Sauerstoffzufuhr für die Sprache

Verzauberung

Nie wird sich die griechische Sprache von der Sauerstoffzufuhr
erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte
zuteil wurde.
Nie sich erholen vom unerhörten A-Laut, mit dem sich die Nacht anmahnt
in einem der Fragmente, nie
von dem Augenblick,
als Aphrodites Epitheton poikilóthronos
ein einziges Mal aufblinkt
wie eine Goldbrosche im unsterblichen Blau einer Mitternacht.
Weshalb hat es kein griechischer Dichter gewagt,
dieses Wort
ein zweites oder
ein drittes Mal zu gebrauchen?
Auch die schwedische Sprache wird sich nicht erholen –
von dem Gedankengang, den Sappho
als erste
in einem Gedicht formuliert hat: «Ich bin mir dessen bewusst.»
Wörtlich steht da: «Das weiß ich zusammen mit mir.»
Syneídésis, Gewissen, conscientia!
Wenn ich sage «ich liebe dich»
musst du darauf vertrauen, was du hörst.
(Zu meinen innersten Gedanken
habe nur ich Zugang.)
Glaube mir meine Worte!
Nur ich kann ja exakt wissen, was ich denke! —
Ludwig Wittgenstein
hätte diese Art
des Konjugierens auf Griechisch
— «ich teile diese Erfahrung mit dir» — kritisiert.
Wie sollte jemand eine Erfahrung
mit sich selbst teilen können?
Wird da unser Gedanke von der Sprache verzaubert?
Es ist Mitternacht. Der Mond untergegangen —
und auch die Plejaden bringen kein Licht
ins Dunkel dieses Gedichts.
Noch immer stehen wir im Zauber der sapphischen Sprache.

Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler

Aus: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011, S.43/45

Dieses Gedicht spielt u.a. auf Fr. 1, 26 und 168B Voigt an.

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