Paul Celan 1920-1970

Hölderlinjahr, Beethovenjahr, Hegeljahr… und Celanjahr. 100. Geburtstag im November (!), 50. Todestag heute!* Ich konnte mich nicht für ein Gedicht entscheiden und beschloss, etwa fünf an fünf Tagen zu präsentieren. Es sollten nicht zu bekannte und trotzdem mich bewegende Gedichte sein, Gedichte verschiedener Arten womöglich. Ich beginne mit

ARS POETICA 62

Das große Geheimnis - beim Bärlapp, da stands,
auf der Wiesen.
Ich hätte es pflücken können, leicht, mit zwei Zehen.

Aber ich hatte zu tun, ich brachte
Hyperion die Sprache bei,
auf die es uns Hymnikern ankam.

Er lernte gerne und brav. Beim Wort
Hure
wuchs ihm der braune
Lorbeer schnell um Taktstock und Klaue: er hatte

was man zum Reimen braucht, nach
Pindar und einigen
Ungarn, Finnen und Pruzzen.

In seinem Vers
stand die Zeit, im Licht ihrer schwäbischen Stunden,
schnurrbärtig, jung und gesamtstumm.

Sinnig,
hört ich mich sagen,
sinnig meinem
andern, gestern
im Schwarzwald halbierten Nachbarn, dem Mann
mit der Dohle (und der vernähten Zäsur!)
fehlte noch dieses Schatzwort.
(Sonst wär auch
die zweite Hälfte gestorben
und aus-
       leg-
          bar.)

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. S. 473f.

Das Gedicht entstand am 2. und 3. Dezember 1962. An diesen beiden Tagen übertrug er auch ein Gedicht von Ossip Mandelstam: „Den steigenden Zeiten“. Eine frühere Fassung hatte als Untertitel „Eine Marginalie“. Natürlich spukt Hölderlin im Gedicht, der schwäbische Hymniker. Vielleicht auch Heidegger (mit der vernähten Zäsur) und manche Widersacher Celans in der unseligen Gollaffäre. Aber ich glaube, man kann sich in ihm bewegen auch ohne alles aufzudröseln. Celan hat es nicht selbst veröffentlicht.

*) Das Gedicht des Tages ist normalerweise Nacht-, Frühstmorgenarbeit. Diesmal war der Redakteur zu schlaftrunken und verdrehte die Daten. Wofür ich Celanfreunde um Entschuldigung bitte. Das Jahr ist noch lang, genug Zeit, Hölderlin-, Celan-, expressionistische oder einfach Gedichte zu lesen. Zum Beispiel jeden Morgen hier.

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