Zum Aghet-Gedenktag

Am 24. April 1915 begann der Aghet, der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Es hatte in den Jahrzehnten zuvor Massaker mit vielen Zehntausend Todesopfern gegeben, aber an diesem Tag begann der Versuch, das armenische Volk planmäßig und systematisch zu vernichten. Es begann mit Razzien und Deportationen von armenischen Intellektuellen – fast alle prominenten armenischen Schriftsteller fielen dem Völkermord zum Opfer, viele wurden schon in der ersten Nacht verhaftet, gefoltert, deportiert, so auch Siamanto, ermordet wurde er im August 1915.

Das Gedicht, das ich aus diesem Anlass ausgewählt habe, überschreitet die Grenze des Erträglichen – aber das sind Krieg und Völkermord, die das tun. Siamanto hatte als Schüler die Massaker von 1896/97 erlebt und war ins Ausland geflohen. Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 kehrte er in die Heimat zurück, aber schon 1909 gab es wieder Massaker, er schrieb darüber Gedichte, die das Geschehen aus Sicht einer Deutschen schildern. Der österreichisch-ungarische Konsul in Mersina telegrafierte am 27. April an seine Regierung: „Adana in Asche gelegt, fast alle Armenier massakriert.“

Siamanto

(Atom Jartschanjan, armenisch Ատոմ Եարճանեան, * 15. August 1878 in Eğin, Osmanisches Reich; † August 1915)

Der Tanz

Blauäugig, die Deutsche, kämpfte mit all ihren Tränen.
Da, wo ein Aschenkreis lag, wo ganz Armenien noch starb.
Sprach die Augen-Zeugin unseres Horrors, sie sprach:

Unaussprechlich ist diese Geschichte, doch sprech ich zu euch.
Ich sah, was geschah, erbarmungslos wie nur menschliche Augen,
Von meinem Höllenloch aus, dem Fenster im sicheren Haus.
Wie die Hölle knirschte mit meinen Zähnen und erbarmungslos stierte
Nach Eden hinein, das schon verkohlt war und fast nur noch Asche.
Die Toten türmten sich baumhoch, doch noch gab’s ein Rauschen
Wie Quelle, Bach und Fluß, die Rebellion,
Das Meeresrauschen eures Bluts, Armenier,
Mein Ohr ist noch voll davon, es schreit nach Vergeltung.

Unaussprechlich – bitte wendet euch nicht schaudernd ab…
Ein Mensch soll doch begreifen was ein Mensch dem Menschen antut.
Zwei Tage war die Sonne auf dem Weg zum Totenacker:
Was Menschen Menschen unaussprechlich antun können,
So laßt das doch von Herz zu Herzen weltweit gehen…
Die Morgenbrise blies der Tod an jenem Sonntag,
Am nutzlos aus den Leichenfeldern aufsteigenden Sonntag –-
Als ich nachtsüber übers Bett meiner Patientin
Gebeugt auch Tränen fallen ließ, wenn’s dämmerte,
Auf die so jung vom Dolch so sehr Getroffene …
Plötzlich gellte, von fern noch, ins Fenster die Schwärze, der Mob,
Zwanzig junge Frauen im Griff und mit knallenden Peitschen,
Hielt er mit seiner Beute geil grölend dort drüben im Garten.

Da ließ ich auf seiner Pritsche das halbtote Mädchen
Und schllich mich auf meinen Höllenbalkon,
Während der Garten sich schwärzer und schwärzer färbte vom Mob.
„Tanzt!“, bellte ein Barbar, „tanzt jetzt! Hört
Unsere Trommeln und tanzt, Totenbräute!“
Und sie peitschten die menschlichen Kreisel, die Frauen
Armeniens, die schnellen Tod nur herbeiwünschen konnten.

Zwanzig junge Frauen, Hand in Hand, verbluteten
Nun ihre Tränen im Reigentanz dort.
O wie beneidete ich da doch die Erstochene,
Als ich hörte und auch verstand die lärmverschleierten Schreie –
Die Schönste unter den Schönen verfluchte den Erdkreis.
Die Lilienseele dieser Taube, ach, stiege sie auf zu den Sternen.
Alles nur eitel, wie meine Fäuste dann drohten dem Pöbel.
„Ihr müßt tanzen, tanzen!!“, tobte dagegen der Mob,
„Bis zum Tod müßt ihr tanzen, Unverschleierte, tanzt jetzt,
Ihr schönen Huren, Titten raus, lächeln, hört doch bloß auf
mit eurem Jammern und Schleichen! Hopp-hopp! Seid schamlos
Wie Sklavinnen, los, macht euch nackich, ausziehen jetzt!
Geil sollt ihr tanzen, affengeil bis in den Tod!
Los, macht uns an mit euren Ärschen und eurem Sterben!“

Zwanzig schöne junge Frauen gingen bald zu Boden.
„Aufstehn!“ Nackte Säbel züngelten wie Schlangen …
Dann kam der Kerl mit dem Benzinkanister …
Gerechtigkeit der Welt? Ich spuck ihr in die Fresse …
Und schlampig parfümierte man die Zwanzig ein …
„Tanzt weiter!“, kreischte der Mob, „im schönsten arabischen Duft!“
Dann stießen sie die Fackeln in die nackten Leiber.
Und die Leiber tanzten, rollten kohlschwarz in den Tod …

Entsetzen, feuerhell! Ich schloß die Fenster wie beim Sturm
Und ging zu der Vereinsamten, zu meiner Toten, fragte:
Wo ist der Dolch, der meine Augen aussticht, sag’s mir, sag’s.

Deutsch von Wilhelm Bartsch, aus: Siamanto: Blutige Briefe einer Freundin. Oschersleben: Ziethen Verlag, 2015, S. 10f   ISBN 978-3-86289-112-2

Auch enthalten in: Eine Handvoll Asche. Texte armenischer Autoren, Opfer des Genozids 1915. Ziethen, 2015, S. 46f (Scan aus dieser Ausgabe, Originaltext aus der erstgenannten). 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: