An der sonngewohnten Straße

Noch einmal Rilke, zum heutigen 96. Todestag.

Rainer Maria Rilke 

(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still' ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich;
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
sei's an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

Muzot, Anfang Juni 1924

Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. Horst Nalewski. Erster Band: Gedichte. Leipzig: Insel, 1978, S. 797

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