Der schwere Stand der Lyrik

Von Axel Kutsch

Lyrikrezensionen muss man in unseren überregionalen Zeitungen fast mit der Lupe suchen. So wurden im vergangenen Jahr im sogenannten „großen Feuilleton“ aus einer Vielzahl von 2015 veröffentlichten Gedichtbüchern deutschsprachiger Autorinnen und Autoren nur rund dreißig kritisiert, allen voran „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass. Während in der NZZ laut Perlentaucher immerhin noch zwölf Rezensionen erschienen, waren es in der TAZ und ZEIT gerade mal zwei.

Neben dem Lyrikband von Günter Grass galt das Interesse der Kritiker vor allem den Neuerscheinungen von Christoph Meckel und Raoul Schrott. Dass ein herausragendes Buch wie „Neu-Jerusalem“ von Ulf Stolterfoht bisher nur in der FAZ und NZZ rezensiert worden ist, ist ein weiteres Indiz für den schweren Stand der Lyrik im „großen Feuilleton“. Krimis haben es da leichter.

Die Liste der Rezensionen wird nach meiner Perlentaucher-Auswertung von Günter Grass angeführt. Kritiken über „Vonne Endlichkait“ erschienen in der ZEIT, NZZ, FAZ, Welt, SZ und FR. Ebenfalls mit mehreren Rezensionen folgen Christoph Meckel („Tarnkappe“, FAZ, NZZ, SZ, Die Welt), Raoul Schrott („Die Kunst an nichts zu glauben“, FAZ, SZ, NZZ, TAZ), Tom Schulz („Lichtveränderung“, NZZ, Die Welt, TAZ), Carolin Callies („fünf sinne & nur ein besteckkasten“, NZZ, Die Welt), Angelika Krauß („Eine Wiege“, FAZ, SZ) und Ulf Stolterfoht („Neu-Jerusalem“, FAZ, NZZ).

Zu den Lyrikbänden, die jeweils einmal im überregionalen Feuilleton rezensiert worden sind, gehören unter anderem „Venice singt“ von Sonja vom Brocke (NZZ), „CEK“ von Daniel Falb (Die Welt), „Spiegelungen Orte“ von Manfred Peter Hein (FAZ), „Gegenreden“ von Uwe Kolbe (FR), „Istanbul, zusehends“ von Barbara Köhler (SZ), „Mikadogeäst“ von Jürgen Nendza (SZ), „Scharlachnatter“ von Robert Schindel (NZZ), „was weißt du schon von prärie“ von Daniela Seel (SZ) und „Liebesleben“ von Armin Senser (NZZ). Nicht nur diesen Gedichtbüchern wäre mehr Aufmerksamkeit in den oft lyrikverschnarchten Redaktionen zu wünschen.

Zwölf Rezensionen über Neuerscheinungen des vergangenen Jahres von deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern wurden 2015 in der NZZ veröffentlicht, elf in der FAZ, neun in der SZ, acht in der Welt, drei in der FR, je zwei in der TAZ und ZEIT – zumindest teilweise ein Armutszeugnis. Vielleicht wacht man ja 2016 in der einen oder anderen Redaktion auf. So viel Tiefschlaf hat unsere innovative neue Lyrik nämlich nicht verdient.

13 Comments on “Der schwere Stand der Lyrik

  1. Naja, Bertram, es liegt schon auch an den vom Perlentaucher ausgewerteten Blättern. Warum sollte etwa das FR-Feuilleton, zumal für Lyrik, überregional bedeutender sein als das des Tagesspiegels? Wo u.a. Stolterfoht besprochen wurde.

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  2. Nun ja, ihre Vermutungen in allen Ehren, aber ich kenne einige Stolterfohtleser, die keine Gedichte schreiben. Da ist wohl mein Bekanntenkreis ein anderer. Gerade vorgestern hatte ich einen Gesprächspartner und da war Stolterfoht das Antidot geben die Enttäuschung eines etwas ermüdeten Bachmann- Celanlesers, der es danach mit Wagner versucht hatte. Ob die Leser auch schreiben ist natürlich die falsche Frage: Wenn ein Musiker andere dazu animiert, ebenfalls ein Musikinstrument zu erlernen, wird man dann von Inzest sprechen wollen? War meine Bachverehrung für die Beurteilung Bachs früher bedeutsam, aber seit ich ein Instrument spiele und mir seine Stücke dafür zurechtschreibe, ist das Argument aus dem Raum?
    Thills Buch kenne ich leider nicht genauer, es hat aber einen verführerischen Titel.
    Im Falle von Stolterfoht ist der Verdacht besonders merklich: SOOO viele Lyriker der verschiedenen Lager halten ihn hoch, so sehr hat er manchen beeinflusst, aber so sehr schleicht gerade ihm der Verdacht der Bedeutungslosigkeit nach. Das ist doch merkwürdig. Wenn Stolterfoht so viele andere inspiriert, wäre das doch eigentlich ein Argument FÜR seine Lyrik. Man müsste dann freilich hingehen und sich die Frage stellen, warum etwas, zu dem man schwer Zugang findet, so viele andere interessiert. Ich frage mich, warum sich so viele weigern, die Sache so herum zu sehen. Den Lyrikern kann ich allerdings wirklich nur sehr schlecht die Schuld dafür geben. Liegt es vielleicht doch am InzestVORURTEIL? Das eng mit anderen Vorurteilen verkuppelt ist, z.B. „Wenn ich nicht gut finde, kann es nicht gut sein“, einer Überschätzung der eigenen epistemischen Integrität, oder „Wenn es gut wäre, wäre es mir schon begegnet“ wobei das natürlich schnell zum medialen Zirkelschluss gerät. Denn zurück aufs obige Beispiel: Der oben zitierte Bekannte hätte sich vielleicht irgendwann dem Vorurteil der Bedeutungslosikeit der Gegenwartslyrik angeschlossen, aber gerade weil er in den Zeitungen das Falsche las.
    Bach galt übrigens auch ein Jahrhundert lang als unzugänglich und unzumutbar fürs Publikum, allenfalls als Studienobjekt für Kollegen (Inzestbude) kam er vor. Selbst Mendelsohn, der sich als erster traute, ihn wieder größerem Publikum zuzumuten, hat dafür noch kräftig rumgewerkelt, verkürzt und vereinfacht in Bachs Matthäuspassion. Das alles hat sich natürlich nicht durchgesetzt.
    Sie kennen die falschen Lyriker. Wo ich merke, dass jemand nur in seiner Inzestblase bereit ist zu lesen, zu dem suche ich das Gespräch dann nicht mehr. Sie kennen da eindeutig nicht die richtigen Leute. Aber das will ich auch nicht so hart sagen: Wenn die jünger sind, verzeihen sies ihnen. Gute Leser verlieren vielleicht im Alter an Unerbittlichkeit?

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  3. Ich bin manchmal unsicher, ob Bücher wie Neu-Jerusalem oder auch Thills ‚Ratgeber für Zeugleute‘ in der freien Wildbahn überhaupt Leser finden – jenseits des kleinen Subsets jener Lyrikschreibenden, die selbst Lyrik lesen? Die Gemeinde der mindestens gelegentlich in Zeitschriften publizierenden Dichter mit Anhang ist nicht klein und würde in fast allen Fällen für den Verdacht reichen, dass wirtschaftlich das Publizieren ein rein inzestuöses Umverteilen innerhalb des Aktuellem aufgeschlossenen Teils der Szene ist? Ich persönlich kenne keinen Nicht-Schreibenden, dem Gedichte-Lesen in den Sinn käme, dazu eine Menge Schreibende, die selbst keine Gedichtbücher außerhalb des unmittelbaren Dunstkreises (der sich gegenseitig hochlobenden) kaufen. Im Mittel sind die Zeitungen vielleicht keine schlechten Seismographen. Wenn etwas über den Tellerrand hinauszielt (wie aktuell die Poetica in Köln) findet sich Publikum und Berichterstattung (z.B. heute, recht enthusiastisch in der SZ).
    Ich denke, das Aufdröseln, inwiefern z.B. ‚Neu-Jerusalem‘ etwas mit Cruz zu tun hat (oder ein bißchen Trump versus Wagenblast zu reizen) – sowas würde in einer weniger lethargisch-selbstbezogenen Lyrikszene von alleine sprudeln – in letzterem vermute ich die Ursache, in den Zeitungen die Folge des Problems.

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  4. Wie voll waren eigentlich Dichterbeerdigungen VOR Klopstock? Also Johann Christian Günther sollten wir auch unbedingt aus den Deutschbüchern streichen! Sie haben eine sehr behäbige Weise ihre Verehrung der Goethezeit samt ihrer Kulturbräuche zum Ausdruck zu bringen. (Und die Steuer passt irgendwann auf einen Bierdeckel.)

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  5. lieber herr kraus, daß es zu klopstocks zeiten anders war, ist eine legende aus dem deutschunterricht. von den vielen trauergästen hatten ein paar einige frühe oden gelesen, aber niemand, niemand seine prosaschriften oder den „messias“ (lessings epigramm wußte das schon, wir wollen „weniger erhoben / und fleißiger gelesen sein“. der wunsch wurde nicht erfüllt.) der einzige unterschied ist, daß der bildungsbürger damals noch zur dichterbeerdigung ging. so wie 100 jahre später zu geibel, 150 jahre später zu weinheber.

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  6. Desinteresse, Klappe die zweite: Lieber Axel, jeder Lyrikinformierte merkt doch SOFORT, dass Du über etwas redest, was sich kürzlich VERÄNDERT hat, (auch wenn er vielleicht eine Entwicklung repräsentieren mag, die es lange gibt), wenn ein Buch wie „Neu Jerusalem“ so hinten herunter fällt. (Ist das Uniformiertheit oder Desinteresse?). Warum dies ein so ist, kann man einem Desinteressierten jedoch natürlich nicht klar machen.
    (Die banalste Erklärung ist die beste, die ich habe: Er lässt sich nicht mehr mal eben als Hauptvertreter der experimentellen Poesie runterrezensieren. Seine früher von Rezensenten dankbar aufgegriffenen essayistischen Vorformulierungen lassen sich nicht mehr so leicht am Gedichttext belegen.)

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  7. @ HP Kraus: Der Unterschied zwischen Desinteresse und Bedienung von Leserinteressen mag schwieriger sein, als man denkt. Man kann ihn aber doch sehr deutlich sehen, wenn Sie es selbstverständlich finden, dass PR Spin und Kontakte eben steuern, was in der Zeitung steht. Eine weniger desinteressierte Redaktion sollte ja eigentlich den Anspruch behaupten, sich selbstständig zu informieren. („Wir wären gut und nicht so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.“)
    Randgruppen sind immer selbst dran schuld. Das ist bei Ausländern nicht anders als bei Lyrikern.
    Ich glaube aber, dass Axel Kutsch da die lyrische Szene etwas besser kennt. Auch das meine ich, Ihrer Formulierung abnehmen zu können: „schon lange nicht mehr“ Es ist da ja gewaltig etwas im Fluss. Viele Lyrikverlage sind in den letzten Jahren entstanden, Anthologieprojekte, neue Festivals. Die Szene ist vor allem fragmentierter geworden und ich meine, sie ist auch wieder etwas gewachsen. (Ich sehe vor allem auch immer mehr Leute, die sich zu Gedichten öffentlich äussern.) Da muss man genauer hinsehen. Ihre Formulierung ist stumm gegen diese Veränderungen. Ist es nicht eher so: Es gibt die journalistische Intuition in der Zeitung nur die wichtigsten Dinge abzudecken, durch die Fragmentierung lässt sich kaum mehr sagen, welche Lyriker das sind und sein werden, und deswegen schüttet man das Kind mit dem Bade aus und marginalisiert gleich das ganze Gebiet.
    Dass diese lautstarke Abwehr der Bedeutung der Lyrik aber eine Überforderung und nicht immer Meinung ist bei Presseleuten sieht man ja, dass sie oft über Lyrik schreiben, bloß keine Rezensionen: Wie man sich auf Wagner stürzt oder unbeholfene Artikel über „die Szene“ bringt. Offensichtlich teilen auch die von Kutsch kritisierten Zeitungen Ihre scharfe Diagnose nicht vollständig. Nur eine Beschäftigung mit dem eigentlichen Gegenstand wird dabei unbemerkt, aus Desinteresse oder Überforderung immer mehr durch eine Art Livestileberichterstattung über ein „fremdes Völkchen“ oder „Der Weg zum Erfolg“ ersetzt.

    @Klaus P. Anders: Danke für den Hinweis. Man staunt immer, wo sich dann doch etwas findet. Auch die Dresdner Neuesten Nachrichten haben vergleichsweise viel Lyrik(rezensionen). Auch die Leipziger Internetzeitung, aber das ist vielleicht ein unfaires Beispiel, weil die kein Print hat. Sie haben recht: Erst dadurch, dass man immer auf dieselben schaut, gibt man wenigen medialen Institutionen viel Macht.

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    • Hallo Herr Reinecke,
      mit „schon lange nicht mehr“ habe ich in etwas anderen Zeiträumen gedacht. Zu Klopstocks Beerdigung sollen Tausende gekommen sein, er muss also öffentliches Interesse geweckt haben, soweit das damals überhaupt möglich war. Doch all die „Lyrikstars“ danach, wie bekannt waren sie zu ihrer Zeit durch ihre Lyrik, wie viel haben sie verkauft, nachdem das Publikum dem Romanfieber verfallen war?
      Es gibt ein schönes Zitat von Franz Pfemfert, der zufälligerweise genau vor hundert Jahren in seiner expressionistischen Zeitschrift „Die Aktion“ auf die Frage, wie man die Presse für Kunst und Literatur „ernsthaft“ interessieren könne, schrieb:
      „Die jungen Dichter und Maler sollten jeden Sonntag wettlaufen. Wenn auf dem Rennplatz überdies ein Totalisator errichtet wäre, würde jede Zeitung durch sachverständige Redakteure vertreten sein.“
      Dass Redakteure sich lieber an Action oder Personen orientieren statt an Inhalten, das gibt es eben auch „schon lange“ und ist unabhängig von den derzeitigen Konstellationen in den Lyrikszenen.

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  8. Offenbar gehört das Feuilleton des ND nicht zur be(tr)achteten Clique – da würde eine Ost-Zeitung die Statistik anführen: weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Unkenntnis oder Ignoranz?

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  9. „So viel Tiefschlaf hat unsere innovative neue Lyrik nämlich nicht verdient.“ In meinen Augen ein klassisches Eigentor. Wenn Sie die gesamte Tageszeitungsintelligenzija abwatschen wollen, dann bitte nicht mit einer Sprachformel („unsere innovative neue“) aus dem Baukasten von Holzhammerwerbetextern. Zur Sache selbst: Zeitungen schreiben über Dinge, von denen sie meinen, dass sie interessant für ihre Leser sind oder über Dinge, die ihnen per Vitamin B oder mit großem PR-Aufwand ans Herz gelegt wurden. Für Letzteres sind Verlage zuständig, für ersteres die Dichter. Wenn also einer seinen Job nicht macht, dann sind das in diesem Fall nicht die Zeitungen.

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    • Da ich nicht schon wieder den Holzhammer hervorholen möchte, bediene ich mich bei Goethe: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Zeugt es nicht eher von Desinteresse in einigen Kulturredaktionen überregionaler Zeitungen, wenn dort kaum Lyrikbände deutschsprachiger Autorinnen und Autoren rezensiert werden?

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      • Der Unterschied zwischen Desinteresse der Redaktion und Bedienung der Leserinteressen scheint mir nicht allzu groß zu sein, außer dass bei Desinteresse mitschwingt, sie müssten eigentlich trotz alledem über Lyrik schreiben. Das geht aber allen Randgruppen mit ernsten Anliegen so, dass sie meinen, in der veröffentlichten Meinung unterrepräsentiert zu sein. Und mehr als eine Randgruppe sind Lyriker auf dem Literaturmarkt schon lange nicht mehr. Nun mag es sein, dass ein echter Lyriker nicht für den Markt schreibt, dann darf er sich aber auch nicht beschweren, dass niemand über ihn redet.

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