Satzzeichen-Suada

Samuel Gerlach war kein großer Dichter, nach den wenigen Widmungsgedichten zu urteilen, die ich kenne. Seine Widmung für Königin Christina von Schweden, die neben vielen Landstrichen auch Pommern regierte, heißt

Untertähnigste Zuschrifft
Der Durchlauchtigsten / Großmäch=
tigsten und Sieghaftesten Fürstin
und Fräulein /
Fr. CHRISTINEN /
Der Schweden / Gohten und Wenden Königin /
Großfürstin in Finland / Hertzogin zu Brehmen /
Verden / Pommern / Ehesten und Carelien / Fürstin
zu Rügen / Fräulein über Wismar und Jngerman=
land / etc. Seiner gnädigsten Königin
und Fräulein

und beginnt so:

O Du Grosse Königinne / deines großen Vaters Bild !
Die du bißher seine Stelle / mit dem blanken Schwerd und Schild /
aber mehr noch mit Verstand / hast / im Deutschen Reich / vertretten /
die so sehr betrengte Kirch‘ auß dem Elend zu erretten /

und geht auch so weiter. Er gilt als wichtiger Theologe, ich kann es nicht beurteilen. Aber vor allem ist er ein Pionier – der Editionsphilologie und der Würdigung weiblichen Schreibens. Er erkannte das Genie der sehr jungen Dichterin Sibylla Schwarz und bewahrte ihr Werk so der Nachwelt auf, nicht nur schlechthin indem er es sammelte und 12 Jahre nach ihrem Tode druckte, sondern ebenso durch die modern anmutenden philologischen Prinzipien, nach denen er es edierte. Wie erst spät im 20. Jahrhundert üblich wurde, „verbesserte“ er es nämlich nicht, sondern gab es buchstäblich im Wortlaut mit allen Flüchtigkeitsfehlern und aller Fragmenthaftigkeit der Originale heraus. Wertvolle Informationen für heutige Leser!

Er war auch ein großer Stilist. Hier seine Strafpredigt über die vielen Druckfehler, die ein in Vertretung den Druck mehr oder minder beaufsichtigender Freund in das Buch schmuggelte. Furioser Katalog barocker Satzzeichen und Manifest der Editionsphilologie der Zukunft! Sogar einen Hauch Brecht kann man darin finden (nur für Kenner! 😉 )

Eß geht mihr in disem / wie in andern meinen außgelassenen Werklein / ja wie fast einem jeden / der / abwesend / etwas dem Druk untergibet / und also die Aufsicht einem andern / ob er auch der bäste Freund / oder der gelehrteste Mensch wäre / anvertrauen muß. Dan da nimmet der eine ihm nicht so vihl Zeit / oder hat nicht so vihl Uhrteil bey sich / daß er das Werk mit der Häuptschrift fleissig und genau überschlagen / oder auf alle Worte / Sylben / Zwerchstreichlein / (Commata) Punctstrichlein ; (Semi commata) Doppelpuncten : Punkten. Fragpuncten ? Verwunderungs= Klag=und Freudpuncten ! Grosse Buchstaben u. a. m. nötige achtung geben möchte / oder könte / sondern er sihet / ohne einige richtige Gedanken oder Nachsehung / nuhr über die Brille wegk / wohrüber dan dem ganzen Werk nicht allein ein häslicher Unschein gegeben / sondern auch mehrmal aller reiner Verstand und eigentliche Meynung benommen wird. Ein ander wil dagegen seine eigne Kunst und Weißheit alzuvihl dabey sehen lassen / nach deren er alles zu ändern und zu verbässern / oder vihlmehr zu verbösern sich unterstehet / und / wegen guhter Vertrauligkeit mit dem Verfasser oder Außfertiger / dessen guhten Fug zu haben vermeynet / dahero dan diser oftmahls sein eigen Werk fast nicht mehr für das seinige erkennen kan. Eben also ist eß mihr / oder vihlmehr diser seel. Jungfer / mit ihrem Werklein ergangen / daß sie auch noch nach ihrem Tod / vohn denen / die ihre Ehre am meisten retten und verteidigen sollen / fast schändlich beflekket / und auß Achtlosigkeit / oder / das ein wenig bässer klinget / Unachtsamkeit der Aufseher / mit vihlen Flecken / Makkeln / Rizen / Wunden / und andern ¶ übelständigen Masern fast übel zugerichtet ist / welche alle zu vertreiben und außzuheilen / eß vihl Flekwasser / Meissel / Wund=und Heilpflaster erfordern / das ist : Alle Fehler aufzusezen und zu endern man wohl einen ganzen Bogen Papyr bedürftig seyn würde. Also hat man das meiste dihr / Günstig=Geneigter / und der Schriftscheidung verständiger Leser / solches selber zu verbässern / das außgelassene einzu schieben / und das unverständlich=nebeneingeschlichene außzumustern / wider Willen / doch unumgänglich / überlassen müßen / und nuhr das vohrnehmste davohn heraußnehmen / und / wie eß zu endern / hieher sezen wollen.

Lieferbar ist eine Auswahl aus ihrem Werk bei Reinecke & Voß

Sibylla Schwarz – Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer? Leipzig (Reinecke & Voß) 2016. 60 Seiten. 9,00 Euro.

Meine Gesamtausgabe ist beinahe fertig – Textteil und Kommentare abgehakt, fehlen nur noch Nachwort und Register. Balde!

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