Abschied vom Frieden 1913

Vor 100 Jahren war ein heißer Sommer und soweit Frieden in Europa. Viele und namentlich auch viele der von uns „Expressionisten“ genannten Dichter empfanden die relative Ruhe als bedrückend und erhofften im Gedicht einen Sturm. Den bekamen sie auch bald. Viele verloren das Leben, andere die Freunde oder das Land. (Wir im 21. Jahrhundert sind auch nicht besser). Wie dem sei, mit diesem unbehaglichen Gedicht geht die Lyrikzeitung in eine kurze Sommerpause. In fünf Tagen gehts weiter.

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich; † 8. April 1950 in New York, USA)

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind .. zerriß mit Eisenklauen
die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm .. der müßt den schönen blauen
ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. 3. Jg., Nr. 40, 4. Oktober 1913, Sp. 945

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