Anschwellendes Lachen

Hendrik Werkman

(* 29. April 1882 in Leens, Niederlande; † 10. April 1945 in Bakkeveen, Niederlande)

ANSCHWELLENDES LACHEN

Oktober 1923

Der Kunst zum Trotz. Denn die Kunst hat viel auf dem Gewissen.
Der Presse zum Trotz. Denn die Presse ist ein noch schuldigerer Finsterling.
Immer haben sie gemeinsam versucht, jeden guten Keim zu ersticken, jeden guten Gedanken zu verschleimen und jede gute Tat zu verschmieren.
Die seuchenartige Hirnerweichung und die entsetzliche Leberverdorrung gehen auf ihr gemeinsames Konto.
Aber trotzdem wird schon ziemlich viel gelacht in der Welt.
Vergiß das nicht bei dem, was Du machst, und betrachte dieses Lachen nicht als eine üble Erscheinung, die sich derzeit an Straßenecken offenbart.
Es hat natürlich nichts gemein mit dem Getue des ordentlichen Bürgers, der mit seiner wohlgenährten Frau in stilvollen Zimmern hockt, die dringend eine Ausmistung bedürfen.
Es ist das Lachen des Freigekämpften beim Anblick von Versuchen, den freien Geist daran zu hindern, weiterzugehen.
Noch flaniert das handschuhbewehrte Offizierchen auf lächerliche Weise durch die Hauptstraßen.
Noch imponiert der Bürokrat und übt seine Gewalt aus.
Noch duldet der Bär die Kette um seinen Hals.
Noch geht theatralisch und unter Einmachparole die Schnibbelbohne durch die Straßen.
Noch begafft der Arsch jeden goldenen Karren bis zur Verblödung und kennt seine Funktion nicht.
So grobschlächtig geht die Wanderung durch das Sumpfland weiter und stört sich nicht am Verdruß andrer und schlurft zu ihrem Ende und findet zu guter Letzt den Tod.
Höre das Lachen.
Über alle Bajonette hinaus, über alle goldenen Kragen zieht der freie Geist durch die Welt.
Alle Gesetzeshüter, alle Gerichtsvollzieher, alle eitlen Gendarmen und Protokollführer, alle Beffchen, Talare und Barette werden das Lachen des Vorgeladenen und Verfolgten anhören, das so laut in ihrem Gerichtssaal schallen wird, daß sie ihr Mundwerk nach der stumpfsinnigen Beglotzung nie mehr schließen können.

Aus: Hendrik Werkman: Travailleur & Cie. Texte 1923-1944. Mit e. Nachwort hrsg. v. Hubert van den Berg und Walter Fähnders. Siegen: Universität Gesamthochschule Siegen (Vergessene Autoren der Moderne LXIII), 1995, S. 10f

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