Zrtsch

Der bitteren – wohl mehr existenziellen als poetologischen – Bestandsaufnahme von 1962 sei heute ein etwas anderes Gedicht hinzugefügt. Mehr folgt im Lauf des Celanjahrs.

ZRTSCH

Zahniger Zorn,
ich zätsche,
zundere,
zaibe.

Es ännt
hinterm Hirn,
es gegittert.

E-e-g! E-e-g!

Ich haare, ich harsche.

Öötschst. Heringst.

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamop, 2005, S. 524.

Das Gedicht entstand am 25. Januar 1968 und war ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlicht. Es führt vor, dass Wortbildungs- und Satzbauregeln auch unverständlichen Äußerungen Bedeutungen mitgeben. Ob schon einmal jemand versucht hat, das in eine andere Sprache zu übersetzen?

4 Comments on “Zrtsch

  1. es wird immer verluste geben, übersetzen ist die defizitärste aller tätigkeiten. aber das gefühl lässt sich, ebenso wie die form, die kontexte etc. durchaus rüberbringen. erklärungen unterstützen, ich bin ein verfechter davon. ich glaube auch daran, dass textanalytische verfahren und kommentare (nicht nur bei übersetzungen, sondern generell) keinerlei schaden anrichten, ganz im gegenteil.

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  2. Und dann der Deutschunterricht. Wenn man nicht darauf zielt, die Schüler mit der geballten Celanphilologie einzuschüchtern, und sich nicht der Ansicht anschließt, „gerade bei Celan“ sei die Kenntnis des biographischen Kontexts unverzichtbar, könnte bei diesem Gedicht lustvoll die Möglichkeiten der poetischen Sprache, mit so wenig Mitteln wie nötig so viel wie möglich auszudrücken, und die Abwandlungskraft der deutschen Sprache erforschen. Bitte: hört auf, die „Todesfuge“ zu malträtieren. Nehmt Zrtsch! (Ich stelle mir vor, dass manche, die damit Spaß hatten, später dazu kommen, anderes beim Autor zu erkunden.)

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  3. Ich stelle mir eine Übersetzung ohne Fußnoten vor. Das Original kommt ja auch ohne Kommentar aus. Vielleicht geht das nur in Sprachen mit relativ komplexen grammatischen Strukturen (was the English gern als veraltet und redundant in Sprachen mit viel Grammatik ansehen) – für dieses Gedicht bräuchte man die erste Person Singular von Verben und die dritte – idealerweise die neutrale, um etwas Analoges zu „es ännt“ und „es gegittert“ auszudrücken; den Kasus beim Adjektiv und der Präposition „hinter“, die Möglichkeit, ein Verb in ein Adjektiv im absoluten Superlativ umzumodeln. Und natürlich, das dürfte in vielen Sprachen leichter fallen, die Alliterationen und auslautend konsonantischen Reime. Öötschst! Heringst!
    Die Semantik ließe sich am ehesten austauschen, man müsste „nur“ drauf sehen, dass die neugebildeten Wörter ähnlich gerichtete Assoziationen ausdrücken. Zrtsch! (In dem Wort hört man das ungeschriebene Ausrufezeichen mit. Pirsch! Flottsch!)

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  4. Die angedeutete Übersetzung wäre ein voll bergündetes Wagnis. Freilich mit vielen Erläuterungen machbar. Daran leidet die Lyrik: Übersetzungen und Erklärungen haben wohl Sinn, doch das Gefühl geht dabei verloren.

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