André Thomkins – „Retroworter“

[…] In den Jahren, da wir gemeinsam im Gespräch waren, haben wir eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen bildnerischen und sprachlichen Werkprozessen erschlossen, und einige davon haben wir auch gemeinsam genutzt. Mit dem lautlichen Eigentrieb sprachlichen Rohmaterials waren wir beide gleichermassen vertraut, A. T. als ingeniöser Anagrammatiker und Palindromist („Retroworter“), ich selbst als primär an Klang und Rhythmus orientierter Schriftsteller. Doch nicht nur auf der Ebene formalistischer Wortkunst haben wir uns getroffen, es gab immer auch in andern, offeneren Zusammenhängen Gelegenheit zur Kooperation. ‒ Ein Beispiel dafür ist eine von mir angeregte ironische Hommage zu jedem künftigen Goethe-Jubiläum, ein Projekt, für das ich eine fiktive Übersetzung aus dem Russischen erarbeitete und das A. T. in der Folge durch eine Zeichnung und einen Stempeldruck komplettierte. Text und Bild erschienen 1982 in Gestalt einer Kartonschachtel mit einliegender Broschüre und dem als kinetisches Objekt gestalteten Stempeldruck.

Ein weiteres Beispiel ist mein Poesieband „Fremdsprache“, den der Drucker und Verleger Rainer Pretzell 1984 mit einem Frontispiz von A. T. in Berlin herausbrachte. Das Frontispiz zeigt den Autor als Leser über ein Buch gebeugt, das mit der palindromatischen Aufschrift NA WIE INGOLD LOG NIE IWAN versehen ist. A. T’s Zeichnung visualisiert implizit die Poetik der in dem Band vereinten Texte, bei denen es sich ausnahmslos um Übertragungen bekannter deutschsprachiger Gedichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert handelt: Übertragen wird hier jedoch einzig die Textoberfläche, das heisst die Lautstruktur der Originalvorlagen, wohingegen deren Bedeutungsebene unberücksicht bleibt. Wo im Original „Hauch“ oder „balde“ zu lesen ist, bringt die lautliche Übertragung „auch“ beziehungsweise „kalten“, für „Träume“ kann „Treue“ stehen usf. Von daher der Untertitel: Gedichte aus dem Deutschen.

T. hatte an diesen und ähnlichen Texten ein spielerisches Vergnügen, aber auch ein gewissermassen professionelles Interesse, weil hier die Interaktion von Zufall und Kalkül besonders deutlich fassbar wird. Anderseits war A. T. kein grosser Leser, dickleibige Bücher mochte er nicht, rasches Durchlesen oder gar Querlesen war ihm zuwider. Vorrang hatte bei ihm das Entziffern, die Auseinandersetzung mit kniffligen oder hermetischen Vorlagen – bis hin zum Kreuzworträtsel, dessen Text ja stets durch den „Leser“ in einem Prozess von Erraten und Kombinieren erstellt werden muss.
[…]

Ich weiss nicht, ob A. T. jemals ein Buch von mir gelesen hat. Der Lektüre zog er die Befragung des Autors vor – ich sollte ihm berichten, was ich wie und wozu und für wen geschrieben hatte. Gelegentlich las ich ihm in der Küche ein Gedicht, eine Seite Prosa vor. Meistens hörte er nur halb zu mir her, dabei kritzelte, zeichnete oder notierte er dies und das auf zufällig vorhandenem Papier – auf Briefumschlägen, auf Rechnungen, auf dem Rand von Zeitungen; einige dieser Skizzen, darunter auch mehrere Portraits von mir, habe ich aufbewahrt. Oft fragte er mich nach meinen Lektüren, liess mich Inhalte oder Thesen rekapitulieren. Gern ging ich aber auch auf Gespräche über seine Lieblingsautoren ein, über Alfred Jarry, Raymond Roussel, Francis Ponge und über „sprachverrückte“ Autodidakten wie Jean-Pierre Brisset oder Adolf Wölfli. Ich meinerseits war damals von den sogenannten „Theoriefranzosen“ eingenommen, von „Change“ und „Tel quel“, von Roland Barthes und Michel Foucault, ausserdem – fast mehr noch ‒ von Roman Jakobson, den die Strukturalisten als letzten Überlebenden des russischen Formalismus feierten und durch zahlreiche Publikationen ehrten.

Als Jakobson im Sommer 1982 in hohem Alter starb, empfand ich seinen Tod als das Ende meiner wissenschaftlichen Lernjahre – kein anderer Philologe und Poetologe des Jahrhunderts hatte meine dichterische und literaturkritische Arbeit so stark geprägt wie er. Aus gegebenem Anlass schickte ich A. T. eine Xeroxkopie der weithin bekannten, von Jakobson gemeinsam mit Claude Lévi-Strauss verfassten Analyse eines Sonetts von Charles Baudelaire, dazu eine freundschaftliche Leseempfehlung. Als wir einander bald darauf in Zürich trafen, zog A. T. sogleich die Taschenbuchausgabe von Lévi-Strauss‘ „Das wilde Denken“ aus der Jackentasche und schlug das Kapitel mit dem berühmten Exkurs über die „Bastelei“ in primitiven Gesellschaften auf. Diese Passage, sagte er, sei für ihn „das beste theoretische Stück“, auf das er jemals in einem sekundärliterarischen Buch gestossen sei – was hier auf wenigen Seiten ausgeführt und erklärt werde, stimme genau mit seinem künstlerischen Credo überein. Ich kannte die diesbezüglichen Seiten bei Lévi-Strauss aus meiner Studienzeit in Paris, hatte sie aber nicht als besonders „theoretisch“ im Gedächtnis und hatte sie auch nie mit A. T’s künstlerischer Arbeit in Verbindung gebracht. […]

Felix Philipp Ingold im Ausstellungskatalog „André Thomkins“ (Graphische Sammlung ETH Zürich 2016).

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