Pastior Petrarca

Oskar Pastior

(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)

Heute aus einem alten Greifswalder Vortrag von mir:

Der folgende Text stammt von dem aus Siebenbürgen stammenden, seit den 60er Jahren in der Bundesrepublik lebenden Oskar Pastior. Es ist ein Gedicht in Prosa:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.

Der Text entstand Anfang der 80er Jahre. Es ist ein aktueller Text, ein moderner Text. Er beschreibt die Zeit und damit zugleich den Zustand heutigen Dichtens. Ein moderner Text, aber kein zeitgeist-stromlinienförmiger. Er beschreibt eine Tendenz als übermächtig, aber ergibt sich ihr nicht.

Wer meint, daß ihn dieser Text an Petrarca erinnert, ist ein belesener Zeitgenosse (oder zumindest ein Romanist). Beides gibt es ja auch in Greifswald.* Pastiors Text ist die Übertragung eines Petrarcasonetts. Eine Übertragung, die der skizzierten Tendenz zu größerer poetischer Lizenz folgt, indem sie sie vorantreibt. Wie Herder auf den Reim, verzichtet Pastior nun auch auf die Versform. Wahrscheinlich ist es kein Sonett mehr; aber da das Sonett eine rhetorische, eine argumentierende Gedichtform ist, mag der Verzicht läßlich sein, weil er das Argument für uns klarer herausarbeitet. Ein Vergleich auch mit gelungenen Nachdichtungen macht das deutlich. Die Versform zwingt den Nachdichter zu Zugeständnissen in Form von Füllseln, Auslassungen und Ausschmückungen, die die natürliche Tendenz haben, das Maß zu überschreiten. Puristen schließen daraus, daß Gedichte unübersetzbar seien. Ich bin kein Purist. Ich bin der Meinung, daß die Vielzahl sehr unterschiedlicher Nachdichtungen keine Beeinträchtigung, sondern eine Bereicherung für deutsche Petrarcaleser darstellt. Man muß nicht so weit gehen wie jener Engländer, der diesen Stoßseufzer tat: Ihr habts gut, ihr könnt den Shakespeare übersetzen.

Ein paar Sätze zu Pastiors Petrarca zum Schluß. Eine genaue Betrachtung zeigt neben großer Nähe zu Petrarca auch beträchtliche Distanz. Manches scheint wie eine – vielleicht zu weitgehende? – Modernisierung, wie der Anfang:

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse

Manches, was auf den ersten Blick befremdet, scheint sehr genau zu sein, z.E.

zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd –

nostra natura vinta dal costume;

Ist das nicht genauer als selbst die reimlose Übertragung Herders:

Verscheucht von ihrer Laufbahn ist die Menschheit,
In Banden der Gewohnheit fest gebunden.

Ich muß zum kurzen Ende kommen. Pastior, von Michael Krüger aufgefordert, sich mit Petrarca zu befassen, zögert. Ich zitiere Pastior:

Daß ich nicht italienisch spreche, war ja nicht ausschlaggebend. Als ich dann aber, es geschah plötzlich, eine (vermutlich mir gemäße) poetologische Aufgabenstellung zu entdecken glaubte, hatte mich bereits die Neugierde gepackt. Und zwar: versuchsweise einmal zu sehen, was innerhalb der poetischen Vorgänge, im Spannungsfeld der Begriffs- und Metaphernbildung, sich während der Kenntnisnahme durch Sprache ergeben könnte. Plump gesagt, die Metaphern … schienen mir unzuverlässig, aus zweiter Hand; es reizte mich, sie abzuklopfen, abzurubbeln, wie Abziehbilder; bloß mit dem Unterschied, daß ich hier ja die glänzend-bunte Oberflächenschicht der Bilder probeweise „beseitigen“ wollte, um herauszufinden, was sich … an Anschauung, Erkenntnisvorgängen, ja vielleicht Erkenntnistheorie, „darunter“ verbirgt; bei Petrarca verborgen haben mag.

„Kenntnisnahme durch Sprache“ wäre eine Formel für die hier gewählte Methode. Es geht nicht wie bei dem Experiment Rolf Dieter Brinkmanns um den Versuch, aus der Unkenntnis einer Sprache sozusagen poetisches Kapital zu schlagen. Sondern es geht Pastior um wirkliche, genaue Kenntnisnahme durch Sprache und sozusagen nichts als Sprache. Auch daß er nicht Italienisch spricht, bedeutet hier etwas anderes als auf ersten Anschein. Einerseits spricht er Rumänisch, eine in Morphologie und Syntax verwandte Sprache. Andererseits arbeitete er über mehrere Jahre sorgfältig mit Wörterbüchern und Konjugationstafeln, aber ohne die Hilfe der Philologen. Seine Unkenntnis bewußt als heuristische Methode einzusetzen, sozusagen nach dem Grundsatz, daß das Bekannte nicht erkannt ist. Durch dieses mühsame und zugleich überraschungsreiche, somit auch schöne, prozessuale Annähern sozusagen „die Metaphern in statu nascendi zu überraschen“.

Pastiors Version kann man schwerlich eine Übertragung nennen. Das Titelbild zeigt das tatsächliche Kräftespiel. Der alte und der neue Dichter stehn einander gegenüber, und jeder steuert seins bei. Zwei besessene Wortfexe, zwei Neuerer sui generis. 33 Gedichte von Pastior, die Morhof schwerlich als Gedichte verstanden hätte, gefolgt von 33 italienischen Gedichten Petrarcas.

(Michael Gratz)

*Schrieb ich vor der Abschaffung der Romanistik in Greifswald.

Petrarcas Original:

SONETTO VII.

LA gola, e ’l sonno, e l’oziose piume
  Hanno del mondo ogni virtù sbandita,
  Ond’è dal corso suo quasi smarrita
  Nostra natura vinta dal costume;
Ed è sì spento ogni benigno lume
  Del ciel, per cui s’informa umana vita;
  Che per cosa mirabile s’addita
  Chi vuol far d’Elicona nascer fiume.
Qual vaghezza di Lauro? qual di Mirto?
  Povera, e nuda vai, Filosofia,
  Dice la turba al vil guadagno intesa.
Pochi compagni avrai per l’altra via;
  Tanto ti prego più, gentile spirto,
  Non lassar la magnanima tua impresa.

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