Paul Wühr

Von Thomas Kunst

2003 sagte eine Freundin in Rom zu mir, Thomas, ich fahre eine Bekannte in Umbrien besuchen, am Trasimeno See, sie ist mit einem Dichter zusammen, mit Paul Wühr, ob ich mitkommen möchte. Ja, ich wollte mitkommen. Einer der ersten Sätze, die Paul Wühr nach unserer Ankunft sprach, war: „vor kurzem besuchte uns eine Germanistin, als sie erwähnte, noch kein Gedicht von mir gelesen zu haben, warf ich sie raus.“ Ich erwiderte als Entgegnung: „ich kenne Gedichte von Ihnen, aber die gefallen mir nicht.“

Paul Wühr sah mich scharf an, und ich dachte, daß der Untergang nahen würde. Er meinte darauf zu mir: „Stellen sie Liebes- und Hasslisten von Dichtern auf, und dann sehen wir weiter.“ (die Haßliste laß ich aus, die war außerdem zu blöde, in jeder Hinsicht verzichtbar) Meine Liebesliste begann mit Nicolas Born und Ulrich Zieger…Paul strahlte und sagte: „nur noch einen richtigen Namen, dann dürfen Sie Paul zu mir sagen und hierbleiben.“

Ich sagte: Schiller und durfte sowas von bleiben. Paul wünschte sich so sehr, daß Ulrich und ich ihn zusammen besuchen kommen. Ich versprach es ihm. Zurück in Rom, schwärmte ich dem Direktor der Villa Massimo, Joachim Blüher, solange von Zieger vor, bis er einwilligte, Ulrich für einen Monat als Ehrengast dorthin einzuladen. Ich denke, er war wohl der jüngste Ehrengast mit seinen 42 Jahren. Ulrich war ein fantastischer Koch. Seine Bohnen mit Lamm werde ich nie vergessen. Es ging ihm aber nicht nur gut in Rom. Einmal sagte er zu mir, ich hätte ihn in einen goldenen Käfig gelockt. Das tat weh. Wir tranken viel zu viel und hörten Fabrizio de André rauf und runter. Der Abend in Umbrien bei Paul und Inge bleibt unvergessen. Paul sagte: „Jungs, lest für mich, und: „wenn ich euch höre, werde ich gelb vor Neid.“ Wir tranken und lasen und sprachen, waren wütend, wir lachten und schwärmten. Mit Paul konnte man so herrlich wütend sein. Die Rückfahrt nach Rom am nächsten Tag verlief müde und friedlich.

Weitere Nachrufe: Süddeutsche Zeitung / Der Standard / Neue Zürcher Zeitung / literaturkritik.de / Oberbayrisches Volksblatt

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