Morgenlied

Ein Stück Mai im November:

Sophie Albrecht

(* im Dezember 1756 bei Erfurt, getauft 6. Dezember 1756 in Sömmerda; † 16. November1840 in Hamburg)

Morgenlied.

Im May 1785.   

Prächtig steigt die Sonne wieder  
  Aus der Morgenröthe Zelt,
Tausend, tausend Jubellieder
  Singt ihr die erwachte Welt,  
Und der Blumen süßes Düften
Steigt ihr auf in reinen Lüften.

Seht! wie ihr die Heerden hüpfen, 
  Hört! wie ihr die Taube girrt;
Rascher scheint der Bach zu schlüpfen 
  Der durch frische Wiesen irrt,
Und die kleinen Sommer Müken
Tanzen ringelnd ihr Entzüken.  

Traurig siz ich in der Fülle
  Lauter Freude rings umher, 
Schwermuthsvoller, ernst und stille 
  Bleibt mein Busen freudenleer.
Ach! die Purpurstralen weken
Mir des Todes bleiches Schreken.

Weh mir! daß ich durch die Chöre, 
  Durch das Lied, das Leben singt,
Laut des Todes Röcheln höre 
  Das aus jedem Odem dringt,
In den Weyhrauch reiner Lüfte
Mischt sich Duft der Todtengrüfte.  

Blumen, die dem Aufgang blühen, 
  Welken, wenn der Mittag sinkt,
Und von Wangen, die ihm glühen, 
  Todes Schweis der Abend trinkt,
Leichen, Gräber ohne Zahlen 
Wird sein lezter Grus bestralen.

Tauche deine goldnen Flügel, 
  Erden Licht! ins Schatten Meer,
Streu um unsre Todenhügel 
  Nacht das tiefste Dunkel her, 
Bis in Edens Sonnenwälzen
Unsrer Gräber Fesseln schmelzen.

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