüne
Nimmt Platz der Präsident; sitzt da und winkt,
Und steht gleich wieder auf, denn jetzt erklingt
Die Hymne seines Lands, die textlich kühne.

Wenn sie verklungen ist, setzt er sich wieder,
Und muß erneut aufstehn, denn jetzt marschieren
Die Sportler ein, und alle spüren:
Das ist ein Anblick, der geht in die Glieder.

Dann fängt der Wettkampf an. Es fliegen Speere;
Bald ist der grüne Rasen ganz gespickt.
Im Hochsprung ist ein Weltrekord geglückt.
Der  Präsident blickt unentwegt ins Leere.

Ein Geher kommt ins Stadion. Sieggeschrei!
Er lächelt matt, biegt in die Zielgerade.
Da krampft sie sich zusammen, seine Wade.
Die andern Geher gehn an ihm vorbei.

Ein stiller Herr, den man für friedlich hielte,
Holt eine Schußwaffe aus dem Etui.
Die Läuferinnen gehn sofort ins Knie
Und laufen los, weil einer auf sie zielte.

Das war der Startschuß, doch er ging daneben.
Die Läuferinnen blieben unverletzt.
Der Präsident hingegen ist entsetzt:
Man will mir, denkt er, sogar hier ans Leben.

Die Stabhochspringer tropfen von der Latte,
Die jetzt in gnadenloser Höhe liegt.
Den Auserwählten, der sie überfliegt‚
Empfängt Applaus und eine Schaumstoffmatte.

Der Wettkampf dauert jetzt schon vier, fünf Stunden.
Ein Wind kommt auf und läßt die Fahnen wehn.
Die Schatten werden länger, und dann drehn
Die letzten Läufer ihre letzten Runden.

Die Sieger stehn bekränzt auf den Podesten
Zwei Goldmedaillen werden noch verhängt,
Bevor man allgemein zum Ausgang drängt.
Die Sonne steht schon ziemlich weit im Westen.

Der Lärm verebbt. Ein Kind pfeift auf dem Schlüssel.
Davon erwacht der Präsident und denkt,
Es sei soweit, er würde aufgehängt.
Dann leert das Stadion sich, die große Schüssel.

Wenn alle fort sind, kommt ein Herr und hebt
Pappteller auf, an denen Mostrich klebt.

Aus: Kurt Bartsch: Weihnacht ist und Wotan reitet. Märchenhafte Gedichte. Berlin (West): Rotbuch, 1985, S. 50f.

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