Sodom den Sodomern, sonst für keinen!

Chaim Grade

(auch Chajim Grade; חיים גראדע) (Geboren am 4. April 1910 in Wilna, Litauen, damals Russisches Reich; gestorben am 26. April 1982 in New York)

Sodom

Gotts Antlitz der Abendhimmel voll Trauer
guckt auf Sodoms Mauer.

Die Sonne sinkt, daß sie in Weiten vergehe.
Der Tod erhebt sich in der Nähe.

Ein Finger schreibt mit schwarzen Lettern ins Abendrot:
Tod.

Beim Tor von Sodom knien zwei finstere Gestalten,
Sodom ein Totengebet zu halten.

Zwei Schatten schleichen in Sodoms Tor,
einer ist Aug und der andere Ohr.

Die Wolke – Regen und Blitz. Sodom ein Geschrei.
Des Volkes Leid süßt den Satten die Völlerei.

Für einen Teil Wein, für den andern kein Brot.
Sodoms Gesicht halb trunken, halb schon tot.

Hunger? Benag dir die eigenen Muskeln, Knecht.
So will es das Sodomer Recht.

Menschen leben unbesorgt wie die Bäume
– so sind die Sodomer Träume.

Führt man wen zum Galgen – der ersticke.
Ein Sodomer geht seinen eigenen Weg zum Glücke.

Und kommt das Grausen: Stumm! daß niemand dein Herz jagen hört.
Über jedem Kopfe hängt das Schwert.

Eine Hur an der Ecke, ein Dieb ist ihr Wächter.
Ein Netz ist die Nacht, und der Mensch ein Wild für die Schlächter.

Im Fenster – Fäuste, Axt und Stein,
es bricht die Rotte zur Tür herein.

Es lauschen die Fremden bei Lot im Haus.
Draußen spricht Sodom, es schreit heraus:

Leute, trollt euch auf anderen Wegen,
Sodom kam euch genug entgegen.

Macht euch im Feld ein Lager aus Steinen:
Sodom den Sodomern, sonst für keinen.

s hat Lot uns verraten, der eklige Spötter.
Ewig ist Sodom, und Kraft ist der Retter.

Bleich wird die Nacht, noch bleicher wird Lot.
Es reden die Fremden von Opfer und Tod.

Wir machen Sodom mit Blitzen und Donner satt,
Gotts steinernem Urteil für die steinerne Stadt.

Flügel für dich und für Sodom die Flamm,
es bleibt von den Bäumen kein einziger Stamm.

Sodom, ein göttlicher Irrtum, bald ist es ein Meer von Feuern.
So wird die Welt sich in Flammen erneuern.

Morgen. Es gehen Wogen von leuchtendem Schaum.
Morgen. Die Wolken entgleiten von Sodom wie nächtlicher Traum.

Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5., neu durchgesehene u. veränderte Aufl.), S. 210-212

CHAIM GRADE
geboren 1910 in Wilna als Sohn eines Hebräischlehrers. Ausgezeichnete Bildung, reiche Kenntnis des hebräischen und jiddischen Schrifttums, auch der Weltliteratur. Zweiundzwanzigjährig begann er zu schreiben, weltlich, aber tief verwurzelt in jüdischer Tradition. Mitglied der Schriftsteller-Gruppe Jung-Wilne. 1941 bis 1946 als Flüchtling in der Sowjetunion, danach Polen, Frankreich, seit 1948 New York. Lyriker, Novellist, Romanautor, Essayist. Gestorben 1982.

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