Unbekannter großer Dichter

Jakob Balde war ein großer deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts. Leider schrieb er auf Latein, und so kennen ihn nur wenige Spezialisten.

Hier ein Text im Original, die Nachdichtung Herders und darunter eine Prosaübersetzung. Eine neuere, vollständige Übersetzung wäre wünschenswert (aber vielleicht kenne ich sie nur nicht?).

Jacob Balde

(* 3. Januar 1604 in Ensisheim, Elsass; † 9. August 1668 in Neuburg an der Donau)

Melancholia.

Semper ego inclusus Germanae finibus Orae,
  In Bauara tellure senescam!
Tristibus imperijs spatio retinemur in arcto,
  Et curtum malè perdimus aeuum.
Atqui vincla, licet rupto dissoluere nodo,
  Et clausas diducere turreis.
Graeculus effugiens aliquis Minoia regna,
  Ceratas sibi sumpserat alas.
Sed neque fallaceis ventos tentare necesse est
  Lapsuris super aequora pennis.
Tota mihi quamuis adeò Germania carcer.
  Deterius quoque carcere corpus:
Libera MENS tamen est. vbi vult, habitátque, volátque.
  In pelago non impedit Auster:
In terris non tardat obex, transcendit & Alpes
  Nubiferas, ac sidera pulsat.
Accedit Phoebi donum, diuina Poësis.
  Hac fretus, velocior Euro,
Euri nascentis Patriam, cunásque videbo,
  Aurorae rapiendus in ortum.
Melancholie

Muß ich im Kerker denn, in diesem traurigen Lande
  Oede verblühn und frühe verwelken?
Sind die Bande, die hier mich fesseln, nimmer zu lösen?
  Nicht zu zersprengen der Thurm, der mich einschließt?

Dädalus schuf sich Flügel; ich darf der wächsernen Flügel
  Nicht, die über dem Meere zerschmelzen!
Kann mein freies Gemüth sich nicht aufschwingen, wohin es
  Will? Kein tobender Wind in den Fluthen,
Auf dem Lande kein Riegel verhindert den Geist, daß er auffliegt,
  Ueber Alpen und Wolken und Sterne.

Und hat Apollo mir nicht der Gaben höchste, die Dichtkunst,
  Milde geschenkt, die auf Flügeln des Ostwinds
Auf der Aurora Flügeln sich hebt? – – O Erretterinn, und dann!
  Ferne von hier! bis zum Bett der Aurora!

Aus: Johann Gottfried von Herder’s Terpsichore. 1795. Hrsg. Johann Georg Müller. Stuttgart u. Tübingen: Cotta, 1829, S. 233

Melancholie.
Immer eingeschlossen in den Grenzen des deutschen Landes, soll ich auf bayrischem Boden altern! Durch unfreundliche Befehle werde ich im nördlichen Raume festgehalten, und ich verliere auf üble Weise die kurze Lebenszeit. Aber man kann die Fesseln, indem man die Knoten zerschneidet, lösen und die verschlossenen Türme sprengen. Ein junger Grieche [Daedalus] batte, um aus dem minoiscben Reich zu fliehen, sich mit Wachs überzogene Flügel augelegt. Indes man braucht nicht die trügerischen Winde zu versuchen, mit Federn, die sich über dem Meer lösen. Mag mir auch das ganze Deutschland ein Kerker sein, und schlimmer noch als ein Kerker der Körper: frei ist dennoch der Geist. Wo immer er will, wohnt er und fliegt er dahin. Auf dem Wasser hält ihn der Südwind nicht auf, auf dem Land hemmt ihn keine Schranke. Er übersteigt auch die wolkentragenden Alpen und stößt sogar an die Sterne. Die Gabe Apolls tritt hinzu, die göttliche Dichtkunst. Mit ihrer Hilfe werde ich, schneller als der Ostwind, die Heimat des Ostwinds und seine Wiege sehen, fortgerissen zum Aufgang der Morgenröte.

Aus: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. von Christian Wagenknecht. München: dtv, 2001, S. 143

One Comment on “Unbekannter großer Dichter

  1. Schwermut.

    Soll denn immer gebannt in Deutschlands enge Gebiete,
    Altern ich auf bavarischem Grunde!
    Durch ein traurig Gebot im beschränkten Raume gehalten,
    Ach, verlier‘ ich das flüchtige Leben.
    Doch erbrechend den Knoten ich kann ja lösen die Bande,
    Und das Schloß der Thürme zersprengen.
    Einst ein Grieche, dem Zwang entfliehend des kretischen Königs,
    Hatte gemacht sich wächserne Flügel.
    Doch es bedarf’s auch nicht, zu versuchen die trüglichen Winde,
    Mit in das Meer entsinkenden Schwingen.
    Sei mir auch ganz Deutschland noch so sehr ein umschließender Kerker,
    Und noch ärger der Leib als ein Kerker:
    Bleibet doch frei ja der Geist. Wo er will, hinfliegt er und wohnet.
    Nicht in dem Meer‘ ihn hemmet der Südsturm
    Ihn auf dem Lande verweilt kein Riegel; die luftigen Alpen
    Uebersteigt er, und schlägt die Gestirne.
    Dazu kommt Apollo’s Geschenk, die göttliche Dichtkunst.
    Dieser getrost o werde mit Ostwinds
    Schnelle, des wehenden Ost’s Heimat ich und Wiege
    Schauen, entführt zur Quelle des Frühroths.

    [Vormärzliche, A.B.] Nachdichtung aus: Jos. Aigner, Jak. Balde’s Oden und Epoden in fünf Büchern, Augsburg 1831

    (https://ia902701.us.archive.org/30/items/odenundepodenin00baldgoog/odenundepodenin00baldgoog.pdf)

    Zu allen Fragen Balde betreffend siehe vorzüglich Wilfried Stroh:
    https://stroh.userweb.mwn.de/balde-bib.html

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