Zwei Stimmen

Dieter Gräf über die Lyrikszene (heute bei Facebook)

Das ist irgendwie wahr und irgendwie Käse. Das Image der Lyrik hat sich positiv verändert, insbesondere wenn man „jung“ addiert. Man denkt nun an eine fluffige Szene, gut besuchte Festivals, an eine sympathische Variante des prekären Lifestyle. Vormals verband man das eher mit Schulunterricht, Schwere, Unverständlichem, Einzelgängertum, einem absterbenden Ast über dem Boden möglicher Peinlichkeiten. Ob ein Imagewandel den „Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur“ stark beeinflusst? Da habe ich Zweifel und auch, ob die Stimmen außerhalb der Community stärker wahrnehmbar wurden. Jandl konnte immerhin große Säle füllen, auch Erich Fried. Enzensberger, Rühmkorf, Sarah Kirsch, Domin, Gernhardt, Brinkmann, Volker Braun, Mayröcker, was immer man im Einzelnen von ihnen halten mag, beschäftigten Leser über Jahrzehnte, das gilt auch für Thomas Kling. Dass es mehr Verlage gäbe, die Lyrik „produzieren“, bestreite ich. Das Eis ist sehr dünn, will man einigermaßen dauerhaft und auch außerhalb einer Community wahrgenommen werden. Ich finde es verblüffend, wie lose das Verhältnis von Image und Realien ist.

Zu dieser Meldung:

Der Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Lyrik geniesst mehr Aufmerksamkeit, es gibt mehr Verlage, die Lyrik produzieren, und sie ist an Literaturfestivals präsenter – auch an den Solothurner Literaturtagen.
SRF.CH

Jan Kuhlbrodt über Kritik (heute bei Postpoetry)

Der Witz ist, dass eine mehrheitlich konservative Produzentenschar auf eine mehrheitlich konservative Leserschaft trifft. Die Kritik soll dann zwischen beiden vermitteln. Das übersteigt ihr Vermögen, weil das Unverständnis auf beiden Seiten strukturell ist. Konservativismus auf Seiten der Leserschaft heißt, dass man nach Strukturen und Effekten sucht, die sich in der Überlieferung bereits ereignet haben. Oder in der  Vorstellung dessen, was man mit Überlieferung bezeichnet. Sie vergisst dabei, dass Schreiben wie (Dante, Benn, Goethe … die Ikonen sind beliebig austauschbar) zu nix führt, ausser einer sofort sichtbaren Albernheit. Sie vergisst dabei aber auch, dass sich die Wirkmacht des Ikonischen nicht unmittelbar im Moment ihrer Produktion eingestellt hat, sondern im Rezeptionsprozess über die Zeit, zuweilen über Jahrhunderte mit Phasen des Vergessens, Wiederentdeckens und erneuten Vergessens, erst entwickelte oder entfaltete. Vom Kritiker zu verlangen, er solle diese künftige Wirkung unmittelbar erkennen, ist doch zu viel verlangt. Er kann aber Potenziale aufspüren. Zeiteinschlüsse. Er kann mutmaßen.

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