Lyrikzeitung wird 17

Zwei Zahlen steuern den Fortgang (!) der Lyrikzeitung: 16 (eigentlich 16,3) und 192. Vor 16,3 Jahren begann ich Lyriknachrichten zu veröffentlichen, zuerst auf der (heute nicht mehr existierenden) Seite von pom-lit.de. 16 Jahre ist eine lange Zeit, ein Riesen-Tortenstück selbst für ältere Leute wie mich. Anlaß für Bilanz und Korrektur. 192: so viele Monate (plus 3 nicht archivierte) habe ich fast täglich mehrere Lyriknachrichten in die Welt* geschickt. Den Plan, in 16 Tagen 16 Jahre Lyrikzeitung zu erinnern, mußte ich aufgeben, es wär Zwangsarbeit über die gesamte Saturnalien-Weihnachts-Rauhnachts-Zeit geworden. Also 1 Monat 1 Tag. Heute Januar 2001.

Thomas Kling lebt noch und wird so zitiert:

Der Lyriker Thomas Kling behauptet, es gebe seit neuestem ein „allgemeineres Interesse“ am barocken Gedicht, das so lange unter dem Vorwurf des Schwulstes leiden musste. Kling findet die in Deutschland „tiefsitzende Angst“ vor „dichterischer und also künstlicher Sprache“ falsch – ‚irrig zu glauben, Dichtung sei Natürlichkeit‘ / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.1.2001

Der Pfarrer und Dichter Kurt Marti wurde 80 (mittlerweile bald 96) und wird mit einem Gedicht zitiert:

„dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb.“ Als experimentierfreudiger Autor hat er seit Ende der 50er-Jahre die Lyrik und Prosa der deutschschweizerischen Literatur erneuert. Heute wird Kurt Marti 80 Jahre alt und mit einer Neuedition seiner „Leichenreden“ geehrt. / Aargauer Zeitung 31.1.01

Das westdeutsche Feuilleton, schreibt die Neue Zürcher (aber gibt es ein anderes?), hat ein neues Wort gelernt:

Poesie, radioaktiv. Lutz Seilers ungeheure Gedichte. Das westdeutsche Feuilleton hat ein neues Wort gelernt: „Pechblende“ Es bezeichnet ein uranhaltiges Erz, das, und auch dies buchstabieren Literaturkritiker mittlerweile erstaunlich geläufig, zu Zeiten der DDR im Osten Thüringens von der Wismut-AG für die UdSSR abgebaut wurde: Pechblende, auch Uranpecherz genannt, ist stark radioaktiv. „Pech & Blende“ der schmale Lyrikband des 1963 geborenen Lutz Seiler, signalisiert schon im Titel eine verloren gegebene Hochenergie-Provinz im deutschen Osten. /NZZ 28.12.2000

Was ich aus eigenem Erleben seit 1990 bestätigen kann:

Sammlerstücke für die Literaturwahnsinnigen . Alte neue LCB-Reihe / Tagesspiegel 19.12.2000

Nämlich die damalige Autorenbuchhandlung in Berlin, auch am Savignyplatz, aber am anderen Ende und unvergleichlich größer, hatte viele der alten Bände noch vorrätig. Sie haben auf die Literaturwahnsinnigen aus der DDR gewartet, löblich!

Wer es noch nicht kennt, ein Geheimtipp:

Neuausgabe des „roten Pflastersteins“: Das surrealistische Gedicht. (3. korr. u. erw. Auflage 2000)

fullsizerender-23Die neue Ausgabe hat (bei gleicher Ausstattung und gleichem Format) etwa 400 Seiten mehr als die erste und zweite von 1985/86. Zwei der ursprünglich drei Herausgeber haben die ursprüngliche Anthologie bis S. 1387 unverändert übernommen (von Maxime Alexandre bis Unica Zürn) und ihr unter Fortlassung des Nachwortes von Petr K. einen „Annex 2000“ angefügt, nun von Rudolf Altschul bis Aleksandar Vuco . Mit dabei jetzt u.a. K.O. Götz, Johannes Hübner und Lothar Klünner sowie Autoren aus den USA, Italien, Serbien, Chile, Kanada und zahlreichen weiteren Ländern.

Aus der Vorbemerkung zum „Annex“ von Heribert Becker:

„namentlich mit der beinahe explosionsartig angeschwollenen Sekundärliteratur in Form von Dissertationen, akademisch-professoralen Abhandlungen usw. ist weltweit ziemlich viel universitärer Müll unters Publikum gebracht worden. Das Resultat ist eine weitgehende Verzerrung und Verwässerung der surrealistischen Ideen. (…) Im Endeffekt läuft all das auf die Vereinnahmung des Surrealismus durch die bürgerliche Kulturindustrie hinaus. Ein Heer von Museumsleitern und Galeristen, Kunst- und Literaturhistorikern, Kritikern, Feuilletonisten, Jungakademikern usw. arbeitet oft eher bewußt als unbewußt daran, vor allem führende bildende Künstler des Surrealismus aus ihrer Verwurzelung in dieser Bewegung herauszureißen, einer Bewegung, die eine radikal antikapitalistisch-antibürgerliche, ja die gesamte abendländisch-christliche Kulturtradition in Frage stellende revolutionäre Bewegung war und ist.“

Ein Muß für „Einsteiger“ ebenso wie für Besitzer der Originalausgabe. Bei Zweitausendeins für DM 50. 1888 Seiten Poesie – gar mit Sprengkraft? (Unter dem Pflasterstein).

In der Türkei wird ein Kommunist rehabilitiert:

ISTANBUL (SN, AFP). Der türkische Dichter Nazim Hikmet (1902-1963) erhält im Jahr 2002, hundert Jahre nach seiner Geburt, posthum wieder die türkische Staatsbürgerschaft, die ihm 1959 aberkannt wurde. Das gab die Nazim Hikmet Gesellschaft für Kunst und Kultur in Istanbul bekannt. Der Dramatiker und Lyriker, der wegen seiner kommunistischen Gesinnung mehrmals verurteilt wurde und 1951 aus der Türkei floh, gilt als der bedeutendste türkische Dichter und Erneuerer der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts. / Stuttgarter Nachrichten 18.1.01

Schließlich eine Nachicht aus Amerika, Bush heißt der Präsident:

A poetry-free presidency. The lack of a poet at Bush’s Inauguration is a bleak omen of his administration’s attitude toward culture — but then again, what poet would agree to appear? … Think of Robert Frost reciting „The Gift Outright“ from memory at JFK’s Inauguration on Jan. 20, 1961. How remarkable that was…

By David Lehman / Salon.com 19.1.2001

*)

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2 Comments on “Lyrikzeitung wird 17

  1. Gratulation auch von mir.
    Dass es „Lyrikzeitung“ gibt (mit den/ Dem Menschen dahinter) stellt für mich ein Stück weit kulturelle Identität her… – bzw. belebt es meine immer wieder neu aufflackernde Hoffnung, dass es Menschen gibt, die wie Leitsterne in unser Leben funkeln und dass es sogar möglich ist, diesen zu begegnen.

    Gefällt 1 Person

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